ROTE HILFEDIGITALE BROSCHÜRENSAMMLUNG
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Historische Broschüren · 327 Seiten

15 Jahre weisser Terror

Der 1935 erschienene Sammelband der Internationalen Roten Hilfe schildert politische Verfolgung seit dem Ersten Weltkrieg in Europa, Asien, Lateinamerika und den Kolonien. Länderberichte verbinden die Anklage staatlicher Gewalt mit einem Aufruf zur Solidarität.
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15 J A H R E W E I S S E R T E R R O R

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15 JAHRE WEISSER TERROR

PARIS, 1935 LES EDITIONS DU SECOURS ROUGE INTERNATIONALE

ALS MANUSKRIPT GEDRUCKT (UNVERKÄUFLICH)

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INI-IAL TSVERZEICHNIS

Vorwort 7

Das internationale Proletariat im Kampfe gegen den weißen Terror ,·on Helene Stassowa . . . 9

Vom Nosket<!rror zum Hillerfuschismus von lVilllelm Pieck . 35

·Der Terror des Klerikofaschismus in Ocslerrcich von Anton Schulze 75

Der italienische Faschismus im Kampfe gegen <lic revolutionäre Bewegung von G. Germanctto . . . . . . . . 9-4

Der weiße Terror auf dem Balkan von lV. Kolarow 105

·Polen unter der Knute des faschistischen Terrors von Grzegor:ewski . 126

Der weiße Terror in den baltischen Ländern von Czakowski . 146 • Der Terror des Klerikofaschismus in Spanien von Elena Toboso . 163 Der Terror des japanischen Imperialismus von Fudsi 180

Der Terror der Imperialisten und der Kuomintang in China von Kan Sin . 205

Der weiße Terror in Südamerika und den Karibischen Lündern von M. Ca.dillo . . . . . . . . . 232

Der Terror der Imperialisten in den Kolonien von ••• 256

Die lntemationale Rote Hilfe im Kumpfe gegen den weißen Terror von Geiler . . . . . . 281

Mit 15 Illuslrationsbeilagen

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r VORWORT·

Mit der vorliegenden Arbeit „Fünfzehn Jahre weißer Terror" macht das Exekutivkomitee der Internationalen Roten Hilfe den Versuch, einen zusanunenfassenden Ueberblick über den weißen Terror im Weltmaßstabe seit der Beendigung des Weltkrieges 1914-1918 zu geben. Die Notwendigkeit für die Herausgabe einer -derartigen Arbeit liegt auf <ler Hand. :Mit dem Kriege von 1914 bis 1918 begann die allgemeine Krise des Kapilalisn1us. Damit ist der weiße Terror zu einem der bedeutendsten Herrschaftsmittel· der kapitalistischen Klasse geworden. \Var der ,veißc :Massenterror oder die offene Gewaltan,vendung -gegen die 1'Iasscn in der Blütezeit des Kapitalismus - von den Kolonien, Halbkolonien und dem zaristischen Rußland abgesehen - gewissermaßen eine Ausnalnneerscheinung, so hat sich das Bild .seit dem Einsetzen der allgemeinen Krise des Kapitalismus grund- legend geändert. Die Anwendung des weißen Massenterrors ist in den kapitalistischen Ländern zu einer ständigen Erscheinung geworden, und die �{ehrzahl der Völker wird heute von der Bourgeoisie fast nur oder vorwiegend mit Hilfe der offenen, unverhüllten Gewalt als des letzten Mittels zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung „regiert". Außer in den Kolonien und Halbkoldnien herrscht der weiße Terror am heftigsten in • den imperialistischen Ländern, die am stärksten zum Kriege drängen (Deutschland, Japan, Polen und Italien). Der Zweck des vorliegenden Buches ist es, aufzuzeigen, welche · Ausbreitung und welchen Umfang, welches Ausmaß und welche Bestialität der weiße Terror in den letzten fünfzehn Jahren in der kapitalistischen Welt angenomn1en hat. Selbstverständlich konnten nicht alle Fälle und· alle Einzelheiten festgehalten und erwähnt werden, da die Fülle des l\faterials, das den einzelnen .Autoren zur Verarbeitung vorlag, sonst den Rahmen. des Buches gesprengt hätte. Frankreich, England, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Norwegen, Schweden und eine Reihe anderer Länder sind überhaupt nicht behandelt worden. Die Bourgeoisie dieser Län- -der wandte den weißen Massente�ror gegenüber der werktätigen .. 7 •

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Vorwort

Bevölkerung in der behandelten Zeitspanne vorläufig noch vereinzelt oder vorübergehend an. In den Kolonien und -Halbkolonien machten der englische, französische und amerikanische Imperialismus vom weißen Terror dagegen . einen um so stärkeren Ge ... brauch. Die einzelnen Abhandlungen sin� nach geographischen Gesichtspunkten geordnet, beginnend mit den europäischen Ländern . . D�r Terror in. den Kolonien und Halbkolonien erforderte drei gerso11.d�rte Abhandlungen. Trotzdem ,var es nicht möglich, die Frage des weißen Terrors in allen kolonialen und halbkolonialen Gebieten zu behandeln.· Aus Raumgrüneren und der Uebersichtlichkeit wegen mußten wir uns auf die politisch wesentlichsten Kolonien und Halbkolonien beschränkenc. Zu dem ,veißen Terror in China wurde in Anbetracht der überragenden Bedeutung dieses Landes • und seiner revolutionären Bewegung in einem speziellen Artikel Stellung genommen. Das zur Verwendung gekommene Zahlenmaterial ,vurde von der Redaktion einer mehrfachen Prüfung unterzogen, ebenso die in den einzelnen Arbeiten angezogenen Tatsachen. In allen Fällen. wo keine ein,vandfreien· Zahlen vorlagen oder ermittelt ,verden konnten, begnügten ,vir uns mit Schätzungen, die eher zu niedrig als zu hoch gegriffen sind. ,�vir hoffen, daß der Band trotz seiner Mängel und Lücken den mit seiner Herausgabe beabsichtigten Zweck erfüllt: die Greuel der herrschenden kapitalistischen Klasse und ihre Verbrechen an der überwältigenden Mehrheit der �{enschheit aufzuzeigen und eine Waffe zu sein für alle Organisationen der ,verktätigen �fassen in ihrem Kampfe gegen den weißen Terror.

.. Das Exekutivkomitee der Internationalen Roten Hilfe Juni •1935

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' DAS INTERNATIONALE·PROL'E TARIAT I

11\1 l{Al\IPF GEGEN DEN ,vEISSEN TERROR

Von H e 1 e n e S t a s s o w a

I Der weiße Terror nahm im System der K:lassenherrschaft der Bourgeoisie slels einen hervorragenden Platz ein. Im Verlaufe der gesamten neuesten Geschichte des Kapitalisn1us griffen die herrschenden Klassen im Kampfe gegen die proletarische Revolution unausgesetzt zu massenhaften Verfolgungen der -revolutionären Organisationen, zur· Verhaftung und Ermordung der revolutionären Führer, zum Verbot der Arbeiterorganisationen, zur Beschlagnahme �er Arbeiterpresse, zur Schließung der Druckereien und zur zeitweiligen oder· vollständigen Aufhebung der „demokratischen Rechte". Die Gesamtheit �eser Maßnahmen, d. i. der weiße Terror als vVerkzeug der Klassenherrschaft der Bourgeoisie, Sollte das Proletariat einschüchtern, es seiner Führung berauben-und damit das kapitalistische System vor revolutionären Erschütterungen be� wahren. So ,var es in der Zeit der Revolution von 1848 in Frankreich f: und in Deutschland; so war es nach der Niederlage der Pariser. Kommune im Jahre 1871; so war e.s in der Zeit der Bismarckschen .. „Ausnahmegesetze" in Deutschland. Und so ,var es auch zur Zeit .. des Zarismus i:µ Rußland. \Vährend der weiße Terror vor der Epoche des Imperia�ismus nur in Ausnahmefällen angewandt wurde und einen mehr oder minder. kurzfristigen Charakter trug, so wird er in der Epoche des Monopolkapitalismus, wo der kapitalistische Staat eine unglaublich größere Rolle spielt, also mit dem Vordringen .der „politischen Reaktion a�f der ganzen Linie" zu einem der ständigen und grundlegenden Werkzeuge der bürgerlichen Herrschaft. Dieser Gedanke kommt in Lenins „Staat und Revolution" klar zum Ausdruck. ,,Insbesondere aber weist der Imperialismus� die Epoche des· Bank- •t}

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H e l e n e St a „ s o.w a

:kapitals, der gigantischen kapitalistischen Monopole, die Epoche des Hinein,vachsens des monopolistischen Kapitalismus in den staatsmonopolistischen Kapitalismus", schrieb Lenin, ,,eine ungewöhnliche Stärkung der ,Staatsmaschinerie' auf, ein unerhörtes Anwachsen des Beamten- und Militärapparates in Verbindung mit einer Verstärkung der Repressivrilaßregeln gegen das Proletariat, sowohl in den monarchischen als auch in den freiesten republikanischen Ländern."* Diese ungewöhnliche Verschärfung des Druckes „der Staatsmaschinerie" auf die revolutionären Arbeiterorganisationen zeigte sich ,vährend des imperialistischen Weltkrieges besonders stark. Das revolutionäre Proletariat wurde faktisch als außerhalb d•es -Gesetzes stehend erklärt Die ganze ,velt wurde von einer ,velle des Kriegsterrors überflutet, der im Kampf der impedalistischcn Regierungen und ihrer sozialchauvinisliiSchen Lakaien gegen die revolutionären lnternationalisten einen außerordentlich grausa1nen Charakter annahm. Die besten Führer des Weltproletariats ,vur­ -den in die Gefängnisse und Zuchthäuser geworfen. Soldaten, die ihre Stimn1e zum Protest gegen die imperialistisc�e Schlächterei -erhoben, wurden erbarmungslos erschossen; die Verhaftungen von „Verdächtigen" nahmen ungewöhnlich breite Ausmaße an.· In dem Lande, das zuletzt in den imperialistischen Krieg eintrat, im „freien Amerika"., ,vurde der vollkommen unschuldige Arbeiter Tom Mooney verhaf.tet und zum Tode verurteilt. Nur die mächtige Protestwelle, die sich sofort in der ganzen Welt und besonder-s im revolutionären Rußland erhob, rettete l\{ooney vor dem Galgen. Unter den Bedingungen der allgemeinen Krise des Kapitalismus, der äußersten Verschärfung aller inneren und äußeren Gegensätze, der beginnenden proletarischen Weltrevolution und ihres Sieges auf einem sechsien Teil der· Erde, und unter den Bedingun­ .gen von gewaltigen kolonialen Aufständen nimmt der weiße Terror unerhört breite Ausmaße an. In ihrem Kampf 4gegen pie proletarische revolutionäre Bewegung in den kapitalistischen Ländern und gegen die nationale Befreiungsbewegung in den Kolonien und Halbkolonien, bei der Vorbereitung des Antisowjetkrieges und im Kampfe gegen die Aufrechterhaltung ihrer Klassenherrschaft greift die Bourgeoisie immer häufiger zum Terror. Das Ende der relativen Stabilisierung des Kapitalismus, das.

• Lenin: Staat und RevoluÜon, Moskau-Leningrad 1934, S. 32.

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Das internationale Proletariat im Kampf gegen den weißen Terror

Herannahen des neuen Turnus von Revolutionen und Kriegen und das rasche Heranreifen der revolutionären Krise haben eine neue. gewaltige Verstärkung des weißen Terrors hervorgerufen. In de; ganzen. Welt fließt das Blut der besten Söhne des Proletariats. In den faschistischen Kerkern und KonzenlTationslagern, in den Fol-. te�k arnmern der politischen Geheimpolizei feiern die Greuel des Mittelalters ihre Auferstehung. Mit Feuer und Schwert sucht die Bourgeoisie den Sieg des Proletariats aufzuhalten. Allein im Jahre �933 wurden 1, 5 �1illionen Opfer des weißen Terrors verzeichnet, im Jahre 1934 sogar 3 388 000! Das zeugt von der äußersten Verschärfung des Klassenkampfes, zeugt davon, daß die Bourgeoisie den Kopf verliert; der rasende weiße Terror ist ein Zeichen ihrer Schwäche und niclll etwa ihrer Stärl-.e. Gleichzeitig zeugt die Zahl der Opfer davon, daß der weiße Terror zu einer der Methoden der kapitalistischen \Velt bei der Vorbereitung eines neuen imperialistischen Krieges , vor allein eines Krieges gegen die Sowjetunion, \\-"ird. Die Komm unistische Internationale hat vom Tage ihrer Gründung an und in den sechzehn Jahren ihres Bestehens aktiv gegen den weißen Terror gekämpft, indem sie die �fillionenmassen der Werk tätigen zum Kampf gegen die terroristische Diktatur der Bourgeoisie zusammenschloß. Die gegen,vä rtige Lage· der Dinge entspricht vollkommen der, wie sie Lenin in seinem „Brief an die Arbeiter Europas und Amerikas" (24. Januar 1919) charakterisierte: ,,Die Ausbeuter verfügen noc_h über geRügend Kräfte, um die besten Führer der proletarischen Weltrevolution zu ermorden und zu lynchen, um die Opfer und Qualen der Arbeiter in den .besetzten oder eroberten Ländern oder Gebieten zu vergrößern. Aber die Kräfte der Ausbeuter der ganzen Welt genügen nicht, um den Sieg der proletarischen Weltrevolution aufzuhalten, die die Befreiung der Menschheit vom Joch des Kapitals, von der ewigen Drohung neuer und .unt<:r dem Kapitalismus unvermeidlicher imperialistischer Kriege bringt." Schon auf dem Gründungskon greß der Ko1n1nunistischen Internationale wurde eine besondere Resolution über den ,veißen Terror angenommen. Das war kein Zufall. Der erste Kongreß der Komintern, der am 2. März 1919 begann, fnnd in einer außerordentlich gespannten internationalen Situation statt, in einer Periode unmittelbarer revolutionärer Aktionen des Proletari�ts. Das Programm der Komintern charakterisiert diese Periode folgendemlnßen: ,,Die ge,yaltige lt

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Helene Stassowa

Erschütterung des gesamten Weltkapitalismus, die Verschärfung des Klassenkampfes und der unmittelbare Einfluß der proletarischen Oktoberrevolution riefen in Europa wie in den kolonialen und halbkolonialen Ländern eine Reihe von Revolutionen und revolutionären Aktionen hervor: Januar 1918 - Arbeiterrevolution in Finnland; August 1918- ,Reisaufstände' in Japan; November 1918 - Revolutionen in Oesterreich und Deutschland,· die die halbfeudalen :Monarchien stürzten; März 1919 - proletarische Revolution in Ungarn, Aufstand in Korea; April 1919 - Rätemacht in Bayern."* Sowjetrußland spannte alle seine Kräfte zum Kampfe gegen die innere und äußere Konterrevolution an. Die weißgardistischen Generale und die imperialistischen Interventionshelden entfesselten den grausamsten Terror gegen die Arbeiter und Bauern Sowjetrußlands. Unter den schützenden Fittichen der englischen Interventionsarmee in l\{urmansk warfen die zaristischen Leibgardisten Orlow und Delaktorsky die gefangenen Rotarmisten lebendig in ,vasserlöcher, unters Eis. Die georgischen Menschewiki und die sozialrevolutionäre Regierung des Transkaspischen Gebietes ermordeten die 26 Kommissare von Baku. Die menschewistische Regierung schlug die Bauernaufstände mit außerordentlicher Grausamkeit nieder. Der Chef der menschewistischen „Volksgarde'\ ,valiko Dshugeli. einer der Henker der revolutionären Bauern Südossetiens, schreibt in seinen Tagebuchaufzeichnungen: ,,Es ist Nacht, überall ist Feuerschein zu sehen, das sind die brennenden Häuser der Auf ständischen. Ich bin aber daran schon gewöhnt und sehe fast ruhig hin." ,,Rings um uns brennen überall die oss·etischen Dörfer ... " vermerkt er am·zweiten Tag. Einen Tag später:

• , ,, .,Feuer brennen ... Häuser brennen ...Mit Feuer und Schwert ..." Einige Stu�den -später eine neue Aufzeichnung: ,,Die Feuer brennen und brennen ..." Am Abend desselben. Tages: ,,Jetzt brennt es überall .. . Es brennt und !brennt .. . Unheilverkündendes J Feuer ... Ein Schauspiel voll grausig-märchenhafter Schönheit." ,Am folgenden Tag abends: ,,Die Nacht ist klar, ruhig. In der Ferne der ,viderschein des Brandes." In Sü�ußland haben Krassnow und Denikin unter Mitwirkung der Ententetruppen Zehntau.sende revolutionäre Arbeiter und Baueru gehenkt. Am Ural und im Wolgagebiet wüteten die tschecho-

• Programm der Kommunisthchen Internationale, ·Verlag Carl Hoym Nachf., .Hamburg-Berlin 1928, S. 18. 12

Das inter:nationale Proletariat im Kampf gege n den weißen Terror

' slowaki chen und ,veiBgardistischen Ban _ � den. In der Ukraine, ,vo I die bluligen l\Ietzeleien der deutschen Okk · erst beend � ' aren, schlachteten die Pogr upationstruppen· eben � : omhelden Petljuras Zehntausende Jüdische Familien ab. In Sibirien erreichte der weiße Terror ni e dage,vesene Ausmaße: Zehntausende Arbeiter und Bauern, Rot isten und Partisanen ,vurden &mordet - gehenkt� in a_rm Lokomcrt1vkesseln verbrannt und in den Kerkern Kolts chakis zu Tode gemartert. Im Kampfe gegen die proletarische Revolution .standen die bür­ g:rlichen und sozialverräterischen Regierungen dier kapitalistischen Lan,der nicht hinter den zaristischen Generalen und den men- " schenfreundli chen" Interventionshelden zurück. In Deutschland 1nobilisierle die sozialdemokratische Regierung alle wilhelminischen Satrapen und monarchistischen Dunkelmänner zur Niederschlagung der proletarischen Revolution. Bereits einen Tag nach dem Sturz der wilhelminischen Monarchie beginnen d ie Sozialdemokraten mit der Erschießung von Spartakusleuten. Im Dezember 1918 gibt Ebert den ·Befehl, auf die Demonstration des Roten Soldatenbundes zu schießen und ermordet 14 Spartakusleute. Am 23. bz,v. 24. Dezember provozieren die Sozialdemokraten eine in Berlin befindliche Matrosenabteilung und er­ • schießen 19' r evolutionäre Seeleute. Noske, dem die sozialdemokratische Regierung den Auftrag gibt, eine „auserlesene" Truppe aus monarchistischen Offizieren und Studenten zusammenzustellen, die sich in den Dienst der Niederschlagung der -proletarischen Revolution stellen, spricht seine berüchtigten Worte: ,,Meinetwegen, einer muß der Bluthund werden." Und schon nach einigen Tagen beginnen die blutigen Januartage. Die Führer des deutschen Proletariats' Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, fallen dem von Noske organisierten weißen Terror zum Opfer. Die Bour- . geoisie ,vußte, ,ven man in erster Reihe erledigen muß. Sie enthauptete die Arbeiterklasse Deutsclilands in einem Augenblick, da der Sieg der proletarischen Revolution vor der Tür -stand. Die Welle des blutigen weißen Terrors verbreitet sich über ganz Deutschland und reißt a us den Reihen des für ein Sowjetdeutschland kämpfenden Proleta riats Hunderte und Tausende seiner besten Söhne und Töchter. Am Anfang des Jahres 1919 nimmt der ,veiBe Terror gewaltige Ausmaße auch in den übrigen bürgerlichen Ländern· an. In Finnland schmachteten Zehntausende nach der Nieder schlagung der Arbeiterrevolution verhaftete Arbeiter in l{onzentrations- 13

Helene Stassowa

lagern und Kerkerverließen. * Im „unabhängigen" Polen, wo der Terror der Okkupationstruppen eben eD.St ein Ende gefunden hatte,. folgte die Regierung der Pilsudskileute dem Beispiele der deutschen Sozialverräter: Im Dezember 1918 begann die Zerschlagung der revolutionären Organisationen; die Legionäre Pilsudskis zerstörten die Gewerkschaftsverbände und entwaffneten die Rotgµrdistenabteilungen; Strafexpeditionen bändigten die aufständischen Dörfer; in Westweißrußland und in der v\7eslukraine wurden Judenpogrome organisiert. Der Terror tobte auch in den „demokratischen" Ländern. ,,In der demokratisch�n Sch,veiz ist alles bereit zur Hinrichtung der Arbeiter, falls sie es wagen sollten, das kapitalistische Gesetz zu verletzen. In Amerika sind Zuchthaus, Lynchgericht und der elektrische Stuhl auserwählte Symbole der Demokratie und der Freiheit. In Ungarn und jn England, in Böhmen und in Polen - überall dasselbe. Die bürgerlichen :Mörder schrecken vor keinen Schandtaten zurück."** Der Resolution des I. Kongresses der Komintern kommt große Bedeutung zu. Sie stellte vor allem den Ursprung des wei�en Terrors fest und hebt seinen engen Zusammenhang mit den Greuel­

1 taten hervor, die für die Periodie der Entstehung des Kapitalismus charakteristisch waren.

1 Die Resolution geißelt weiter das Regime d�r blutigen Diktatur, die von den imperi'.11istiscben Länder_n während d� Weltkrieges 1914--1918 aufgerichtet wurde. Jedoch auch die Beendigung des Wel_tkrieges bedeutete nicht. das Ende des Terrors, im Gegenteil: ,,Als der imperialistische Krieg anfing, sich in den Bürgerkrieg zu ver"·andcln und yor den herrschenden Klassen, diesen größten Verbrechern, ·welche die Geschichte der :Menschheit gekannt, die Gefahr des Untergang� ihres Blutregimes ganz nahe stand, wurde ihre Bestialität noch grausamer."***

• Im Sommer 1918 befanden sich in den Konzentrationslagern Finnlands ungefähr 90 000 Personen. Nach offiziellen Angaben starben im Lager von Ekeniis, wo sich annähernd 7000 Gefangene befanden, allein vom 6. Juni bis 1. Juli 1918 1347 Personen. (Siehe Manner: ,,Das wcißgardistische Regime in •Finnland" im Sammelband: Zehn Jalire weißer Terror, Verlag Carl Hoym Nachf., Hamburg-Berlin 1929, S. 61.) · . ** Aus der Resolution des 1. Kongresses drr Kommunistischen Internatio­. nale über den weißen Terror (Bibliothek der Kommunistischen Internationale� B�. I, Verlag Carl Hoym Nach(., Hamburg 1920,.S. 67). ••• Ebenda, S. 66. 14

Da! internationale Proletariat im Kampf' gegen den weißen Terror . In den Verhältnissen der allgemeinen Kxise. des Kapitalismus: kann die Bourgeoisie ihre Klassenhernschaft ohne ,veißen Terror,. ohne die ungeheuerlichen Verfolgungen der revolutionären Massen nicht aufrechterhalten. Der erste Kongreß der Komintern brandmarkte die kapitalistischen :Mörder und ihre sozialdemokratischen Helfershelfer und rief „die Arbeiter aller Länder auf, aille ihre· \ Kräfte anzuspannen, um dem 11:ord- und Raubsystem durch dde Niederwerfung der 1facht des kapitalistis,chen Regimes für immer· ein Ende zu machen"! II Die Zeitspanne zwischen dcn1 I. und II. Kongreß <ler Komintern (�färz 1919 bis Juli 1920) ,var erfüllt von besonders heftigen revolutionären Erschütterungen. Die revolutionäre Welle stieg immer höher. Der Gedanke der · Diktatur des Pr_oletariats und der So,vjetmacht drang tief in das Bewußtsein des internationalen Proletariats ein. In Bayern wurde ·für eine kurze Zeit die Sowjetmacht aufgerichtet. Auch in Ungarn, Lettland und Litauen wurden So,vjcts gebildet. In England entwickelte sich erfolgreich die Bewegung der Betriebsobleutekomitees (shop-'stewa·rd move-­ ment) .- Während des Krieges. gegen die weißen Polen kämpften die Arbeiter aktiv unter der Losung „Hände ,veg von Rußland!''­ Die Arbeiterklasse Deutschlands liquidierte im März 1920 durch einen Generalstreik den monarchistischen Kapp-Putsch. In Mitteldeutschland und im Ruhr.gebiet bewaffneten sich die Arbeiter. Im Ruprgebiet wurde eine Rote Armee gebildet. In Frankreich, Italien und in den USA wuchs die Strcikbe,vegung stürmisch an. Die­ Komintern wurde zu einer MilHonenbewegung - die II. Internationale ,var einem Z€rfallenen Gebäude ähnlich. Sowjetrußland, das in einem Ring der Blockade an zahlreichen· Froriten gegen die­ Interventionsarmeen und Weißgardisten -kämpfte, erhielt di� machtvolle Unterstützung des internationalen Proletariats, das sich aktiv gegen die Intervention und zum Schutze des So,vjetlandes erhob. Die Eisenbahner und Hafenarbeiter Deutschlands, der Tschechoslowakei, Danzigs und Englands weigerten sich, Munition für die sowjetfeindlichen Ar1neen zu verladen. Der II. Kongreß der Komintern fiel mit einem neuen Feldzug· der Entente gegen Sowjetrußland und mit einem neuen Aufschwung der Arbeiter- und revolutionären Bewegung in den kapitalistischen .Ländern zusammen. Trotz der Niederschlagung derbayrischen und ungarischen Revolution und ungeachtet der Li-

quidierung 9-es Ruhraufstands (:März 192�) w�r eine Reihe VOJ? europäischen Ländern nach ,vie vor von einer tiefen revolutionären Krise erfaßt. Gleichzeitig raste in der ganzen kapitalistischen Welt der weiße Terror. In Deutschland festigte die sozialdemokratische Regierung im . I Verlaufe des ganzen Jahres 1919 und1 der ersten Hälfte des Jahres 1920 durch blutige Unterdrückung der ·revolutionären Arbeiter die Herrschaft der Bourgeoisie. Gestützt auf das monarchistisch gesinnte Offizierkorps, vernichtete Noske .die bayrische Räterepublik. A.Jlein in den ersten Tagen• nach dem Einmarsch der weißen Truppen in München wurden 557 revolutionäre Arbeiter ermordet. Die i{orde vturden auf ·Grund vorher zusammengestellter Liste� -ausgeführt. Die verhafteten Arbeiterinnen dienten den Weiß- -gardisten als Zielscheiben: zuerst schossen sie auf die Füße, dann -auf den Bauch und schließlich auf den Kopf. Der Führer der bayrischen Revolution, Eugen Levine, �er vor Gericht die Ideen -des Kommunismus mutig verteidigte, wurde im Einverständnis mit dem sozialdemokratischen Präsidenten Ebert erschossen. Die Gerichte fällten Urteile ·auf insgesamt 6800 Jahre Gefängnis und Zuchthaus. Mit nicht geringerer Grausamkeit wütete Noske unter -den Arbeitern des Ruhrgebietes, di� während des Kapp-Putsches (März 1920) in den Aufstand g�tre�en\varen und eine Rote Arme� -gebildet hatte. Zur Niederwerfu:µg der Roten Ruhr wurde General von Walter entsandt. In Erfüllung des Auftrages der·Ruhrbarone ließ der von Noske gesandte monarchistische General Hunderte .revolutionäre Bel'lgleute und ihre Frauen erschießen. Ein beispielloser Terror tobte gegen das Proletariat der balti� .sehen Länder nach dem Sturz der Sowjetmacht in diesen Gebieten (1918-1919). Am 19. April 1919 ,vurde Wilna von den weißen Polen besetzt und am selben Tag begann das wilde Strafgericht: man ermordete Bolschewiki; gefangene Rotarmisten und Verwun­ -dele in den Krankenl1äusern; auf die geringste An�eige ·hin erschossen die Weißen friedliche Bürger, ohne jede Untersuchung und ohne jedes Gericht an Ort und Stelle. Dasselbe geschah in den anderen Städten Litauens und Weißru.ßlands bei ihrer Einnahme durch die. weißen Polen. In den Dörfern ließ. en die Gutsbesitzer die Landarbeiter massenhaft züchtigen. In Litauen (in Kowno), wo eine Koalitionsregierung unter Teilnahme der Sozial­ -demokraten an der Macht war, wurden revolutionäre Arbeiter und Bauern ohne Gerichtsverfahren ermordet (darunter die hervorra• 16 •

Das internationale Proletariat im Kampf gegen den weißen Terror

gendsten linken Sozialdemokraten Smolski und Waljukas, das Mit-· glied des ZK der Kommunistischen Partei Litauens und Weißrußlands, Gribas, und der illegal tätige Bolschewik Rekaschus), die Schergen züchtigten Landarbeiter, veranstalteten Judenpogrome, verboten alle Ge,verkschaftsverbände und ließen Dutzende revolutionärer Soldaten der Kownoer Garnison hinrichten. Ein tolles Strafgericht gegen das lettländische Proletariat ver: anstalteten die lettische Bourgeoisie und die deutschen Barone, denen es mit Unterstützung der „eisernen" Division des monarchistischen Generals von der Goltz (dem irann der sozialdemokratischen Regierung Deutschlands im Baltikum) am. 22. l\1�i 1919 gelungen war, Riga, die Hauptstadt Sowjetlettlands, zu nehmen. Nach Angaben der bürgerlichen Presse wurden in den Tagen nach dem Fall Rigas in Lettland nicht ,veniger als 7500 Personen ohne Gerichtsverfahren ermordet, in Riga allein 4500 Personen. In einigen Bezirken wurden fast alle Landarbeiter und armen Bauern der Züchtigung unterzogen. Der Terror nahm auch im Jahre 1920 kein Ende. Allein in der ersten Hälfte des Jahres 1920 wurden schon unter der Entcnteregierung Ulmanis mehr als 3000 Arbeiter ermordet. Hunderte von politischen Gefangenen wurden angeblich in die RSFSR ausge,viesen und - ,,auf der Flucht" ermordet! In Estland wurden im Verlaufe des Jahres 1919 2500 Arbeiter und Bauern erschossen und zu Tode gemartert. Die Delegierten de� Gewerkschaftskongresses, die im Dezember 1919 trotz des wütenden ,veißen Terrors eine Resolution für die So,vjetmacht annahmen, wurden vom sozialdemokratischen Justizminister G�llat nach Rußland „ausgewiesen" und an der Grenze tierisch abgeschlachtet. Jedoch den größten Umfang nahm der weiße Terror in der Periode zwischen dem I. und II. Kongreß der Komintern in Ungarn an. Bereits die „Gewerkschaftsregierung" der ungarischen Sozialdemokraten, die nach der Niede:rlage der Ungarischen Kommune von Gnaden der Entente gebildet wurde, begann Sowjetarbeiter, Rotarmisten und revolutionäre Arbeiter Budapests ohne Gerichtsverfahren zu erschießen. Aber erst unter der Regierung des blutigen Horthy erreichte der weiße Terror seinen Höhepunkt und brachte Zehntausende ungarischer Kommunarden ins Grab. Bereits am 1.1färz 1920 überschritt die Zahl der Erschosse1:1en 20 000, die Zahl der in Gefängnissen und Konzentrationslagern Schmachtenden 70 000. Ins Ausland waren 40 000 bis 50 000 politische 2 \V�lßt>r Terrn.r 17

. Helene Stassowä . Emigranten geflüchtet. Der II. Kongreß der Komintern brandmarkte in einem flammenden Aufruf an die Proletarier aller Länder die Beslialitälen des blutrünstigen Henkers Horthy. Der Aufruf beschränkte sich nicht auf die Beschreibung der Greuel des Terrors und den Ausdruck brüderlichen Mitgefühls über das vergossene Blut des ungarischen Proletariats. Er wendete sich auch an das ,ve1tproletariat mit der flammenden Aufforderung, den energischen "\\Tiderstand geg�n die Henkerregierung I-Iorthy zu organisieren. Die Aufforderung der Komintern fand in den Herzen des internationalen Proletariats lauten Widerhall. Es genügt der Hinwcis, daß die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale und einzelne Parteien der II. Internationale in Anbetracht der gewaltigen Solidaritätswelle für die ungarischen Proletarier gezwungen ,varen, sich der Protestkampagne gegen den weißen Terror in Ungarn anzuschließen. Unter dem Druck der :Massen verhängte die Amsterdamer Internationale dien Boykott gegen das weiße Ungarn und unterbrach für einige Tage den Eisenbahn-, Post- und Telegraphenverkehr mit dem Lande Horthys. Die englische Arbeiterpartei und die Trade Unions entsandten eine spezielle Delegation zur „Untersuchung des weißen Terrors" nach Ungarn. Die Protestkampagne der II. Internationale zeitigte jedoch keine wesentlichen Ergebnisse. Trug und trägt doch für alle Zeiten ihre ungarische Sektion die volle Verantwortung für die Bestialitäten Horthys und hat sie sich doch etwas später - irn Dezember 1921 - noch einmal mit Schande bedeckt, als sie ein direktes Abkommen mit der Bethlenregierung schloß. Viel erfolgreicher und machtvoller war das Eingreifen des Sowjetproletariats. Das Sowjetproletariat setzte die Aufhebung einer Reihe von Todesurteilen durch; es erhob bei der österreichischen Regierung energische Vorstellungen, um den politischen Emigranten Schutz zu gewähren, und bewerkstelligte im Austausch gegen kriegsgefangene weiße Of.fiziere die Rettung von 500 revolutionären �ngariischen Arbeitern und Bauern, denen der Tod oder langjähriges Zuchthaus drohte. ,,Seit jener Zeit haben die internationale Solidarität der ,verktätigen der UdSSR und des internationalen Proletariats, wie auch die unermüdliche Tätigkeit der IRH &Schon oft das drohende blutige Beil der ungarischen Henker aufgehalten."* . • Beta .Kun, .,Der weiße Terror in Ungarn" im Sammelband: Zehn lllhre

18 . . weißer Terror, Verla g Carl Ho ym Nach(., Hamburg-Berlin 1929, S. 77.

Das internationale Proletariat im Kampf gegen den weißen Terror

III Die Periode zwischen dem II. und IV. Kongreß der Komintern (1920-1922) ist einerseits gekennzeichnet durch den Sieg der UdSSR über die Kräfte der Intervention und der inneren Konterrevolution und andererseits durch die Beendigung der ersten revolutionären Krise der Nachkriegszeit, dere� abschließendes Kettenglied die Niederlage des deutschen und bufgarischen Proletariats im Jahre 1923 ,var. Gestützt auf die internationale Sozialdemokratie begann die Bourgeoisie eine breitangelegte Offensive gegen die Arbeiterklasse. Zwischen den Kräften der Revolution und Konterrevolution wurde im internationalen Maßstabe ein bestimn1- tes Gleichgewicht hergestellt, wobei, wie Lenin auf dem III. Kongreß der Komintern erklärte, ,,die Hauptstütze des Kapitalismus in den industriell entwickelten kapitalistischen Ländern gerade der Teil der Arbeiterschaft [ist], der in der II. und II1/2. Internationale organisiert ist. Ohne sich auf diesen Teil der Arbeiter stützen zu können, ohne innerhalb der Arbeiterschaft diese Elemente der Gegenrevolution zu haben, würde die internationale Bourgeoisie absolut außerstande sein, sich weiter zu U1alten. "* Daraus ergibt sich für alle ·Parteien der Ko1nintern die Kampfaufgabe, die Mehrheit der Arbeiterklasse zu erobern und die Taktik der Einheitsfront zu verfolgen, wie sie vom III. Kongreß ausgearbeitet nnd vom IV. Kongreß der Komintern neuerdings bestätigt wurde. Die hier behandelte Periode ist durch eine weitere Entwicklung des weißen Terrors �harakterisiert. Der Bourgeoisie genügen Polizei und Militär im Kampfe gegen d•as kämpfende Proletariat nicht mehr. Sie geht in einer Reihe von Ländern, insbesondere in Italien und Deutschland, zur Schaffung besonderer faschistischer und weißgardistischer bewaffneter Abteilungen und Organisationen zur Zerschlagung der· revolutionären Organisationen und Vernichtung ihrer besten Führer über. Wie der IV. Kongreß der Komintern hervorhob, ist die „wahnwitzige Faschistenorganisation aber auch die letzte Karte im Spiel der Bourgeoisie. Die offene Herrschaft dler weißen Garden richtet sich zugleich gegen die Grundlagen der bürgerlichen Demokratie überhaupt. Die breitesten 1'fassen des

• Lenin: Referat über die Taktik der Kommunistischen Partei Rußlands (Bibliothek der Kommunistischen Lnternationnle, Bd. XXIII, Protokoll des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale, Verlng Carl Hoym Nnchf., Hamburg 1921, S. 750). 2• 10

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arbeitenden Volkes überzeugen sich durch diese Tatsache, daß die Herrschaft der Bourgeoisie nur durch die unverhüllte Diktatur über das Proletariat möglich ist."* Die Wirtschaftskrise und die Offensive der Bourgeoisie hatten eine gewaltige Streikwelle in allen kapitalistischen Ländern zur Folge. In Italien proklamierte der :M:etallarbeiterkongreß im August 1920 den Generalstreik. Auf die von den Unternehmern verhängte Aussperrung anhvorteten die Arbeiter mit der Besetzung der Fabriken und '\Verke in M:ailand und Turin und organisierten die bewaffnete Verteidigung der besetzten Betriebe. Die Bewegung griff auch auf das Dorf über: man begann, sich des Bodens der Gutsbesitzer zu bemächtigen, und es entstanden bewaffnete Bauernabteilungen. Die K.apitulationspolilik der Führer der Sozialistischen Partei Italiens und der Verrat der reformistischen Gewerkschaften führten jedoch zum Zusammenbruch dieser Bewegung und e bneten den Faschisten, die im Oktober 1922 zur :Macht kamen, den '\Veg. Der faschistische Terror Italiens nahm gleich am Anfang einen Massencharakter an. Die faschistischen Banden überfielen (gewöhnlich nachts), mit Pistolen, Gewehren und Handgranaten bewaffnet, die Arbeiterviertel und! hausten dort wie die Wilden: sie folterten und mißhandelten die Gefangenen, steckten Häuser in Brand und raubten das Eigentum der Arbeiter. Die Arbeiterorganisationen wurden 5ystematisch zerstört, desgleichen ihre Druckereien, Zeitungsredaktionen, Klubs und Konsumgenossenschaften. Tausende von revolutionären Arbeitern, vor allem Kommunisten und :MjtgLieder dies Kommunistischen Jugendverbandes, fielen den faschistischen 1fördern zum Opfer. Nach Mussolinis „ 1farsch auf Rom" ,yird der faschistische Terror ,,legalisiert" und breitet sich mit aller Grausamkeit über das ganze Land aus. Auch die deutsche Bourgeoisie feierte nach der Niederschlagung des 1färzaufstandes im Jahre 1921 in 11itteldeulschland, Or­ . gien d �s ,veißen Terrors. Die preußische „Sicherheitspolizei", die zur Niederschlagung des Aufstandes nach Mitteldeutschland geschickt wurde, stand in ihrer Bestialität den konterrevolutionären . Horden Noskes keineswegs nach. Beim Kampf um die Leunawerke wurde eine Abteilung aufständischer Arbeiter von einigen hundert 1fann durch die Banden Severings bis auf den letzten erschlagen. • Protokoll des IV. Kongresses de r Kommunistischen Internationale Thesen über die Taktik der Kommunistischen Inter.nationale (Bibliothek de; Kommunistischen Internationale, ßd. XXXVII, Carl Hoym Nachf., Hamburg 1923, s. 1012). 20

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Das internationale Proletariat im Kampf gegen den weißen Terror

Nicht schlecht stützte die deutsche Sozialdemokratie die Pfeiler der bürgerlichen i·Iacht, im Augenblick einer äußerst revolutionären Situation ... Von der Lage in Deutschland in dieser Periode gibt Lenins im August 1921 geschriebener „Brief an die deutschen Kommunisten" ein klares Bild: ,, . . . Die ausgezeichnet organisierte und! bewaffnete deutsche und internationale Bourgeoisie hat sich, durch die ,russische Erfahrung gewitzigt', mit einem ,vHden Haß auf das revolutionäre proletarische Deutschland gestürzt. Zehntausende der Besten in Deutschland, seine revolutionären Arbeiter, sind erschlagen und gemartert von der Bourgeoisie, durch ihre Helden Noske und Kompanie, durch ihre unmittelbaren Lakaien, Scheidemann und andere, ihre mittelbaren und ,feinen' (und daher für sie besonders wertvollen) Helfershelfer, die Ritter der Z,veieinhalbten Internationale mit ihrer niedrigen Charakterlosigkeit, ihren Schwankungen, ihrer Pedanterie und ihrem Kleinbürgertum. Die bewaffnete Bourgeoisie stellte den ,vehrlosen Arbeitern Fallen, hat sie in M�assen gemordet, mordete ihre Führer systematisch einen nach dem anderen, ,vobei sie sehr geschickt das konte·rrevolutionäre Geheul aus den Reihen der Sozialdemokraten beider Schattierungen, der Scheidemänner und Kautskyaner, ausnützte."* Die Welle des ,veißen Terrors erfaßte die ganze übrige kapitalistische Welt. In einem besonderen Aufruf des IV. Kongresses der Komintern an die politischen Gefangenen wdrd ein krasses Bild von den ungeheuerlichen Verfolgungen der revolutionären Arbeiter, Soldaten und Bauern in Italien, in Frankreich (nach dem Ge� neralstreik von Le Havre), in Deutschland, Finnland, Estland (Ermordung von Kingisepp), in Lettland (die Verurteilung von Kljaws­ Kljawin zum Tode), in Polen (Prozeß Dombal), in Rumänien (der �lassenmord an politischen Gefangenen nach Fo'lterung und „bei Fluchtversuchen"}, in Jugosla,vien, Griechenland, Ungarn, Südafrika, in den USA, in Indien, Aegypten und in allen Kolonien entworfen. Die ungeheure Zahl der Opfer des weißen Terrors und der :Massencharakter der Verfolgungen revolutionärer Organisationen ließen bei einer Reihe von kommunistischen Parteien den Gedanken aufkommen, spezielle Organisationen zur Unterstützung der politischen Gefangenen und ihrer Angehörigen zu gründen. Zu

• ,.Kommw1islische Internationale" Nr. 19, S. 00. 21

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diesem z,veck wurde im Jahre 1920 in Bulgarien eine besondere „Organisation zur Unterstützung der Opfer der kapitalistischen Diktatur" gegründet, die einen aus freiwilligen Spenden und aus regelmäßigen Beiträgen der Kommunistischen Partei gespeisten Fonds bildete. Dieser Hilfsorganisation traten hauptsächlich Kommunisten bei. Noch früher, l\fitte 1919, nach dem Sturz der Sowjetmacht in Ungarn, ,vurde in Oesterreich ein Komitee zum Schutze der ungarischen Emigranten und ein „Revolutionäres Rotes Kreuz" organisierL In Deutschland entstand nach den l\färzkämpfen 1921 · die „Rote Hilfe", die den zahlreichen Opfern des Terrors ma terielle und juristische Hilfe gewährte. In den USA entstanqen verschiedene Organisationen zur Unterstützung der Opfer des Terrors wie „National Defense Committee (Nationales Verteidigungskon1i­ tee), ,,Labour Defense Council" (Rat zur Verteidigung der Arbeit), ,,,vorkers Defense Council" (Rat zum Schutze der Arbeiter). Diese amerikanischen Organisationen, die von Fall zu Fall geschaffen und dann liquidiert ,vurden, hatten keine klar ausgeprägte politische Orientierung, sie standen zeitweilig unter dem Einfluß einer bürgerlich-pazifistischen und philanthropischen Ideologie und hatten keinen l\{assencharakter. In Polen wurde in den Jahren 1920/21 das polnische „Revolutionäre Rote Kreuz" organisiert und im August 1922 ,vurde in der Sowjetunion die Kommission zur Unterstützung der politischen Gefangenen in Polen unter dem Vorsitz von Julian l\farchle,vski geschaffen (Sekretär dieser Kommission war Hübner, der später von der faschistischen Regierung Polens hingerichtet wurde). In Italiel! ,vurden bei den Gewerkschaftsverbänden Komitees zur Unterstützung der politischen Gefangenen und der politischen Emigranten aus Ungarn gegründet. Alle obenerwähnten Hilfsorganisationen, die die Klassensolidarität des fortschrittlichsten Teils des Proletariats in den kapitalistischen Ländern zum Ausdruck brachten, hatten keinen l\{assencharakter, keine einheitliche zentralisierte Leitung, von einer internationalen Zusammenfassung schon ganz zu schweigen, sie hatten keine ständige l\fitgliedermasse und führten keinen politischen Massenkampf gegen den weißen Terror. Die Interessen der proletarischen Revolution forderten die Schaffung einer internationalen, überparteilichen, politischen 1\ilassenor,ganisation zur Unterstützung der revolutionären Kämpfer, die die werktätigen l\fassen zum Kampfe gegen Faschismus und weißen Terror mobilisieren sollte. Die Idee einer solchen Organisation wurde von den alten Bol- 22

Das internationale Proletariat im Kampf gegen den weißen Terror

schewiki der So,vjetunion und den ehemaligen politischen Zuchthausgefangenen und Verbannten aufgegriffen und sie begannen sie zu verwirklichen. Felix Dzierzynski ,var der crsfe, der diesen Gedanken im Kreise der ehemaligen politischen Zuchthausgefan genen formulierte. In der Sitzung des Büros der Gesellschaft der alten Bolschewiki vom 13. September 1922 schlug Julian �Iarchlewski vor, eine Organisation zur Unterstützung der politischen Gefangenen in allen kapitalistischen Ländern zu ·gründen. Dieser Vorsc�lag ,vurde von der Gesellschaft der alten Bolschewiki angenommen und ihn1 schloß sich auch die Gesellschaft der ehemaligen politischen Zuchthausgefangenen und Verbannten an. Am 30. Nove1nber 1922 nalnn der IV. Kongreß -der Komintern den Vorschlag zur Schaffung einer internationalen Organisation für die Unterstützung der revolutionären Kämpfer, der Internationalen Roten Hilfe (IRH), an. Djeser Vorschlag wurde im Namen der alten Bolschewiki von Felix Kon gemacht.* Der Beschluß des IV. Kongresses der l{omintern über die ·Organisierung der IRH ,var kurz aber sehr inhaltsreich und hat eine historische BedeuttJng für das internationale Proletariat. Der IV. Kongreß rief „alle kommunistischen Parteien auf, eine Organisation zu schaffen, die den eingekerlcertcn Opfcrn des Kapitals materielle und moralische Hilfe leistet" und begrüßte die Initiative der Gesellschaft der alten Bolschewiki, die bemüht ist, eine internationale Vereinigung dieser Organisationen zustande zu bringen.** Durch Annahme dieses Beschlusses handelte die Komintern im Geiste der besten Traditionen der 1. Internationale. Bekanntlich war Karl ltfarx der erste Organisator der I-Iilfe für die Opfer des bürgerlichen Terrors .. Nach der Revolution von 1848, an der Marx unmittelbar teilnahm, ,vurde in London auf Initiative des Deutschen Arbeiterbildungsvereins ein „Komitee zur Unterstützung der deutschen politischen Emigra11;ten" gegründet, dem auch Marx angehörte. Bald darauf ,vurde di_eses Komitee in das „Sozialdemokratische Komitee zur Unterstützung der deutschen Emigranten" umbenannt, dem auch der gerade in London eingetroffene Friedriclt Engels beitrat. Es ist äußerst wichtig hervorzuheben, dla1l dieser Vorläufer der

• ln der Begründung des Resolutionsentwurfes sprach Felix Kon von der Schaffung einer „politischen Roten-Kreuz"-Organisalion. •• Resolution zum „Roten Kreuz" der Gefangenen (Rede Felix Kon), Bibliothek der Kommunistischen Internationale, Bd. XXXVlll, Verlag Cnrl Hoym tiachf., .tiamburg 1923, S. 837).

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gegen,värtigen i�ternalionalen Organisation zur Unterstützung revolutionärer Kämpfer die grundlegende prinzipielle Linie für die heutige Rote-Hilfe-Bewegung gegel)en hat. M:arx kämpfte vor allem entschieden gegen die Umwandlung der Unterstützungsaktion für die politischen Emigranten in irgendein philanthropisches und bürgerliches Vlohltätigkeitsunternehmcn. Er unterstrich ausdrücklich den revolutionären Klassencharakter der Hilfsorganisation, und grenzte sich entschieden von den verschiedenen bürgerlichen Organisationen zur Unterstützung der nach England geflüchteten deutschen Revolutionäre ab. Das von M�arx geleitete Komitee rief weiter dazu auf, den politischen En1igranten ohne Rüclrsicht auf ihre politische Einstellung Unterstützung zu gc,vähren und sprach sich scharf gegen die bürgerlichen Spalter der Unterstützungsaktion aus, die die ver-leumderische Nachricht verbreiteten, daß das von 1farx geleitete Komitee angeblich nur Kommunisten unterstütze . Ohne auf ?\Iarx' energischen Kampf gegen die bürgerliche Justiz in -der Zeit des bekannten Kölner Kommunistenprozesses näher einzugehen, heben ,vir seine hervorragende Tätigkeit als Organisator der Hilfe für die Opfer des Versailler Terrors nach dem Sturz der Pariser Kommune im Jahre 1871 hervor. Der Generalrat der I. Internationale und 1iarx persönlich führten eine energische Kampagne für das Asylrecht der emigrierten Kommunarden, denen es gelungen war, dem in Paris wütenden Terror zu entfliehen. Marx entlarvte im Zusanunenhang mit den zahlreichen Prozessen gegen Kommunarden die Klassenjustiz der französischen Bourgeoisie. Er organisierte die n1aterielle Hilfe für die En1igranten und für die Kommunarden, die sich in Frankreich illegal aufhielten, und beschaffte Pässe für die verfolgten . Revolutionäre ' denen in Frankreich die tierische Rache Thiers drohte. Zu den Vorläufern der IRH müssen auch dtie in Deutschland in den 80er Jahren im Zusammenhang mit dem Sozialistengesetz entstandenen Hilfsorganisationen gezählt werden. Zu diesen gehört der „Hilfsverein zur Unterstützung der verfolgten und gefan. genen Sozialdemokraten", der keine zentralisierte Leitung hatte. aber mit den verschiedenen örtlichen Organisationen in Verbindun g stand; in Berlin existierte der „Hilfsausschuß für die Aus ­ ge�iesenen und Verhafteten und ihre Familienangehörigen"; iu Leipzig wurde unter der Führung August Bebels und �rilheJm Liebknechts die „Zentralkasse" organisiert, die alle aus den verschiede nen Bezirken einlaufenden :Mittel mobilisierte und den Ver 24

Das internationale Proletariat im Kampf gegen den weißen Terror

hafteten und Emigranten eine recht erhebliche Unterstützung gewährte. Zu den Vorlüufern der IRII muß auch das illegale politische Rote Kreuz gezählt werden, das in Rußland zur Zeit des Zarismus bestand und den Verhafteten Geld und Bücher sandte. Im Unterschied zu den obenerwähnten deutschen Hilfsorganisationen sammelte das politische Rote Kreuz nicht nur in Rußland, sondern auch im Ausland. Damit unterstrich es besonders stark das Prinzip des Internationalismus bei der 1-Iilfelei.stung für die Kämpfer der Revolution, das heute eines der Grundpfeiler der RI-I-Be,vegung ist. IV Der Beschluß des IV. Kongresses der Komintern über die Schaffung einer überparteilichen proletarischen 1\'Iassenorganisation zum Kampfe gegen d€n ,veißen Terror ,vurde zur rechten Zeit angenommen. 1\fit der Niederlage des deutsche� Proletariats im Herbst 1923, das infolge des Verrats der sozialdemokratischen Führer und der Kapitulation der rechtsopporlunislischen Führung der KPD (Brandler, Thalheimer) nicht imstande war, die damalige revolutionäre Situation auszunützen, begann diie sogenannte z,veite Periode der Nachkriegskrise des Kapitalismus, die Periode seiner teilweisen und zeihveiligen Stabilisierung. Die Offensive der Bourgeoisie gegen das Proletariat und die Verfolgung der revolutionären Organisationen nimmt allerorts einen allgemeinen Charakter an. ,,In diesen anderthalb Jahren steigerte sich die schon früher begonnene Offensive des Kapitals", heißt es in der Resolution zum Bericht des Exekutivkomitees auf dem V. Kongreß der Kommunistischen Internationale „in den meisten kapitalistischen Ländern zu heftigen Ueberfällen auf das revolutionäre Proletariat . .. Sogar in Frankreich standen auf der Tagesordnung Repressalien gegen streikende Arbeiter urid zahlreiche Verh�tungen von Kommunisten, i n der Tschechoslo,vakei Ausnahmegesetze gegen die Kommunisten, in Oesterreich faschistische Bluttaten, in Nprwcgen ,vä'h­ rend mehrerer Monate brutale Polizeiüberfälle, verschärfte Klassenjustiz und Bildung von weißen Garden gegen die Arbeiterklasse.''* Besonders breite Ausmaße nahm in der Periode zwischen dem IV. und V. Kongreß der ,veiße Terror in Bulgarien, Polen und Deutschland an. In Bulgarien begann die Bourgeoisie nach dem Juniun1sturz des Jahres 1923 und nach dem Sturz der Stambolijski- • Thesen und Resolutionen des V. \Veltkongresses der ·Kommunistischen Internationale, Verlag Carl Hoym Nnchf., Hamburg 1024, S. 5.

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Regierung einen wilden Verfolgungsfeldzug gegen die revolutionären Arbeiter und Bauern. Das Haup·t der gestürzten Bauernbundregierung, Stan1bolijski, wurde viehisch ermordet. Der Meuchelmord an Kommunisten und revolutionären Bauernführern wurde eine :Massenerscheinung. Zehntausende von Arbeitern und Bauern wurden halbtot geschlagen oder zu z,vangsarbeit verurteilt. Das ganze Land geriet in die Zange eines wilden faschistischterroristischen Regimes. Noch größere Ausmaße nahm der Terror nach der Niederschlagung des bewaffneten Septemberaufstandes (1923} an, in dem die Kommunistische Partei Bulgariens die Führung hatte. Nach den ,vorten Kolarows „veranstaltete die Bourgeoisie unter dem bulgarischen Volk ein schlimmeres Blutbad, als es je sogar die Türken getan hatten. Viele Tausende wurden mit Bajonetten niedergestochen, aus 1'{aschinengcwehren niedergeschossen, gehenkt oder in die Donau ,geworfen."* Ausländische Diplomaten schätzen die Zahl der Opfer auf 15 000 Persone.n, Vandervelde nannte die Zahl von 12 000 Ermordeten. In Polen ließ die „demokratische" Regierung unter direkter Billigung der Sozialistischen Partei Polens (PPS) streikende Arbeiter und revolutionäre Soldaten, die sich dem Aufstande des Krakauer Proletariats angeschlossen hatten, erschießen. Im Herbst und Winter des Jahres 1923 stürzte drie Welle der Unterdrückungsmaßnahmen auf die revolutionären Gewerkschaften und Presseorgane nieder, die Gefängnisse füllten ·sich mit politischen Gefangenen, die Feldgerichte verhängten Todesurtei�e, deren Opfer die Mitglieder der Kommunistischen Jugend, Engel, Bolwin und andere, wurden. In Deutscl1land schossen Reichswehr und Polizei auf direkte Initiative der sozialdemokratischen Führer in TI1üringen und Sachsen auf revolutionäre Arbeiter und übten an den heldenmütigen Proletariern Hamburgs. die im Oktober 1923 dn den Aufstand traten, bestialische Rache. Angesichts des entfesselten weißen Terrors gewann die IRH eine außerordentliche Bedeutung, wie es auch eine besondere Resolution des V. Kongresses der Komintern über die IRH feststellte, wo- . bei die Resolution gleichzeitig die rasche Entwicklung und erfolgreiche Tätigkeit dieser internationalen Organisation zur Unterstützung der revolutionären Kämpfer hervorhob. Und in der Tat: zur Zeit ihrer ersten internationalen Konfe- • Kolarow• .,Zehn Jahre ,veißcr Terror in Bulgarien", im Sammelband: Zehn Jahre weißer Terror, Verla� Carl Ho�•m Nachf., �-Iam1>urg-�crlin ��go, S. 92 26

Das internationale Proletariat im Kampf gegen den weißen Terror

renz, die im Juli 1924 in l\Ioskau tagte, verfügte die IRH bereits in 19 Ländern über feste Organisationen und hielt mit Komitees in weiteren 19 Ländern Verbindung. Der Gedanke der IRH fand weite Verbreitung. Das internationale Proletariat erblickte in der IRH seine Organisation zur konkreten Verwirklichung der internattlonalen R}lassensolidarität. Gleichzeitig ,vurde die IRH zu einem der ,vichtigstcn '\Verkzeuge zur Verwirklichung der Einheitsfront im Kampfe gegen die bürgerliche Diktatur in den kapitalistischen Ländiern. Der V. Kongreß lehnte den fal�chen Standpunkt ,ab, wonach die IRI-I eine H,ilfsorganisation der kommunistischen •Parteien ist, die nur Kommunisten hilft, die dem Terror zum Opfer fielen. Es ist vollkommen klar, •daß dieser unrichtige Standpunkt keinesfalis zur Ver,vandlung der IRI-I in eine revolutionäre .ilfassenorganisatioQ der \Verktätigcn und zur Erfüllung ihrer Rolle als \Verkzeug der Einheitsfront hn Kampfe gegen den Kapitalismus beitragen konnte. Der V. Kongreß der Komintern unterstrich ausdrücklich, daß die IRI-1 eine iibcrparteiliclle Organisation ist und den gefangenen Kämpfern der Revolution (ohne Unterschied ,ihrer Partei„ zugehörigkeit), sowie dererl Familien und den Familien der gefallenen Revolutionäre materielle, moralische und juristische Unterstützung gewährt. Diese prinzipielle Einstellung lag auch der gesamten Tätigkeit der IRH zugrunde und ermöglichte ihre Umwandlung in eine ,virklich revolutionäre Massenorganisation der internationalen Solidar.ität, mit dem Erfolg, daß sie im Jahre 1934 ihre veranhvortliche Tätigkeit bereits in nicht weniger als 73 Ländern ausübte und etwa 12 Millionen �fitglieder in ihren Reihen zählte. Aus dersel-ben prinzipiellen Einstellung des V. Kongresses der Komintern geht auch ·hervor, daß die l-Iilfe der IRH für die l{ämpfer der Revolution und deren Familien nichts Gemeinsames .mit der Tätigkeit philanthropischer Organisationen hat. Die Unterstützungstätigkeit der IRH ist ein fester Bestandteil des revolutionären Kampfes der ,verktätigen �lassen gegen den Faschismus, gegen den weißen Terror und die Klassenjustiz - sie ist der konkrete Ausdruck der internationalen proletarischen Solidarität. Ehen deshalb sind die verschiedenen Versuche der Parteien der II. Internationale und ihrer trotzkistischen und brandlerischen Anhängsel, mit der IRH konkurrierende „ Unterstützungsorganisationen" zu schaffen, für die Sache der internationalen proletarischen Solidarität schädlich, ihre Organisationen sind ausgesprochen spalterische Unternehmen. Die Parteien der II. Internationale be- 27

II d f' 11 r St ,uu1 o w n

gnügl'n sit'h nidlt mit t•inrn1 Verbot für ihre Mitglieder, der IRH beizutreten. smhh•rn sc-hnfft•n ci�cnc Unterstützungsorganisationen für die politisrhf•n Gt•fnngenen v01n Typus des „Matteottifonds". Dl'r �lnttrottif\HHls wurde itn April 1926 auf Vorschlag der Austron1arxistcn von, Srkrctarint der II. Internationale gegründet. Die kontrrrcvolutioniirc Rolle des Matteottifonds, die aus der Forn1ulicrung srincr Bestimmung - ,,Unterstützung der Arbeiterbe,vegung in Ländrrn ohne Demokratie" - schon klar genug hervorgeht, trat während des Menschewikiprozesses im Jahre 1931 vollkomn1en deutlich zutage. Während dieses Prozesses stellte sich die enge Verbindung des Matteottifonds mit den Geldzu,vendungen heraus, die die russischen 1fenschewiki von der II. Internationale für ihre konterrevolutionäre ,vühl- und Schädlingsarbeit erhielten. Außer zu dieser sowjetfeindlichen Tätigkeit verwendet die II. Internationale den Matteottifonds auch zum Kampfe gegen den wachsenden Einfluß und zur Spaltung der Reihen der IRH, zur Vereitelung der Unterstützungstätigkeit für revolutionäre Kämpfer und zur Verhinderung des Kampfes gegen den faschistischen Terror. Es ist kein Zufall, daß die Sozialdemokratie in den letzten Jahren den Versuch macht, die Tätigkeit des �Iatteottifonds zu beleben. Gerade in der letzten Zeit hat die IRH �lillionenmassen der vVerktätigeil um sich gesammelt und in einer Reihe gewaltiger internationaler Kampagnen (die Scottsboro-Kampagne, die Kampagne gegen den Leipziger Reichstagsbrandprozeß, die Kampagne zur Hilfe für das österreichische Proletaria� für das spanische Proletariat, für die Befreiung Thälmanns und aller politischen Gefangenen im faschistischen Deutschland) bede�tende Erfolge erzielt. Unter dem Druck der 1'1assen, die nach der 1fachtübernahmc der deutschen Faschisten im ,Jahre 1933, nach den Fcbruarkämpfen der österrcichic.;chcn Arbeiter und dem heroischen Aufstand des spanischen Proletariats im ,Jahre 1034 imn1er stärker zur Einheitsfront gegen den Faschit,mus und gegen den drohenden Krieg drängen, ist in der letzten_ Zeit eine gewisse Aendrrung in dem Verhalten der Sozialdemokratie 1,11 verzeichnen. In einigen Ländern (Frankrdch, Sp:1nl1:n, Ü<·Hff:rn�ich) ist die Einheitsfront mit den soziaJdemnkr:,tiM!h,m Or�unhmtioncn ·gcschnfTcn und die II. InternaUonalP '!:•l ,H,!M'fn 7,u-.tuwl notut�lrun�cn Rechnung tragen müssen, ind,:rn �lt!•� ,Jurr-h ,1,·u Bt•Hr,hl11ß ihr"r Exekutive vom 17. Noverntw1' H1;s4 ,J,�11 ,�1,idnm1 Hozlulclrmokrntl�chcn Pnrteien über• ließ, �!Utt>ftln,Hg 1-u,· l'rs,w <Im• nlultdltrifront Stellung zu nchme.n. �II

Das internationale Proletariat im Kampf gegen den weißen Terror

V · Der VI. Kongreß der Kommunistischen Internationale bestätigt� von neu�m die Resolutionen des IV. und V. Kongresses über die IRH als überparteiliche l\1assenorganisation zur Unterstützung der revolutionären IGimpfer. Die zwischen dem V. und VI. Kongreß der Kommunistischen Internationale verflossenen vier Jahre (1924 bis 1928) ,varen, trotz der teilweisen Stabilisierung des Kapitalismus, durch eine starke Verschärfung der Klassengegensätze in den kapitalistischen Ländern gekennzeichnet (es genügt, an den Aufstand des estnischen Proletariats im Dezember 1924, an den Generalstreik in England im :Mai 1926, an den viele Monate währenden Streik der englischen Bergarbeiter so,vie an die \.Viener Juliereignisse 1927 zu erinnern), und auch durch eine mächtige ,vene der nalionalrevolutionären Bewegung in den Kolonien und Halbkolonien (die große chinesische Revolution, die Aufstände in �Iarokko und Syrien im Jahre 1925 und die Aufstände in Niederländisch-Indien 1926/27). Die Bourgeoisie entfesselte im Kampfe gegen die revolutionäre Bewegung die wildesten Verfolgungen und ging den '\\Teg der Faschisierung der Staatsmacht (faschistischer Umsturz in Polen und Litauen, Belagerungszustand, Ausnahmegesetze usw.). Die Gefängnisse füllten sich mit Zehntausenden von politischen Gefangenen und die Bourgeoisie benützte das Gefängnisregime, um die gefangenen Revolutionäre physisch zu vernichten. : !: Eine der krassesten Erscheinungen der bürgerlichen Klassenjustiz in der Periode der teilweisen Stabilisierung des Kapitalismus war der Fall der in die USA eingewanderten zwei italienischen Arbeiter Sacco und Vanzetti, die im Jal1re 1927 von den „demokratischen" Henkern der Vereinigten Staaten Amerikas hingerichtet wurden. Bereits das VII. Enveiterte Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale {Ende 1926) lenkte die Aufmerksamkeit des Weltproletariats auf die Gefahr, die diesen beiden revolutionären Arbeitern drohte, entlarvte in einem besonderen Aufruf nachdrücklich das Klassenantlitz der amerikanischen Justiz und rief die Arbeiter aller Länder auf, sich zusnmmcnzuschließen und das Leben Saccos und Vanzettis zu retten. Dieser Aufruf der Komintern fand nicht nur unter den kommunistischen, sondern auch unter den parteilosen und sozialdemokratischen Arbeitern einen beispiellosen Widerhall. Die Kan1pugne zum Schutze Saccos • 29

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tinci Vanzeltis ,vurde zu einer in der Geschichte des Proletariats mächtigsten Kundgebung der internationalen proletarischen Solidarität. Dutzende von 11illionen \Verktäliger aller Länder schlossen sich im Kampfe gegen die bürgerliche Klassenjustiz zusam ­ men. In den proletarischen Zentren des kapitalistischen Europa und in Amerika rüttelte der Fall Sacco und Vanzetti die Arbeitermassen zu revolutionären Straßendemonstrationen auf, die in einer Reihe von Städten einen ijußerst stürmischen und blutigen \ Charakter annahmen. Obwohl es nicht gelang, Sacco und Vanzetti ihren Henkern zu entreißen, halle diese Protestkampagne dennoch eine gewaltige revolutionäre Bedeutung und diente der Festigung der internationalen Klassensolidarität des Proletariats. In diese Periode fällt auch die Kantoner Kommune, der besonders zügellose Grausamkeiten der Henker der. Kuomintang folgten. Nach dem Aufstand von Kanton entwickeln sich in China unter Führung der Kommunistischen Partei° und der Roten Gc,verk- . schaften ,der antiimperialislische Kampf und eine riesige Streikbewegung. Jedes Hervortreten der Arbeiter kostet gewaltige Opfer. Sobald ein kommunistischer Aktivist in die Hände der Kuomintangschergen fällt, wird er nach Nanking transportiert, ,vo er unter den Sclnvertern der Henker sein Leben lassen muß. Die englischen Imperialisten in Indien wetteifern mit Tschiang Kai Schck. Die Gefängnisse sind -mit Aiibeitern und Bauern überfüllt, das Gefängnisregime ist unglaublich hart; unter den Gefan­ .genen wütet der Hunger, und die Sterblichkeit ist groß. Die IRH erweitert und verlieft in dieser Periode ihre Tatigkeit. Auf ihrer z,veiten internationalen Konferenz im Frühjahr 1927 zählte sie bereits 44 Sektionen und vereinigte in ihren Reihen über 8 l\fillionen 1viitglieder. Eine Reihe ausländischer Sektionen - vor allem die Rote Hilfe Deutschlands - waren zu diesem Zeitpunkt bereits wahre Massenorganisationen geworden, die in ihrer Arbeit die Einheitsfront der \Verktätigen im Kampfe gegen den Terror venvirklichten. Die Resolution des VI. Kongresses der Komintern über die IRH, in der erschöpfende \Veisungen über die weiteren Aufgaben der Unterstützung der IRH gegeben ,vurden, unterstreicht insbesondere dieses l\ioment. Zu diesen Aufgaben gehört in erster Reihe der Kampf gegen den Fasch..ismus, in welchem „die Parteien die IRH mit allen Kräften unterstützen müssen". Als eine der wichtigsten Auf gaben wird den Komn1unisten in der IRH und insbesondere den Kommunisten in der amerikanischen RH-Sektion, der 30

bas internationale Proletariat im Kampf gegen dett weißen Terrot

Kampf gegen den faschistischen l{u-Klux-Klan und gegen die Lynchjustiz gestellt. Weiter hebt die Resolution die Nohvendigkeit der Verstärkung des Kampfes ,gegen den ,veißen Terror in China hervor. Der VI. I{ongreß verpfliohtete mit besonderem Nachdruck die kommunistischen Parteien, den Sektionen der IRH bei der Gründung von RI-I-Organisationen in den Kolonien und I-Ialbkolonien beizustehen. Die Resolution des Kongresses hebt auch -besonders die Verstärkung des Kan1pfes der \Verktäligen um das Asylrecht und um die V crbesserung des Gefängnisregimes für die poli- • tischen Gefangenen hervor, sie unterstreicht die Nohvendigkeit einer engen Zusa1nmenarbeit mit den revolutionären l\ilassenorganisationen (Ge,verkschaften, Konswngenossenschaften, Internationale Arbeiterhilfe, Freidenkerverbände, Antiimperialistische Liga us,v.) zur gemeinsa1nen Durchführung von internationalen Kampagnen gegen den ,veißen Terror und Faschismus und stellt schließlich den in der IRH tätigen Kommunisten die Aufgabe, ,,die breitesten l\iiassen in der Stadt und auf dem flachen Lande für die IRH zu ge,vinnen". Die Resolution des VI. Kongresses war für alle in den Reihen der IRif tätigen Kommunisten ein Aktionsprogramm. Auf der Grundlage dieser Direktiven verwirklicht die IRH, die auf ihrem ersten Weltkongreß im November 1932 bereits eine viele Millionen zählende Organisation ,var, erfolgreich jhre wachsenden Aufgaben an der Sch,velle des neuen Turnus proletarischer Revolu• tionen und impedalistisc}1er Kriege. , VI Das Ende der zeihveisen Stabilisierung des Kapitalismus und der neue revolutionäre Aufschwung, dessen Herannahen das X. Plenum des Exekutivkon1itees der Komintern (1929) bereits verzeichnete, rief eine neue ungeheure Verschärfung des weißen Terrors hervor. Die herrschenden Klassen, die das Nahen von entscheidenden Gefechten zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat spürten, steigern in den letzten Jahren, insbesondere nach der Aufrichtung der faschistischen Herrschaft in Deutschland, den Terror in einem in der ganzen Geschichte des Kapitalismus der Nachkriegszeit unerhörten Ausmaß. Neu ist nicht nur das Ausmaß des Terrors, neu sind auch die Methoden des bürgerlichen Terrors, ja teilweise sogar der Zweck des weißen Terrors. Außer dem Bestreben, der, heranbrausenden proletarischen Revo- 31

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lution vorzubeugen, benutzen die herrschenden Klassen den weißen Terror auch ais Werkzeug iur Vorbereitung imperialistisclter Kriege. Die herrschenden Klassen rechnen mit der revolutionären Stimmung der von der Krise und der Arbeitslosigkeit gemarterten werktätigen l\Iassen und befürchten einen revolutionären Ausbruch in dem Augenblick, wo der imperialistische Krieg beginnt. Deshalb ist die Bourgeoisie schon jetzt in „Friedenszeiten" bestrebt, sich ein ruhiges Hinterland zu sicliern, die Arbeiterorganisationen zu zerschlagen, das Proletariat ihrer Führer zu be­ • rauben und die Avantgarde der Arbeiterklasse in den kapitalistischen Ländern, die kommunistischen Parteien, auszurotten. Daher das unausgesetzte ,vüten des ,veißen Terrors, daher sein außerordentlicher Umfang. In seiner glänzenden Analyse der internationalen Lage auf dem XVII. Parteitag fler KPdSU {B) deckte Stalin den engen Zusammenhang zwischen dem weißen Terror und der Vorbereitung imperialistischer Kriege auf: „Dadurch (daß die Idee des Sturmangriffs im Bewußtsein der ?\lassen heranreift - D. V.) erklärt sich eigentlich die Tatsache, daß die heµschenden Klassen der kapitalistischen Länder die letzten Ueberreste des Parlamentarismus und der bürgerlichen Demokratie, die von der Arbeiterklasse in ihrem Kampfe gegen die Unterdrücker ausgenützt ,verden können, sorgsam vernichten oder auf ein Nichts reduzieren, die kommunistischen Parteien in die Illegalität treiben unq. zu offen terroristischen l\Iethoden der Aufrechterhaltung ihrer Diktatur übergehen. Der Chauvinismus und die Vorbereitung des Krieges als Hauptelemente der Außenpolitik ... als notweildiges l\1iltel zur Stärkung des Hinterlandes der künftigen Kriegsfronten, das ist es, was die heutigen imperialistischen Politiker jetzt ganz besonders beschäftigt."* Die Angaben über die steigende Zahl der Opfer des weißen Terrors bestätigen vollkommen Stalins \Vorte. Folgende Tabelle, die auf Grund unvollständiger Angaben des Exekutivkomitees der IRH zusammengestellt ,vurde, charakterisiert das Anwachsen des ,vei­ .Ben Terrors in den letzten Jahren. Die Tabelle_ zeigt, daß gleichzeitig mit dem An,vachsen des revolutionären Aufschwungs die Zahl der Opfer des ,veißen Terrors steigt.

• J. Stalin, ,.ßericl1t iibcr die Arbeit des Zentralkomitees der KPdSU (B)" in dem Sammelband: Der Sozialismus siegt, Mosknu-Lcningrud 1934, S. 19. 32

Das internationale Proletariat im Kampf gegen den weißen Terror

Verwun- Ermord. Jahr Verhaftet det u. zu Tode Zum Tode Zu Gfg. u. Gesamtzahl verurteilt Geldstr. der Opfer mißh. gefolt. verurt. 1925 59.573 21.250 11.853 '447 26.932 120.055 1926 138.131 21.343 9.688 385 17.952 187.490 1927 103,370 52.740 66.080 11.688 9.578 243.456 1928 117.238 67.767 1'16520 23.266 7.111 361.902 1929 137.505 65.701 140.854 14.625 9.004 367.749 1930 306.7-!-! 159 853 295.906 90.842 24.357 877.702 1931 360.491 241.445 369.707 91.548* 27.230 1.090.421 1932 653.537 251.573 345,705 8.103* 92.051 1.350.96!1 1933 580.488 460.612 429.722* 733* 50.653 1.522.208 1U34 l-!44.-!H) 1145.442 764.338* 201* 33.682 3.388.082 3901.-!96 2-187.786 2580.373 241.838 298.550 9.510.043

\Venn im Jahre 1029 die Gesamtzahl der Opfer des weißen Terrors 368 000 ausmachte, �o stieg sie schon im Jahre 1930 auf 878 000, hn Jahre 1931 auf 1 090 000, im Jahre 1932 auf 1 350 000, übersteigt iin Jahre 1933 1 500 000 und erreicht im Jahre 1934 die Zahl 3 388 000. .A!llein in den letzten 5 Jahren (1930 bis Ende 1934) wurden also den Reihen des kämpfenden Proletariats mehr als 8 ltlillionen Opfer entrissen (8 229 382). Anfang Januar 1935 sind in den kapitalistischen Gefängnissen und Konzentrationslagern etwa 1 042 000** politische Gefangene eingekerkert. \Vie jedoch eine Analyse des weißen Terrors für die Jahre 1933 und 1934 zeigt, zieht das bürger.lich-faschistische Gerichts,vesen es vor, die revolutionären Kämpfer ohne Gerichtsverfahren zu erledigen. So fanden im Jahre 1033 . 18 810 Gerichts- prozesse mit 74 384 Angeklagten statt, während die Gesamtzahl der Opfer 1 521 208 betrug und 1932 9188 Prozesse mit 44 122 Angeklagten bei einer Gesamtzahl der Opfer von 3 388 082 .. Außerdem muß in Betracht gezogen werden, daß sich das Gefängnisregime für die politischen Gefangenen in den letzten Jahren bedeutend verschlechtert hat. Es genügt darauf hinzuweisen, daß die revolutionären Gefangenen in den meisten Ländern.

• Der gewaltige Unterschied und Rückgang der Zahlen in der Rubrik „zum Tode verurteilt" ergibt sich dnrnus, daß in China z. B allein im Jahre 1931 91 229, 1932 7704, 1033 aber nur noch 601 und 1934 überhaupt keine gerichtlichen oder standrechtlichen Todesurteile mehr veröffentlicht wurden. Dagegen stieg die Zahl der Ermordungen. •• Diese Zahlenangabe ist wegen mangelnder Information unvollständig. Sie liegt in Wirklichkeit ohne Zweifel höher, da sich z. ß. in China und in der Mandschurei in den von· der Kuomintang und von den Jnpnnern eingerichteten Konzentrationslagern allein mehr als 800 000 politische Gefangene befinden. 3 We!Oer Terror 33

Helene Stassowa

der elementaren Rechte „politischer Häftlinge" beraubt sind, und daß die politischen Gefangenen gefoltert undi mißhandelt ,verden. Oh,vohl vcrsländlichenveise nicht -alle Fälle von l\iißhandlungen und Folterungen bekannt wurden und erfaßt ,verden konnten, ,vurde 1933 die Folterung und �lißhandlung von 200 475 politischen Gefangenen gezählt, 1934 von etwa 150 000. Es ist ganz selbstverständlich, daß das im Dezen1ber 1933 tagende Plenum des Exekutivkomitees der Komintern gegen diese ungeheuerHchen Bestialitätcn des untergehenden Kapitalism us seine Proteststimme erhob. In einem an die Proletarier, die ,verktätigen und Kom1nunislen aller Länder gerichteten besonderen Aufruf „gegen den ,veißen Terror" ·wird ein krasses Bild von dem grauenhaften Terror gegeben, der in der ganzen kapitalistischen "\\7elt herrscht. Der Aufruf endet mit der Aufforderung an alle Arbeiter, Werktätigen und Soldaten, den Kainpf gegen den faschistischen Terror zu entfalten, den Führer der l{on1munisÜschen Partei Deutschlands, Tlzälmann, den Händen der Henker zu entreißen und die faschistischen Henker zu zwingen, die in den faschistischen Kerkern schmachtenden revolutionären Arbeiter freizulassen. Dieser Kampfruf der Komintern fand unter den ,verkliitigen l\fassen der ganzen ,velt lauten ,Viderhall. Davon zeugt die Durchführung der internationalen Kampagne für die Befreiung DimitrofTs, PopofTs und Taneffs, die von einem gHinzcnden Sieg gekrönt ,vurdc. Davon zeugt die breite Solidaritülskampagne für das österreichische Proletariat, die nach der •blutigen Niederschlagung der Februarkä1npf� der Arbeiter Oeslerreichs in der ganzen \Vclt entwickelt wurde. Davon geben auch die 1nächlige internationale s Solidarität,velle für die Opfer des Terrors in Spanien nach dein glorreichen Oktoberaufstand wie auch die Thühnannkampagne Zeugnis. Der heldenhafte bewaffnete J{ampf des österreichischen Proletariats im Februar 1934, die machtvollen antifaschistischen Kundgebungen des französischen Proletariats, der l\1arsch der Arbeitslosen nach London, der heroische Aufstand des spanischen Proletariats im Oktober 1934, der mutige Kampf der Roten Armee Chinas und all die anderen Kämpfe des internationalen Proletariats zeugen davon, daß es dein faschistischen Terror nicht gelingen wird, das zum Untergang verurteilte kapitalistische System zu retten.

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VO�\'I -:NOSKETERROR ZUM HITLERFASCI-IIS�1:US Von ,v i 1 h e 1 m P i e c k * Angefcuert vo1n Beispiel der siegreichen Oktoberrevolution, vor,värtsgetrieben von der revolutionären Agitation, die die kleine Gruppe unter der Führung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs, die späteren Begründer der Kon1munistischen Partei, ·betrieb, nutzten die Arbeiter und Soldaten Deutschlands den militärischen Zusnnunenbruch zur revolutionären Erhebung, zum Sturz der ,vilhcln1inischen I-Ierrschaft aus. Im November 1918 setzte der erste Auftakt der proletarischen Revolution in Deutschland ein. Nach dem Beispiel der russischen Revolution entstanden Arbeiterund Soldatenräte. Das deutsche Proletariat hatte den imperialistischen Krieg in den Bürgerkrieg, in die Revolution ver,vandelt. Aber den deutschen Arbeitern fehlte die ,vichtigste Voraussetzung für den Sjcg der proletarischen R•evolution. Es gab nooh keine kon1munislische Partei, die die Führung der �fassen zum· siegreichen ICampfe um die Macht venvirklichen konnte, wie es in Rußland die bolsche,vistische Partei unter Führung Lenins und Stalins vermochte. Der heldenhafte Kampf der kleinen Spartakusgruppe unter der Losung „Alle �facht den Räten" ,vurde von dem noch bestehenden Masseneinfluß der Soziatlden1okratie erdrückt. Die junge l{ommunistische Partei, die jetzt erst, um die Jahreswende 1918/10, im Feuer des revolutionären l{an1pfes begründet wurde, verfügte noch keines,vegs über eine solche revolutionäre Strategie und Taktik, um mit Er.folg die �Iehrheit der Arbeiter­ k4asse für den Kampf um die Macht ge,vinnen zu können. Die Sozialdemokra tic sprang für die Bourgeoisie in die Bresche. Dieselben Führer der Sozialden1okratie, die viereinhalb Kriegsjahre hindurch die w•ilhe]minischc 1-Icrrschaft auf Schritt und Tritt . verteidigt halten, vertauschten jetzt ihre bisherigen sozialpatriotischen Phrasen mit scheinradikalen Beke_nntnissen zur „Revolution", zum „Sozialismus", und stellten sich ,viederum, ,vie schon während des Krieges bei dem großen �funitionsarbeiterstrcik im • Nach einer Matcria1zusnmmenstcllung ,·on P. M.. 36

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Wilhelm Pieck

Januar 1918, an die Spitze der Massen, um desto besser die Revolution verraten und die Bourgeoisie retten zu können. Aus Vertretern der Mehrheitssozialdemokratie und der Unabhängigen wurde·eine gemeinsame Regierung gebildet: der sogenannte „Rat der Volksbeauftragten", die Regierung Ebert-Scheidemann-Landsberg-Haase-Dittmann-Barth. So wie die Bourgeoisie nach dem 9. November 1918 zunächst das Feigenblatt einer rein sozialdemokratischen Reg ierung ·benötigte, um illre erschütterte Macht wiederherzustellen und den Ansturm der Arbeiterklasse abzuwehren, so benutzten die Ebert-Scheidemann anfangs die unabhängig-sozialdemokratischen Regierungskollegen als Deckmantel gegenüber den revolutionären Massen zur Vcrschleienrng �rer konterrevolutionären Politik. Aus Furcht, daß es der aus dem Spartakusbund hervorgegangenen jungen Kommunistischen Partei gelingen würde, die Massen unter ihrer Führung für den Kampf um die Aufrichtung der proletarischen Diktatur zu sammeln und die Revolution von1 Sturz der Hohenzollern und sonstigen Fürstengeschlechter von ihren Thronen zum Sturz der Bourgeoisie weitcrzutrciben, griff die Bourgeoisie samt ihren sozialdemokratischen Helfern zum l\Iiltel der blutigen Provokation.Noch vor der Jahreswende 1918/19 setzte der konterrevolutionäre Terror ein. Zweimal - am 6. Dezembe r und am 24. Dezember 1918 - ließ die Regierung Ebert-Scheidemann blutige Ueberfälle auf die Berliner Arbeiterschaft durch ihre konterrevolutionäre Soldateska inszenieren. Dann folgte der Bruch mit der USPD, der Eintritt Noskes in die Regierung, und im Januar 1919 - zwei Monate nach dem ersten Auftakt der Revolution - der unmittelbare konterrevolutionäre Angriff auf die Berliner Arbeiterschaft mit dem Ziele ihrer blutigen Niederschlagung, um den revolutionären Aufschwung im. Keime zu ersticke n. Die sozialdemokratische R egierung schloß ihren Pakt mit den wilhelminischen Generalen, bewaffnete die von den Arbeitern und Soldaten enhvaffnele monarchistische Konterrevolution, organisierte die berüchtigten Freikorps Noskes und entfesselte auf der ganzen Linie den brutalen, hemmungslosen weißen Terror gegen die Arbeiterklasse. Es ist kein Zufall, daß die gleichen konterrevolutionären Offiziere, Junker und Studenten, die damals an der Spitze der Freikorps den ersten Ansturm der deutschen Arbeiterklasse im Auftrage der so�ialdemok ratischen Regierung blutig niederwarfen, heute an der Spitze der faschistischen Kampf- und Terrororganisationen stehen, 36

Vom No!kelerror zum Hitler/a!chi!mu!

die im Zeichen des Hitlerregimes den faschistischen Terror gegen das deutsche Proletariat betreiben. Im konterrevolutionären Terror der Ebert-Scheidemann-Noske ,vährend der ersten Sturmjahre der Revolution ,vurden die ersten Voraussetzungen für die faschistische Diktatur geschaffen. Die ganze Geschichte des Terrors der deutschen Bourgeoisie gegen die revo:lutionäre Arbeiterbe,vegung ,vährend der vergangenen 17 Jahre spiegelt den Gang des ,l{lassenkampfcs ,vider. Der "7eg der Bourgeoisie von E·bert und Noske zu Hitler und Göring ist die große geschichtliche Bestätigung der Lehre: Es gibt keinen anderen ,,reg zur Befreiung vom kapitalistischen Joch und zum ,v Aufbau des Sozialismus als den eg der ·proletarischen Revolution, die Aufrichtung der Diktatur des Proletariats auf den Trümmern des bürgerlichen Staates, es gibt keinen anderen Weg aijs die schonungslose Vernichtung der Konterrevolution und die zielbewußte und entschlossene Sicherung der proletarischen Herrschaft! 1918 beendigte die deutsche Arbeiterklasse den imperialistischen "7eltkrieg durch ihre revolutionäre Erhebung. 1935 m arschiert die faschistische Bourgeoisie Deutschlands an der Spitze der imperialistischen Brandstifter, die einen neuen Weltkrieg entfesseln ,vollen. 1918 hatten die Arbeiter und ,verktätigen Deutschlands die ,vafTen in ihren I-Iänden, ,vährend das konterrevolutionäre Gesindel der Generale, Offiziere, Studenten und reaktionären Bürokraten enhvaffnet war. 1935 ist die Bourgeoisie samt ihren Terrorformationen bis an die Zähne be,vaffnet, ,vährend der Arbeiterklasse sogar ane ihre legalen Organisationen und Institutionen geraubt und zertrümmert sind. Das alles ist die Frucht jenes �ozialdemokratischen Weges, den die Mehrheit der Arbeiterklasse Deutschlands seit 1918 einschlug.

I Die e r ste Eta p p e d es w e i ß e n Te r r o r s unte r d e r Ebe rt-N o s k e-R e g i e run g Kriegsrecht, Militär.gerichtsbarkeit und Schutzhaft gingen for- · mell im November 1918 mit der ,vilhelminischen Herrschaft zu Ende, sie feierten aber in viel größerem Un1fang als unter dem Kaiserreich ihre Auferstehung, sobald die bürgerlich-sozinldemokratische Konterrevolution ihre blutigen Schlachten gegen die revo• lutionäre Vorhut des Proletariats zu schlasen besann. Die ganze 37

\Villtclm Picck

erste Periode der Republik bis zum Kapp-Putsch im i-färz 1920 ist erfüllt von dem Terror der weißen Garden, der Standgerichte, der MHilärgerichtsbarkeit, die jede weißgardistischc Formation zum Richter und Henker in einer Person machte, und von der vVillkür , der Schutzhaft, deren Verhängung unter dein ständigen Belagerungszustand den 1'1ilitärbefehlshabern Noskes, d. h. den alten kaiserlichen Generalen, zustand. Die sogenannte Denwkratisierung bestand also in der deutschen Republik von vornherein aus der fast schrankenlosen �1ordfreiheit für die KonterreYolution. Am 6. Dezember 1918 setzte der erste Vorstoß .der ,veißgardistischen Offizierskan1arilla im Dienste der Ebcrt-Scheide1nann ein. Eine von Eichhorn, dem revolutionären Polizeipräsidenten Berlins, ausdrücklich gebilligte Demonstration, zu der der Rote SolcL.'ltenbund aufgerufen hatte, ,vurde in der Chaussee- Ecke Invalidenstraße planmäßig überfallen und mit 1faschinengc,vehren beschossen. Unbewaffnete revolutionäre Soldaten fielen diesem feigen Ueberfall der Konterrevolution zum Opfer (14 Tote, 32 Sclnvcrverwundete). Eine mächtige Protestwelle der Berliner Arbeiterschaft setzte ein, die auch zum Teil in den Kasernen unter den Soldatenmassen, vor allem bei der Volksmarinedivision, der ersten revolutionären Truppe Deutschlands, ihren ,viderhall fand. Es war kein Zufall, daß danach der nächste Anschlag der Konterrevolution sich gegen die Volksn1arinedivision richtete. In .den Weihnachtstagen, am 24. Dezember 1918, rückten plötzlich unter Führung des monarchistischen Generals von Lcquis von Potsdan1 her konterrevolutionäre Truppen in Berlin ein und cröftneten ein förmliches Bombarden1cnt .gegen Schloß und 1Iarsta11, um die dort untergebrachten :Matrosen der Volksmarinedivision zu vertreiben. Auch dieser Anschlag scheiterte sowohl an dein heldenmütigen Kampf der revolutionären 1{atrosen, die einer mehr als dreißigfachen Uebermacht unerschrocken \\7iderstand leisteten und mit wenigen Maschinenge,vehren gegen die Flammen,verfer und Feldgeschütze der ,veißcn Truppen ankämpften, wie auch an dem drohenden Massenaufmarsch der Berliner Arbeiter, die sich im Rücken der konterrevolutionären Truppen zusam1nenballten, so daß diese ihre Einkreisung undJ Vernichtung zwischen z,vei Fronten befürchteten. Ein Demonstrationszug von Frauen und Kindern marschierte schließlich direkt auf die Soidaten zu, die daraufhin die Fortführung des Kampfes verweigerten, so daß die Offiziere schließlich von sich aus um Waffenstillstand baten. Die Beerdigung der bei diesern Kampf gefallenen �fatrosen, d�e während ·oes Gründungs- 38

Vom Nosketerror zum Hitler/ascliismus

parteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) unter Teilnahme aller Delegierten stattfand, ,vurde zu einer riesigen Kan1pfdemonslration des Berliner Proletariats gegen die Ebert-Scheiden1ann-Regierung. Unter dem Druck der täglich stärker revolutionierten l\1assen traten die unabhängig-sozialdemokratischen l\finister aus der Regierung .aus. Noske ,vurde l\finister. '''enige Tage später, Anfang Januar 1919, eröffnete die sozialr . demokratische Regierung, in der von nun an Noske den Ton angab, auf breitester Front die konterrevolutionäre Offensive. Angesichts der Gefahr, daß die ,veiterc Revolutionierung der Massen der jungen Komn1unistischen Partei in kurzer Frist die Voraussetzungen für die siegreiche Eroberung der l\1acht geben ,viirde, z,vang Noske die Berliner Arbeiterschaft, als das Zentrum der revolutionären Be­ ,vegung, mit brutalen Provokationsmethoden zum Kan1pf. Die sozialdemokratische Regierung und die monarchistische Generalität entfesselten die Berliner Januarkämpfe, die infolge der verräterisch sclnvankendcn und feigen Haltung der zentristischen Führer der Unnbhiingigen Sozialdemokratischen Partei und der großen �fängel und Sclnvächen, dtie die junge Kommunistische Partei so­ ,vohl politisch als auch organisntorisch auf\vies, mit einer Niederlage der Arbeiter endeten.· Die revolutionären Arbeiter hatten sich im Verlauf der .Januarkämpfe unter anderem des ,,Vor,värts"-Gebäudes bemächtigt, ,vo das sozialdemokratische Zentralorgan gedruckt ,vurde. Diese von der Berliner Arbeiterschaft geschaffene Zeitung ,var während des Krieges vom Vorstand, der Sozialdemokratischen Partei mit Hilfe des kaiserlichen Generalkommandos durch einen einfachen willkürlichen Handstreich den Berliner Arbeitern geraubt ,vorden und ,vurde nun im revolutionären Kampf zurückerobert. A4s die Niederlage der kämpfenden Arbeiterschaft besiegelt ,var, schickte die revolutionäre „Vorwärts"-ßesatzung am t t. Januar 7 Parlamentäre: Karl Grubisch, ,volfgang Fernbach, Walter Heise, '\\Terner Möller, Erich }{luge, .Artur Schöttler und einen unbekannt gebliebenen Arbeiter zu der Nosketruppe: die den "Vorwärts" belagerte. Diese unbe,vaffneten Parlamentäre ·wurden auf Befehl des Majors von Stefani, des späteren Berliner Stahl- helmführers, tin der Dragonerkaserne in der Belle-Alliance-Straße erschossen. Die Januarkämpfe kosteten der Berliner Arbeiterschaft eine große Anzahl heldenhafter proletarischer l{lass(lnkämpfcr. An ihrer Spitze die Führer des revolutionären Proletariats Deutschlands JJnd Begründer der jungen Ko1nn1unistischcn Parl(\t �o

ll1ilhclm Pieck

Deutschlands ' Karl Liebknccht und ,Rosa. Luxemburg, die iin Anschluß an die Januarkämpfe verhaftet und ermordet ,vurden. Vlie der da1nalige stellvertretende Stadtkommandant Berlins, der Sozialdemokrat Anton Fischer, in seinem Buch „Die Revolutionskommandantur Berlin" schreibt, wurde von Anfang an ein umfangreicher Spitzel- und Provokateurapparat gegen den Spartakusbund aufgebaut. Besonders von den Industriellen wurden große Summen dafür gestiftet, deren Verwaltung dem Berliner Kommandanten, dem sozialdemokratischen Führer Otto ,ve1s, unterstand. Anton Fischer stellt in seinem Buch fest, -daß aus diesen Spenden vor allem die Spitzel besoldet wurden, die die Aufgabe hatten, besonders die Führer der Revolution zu beobachten und zu verfolgen. Von solchen Subjekten, J\filgliedern einer sogenannten Ein"•ohnerwehr, ,vurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg am Abend des 15. Januar 1919 ohne jeden Haftbefehl in einer Berlin-,Vilmersdorfer Wohnung verhaftet, nach dem Edenhotcl, dem I-Iauptquartier der Gardekavallerie-Schülzendivision, der schlimm�len konterrevolutionären J\{örderzentrale, gebracht und ermordet. Nach der ersten amtlichen Darstellung der Ebcrt-Scheide1nann-Noskc­ Regierung sollte Karl Liebknccht auf der Flucht erschossen und Rosa Luxemburg von einer l\fenschenmengc gelyncht •worden sein. In Wirklichkeit wurden beide von den Noskeoffizieren des Edcn- hotels ermordet. Karl Liebknecht erhielt beim Abtransport vom Edenhole1 von dem auf Posten stehenden Jäger Runge zwei Kolbenschläge über den Kopf. Er ,vurde· dann halb bewußtlos in einem Auto durch den Tiergarten gefahren, nach Vortäuschung einer Panne zum Verlassen des Kraftwagens gez"'ungen, ,,auf der-Flucht erschossen" und als unbekannte Leiche ins Leichenschauhaus eingeliefert. Den ersten Schuß gab Kapitän von Pflugk-Hartung ab. Beteiligt ,varen ferner an der Ermordung die Offiziere Liepmann, Stiege, von Ritgen und .Schu1lze. Einer der Hauptanstifter war Hauptmann Pabst, der engste Mitarbeiter Noskes, der später beim Kapp-Putsch, sodann in der H;itlerbewegung und in den österreichischen Heimwehren als faschistischer Führer eine große Rolle lSpielte. Rosa Luxemburg erhielt in der gleichen Weise "1ie Karl Liebknecht mehrere Kolbenschläge von dem Jäger Runge, den die Offiziere, vor allem ein Hauptmann Petri, dazu angestiftet hatten. Die Ohnmächtige ,vurde in ein Auto geschoben und unterwegs schoß ihr der Leutnant Vogel eine Kugel dui:�h den Kol>f und ließ die iO

Vom Noskctcrror zum Hitlerfauhismus

Leiche in den Land,vehrkanal ,verfen, ,vo sie erst nach fast einem halben Jahr, im Juni 1919, gefunden ,vurde. Am Tage nach den 1\1:euchelmorden liefr sich die ganze Mördergesellschaft bei einem fröhlichen Saufgelage photographieren. Di�­ ses Photo konnte später in der „Roten Fahne" veröffentlicht werden. Die Ebert-Scheidc1nann-Noske-Regierung überließ die Untersuchung .dem Kameradengericht derselben Division, deren Offiziere den ·1\1orcL verübt hatten. Der Jäger Runge ,vurde mit falschen Papieren abgeschoben. Erst im Februar 1919 wurden er und Leutnant Vogel verhaftet. D� dem Empörungssturm des deutschen Proletariats ,venigstens formell Rechnung getragen ,verden sollte, wurde ein „Kriegsgerichtsprozeß" in Szene gesetzt. Anfang �Iai 1919 tagte das Kriegsgericht. Runge erhielt ,vegen „Wachvergehens" und ,,�Iißbrauch der '-'r affe" 2 Jahre Gefängnis. Vogel wurde wegen „ersclnverlen vVachvergchens iin Felde" ( !) , ,vegen ,,�liBbrauch der Dienstge,vall" und ,vegen „Beiseiteschaffung einer Leiche" zu z,vei Jahren 4 �Ionalen Gefängnis verurteilt. Dem Leutnant Liep1nann ,vurden 6 '-'rochen Stubenarrest zudiktiert. Alle übrigen 1\Iördcr ,vurden freigesprochen. Untersuchungsrichter ,var der Kriegsgerichtsrat Jorns, der später wegen seiner Tüchtigkeit bei der Verluschung des Mordes noch die höchsten Justizposten der Republik erklimmen sollte. Seine Untersuchung und Prozeßführung war von Anfang an eine freche Komödie. Der Leutnant Vogel ,vurde bald nach der Urteilsverkündung mit falschen1 Paß nnoh Holland geschickt. Der Jäger Runge legte später protokollarisch ein Geständnis ab, in dem es nach der Feststellung, daß er die Kolbenschläge gegen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg auf Veranh15sung der Offiziere getan hatte, folgendermaßen heißt: 1 Ich sprach mit Kriegsgerichtsrat Jorns wiederholt privat und er sa�te mir: Ne bmen Sie ruhig alles auf sich, vier Monate werden es nur, und Sie können ;ich dan n immer an uns wenden, wenn Sie in Not sind!' Die Zellentüren standen stets offen. Sämtliche Angeklagte machten den Richter. Ich mußte den Angeklagten spielen, und es wurde immer gesagt, wenn ich meine Aussage nicht richtig einlernte, läge mal eine Handgranate im Bett, wenn ich schlafen ginge. Mit dem Stab <les Edcnhotels stand ich öfters in telephonischer Verbin- du ng. Ich mußte ihm vor meiner Flucht genau angeben, mit welchem Zuge ich nach Flensburg fahre und wann ich dort ankomme.'' Durch dieses Geständnis ,vurde die Urteilsbegründung des Kriegsgerichts völlig entlarvt, Das Geständnis gelangte am 6. Januar 1920 auch in die llände des Rcich&ministers Noskc und des Obersten Reichsmilitärgerichts. A•der es geschah nichts. 41

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lV il h c l m Pi c c k

Nur Krie"S"edchtsrat Jorns hatte sich das Sprungbrett für seine Karrier� ;eschafTen. Er ,vurde unter der vVcimarer Republik Hilfsarbeiter beim Reichsgericht, Oberstaatsan"·alt und zum Schluß Reichsanwalt, d. h. Ankläger beim Obersten Gericht der Republik. Im Hitlerdeutschland ,vurde er Vorsitzender des höchsten Blutgerichts des Faschismus, des sogenannten Volksgerichts. Daß zwischendurch, im Jahre 1929, in einem Beleidigungsprozeß seine ßecrünsl o igun"t, der Liebknechtmörder und seine • Recht5beu-• gung gerichtsnotorisch festgestellt wurde, ,var schon 1n der , , e1- '"tT

marer Republik kein Hindernis für seine glanzvolle Juristenkarriere, für Hitler aber eine direkte Empfehlung. Zu den Opfern der Januarkämpfe zählten auch 4 Spartakusleute aus Spandau: von Lojowsld, �ferks, Jordan und, !\Iilkert. Auf dem Transport von Spandau durch den Tegelcr Forst nach Berlin ,vurden diese 4 Gefangenen im Lastwagen niedergeschossen. Später hieß es auch von ihnen, sie seien „auf der Flucht erschossen" worden. Ob,vohl die !\förder bekannt ,varen, wurde nicht einmal ein Verfahren gegen sie eingeleitet. Im 1'färz 1919 kam es in Berlin zum Generalstreik gegen die Ebertregierung. Noske ließ sofort seine weißen Garden, die zum großen Teil aus fTeiwilligen Bürgersöhnen gebildet ,varen, gegen die „Aufrührer" marschieren. Um die nötige Blulstin11nung zu schaffen, ,vurde am 9. und 10. 1'Iärz die amtliche Nachricht verbreitet, Spartakus habe in Lichtenberg bei Berlin 60 Polizeibean1le {später ,vurden es sogar bis 150) als Geiseln abschlachten lassen. Diese völlig erlogene I-Ielz1neldung, die schon am 13. 1Iärz ,viderrufen ,verden mußte, diente als Vorwand für die Verkündung dEs Standrechts und den folgenden Schießerlaß Noskes: „Die Grausamkeit und Bestialität der gegen uns kämpfenden Spartakisten zwingen mich zu folgendem ßrfchl: Jede Person, die mit den \VaITen in der Hand gegen die Regierungstruppen kämpfend angelroITen wird, ist sofort zu erschießen." Die Gardekavallerie-Schützendivision ergänzte diesen 1'fordbefehl dahin, daß auch derjenige sofort an die Wand gestellt werden soll, in dessen ,vohnung. irgendeine ,vaffe gefunden würde. Der Naclnveis der Teilnahme a111 Kampf sei nicht notwendig. Auf Grund dieses Blutdekretes ,vurden zahlreiche revolutionäre Arbeiter, aber auch zum Teil unpolitische Personen, von der Soldateska Noskes ermordet. Besonders grauenhaft ,var die Erschießung von 29 Matrosen am 11. �färz 1919 in de r Französischen Straße Nr. 32 in Berlin. 42

Vom Nosketerror zum flitler/aschismus .. Es ,varen dies 1\1ilglieder der aufgelösten Volksmarinedivision, die zum �eil sogar für Ebert gekämpft und ,vährend der Aufstandstage die Reichsbank geschützt hatten. Sie kamen auf Grund eines Befehls unbe,vaffnet zu einem Löhnungsappell. Der Oberleutnant 1iarloh suchte sich aus den 250 friedlich zum Löhnungsappell angetretenen 1\Iatrosen 30 heraus, die ihm ,vegen ihres intelligenten oder trotzigen Aussehens auffielen, _ließ sie dm Hof vor ein Maschinenge,vehr stellen und zusammenschießen. Ein Matrose entging wie durch ein \Vunder, nur leicht ver,vundet, dem �Iassaker. Er stellte sich, in dem I-Iaufen der Leichen liegend, tot, ,vurde dann herausgefunden und zu Oberst Reinhardt, dem militärischen Ver- . trauens1nann Noskes, geführt. Dieser äußerte kait lächelnd: ,,Qann müssen auch Sie erschossen ,ver-den." Als es endlich im Dezember 1919 zu c-ine1n Totschla,gsprozeß nicht ehva gegen Oberst Reinhardt,· sondern nur gegen den Oberleutnant Mar1oh kam, ,vurde dieser freigesprochen. Noske bescheinigte ihm vor Gericht, er: habe auf Grund des Schicßcrla::;ses glauben können, durch die Füsilierung einen ordnungsgemäßen Dienstbefehl auszuführen. Unter Hitler ,vurde 1\farloh völlig „rehabilitiert". Auf Grund des Noskeschen Schießerlasses ,vurden in vielen Fällen Personen aus ihren \Vohnungen herausgeholt und ohne Federlesen auf den IIaushöfen erschossen, ,veil sie irgendwelche unbrauchbare Waffen a-1s Erinnerungsstücke aus dem Krieg in ihrer Wohnung aufbe,vahrt hatten. Ein Zigarrenhändler, Johann �{ü1ler, ,vurde vor c1en Augen seiner Frau und seiner Tochter erschossen, ,veil bei ihm Broschüren der Unabhängigen S(?zialdemokratie und des Spartakusbundes gefunden wurden. Sein 1\förder, ein Leutnant Baum, ,vurde freigesprochen. Bekannt ,vurde unter andcre1n die Erschießung von drei 16-18jährigen jungen Leuten, Kurt Friedrich, I-Ians Ga]uska und Otto ,verner, des Tischlermeisters Richar<l Borchard, des 16jährigen Abrahamson, des J{lempnermeisters �rallmann und der beiden Dnenschel, Vater und Sohn. Zu gleicher Zeit ereigneten sich in den Gefängnissen zahlreiche Gefnngenenmorde. Berüchtigt ,vegen der Torturen und Erschießungen ,varen das Gefiingnis in der Lchrter Straße und das Gelände des Vergnügungsparks Ulap, auf dem die Nosketruppen schon dama�s eine Art von Konzentrationslager für Berlin eingerichtet hatten. Auf dem Ulapge1ände ,vurde viele Jahre später, anläßlich von Ausschachtungsnrbeiten, eine große Anznhl von Skeletten der dort im Jahre 1919 Ermordeten gefunden. Im Jahre 1933 ,vurde der Ulap erneut von den Sturmabteilungen Hitlers, der SA, als Folter- 43

• lV il h cl m Pie c k

bölle eingerichtet. Im Gefängnis Lehrter Straße saß 1919 eine Zeitlang l{arl.Radek, der als Vertreter der russischep Arbeiter und Bauern an der Spitze einer Sowj�tdelegati�n nach dem Ausbruch der Novemberrevolution nach Deutschland gekommen ,var, von der sozialdemokratischen Regierung aber eingekerkert ,vurde. Die Noskegardisten feuerten mehnfach durchs Fenster Schüsse in seine Zelle ab, so daß er in dauernder Lebensgcfahr schwebte, bis die So,vjetmacht seine Auslieferung erzwang. Am 10. 1\färz 1919 ,vurde auf Befehl Noskcs der engste Kampfgefährte Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts, der Leiter und Organisator des Spartakusbundes ,vährend des Krieges, Leo Jogiches, verhaftet. Am nächsten Tage ,vurde er im Treppenhaus des Kriminalgerichts 1\foabit von dem Kriminahvachtmeister Ernst Tamschik niedergeschossen. Ebenso erging es Dorenbach, dem Führer der Volksmarinedivision. Für diesen doppelten Gefangenenmord wurde Tamschik von der sozialdemokratischen Regierung nicht etwa unter Anklage gestellt, sondern zur Belohnung in der Schupo, der preußischen Polizei, zum Leu lnant befördert.

II D e r w e iße T e r r o r nac h d e r Bayr isc hen Räterepublik . . . Am 21. Februar HH9 ,vurde der bayrische 11:inisterpräsident Kurt Eisn�r, ein unabhängiger Sozialdemokrat, auf dem ,v ege zum Münchener �andtagsgebäude von dem Grafen Areo-Valley durch zwei l{opfschüsse ermordet. Der 1förder ,vurde zum Tode verurteilt, dann zu lebenslänglicher Festungshaft begnadigt und schließlich ,als hochgefeierter Patriot in Freiheit gesetzt. Der Führer der bayrischen Sozialdemokratie, Erhard· Auer, sandte dem l\Iörder einen kostbaren Blumenstrauß ins Gefängnis. Die Empörung der Münchener Arbeiter über die Ermordung Eisners führte zu einer mächtigen Steigerung der Gärung und zur Radikalisierung der Massen. Die sozialdemokratische Regierung Hoffmann unternahn1 nach dem Vorbild Noskes den Versuch, den revolutionären Vormarsch durch einen ungeheuren Aderlaß am Münchener Proletariat zurückzuwerfen. Unter Teilnahme rechtssozialistischer 1'1:i­ nister wurde gegen den '\Viderstand der von Eugen Levine geführten Kon1munist�n gemeinsam mit der Unabhängigen Sozialde1no- 44

Vom Nosketerror zum Hitlerfascliismus

kratischen Partei (USP) und einigen anarchistischen Schriftstellern, darunter Erich Mühsam, auf dein Papier die Gründung einer Bayrischen Räterepublik vollzogen, ohne daß die Voraussetzungen für die wirkliche revolutionäre :Machteroberung des Proletariats schon herangereift ,varen. Diese unter Teilnahme namhafter Führer der Sozialdemokratie geschaffene Schein-Räterepublik wurde dann von der sozialdemokratischen Regierung Hoffmann, die sich nach Ba1nberg zurückzog, zum An'laß für einen militärischen Ueberfall auf die :rviünchener Arbeiterschaft genommen. Die Kommunisten traten an die Spitze des Kampfes der Massen gegen diesen Ueberfall. Der Kampf führte zur :Machtergreifung und zur Errichtung der Diktatur des Proletariats. Die bayrischen Arbeiter hielten die �lacht siebzehn Tiage in ihren Händen. Sie organisier­ t�n eine Rote Armee von etwa 20 000 :Mann und führten eine Reihe von Sozialisierungsmaßnalunen durch. Die Niederschlagung der bayrischen Räterepublik gelang der deutschen Bourgeoisie nur unter Einsatz ihrer gesamten militärischen Kräfte. Am 1. l\1ai 1919 fiel I\Iünchen in die :Hände der Weißen. Eine furchtbare Terrorwelle setzte ein. Wenn man von den Rotarmisten absieht, die im Kampf bei der Verteidigung :Münchens gefallen sind, so gab es selbst nach amtlichen Angaben unn1ittelbar nach der Eroberung Münchens allein 557 standrechtliche Hinrichtungen und Ermordungen. Unter den Erschlagenen befand sich der rote Kommandant ton München, Eglhofer. Im Gefängnis Stadelheim wuvden 30 gefangene Revolutionäre, darunter auch Frauen, z. B. die Straßenbahnschaffnerin Kling, zu Tode gefoltert. Die Anarchisten Landauer, ein angesehener Schriftsteller und Literaturhistoriker, und Sontlieimer wurden in Stadellieim totgesch1agen. Bei Graefelfing, in der Nähe Münchens, wurden 53 unbewaffnete russische Kriegsgefangene, die von der Räterepublik freigelassen ,vorden ,varen, in einer Kiesgrube erschossen, obwohl sie an den Kämpfen überhaupt nicht beteiligt waren. In Perlach ,vurden 12 l\fitglieder der USP sta�drechtlich erschossen. Die l\förder wurden sieben Jahre später vor Gericht gestellt, aber freigesprochen. Am 6. Mai 1919 fand in München eine Versammlung katholischer Gesellen statt, die sich mit harmlosen Fragen einer Liebhaber-Theaterauffiijirung beschäftigte. Die jungen Katholiken wurden als Spartakisten denunziert, 21 von ihnen wurden auf Befehl eines Hauptmanns von Stutterheim verhaftet, in einen Keller eingesperrt und dort in ·bestialischer '\Veise von betrunkenen Sol- ' 46

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l\1 ; 1 J, c 1 m P i c c k

-daten abgeschlachtet und ausgeplündert. Auf Druck der katholischen Kirche ,vurden stall des schuldigen Hauptmanns z,vei seiner Untergebenen, ein Vjzefcldwebel und ein Soldat, ,vcgen des Massen1nordes zu Gefängnis verurteilt. Im Anschluß an die :Münchener Kfunpfe wurden 6800 Jahre Zuchthaus- und Gefiingnisstrafen verhängt. Der Führer der Bayrischen Räterepublik, Eugcn Lcvine, dessen heldenhaftes Auftreten vor dem IGassengericht sich ,vürdig der Tradition Karl Liehknechts und seines Kampfes vor dein kaiserlichen Kriegsgericht anschloß, wurde unter der sozialden1okratischcn Regierung I-IofTmann am 5. Juni 1919 auf Beschluß eines sogenannten Volksgerichts im Gefängnis Stadelheim standrechtlich erschossen. Der „Befreier" l\iünchens ,var der General Epp, der damals noch Noske und der sozialdemokratischen HoITmannregierung diente, dann vierzehn Jahre lang die Pension der ,Yciinrner Republik für seine Verdienste bei der Niederschlagung des l\Ii.inchencr Proletariats bezog und heute als ,viitcnder Hitlcrfaschisl den Posten eines ReicJ1sstatlhalters in Bayern bekleidet. So ,yie sich in der Person dieses ,veißgardislischcn I-Ienkergenerals dcutlicli der Weg der· Konterrevolution vom Noskcterror zum Hillerfaschismus ,viderspiegelt, so zeigt der gesnn1te "reiße Justizterror nach dein Zusammenbruch der Bayrischen Räterepublik den Keim c1cr hculigcn Justiz des Dritten Reiches. Die bayrische Rrgierung des Sozialdemokraten Hoffmann schuf nach_ dem Sturz der bayrischen Räterepublik unter dem sehr bezeichnenden Nmnen .,Volksgericht" Ausnahmegerichte gegen die proletarische Bewegung. Im Jahre 1934 errichtete 1-Iiller für seine B�utjustiz gegen die Kon1n1unisten ebenfalls sogenannte Volksgerichte. Berlin und iiünchen ,varen nicht die einzigen Orte, an denen der konterrevolutionäre Terror ,vütete. Das ganze Jahr 1919 war erfüllt von Terrorexpediitione n, die die weißen Garden Noskcs gegen die einzelnen Zentren des revolutionären Klassenkampfes, gegen I-Iamburg, Bre1nen, Braunschweig, gegen das Ruhrgebiet und Oberschlesien durchführten. Vorn iHirz his Dczen1ber 1919 mußte die l{ommunislische Partei Deutschlands infolge des von1 Reichspräsidenten Ebert verhängten Belagerungszustandes illegal arbeiten, wenn auch kein formales Verbot bestand. Zu Beginn des Jahres 1920, am 13. Januar, scho,sen Nosketruppen vor dcn1 Reicl1s­ tagsgebäude in eine riesige Den1onstralion der• Berliner Arbeiterschaft gegen die Verschandelung des Betriebsrätegesetzes. 42 Tote· und Hunderte von Verwundeten blieben am Platze. 40

Vom Noskctcrror zum /Jitlcr/a.<ichismus

III D e r K a p p -P uts c h u n d die R o t e A r m e e i m Ruh r geb i e t Die ,veißgardistischen Aktionen N oskes und der Offizierskama­ r.illa gegen das Proletariat in den verschiedenen Industriezentren Deutschlands ,vährencl des Jahres 1919 dienten vor allem der systematischen Enhva1Tnung der Arbeiterklasse. Sie bewirkten gleichzeitig die Aufrüstung und Festigung· der Kräfte der militärischen Konterrevolution. Die verschiedenen Femeorganisationen, die Einwohnerwehren, die bayrische Organisation Escherich (Orgesch) *, die Baltiku1ner, die sich am. lnlerventionskrieg gegen Sowjetrußland Ende 1918 und Anfang 1919 beteiligt hatten, der Stahlhelm, der ,verwolf, der Jungdeutsche Orden (Jungdo), die Brigade Ehrhardt, die später jahrelang als Organisation Consul (OC) ** illegal, aber ungestraft ihre Unlenninierung und Faschisierung der Repu: blik betrieb, endlich die Sclnvarze Reichswehr - alle diese Organisationen 1Schiitztcn .die Ebcrt-Noske-Republik vor der proletarischen Revolution. Im März 1920 fühlte sich die ,veißgardistische Front stark genug, die auf ihren Bajoneltspitzen thronende Ebert­ Noske-Scheide1nann-Regierung abzuschütteln und die blutige Fratze der konterrevolutionären Diktatur offen zu enthüllen. Am 13. 11ärz 1920 marschierten die Ehrhardt und Lüttwitz mit ihren Banden durchs Brandenburger Tor in Berlin ein. Der monarchistische Klüngel reaktionärer Bürokraten und Generale erklärte die sozialdemokratische Regierung für abgesetzt. Die Putschregierung Kapp-Lülhvitz, unterstützt von Ludendorff, dem Oberhaupt des. kaiserlichen Generalstabs ,vä'hrend des Krieges, ergriff die Macht. Ein Generalstreik der Arbeitermassen zwang die Kapp-Lüthvitz­ Regierung am 17. März zur Kapitulation. Als jedoch die Arbeiterschaft den Streik ·bis zur völligen Vernichtung der Reaktion weiterzuführen und durch die Bewa1Tnung des Proletariats und die Bildung der Roten Armee im Ruhrgebiet den ,veißen Garden endgültig den Garaus zu 1nachen versuchte, behandelte die durch den .Generalstreik gerettete bürgerlich-sozialdemokratische Republik die revolutionären Arbeiter sofort als Aufrührer. Die Ebert-Scheidemann­ Regierung, die vor Kapp-Lüthvitz nach Süddeutschland, nach Stuttgart, .geflüchtet ,var und jetzt nach Berlin zurückkehrte, verbündete • So benannt nach ihrem Gründer, Forstrat E&clierich. •• Consul ließ sich Ehrhardl von seinen Lnndsknechtcu nennen.

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n' i 111 c l m P i c c k sich augenblicklich ,vieder mit den Generalen, die eben noch ninter Kapp gestanden hatten. Die "reißen Garden ,varen plötzlich wieder „regierungstreu" und nahmen blutige Rache an den Arbeitern. In ganz Deutschland tobte sich der ,veiße Terror aus. In Breslau ,vurden am 20. :März der Gründer und Redakteur der „Schlesischen Arbeiterzeitung", Bernhard Schottländer, der Redakteur Demmig und fünf Arbeiter verhaftet und ermordet. Schotlländers Leiche, die Spuren furchtbarer Folterungen aufwies, ,vurde später aus dem Oderstrom geborgen. Die iförder waren Offiziere des Freikorps Aulock und des Breslauer Generalkommandos. Korpsstudenten der 1'farburger Universitä t zogen unter Führung des Korvettenkapitäns von Selcho,v nach Thüringen, um „Ruhe und Ordnung ,viederherzustellen". Aus dem von Kämpfen völlig unberührten Bad Thale ,vurden 15 unbewaffnete Arbeiter verhaftet und als Gefangene mitgeschleppt. Bei iiechterstcdt schossen die studentischen Ordnungshelden ihre 15 Gcfangencn ab und ließen die Leichen im Chausseegraben liegen. Die �lörder wurden später freigesprochen. In Berlin ,vurde neben verschiedenen anderen Arbeitern der Köpenick.er unabhängig-sozialdemokratische Stadtverordnete Futran standrechtlich ermordet. Der Elektrizitätsarbeiter \Vilhelm Sylt, ein mutiger, bei seinen Kollegen beliebter Streikführer, ,vurde am 30. 1'Iärz 1920 durch die politische Polizei in Schutzhaft genommen und von dem Kriminalbeamten Janicke im Berliner Polizeipräsidium durch z,vei Schüsse niedergestreckt. Man ließ ihn verbluten. Der 1'fötder ,vurde amtlich gedeckt. Die furchtbarsten Opfer brachte die Arbeiterschaft des Ruhrgebiets. Hier spielte der Sozialdemokrat Karl Severing eine verbrecherische konterrevolutionäre Rolle. Durch das Bielef elder Abkommen gelang es ihm, die Arbeiterschaft des Ruhrgebiets, deren Rote Garden im siegreichen Vormarsch begriffen ,varen, zum Abbruch des Kampfes und zur Niederlegung der Waffen zu verleiten. Wenn auch die revolutionäre Bewegung im Ruhrgebiet schon vorher große Schwächen auf,vies - es ,vurden trotz der faktischen Machtübernahme keine Räte gebildet, keinerlei sozialistische Maßnahmen im Sinne der Verwirklici1ung und Festigung der proletarischen Diktatur durchgeführt- so besiegelte doch erst das Bielefelder Abkommen die Niederlage des Huhr:proletariats. Die Konterrevolu_tion setzte sich sofort nach der Waffenstreckung des Proletariats über alle Vereinbarungen des Abkommens bin,veg und entfesselte einen ,veißen Terror von noch nicht dagewesenem. Aus- 48

C

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Vom Nosketerror zum Hitler/aschismus

maß. In PolkUllil bei Hamm ,vurden 92 standrechtlich erschossene Arbeiter verscharrt. . In Bochum wurden 31 Angehörige der Arbeiterwehr nach der Ablieferung ihrer Wiaffen verhaftet und niedergeschossen. In Reißen ,vurden 5 Personen erschossen. In Haltern wurden 16 Kanalarbeiter,· die mit den vorangegangenen Kämpfen nichts zu tun hatten, an die Wand gestellt. In Bottropp w·urden 14 Arbeiter Opfer des Blutrausches der Soldateska. Die �Iörder blieben ohne Ausnahme straffrei... Unter den· im Anschluß an den Kapp-Putsch Ermordeten war auch der Kapitänleutnant Paasche. Paasche ,var den ,veißen Offizieren besonders dadurch verhaßt geworden, daß er sich aus Abscheu vor den Kolonialgreueln und dem Krieg über den Pazifismus zum Kommunismus entwickelthatte. Er wurde auf seinem in der Ost�ark gelegenen Gut von einem Reichswehrkommando erschossen. In den Jahren 1919 und 1920 sind nicht weniger als 15 000 deutsche Proletarier Todesopfer des weißen Terrors ge,vorden. Ein groteskes Kapitel in der Geschichte der bürgerlichen K.Ias­ -senjustiz in Deutschland bildete die „Bestrafung" der Kapp-Putschisten. Die gleiche sozialdemokratische Regierung, die die revolutionäre Arbeiterschaft mit dem furchtbarsten Terror verfolgte, führte nur gegen einen einzigen monarchistischen Putschisten ein „Verfahren" durch. Der ehemalige kaiserliche Polizeipräsident von Jagow erhielt 5 Jahre Festungshaft. Er „verbüßte" einen Teil .diese r Ehrenhaft, indem er, fast ununterbrochen beurlaubt, auf den Gütern der pommerschen Junker dem Jagdsport huldigte. ·1923 wurde er von· dem sozialdemokratischen Reichspräsidenten Ebert schließlich amnestiert. Alle übrigen Kapp-Putschisten blieben überhaupt ohne jede Strafverfolgung. Ehrhardt erhielt seine volle gesetzliche Pension, ebenso der General Lüttwitz, dem das Reichsversorgungsgericht in einem Prozeß eine jährliche Pension von 17 000 RM zubilligte. Reichsjustizminister war in diesen Jah­ Ten der Sozialdemokrat Radbruch . • IV Vo n d e r M ä r z a k t i o n b i s z u m R a th e naum ord

Das Jahr 1921 brachte die Kämpfe in Mitteldeutschland, die sogenannte Märzaktjon. Im Oktober 1920 hatte die Mehrheit der Un­ :abhängigen Sozialdemokratie auf dem Halleschcn Parteitag auf -4 Weißer Terror 49

,v il h.e l m P i e c k Grund des Revolutionierungsprozesses der l\{assen die Vereinigung mit der Kommunistischen Partei beschlossen .. Angesichts der großen Gefahr, die damit für die deutsche Bourgeoisie heran,vuchs, unternahm die sozialdemokratische Führerschaft 1921 durch eine großangel�gte Provokation den Versuch, die Kampfkraft des Proletariats durcll einen neuen blutigen Aderlaß nach den be,vährten Methoden Noskes zu schwächen. Unter dem Kommando des Sozialdemokraten Hörsing marschierte die Schutzpolizei in l\fitteldeutschland ein, um die revolutionäre Arbeiterschaft niederzuwerfen. 1-Iörsing, der spätere Reichsbannerführer, neben Noske, Severing, Wels und Zörgiebel einer der schlimmsten Schlächter des deutschen Prole_tariats, gab ,vörtlich die Losung aus: ,,Der erste Tag muß blutig sein." Besonders brutal wüteten im Anschluß an die l\färzkämpfe die vom soz,ialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert eingesetzten Sondergerichte. Diese Sondergerichte verhängten mehr als 2500 Jahre Zuchthaus über die l\färzkämpfer. Auf den Kopf von l\{ax Hölz, dem Führer der bewaffneten Abwehrorganisationen der Arbeiter im Erzgebirge-Vogtland, wurde nach der Niederwer- . fung der Märzaktion eine Belohnung von 100 000 l\fark ausgesetzL Nach seiner Verhaftung setzte der demokratische Vizepolizeipräsident \,Veiß vom Berliner Polizeipräsidium öffentlich 50 000 Mark für „Aussagen", die zur Verurteilung von l\{ax Hölz führen konnten, aus. '\Vährend des Prozesses, in dem sich Hölz vorbildlich t�pfer verhielt, forderte die bürgerliche Presse das Todesurteil Unter· dem Druck der l\{assen ,var das Gericht aber gez,vungen, von einem Todesurteil abzusehen und sich auf die Verurteilung zu lebenslänglichem Zuchthaus zu beschränken. Nach einer jahrelangen, tlie Massen mobilisierenden Protestkampagne der Roten :; Hilfe gelang es endlich 1928, die Freilassung von Hölz, der fast 8 Jahre im Zuchthaus verbracht hatte, zu erzwingen. l\fit der 1\1:ärzaktion von 1921 sind die unmittelbaren revolutionären l{ämpfe im Gefolge der Novemberrevolution beendet. Die ,veißen Garden geraten in einen gewissen Zwitterzustand z,vischen Legalität und Illegalität. Es entsteht die sogenannte „Schwarze Reichs,vehr", von der die Republik offi , ziell nichts wissen· will, die aber tatsächlich von ihrem Geld besoldet und für alle Fälle gegen _ das Proletariat in Bereitschaft gehalten wird. Zum großen Teil ,verden die Weißgardisten in geschlossenen „Arbeitsgemeinschaf- 4

ten" unter harmlos klingenden Namen auf de1_1 Gütern der feu:. .. dalen Junker untergebracht, wo sie zugleich zur Terrorisierung �o

Vom Noslceterror zum Hitler/ascliismus

streikender Landarbeiter ausgenutzt ,verden. Unter dem preußischen Innenminister, dem Sozialdemokraten Severing, ,vird auch die Streikbrecherorganisation der „Technischen Nothilfe" unter Ausnützung der ehemaligen ,veißgardislischen Soldateska großzügig gegen das Industrieproletariat ausgebaut. In dieser halbdunklen Atmosphäre konnten sich Spionenriecherei und Fen1emord entwickeln .. Es beginnt die Periode der Landesverratsprozesse wegen der Aufdeckung illegaler Waffenlager. Nach der neu enhvickelten Justizpraxis der \Veimarer Republik galten Enthüllungen über die Umtr.iebe der getarnten weißgardisti• sehen Forn1ationen, die sich vor den damals noch bestehenden Enhvaffnungskom1nissionen der Entente versteckten, als Landesverrat. Der sozialdemokratische Journalist Fechenbach ,vurde beispiels,veise ,vegen eines künstlich konstruierten Landesverrats auf Grund einer Presseveröffentlichung für lange Jahre ins Zuchthaus gespen·t und 1933 nach dem Hitlerumsturz durch die Schutzstaffeln (SS) erschlagen. Der linke Demokrat von Ossietzky, der in seiner „vVeltbühne" einen mutigen Kampf gegen die Sch,varze Reichswehr führte, ,var ,viederholt das Objekt von Landesverratsprozessen · und Gefängnisstrafen. Unter Hitler ,vurde er ins Konzentrationslager gesperrt und schreckHch gefoltert. Eine beson... dere Aktivität entfaltete auf diesem Gebiet der Klassenjustiz del." ehemalige l{riegsgerichtsrat Jorns, dessen Ro11e bei der Beschützung der �{örder Liebknechts und Luxemburgs ,vir schon beleuchrtelen. Im Dunkel der illegalen und halblegalen Konterrevolution ent­ ,vickelte sich die Pest der Feme. In Bayern ,vurden schon ,vährend der Jahre 1920/21 eine ganze Reihe von Meuchelmordfällen bekannt, so die Ermordung von Hartung, Hörnlein, Baur und des 19jährigen Dienstmädchens Marie Sandmeyr. Eine ganze Reihe von Fememorden wurden in Pommern auf den Gütern der dortigen Junker verübt. Hier war vor allem der Wirkungsbereich der berüchtigten Fememörder Oberleutnant Schulz und Leutnant Heines. Schulz und 1-Ieines betrieben ihr �Iordhandwerk so ungeniert, daß selbst die Weimarer Republik unter dem Druck der Enthüllungen der revolutionären Presse gezwungen ,var, ein Gerichtsverfahren gegen sie durchzuführen. Schulz, von dem nicht ,veniger als acht Mordfälle bekannt ,varen, ,vurde zunächsf zum Tode verurteilt, dann zu 7½ Jahren Gefängnis begnadigt und bald darauf mit der Begründung freigelassen, daß ,,bei fortbestehender Haft eine schwere Gefährdung seines Gesundheitszustandes zu befürchten 51

\Vilhelm Pieck

bestehe". Heines erhielt in der ersten Instanz 13 Jahre Zuchthaus, in der zweiten Instanz 5 Jahre Gefängnis, saß aber nur ein Jahr ab. Als einer der wichtigsten Unterführer Hitlers gehörte er mit zu den Reichstagsbrandstiftern, leitete 1933 als Breslauer Polizeipräsident den faschistischen Terror in· Schlesien und ,vurde am 30. Juni 1934 nach dem von ihm selbst entwickelten l\fordsystem auf Befehl von Hitler „umgelegt". Die ,veitaus meisten Fememorde geschahen 1921 anläßlich der Abstimmungskämpfe in Oberschlesien. Severings engster �fitararbeiter, der Staatskommissar Dr. Weißmann, hatte in Breslau unter der Leitung des Zentrumsmannes Dr. Spiecker eine beson• tlere oberschlesische Spitzelzentrale eingerichtet. Ihr unterstanden illegale Feniekommandos unter der Führung eines Leutnant Hobus und des Fähnrichs Hauenstein. Diese Femekommandos ermordeten mehr als 200 l\fenschen, angeblich als „Verräter der deutschen Sache", zumeist aber "raren es revolutionfire Arbeiter, die gegen die nationalchauvinistische Verhetzung kämpften. Die · Sozialdemokraten Severing und Grzeszinski, die abwechselnd das Preußische Innenministerium leiteten, behandelten diese Feme• morde mit dem größten Wohlwollen, als ob es sich um legale Todesurteile handle. Nach dem Kapp-Putsch und der Märzaktion beginnt auch in• sofern ein neuer Abschnitt in der Entwicklung faschistischer Formationen der Konterrevolution, als der l\{euchelmord von seilen der "\Veißgardisten nunmehr auch gegen die politischen Funktionäre der ,veimarer Republik selbst zur An,vendung gebracht ,vurde. Am 10. Juni 1921 wurde der sozialdemokratische Abgeordnete Gareis in München von der ,veißen Feme „umgelegt". Am 26. August ,vurde der Reichsminister Erzberger, ein Zentrums• niann, der schon einmal bei einem Attentat sclnver venvundet wor- .. den war, von zwei Mitgliedern der Ehrhardtbrigade - die nun• mehr Organisation Consul (OC) hieß -, Heinrich Schulz und Oberleutnant Tillessen, ermordet. Die Erzbergermörder wurden in Ungarn, wohin sie flüchteten, durch_ den heutigen ungarischen iUnisterpräsidenten Gömbös auf seinem Gut beherbergt. Einer der Helfershelfer der Erzberger.mörder, Kapitänleutnant von Kil• linger, ,vurde angeklagt und freigesprochen. .Noch als Untersu. chungsgefangener erhielt er von der sozialdemokratischen Preußenregierung Braun 300 000 Mark Iür die nach Oberschlesien zum Kampf gegen Polen in Marsch gesetzten Ehrhardttruppen. Auch · Killinger gehörte später zu· den wichtigsten Unterfunrem Hitlers. 12

Vom Nosketerror zum Hitlei/aschismus

Im Sommer 1922 erfolgte das Attentat auf den Reichsminister. Rathenau. Seine 1\1:örder, die ihn von einem Automobil aus erschossen, ,varen ,viederum Mitglieder der OC: l{ern und Fischer. Auf der Burg Saaleck, wo sie sich versteckten, ,vurden sie entdeckt und begingen Selbshnord. Um die gleiche Zeit wurde von zwei anderen Faschisten ein Mordanschlag auf den linksstehenden Journalisten Maximilian Harden durchgeführt. Der Rathenaumord führte zu gewaltigen Protestbewegungen der Arbeiterschaft, zu riesigen Massendemonstrationen, bei denen die kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeiter seit dem Kapp-Putsch 1920 zum erstenmal ,vieder Schulter an Schulter marschierten. Unter dem Druck dieser mächtigen Massenbewegung mußte selbst die Klassenjustiz der Weimarer Republik den Helfershelfern der Rathenaumörder, den Gebrüdern Techow, Günther, Niedrig und von Salomon, Zuchthausstrafen von 15, 8 und 4 Jahren zudiktieren, die sie aber nur zum geringsten Teil abzusitzen brauchten.

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D a s J a h r 1 9 2 3 u n d d i e A er a d e s R e p u b 1 i k­ schu tzgesetz es Am 18. Juli 1922 ,vurde im Reichstag mit den Stimmen der Sozialdemokratischen Partei und der Unabhängigen Sozialdemokratie das Republikschutzgesetz beschlossen. Ein kommunistischer Antrag, das Gesetz mit der präzisen Bestimmung zu versehen, daß es· die mona,rchistischen, ,veißgardistischen und faschistischen Verbrecher sein sollen, gegen die das Gesetz. anzuwenden sei, wurde abgelehnt. Die Republik sollte vielme}:ir „nach rechts und links" geschützt ,verden. Beim Reichsgericht in Leipzig ,vurde ein Staatsgerichtshof eingesetzt. Zum Präsidenten ,vurde dureh den sozialdemokratischen Reichspräsidenten Ebert der demokratische Reichsgerichts-Senatspräsident Niedner ernannt. Als Laienbeisitzer; diie bei der Verhängung unerhörter Zuchthausurteile gegen revolutionäre Arbeiter zum Schutz der Republik mitwirkten, wurden SPD- oder GewerkschaftsfiiP.rer ·wie Wissel, Brandes, Heine usw. ernannt. · Der Staatsgerichtshof entwickelte eine Strafpraxis, bei der nicht mehr irgendeiQ Tatbestand d� Hochverrats, sondern schon die bloße Gesinnung bestraft "'urde. Gegen rechts, gegen die weiBgardistisch-faschistischen Mörder- 53

mus Vom Noskelerror zum Hitler/ascl1is ng u:n.d _führten z u tion brachten die ,verktätigen ?vlassen in Gäru einer neuen revoluho ·· n I(nse · nare · in · D eutschland · E 1n Genera.1 - r sprang ..die .streik stürzte die Bürgerblockregierung Cuno. Wiede SPD für die bedrohte Bourgeo isie in die Bresche. U�ter �er Fuh- . ·· o m1t Teilnahme rung S tresenu1nns wurde eine J{oa11tionsreai' o eruna n der Sozialdemokraten Solhnann und I-Iilferding gebildet. �n S a chse und Thüringe� traten die Kommunisten gemei�sam nn� den do�­ tigen linken Sozialdemokraten. in die Landesregierung ein, um_ die legale n Regierungspositionen für die Be,v-�ffn_�ng d_er A:rbeiterschaft an"esicht.s der heranreifenden revolutiona ren Situation a uszunutzen� In ganz Deutschland ,vurden Arbeiter?underts�haf�en und Kontrollausschüsse als Organe c1er proletarischen E1nhe1tsfront e1ebildet. Die damalige Führung der l{ommunistischen P artei, B�'lndler und Thalhein1er, schlug jedoch einen opportunistischen Kurs ein, der dazu führte, daß die revolutionäre Situa tion im I-Ierbst 1923 verpaßt wurde und das deutsche Proletariat eine kampflose Niederlage e1,1itt. Nur in Hamburg k am es zum be­ ·wafTncten Aufstand und einem tagelangen heldenh aften Barrikadcnkan1pf, ,vobci die I-Iamburger Organisation der l{PD eine zielbewußte revolutionäre Politik betrieb. Die sozialdemokratische Koalitionsregierung verhängte den .BelagerungszUiStand. Die vollziehende Gewalt ging a uf den Reichs­ ·wehrbefehlshaber, Genera l von Seeckt, über. Die Reichswehr m arschierte in Sachsen und Thüringen ein und trieb die Regierungen der Konununisten und Sozialdemokraten mit vVaffengewalt auseinander. Der sozialdemokratische Reichspräsident Fritz Ebert erli eß nulllllehr - neun Jahre.vor Hitler - auch formell ein Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands. Eine Welle der Verfolgungen setzte ein. 8980 revolutionäre Kämpfer wurden vom Januar bis lfa! 1924 angeklagt. 6 Stuttgarter Kommunisten erhielten beispiels­ \Veise auf Grund belastender· Aussagen des Lockspitzels König 30 Jahre Zuchthaus; 6 Arbeiter und 4 Soldaten a us Potsdam e ­ r hielten 49 Jahre Zuchthaus und 8 Jahre Gefängnis. Vom 20. Februar bis �um 22. April 1926 fand der sogenannte Tsch ekaprozeß statt - ein Vorspiel für die irrsinni�en Brands G.. . ...., tiftungslügen der �nng und Ronsorten. Der Tschekaprozeß sollte beweisen daß -die Kon1munis . · tische parte1· mit· · „ G1ft, Dolch und Cholerabazille : n" �r:eite.. Zu di�sem Zweck „gestand" der Hauptangeklagte, der cksp1tzel Fehx Neumann alles, was das Geric verl mann, der pro forma zum Tode veru ht angte. Neurteilt ,vurde, tauchte bald 65

Wilhelm Pieck

ungeschoren bei den Nazis als Wanderredner auf. Der Tschekaprozeß endete mit zwei Todesurteilen und 42 Jahren Zuchthaus gegen vier Angeklagte. Schon in der damaligen Aera mehrten sich die später unter dem Faschismus_ zur Regel ,verdenden „Selbstmorde" in der Zelle und „Erschießungen auf der Flucht''. In Neubrandenburg wurde ein illegaler Kommunist unter dem Decknamen „Harry" verhaftet und ,vegen Fluchtverdachts niedergeschossen. Der Sterbende wurde, statt ins Krankenhaus, auf die �olizeiwache geschafft und bis zu seinen letzten Todeszuckungen gemartert. _ Während der framösischen Ruhrbesetzung zeigte sich, sobald . es gegen revolutionäre deutsche Arbeiter ging, das enge Zusammenarbeiten der deutschen Polizei und Klassenjustiz mit dem „Erbfeind". Deutsche Polizei lieferte 157 wegen Zersetzung der französischen Okkupationstruppen angeklagte Kommunisten dem französischen Kriegsgericht ans 1\Iesser, die in 1\lainz am 6. Juli 1924 zu 133 Jahren Gefängnis verurteilt ,vurden. Noch im D� zember 1926 wurden Kommunisten, die gegen die Separatisten gekämpft hatten, Pinnecke und Genossen aus Honnef, vom Reichs• gericht zu hohen Zuchtbaustrafen verurteilt. u Auf Grnd des Republikschutzgesetzes wurden weit über 15 000 Anklagen gegen linksgerichtete Arbeiter erhoben und an• nähernd 10 000 �ahre Freiheitsstrafen verhängt. Dieses Ausnahmegesetz der Weimarer Republik brachte in einem kurzen Zeitraum zehnmal soviel Strafen als das Sozialistengesetz Bismarcks. auf. Grund ·dessen nur etwa 1000 Jahre Kerkerstrafe im Laufe von zwölf Jahren ausgesprochen ,vurden. Am 9. November 1923 versuchte Hitler in München mit ·seinem bekannten „ßürgerbräupulsch" die deutsche Regierung · zu stürzen. An diesem Putsch, dessen Leitung in den Händen Hitlers und Ludendorffs lag, beteiligten sich anfangs auch der Reichswehrgeneral von Lossow, der bayrische Staatskomn1issar Kahr und <ler Polizeipräsident 1Poehner. Kahr und Lossow zogen sich infolge partikularistischer Eifersüchteleien und auf Anweisung der bny; rischen \Vittelsbacher Dynastie, des ehemaligen l{önigshauses; nachträglich von dem Putsch zurück und ließen die Reichswehr gegen die Putschisten marschieren.'Elf Jahre später nahm Hitler dafür an Kahr Rache. Anläßlich der Massene�hießung der SA· Führer. am 30. Juni 1934, .Jieß Hitler auch Kahr ermorden. .. Der HiUerputSch im November 1923 war schon am nächsted Tage schmählich zusammengebrochen. Hitler flüchtete, wurde 66

Vom Nosketerror zum Hitfer/a&chi&mu&

nachträglich verhaftet, kam Jedoch nicht vor den Staatsgerichts• hof. Es wurde eine elende Justizkomödie vor dem Münchener Volksgericht durchgeführt. Kahr und Lossow wurden überhaupt nicht angeklagt, Ludendorff wurde freigesprochen, Hitler erhielt nebst drei seiner Freunde � Jahre Festung, wobei ihnen· sofort zugesichert ,vurde, daß sie nach 6 Monaten Ehrenhaft freikämen. Schon am 1. Oktober 1924 ,varen alle auf freiem Fuß. Die übrigen Angeklagten erhielten von vornherein Bewährungsfrist. I-Iitler belohnte den ehemaligen bayrischen Justizminister Gürtner, einen Deutschnationalen, indem er ihn 1933 zu seinem Reichsjustizminister ernannte.

VI .. Von der S t abi l i s i e r u n g s p e r i o d e z u m neuen r e v o l u t i o när e n A u f s c h w u n g .. Während der Jahre 1925 bis 1928 verliefen die Klassenkämpfe in Deutschland ohne größere Verschärfung oder revolutionäre Zuspitzung. Im Zeichen der relativen Stabili,sierung des Kapitalismus wuchsen in den Massen demokratische Illusionen, ,vährend ande­ r«:rseits die Bourgeoisie vorübergehend auf die An,vendung brutalerer Unterdrückungsmethoden des. weißen Terrors verzichten konnte. Vom Jahre 1926 an sinkt die Zahl der proletarischen Angeklagten und der Klassenurteile, mn erst von· 1928 ·an ,vieder in steiler Kurve aufzusteigen. Trot2Jdem wurden auch im Jahre 1926 2718 Angeklagte in 674 politischen Prozessen ·zu 1500 Jahren Freiheitsstrafen verurteilt. Die Klassenjustiz, die in diesen „frieilli• chen" Jahren weniger Gelegenheit hatte, Prozesse auf Gnind offener Ka,mpfhandlungen des revolutionären Proletariats durchz"uführeif, wendet sich stärker gegen die revolutionäre Gesinnüng. Der sogenannte literarische Hochverrat, die Reichsgerichtsprozesse ge: ge� Redakteure und Schriftsteller; die Verfolguilg revohiticinärer Kunst und Liter·atur, die sogenannten Gotteslästerungsprozesse treten •in den Vordergrund. E·s gibt keine· kominunistische Zeitung, die.nicht in dieser Periode verboten ,vutde, deren Redakteure nicht -verurteilt' wurden oder deren Verlage inan niclit durch höhe Geldstrafen materiell z'u vernichten suchte. Eine besondere Rolle spielen· in dieser Periode· Urteile der Klassenjustiz gegen Gewerkschaftsorganisationen, deren Vermögen und Einrichtungen . für . Streikschäden· haftbar gema:cht weräeri sollten. Hierbei leistete die 57

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Wilhelm Pieck ·· ·

reforxnistische Ge,verkschaftsbürokratie der Klassenjustiz Hilfe, indem sie die Fortführung von Streiks nach einem durch die Behörden des kapitalistischen Staates verbindlich erklärten Schiedsspruch als ,,,vilden Streik" und ungesetzlich bezeichnete. . Die besonderen Terror organisatione n - ,veißen Garde n, Freikorps und faschistischen Formationen - traten in den Hinter- orund, nachdem der ·militärische Ausnahmezustand aufgehoben :nd das im November 1923 erlassene Verbot der Kommunistischen Partei durch Ebert und Seeckt im �lärz 1924 aufgehoben ,var. Das normale Exekutivorgan des kapitalistischen Staates, die Polizei, gewann erhöhte Bedeutung. Die Agitation der Sozialdemokratie pries die Polizei als „Volkspolizei", als „Hort der Republik" an. In ,virk.lichkeit fanden in ihr zahlreiche führende l{onterrevolutionäre als Polizeioffiziere Anstellung. Die gesan1te Schutzpolizei (Schupo) ,vurde zu einer ausgeprägten Biirgerkriegsarmee gegen das Proletariat erzogen . Schon im iiärz 1925 lieferte diese „VolkspolizE!i" der Bourgeoisie ihre erste Probe. AnHißlich einer �Iassenversammlung im Volkspark zu I-lalle "·ähren<l der da1naligen Kampagne zur Reichspräsidcnten,vahl, in der Ernst Thälmann sprach, scho·ssen die Polizisten unter Führung eines Leutnants Pielzker in den Saal. Die ,virkung der Salve im geschlossenen Raum ,var grauenhaft. 10 Tote, darunter Frauen und Jugendlich�, 20 Sch,ververwundete und Hunderte von Verletzten blieben auf der Strecke. 1'-lit der sich entfaltenden ,velhvirtschaftskrise setzte 1929 ein neuer revolutionärer Aufsclnvung ein. Die Klassenherrschaft der , deutschen Bourgeoisie ging neuen Erschütterungen entgegen. Zugleich begann ein verschärfter Kurs der politischen Reaktion, der allmähliche Uebergang der. Bourgeoisie von „demokratischen" zu faschistischen �{ethoden bei der Ausübung �hrer Diktatur. Bei dieser Faschisierung der bürgerlichen Demokratie wird in Preußen und dem Reich unter der Führung der Severing, Grzeszinski etc. jener Kurs venvirklicht, der dem Hitlerfaschismus den ... \Veg bahnt und ihn schließlich in den Sattel hebt. Eine besondere historische Bedeutung gewinnt in dieser Ent­ ,vicklung der Berliner Blut'rnai 1929. Der soZJialdemokratische Polizeipräsident Zörgiebel erläßt im Auftrage·Severings ein Verbot der 1.-�Iai-Demonslration des Berliner Proletariats - eine freche Provokation gegen die gesamte Arbeiterschaft. Als tlie Berliner . Arbeiter trotzdem ihre Demonstration durchführen ' entfcsselt der -sozialdemokratische Polizeipräsident in den verschiedenen Stadt- "58

Vom Nosketerror zum Hitler/aschismus

teilen Feuerüberfälle ·seiner Polizeikosaken auf die unbe,vaffnete Arbeilerschaft. Es kommt zu Barrikadenkämpfen im vVedding und in Neukölln, zwei proletarischen Zentren des roten Berlin. 33 Tote und zahllose Verwundete fielen dem Polizeiterror zum Opfer. Von folgenschwerster Bedeutung für die Entwicklung zuin offenen faschistischen Terror ist das Anfang 11ai 1929 durch Seve- • ring erlassene Verbot des Roten Frontkämpferbundes, der proletarischen vVehrorganisalion. Dieses Verbot der breiten proletarischen Selbstschutzorganisation bewirkt sofort den Aufstieg der bis dahin eine verhältnismäßig geringfügige Rolle spielenden SA und SS Hitlers und öffnet ihnen die Straßen für den faschistischen Terror. In dem l\Iaße, wie der offizielle Polizeiterror gegen die Arbeiterbe­ ,vegung anstcigt, enhvickelt sich gleichzeitig dler faschistische �iordterror der Nazibanden. Sevcring, abwechselnd Pdlizeiminister hn Reich und in Preußen, erklärte auf einer Polizeitagung in Krefeld am 4. Oktober 1930 ,vörllich: „Polizeiknüppel und härtere \Vaffcn dürfen in diesem \Vintcr nicht aus den Dienst gcstclll werden, um unruhige Volkshaufen in Schach zu halten."

A m 2. Juli 1932 gab Severing einen n�uen Erlaß über die Handhabung der Waffen an die Polizeibeamten heraus, in dem es heißt: „Wenn ein früherer Erlaß die Abgabe von Schreckschüssen für zulässig erklärt, so darf dns nicht dazu. führen, daß nur noch Schreckschüsse abgegeben werden und die scharfe Anwendung der Schußwaffe unterbleibt."

Schon das Jahr 1931 weist angesichts des ·reaktionären Kurses der an der Spitze der Polizei stehencren sozialdemokrati 4

sehen Führer eine Totenliste von 22 Arbeitern als Opfer der preußischen Polizei auf. Der Aufbau der faschistischen Formationen ,vurde in diesen Jahren von den sw;iaildemokratischen Machthabern auch unmittelbar ·gefördert. Severing führte als Reichsinl}.enminisler der natio­ n alsozialistisch eingestellten Streikbrecherorganisation, der Technischen Notliilfe, :Millionen zu. Jener Hauptmann Pabst, der 1919 im Edenhote1 den Liebknechhnord als engster Vertrauensmann Noskes organisieren ließ, 1920 den Kapp-Putsch mit inszenierte und später engster :Mitarbeiter Hitlers ,vurde, erhielt im Jahre 1929 vom Reichsinnenministerium, als Severing Reichsinnenminister war, ·nicht weniger als 1 900·000 Reichsmark unter dem tarnenden Titel „ Unterstützung besonderer kultureller Aufgaben im Interesse des Deutschtunis" ausgezahlt. Es ist kein Zufall, daß einer der be- 59

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rilchtiglsten Polizeihenker des Drillen Reich�, ckr Begründer wid - liingcrc Zeit hindurch - Leiter des Geheimen Staatspolizeiantlcs der Hitler und Göring, Dr. Diehls, seine Karriere als ,·ertrauens- 1nann Scvcrings in der preußischen Polizei gf:mach t haL .i\ls �fit.i arbcitcr Scvcrings im Preußischen Inne:nmin�lt:r.um qenoß er jene • Schulung, die ihn befähigte, 1933 df:r e:r�lf.: Laf;:�f.:= '\""On Görings G�hein1er Staatspolizei (Gestapo) zu wE:rdf::n.. E:. i,: tben.sowenig ein Zufall, daß der heutige fa5chistische: Po::z-:::�-::::::-:a. "-E::Ck� der s�hon 1922 den Rathcnaumördern 'Cntc·rric::: ::-=:: c;:-r • laschinen­ ü pistole erteilt hatte, ,on Se\·ering als S<:hultn?� :.:z:-::� : r Polizeitakt� gegen Demonstranten eingesetzt und p:-:,�� -= :.:::-t �urde.

VII

D i e l e t z te E ta p p e d er Fase: ·-:€r u ng ,o r Hit lei:

Vom Jahre 1931 an wird das Tempo der Fa:cbj,ierung immer schneller. Xach der "7iederwahl Hindenburgs zum Reichspräsi. denten im Frühjahr 1932, unter aktiYstcr :\{ithilfe der SPD, läßt die deutsche Bourgeoisie die Brüningregierung fallen. die bis dahin unter wechselseitiger Ausnutzung der Sozialdemokratie und des Hitlerfaschismus mit ihrer Politik der Non·erordnungen den Kun der allmählichen Faschisierung betrieben h:itte. Die Re�erung Papen-Schleicher wird eingesetzt, die sofort dem faschistischen �Iordlerror freie Bahn gibt und mit ihrem Staatsstreich in Preußen am 20. Juli 1932 auch die legalen �lachtpositionen des Staatsapparates für den Uebergang zur offenen faschistisc11en Diktatur sturmreif macht. Ein kurzfristig von der Brüningregierung erlassenes Verbot der SA und SS wird von Papen unq. Schleicher sofort aufgehoben. Der HiUerfaschismus geht offen zur bürgcrkriegs• mäßigen Bewaffnung und Ausrüstung der SA und SS über. Eine Fülle von Bombenattentaten der Hitlerb anden gegen Arbeiterfunk� üonärc, Gewerkschaftshäuser, Regierungsgebäude, Synagogen; Feuerüberfälle auf Arbeiterlokale, Terror expeditionen gegen gante 'Arbeiterviertel setzen ein. In Königsberg, Schlesien, Schleswig­ Holstein, in der Pfalz und in Berlin kommt es zu solchen faschistischen· Terrorakten und Bombenattentaten. Besonders charakteristisch war der Ueberfall einer faschistischen Bande, die mitten h1 der Nacht die proletarische Laubenkolo nie Felseneck bei Berlin 60

Vom Nosketerror zum Hitler/aschismus

zu stürmen versuchte. Tote und Verwuncrete blieben in den armseligen Hütten. Der proletarische Selbstschutz setzte sich zur Wehr, so daß auch die Nazis einen Toten zurücklassen mußten. Angeklagt und verurteilt ,vurden nur ,die überfaUenen Arbeiter. In dem oberschlesischen Ort Potempa wurde der kommunistische Arbeiter Pieczuch von einer Horde von Nazis nachts überfallen, aus dem Bett gezerrt und vor den Augen iSeiner Mutter in viehischer vVeise langsam zu Tode gequält. Als das auf Grund1 der .damals erlassenen Papenschen Notverordnung zuständige So:µdcr7 gericht nicht umhin konnte, die bestialiischen Mörder zum Tode zu verurteilen, telegr.aphicrte Adolf Hitler an diese Meuchelmörder: ,.Meine Kameraden! Ich fühle mich Euch in unbegrenzter Treue verbun• den. Eure Freiheit ist von diesem Augenblick an eine -Frage unserer Ehre." Die Papenregierung beugte sich sofort vor dieser hakenkreuzlerischen �1ördcrsolidarität. Die Mörder wurden zunächst zu Zuchthaus begnadigt und vier Monate später durch den Reichskanzler Hitler freigelassen. Unter den zahlreichen nationalsozialistischen Provokationen nimmt der Blutsonntag von Altona am 12. Juli 1932 einen beson• deren Platz ein. Geschützt von der· sozialdemokratischen Polizei marschierten die Faschisten in die Arbeiterviertel von Altona ein und eröffneten gemeinsam mit der Polizei ein Feuergefecht gegen die proletarischen Gegendemonstrationen. Auf proletarischer Seite fielen 14 Tote, darunter auch Frauen, und 75 Sch,ververletztc. Die SA hatte vier Tote zu verzeichnen. Der sozialdemokratische Polizeipräsident Eggerstedt ließ Massenverhaftungen unter den Kommunisten vornehmen. Eine Reihe von ihnen - August Lüttgens, Werner Möller, Kurt Tesch und Karl Wolff -· wurden nach der Machtübernahme Hitlers zum Tode verurteilt und am 1. August 1933 hingerichtet. Das heldenhafte Auftreten dieser Ko.mmunisten vor dem faschilStischen Gericht und auf dem Schafott gehört zu den besten revolutionären Traditionen der internationalen Arbeiterbe,vegung. '\Velch es Ausmaß der Terror der republikanischen Polizei und d�r faschistischen Mörderbanden bereits vor der Aufrichtung der offencn faschistischen Diktatur angenommen hatte, zeigen die einfachen Ziffern der Totenliste des Proletariats. Im Jahre 1930 sie- . Ien von der Polizei erschlagen 36 Arbeiter, von den Faschisten ,vurden 41 Arbeiter er.mordet. 1931 stieg die Zahl der Todesopfer des Polizeiterrors auf 55, die der Opfer des faschistischen Terrors auf 49. 1932 waren bereits 81 von· der ·Polizei und 139 von· den 61

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Faschisten ermordete Proletarier und Proletarierinnen zu ver: ·zeichnen. Nicht weniger als 1710 Naziüberfälle erfolgten im Jahre 1932. Die proletarische Presse wurde mit Verboten von insgesamt 3384 Tagen belegt. 988 Polizeiaktionen, 472 Haussuchungen und 816 Versan1mlungsauflösungen erfo�gten in diesem Jahr. Der l\lonat Januar 1933, der der Einsetzung der Hitlerregierung voranging, brachte in vier '\\rochen erneut 24 Todesopfer auf antifaschistiscl1er Seite, ,vovon 13 Arbeiter allein am 25. Januar in einem se• schlossenen Versammlungslokal in Dresden von der Poliz�i erschossen wurden. Ungeachtet dieses barbarischen Terrors, der der Zermürbung des proletarischen '\Viderstandes dienen sollte, entfaltete das deutsche Proletariat ·seine Widerstandskraft. 1fittc 1932 kam es unter Führung der Kommunistischen Partei zur Organisicrung der Antifaschistischen Aktion, einer �1assenbe,vegung des proletarischen Selbstschutzes und der Ab,vehr des f aschislischen Terrors. Diese Be,vegung leitete zur Streik,velle im Herbst 1932 über, die im Streik der Berliner Verkehrsarbeiter gipfelte. Die "rachsende Kampfkran des revolutionären Proletariats be,virkte, daß auch die ,vüste Entfesselung des faschistischen und polizeilichen Terrors den re,·olu• tionären Aufschwung nicht zu hemmen vern1ochte. Im Gegensatz zu dem bisherigen Ansteigen der nationalsozialistischen \Velle begann ein Umsclnvung einzutreten. Die Bourgeoisie erkannte, daß ihre faschistische Terror- und Kampforganisation ihre Anzie hungskraft auf die ?\-lassen einzubüßen begann, ,vährend zugleich der ?\Iasseneinfluß der Sozialdemokratie innerhalb der Arbeiterklasse ,veiter zurückzugehen drohte. Auf der anderen Seile hatte der jahrelange Prozeß der Fascltisierung, der ,vachsende Terror von Polizei, Klassenjustiz und faschistischen Formationen den ,·vcg für die offene Aufric htung der faschistischen Diktatur vorbereitet.

VIII

D ie f a s c h i s t i s c he Re i ch sta g s bra nds tiftung u n d d i e E n tf e s s e 1 u n g d e s 'r e r r o r s Am 30. Januar 1933 wurde vom Finanzkapital die Hitierregierung eingesetztund die offene faschistische Diktatur errichtet. Vier Wochen später, am 27. Februar, unternahmen die Göring, Goeb· 62

Vom Nosketerror zum Hitler/aschismus

bels, Ernst und Konsorten die Reichstagsbrandstiftung zur Auslösung eines unerhörten Mordterrors. Die Einzelheiten dieses faschistischen Verbrechens, seine Urheber und Teilnehmer, sind in­ z,vischen endgültig festgestellt. Einer der Organisatoren, der damalige SA-Gruppenführer von Berlin, Karl Ernst, der am 30. Juni 1934 auf Befehl HHiers von der SS ermordet ,vurde, hinterließ ein ausführliches, eigenhändig unterschriebenes Dokument über die Brandstiftung. Dieses Dokument und ein Brief dieses Berliner SA­ Gruppenführers an seinen am 30. Juni ebenfalls erschossenen Spießgesellen I-Ieines, den ehemaligen Fememörder und Breslauer Polizeipräsidenten, haben endgültig Klarheit über alle Einzelheiten des Reichstagsbrandes geschaffen. Um ihre Brandstiftung den Kommunisten in die Schuhe schieben und die nötige Pogromstim- 1nung für die Entfesselung des faschistischen -Terrors erzeugen zu können, bedienten sich die Faschisten eines degenerierten Lumpenprolctar.iers, des Holländers van der Lubbe, der viele Jahre vorher aus dem Konununistischen Jugendverband HollandlS ausgeschlossen ,var und durch ·seine homosexuelle Veranlagung mit den größtenteils homosexuellen SA-Führern Fühlung bekommen hatte. Die drei bulgarischen Komn1unisten Dimitroff, Popoff und Taneff, die sich als politische Emigranten in Deutschland aufhielten und in die Hände der Polizei gerieten, so,vie der ehemalige kommunistische Reichstagsabgeordnete Torgler ,vurden in widerlichster Heuchelei, ohne den leisesten Schimmer eines ,virldichen Verdachtgrundes, der Teilnahme am Reichstagsbrand bezichtigt und vor Gericht gestellt. So sollte der Reichstagsbrand, von den Faschisten selbst inszeniert, als Auftakt für ihre blutige Terroroffensive gegen das Proletariat und seine Avantgarde, die Kommunistische Partei. dienen. Noch ehe der Brand gelöscht ,var, erschien· Hitler im Reichstag und kündigte an, daß nunmehr ·eine „neue Epoche in der ...deulschen Geschichte" •beginne und daß der Brand „ein von Gott gegebenes Zeichen" sei. ,.Niemand wird uns nun daran hindern. d�e Kommunisten mit eiserner F,aust zu vernichten." Noch iin der gleichen Nacht setzte der Terrorfeldzug ein. SS, SA und Polizei waren bereits mobilisiert, ,Listen über die zu verhaftenden Personen in ganz Deutschland vorbereite�. Eine Unzahl von Wohnungsbesetzungen und Demolierungen. Haussuchungen und Verhaftungen begann. Der Abgeordnete Torgler begab sich am nächsten Tage ifreiw1illig, ohne Auftrag der Kommunistischen Partei, ins Polizeipräsidium, um gegen seine Verleumdung nls Brandstifter zu protestieren. und wurde sofort in Haft genommen. �

Wilhelm Pieck

Einige Tage später, am 3. März, gelang es den Faschisten, den -Führer der Kommunistischen Partei Deutschlands, Ernst Thälmann, zu verhaften, der entgegen den schmutzigen Lügen der reaktionären Presse über seine angel)liche „Flucht ins Ausland" unerschrocken in Berlin ausharrte. Die erste Verhaftungs,velle traf eine Fülle revolutionärer Arbeiter in den proletarischen Wohnbezhiken, untere und mitllere Funktionäre der Kommunistischen -Partei und der revolutionären Organisationen, die durch ihre jahrelange Ar,beit im Dienste der Arbeiterklasse und der proletarischen Bewegung in ihrer Nachbarschaft oder ihrem Betrieb den Faschisten bekannt waren. Die Tatsache, daß sich der Hitlerfaschismus im Augenblick der Machtübernahme auf eine riesige Massenbe,vegung stützen konnte, ermöglichte es den faschistischen Henkern, mit eine� freiwilligen Massenapparat zur Bespitzelung und Verfolgung gegen die Arbeiterklasse vorzugehen, wie ·ihn noch nie irgendeine Regierung der Bourgeoisie oder irgendeine Polizei zu ihrer Verfügung hatte. Neben den Tausenden beruf- liehen polizeilichen Spürhunden stürzten sich I-Iunderltausende von SA-, SS-Leuten und sonstigen nationalsozialistischen Funktionären, insgesamt buchstäblich Millionen von Spitzeln und freiwilligen Polizeiagenten auf die revolutionäre Arbciterbe,vegung, um den Versuch zu machen, sie in einem barbarischen Terrorfeldzug zu zerschmettern. Der Ansturm des faschistischen Terrors stieß jedoch auf die unerschütterliche Festigkeit und das begeisternde Heldentum der Kommunisten und Antifaschisten. In den Folterhöllen des Faschismus, den SA-Kasernen, den Konzentrationslagern und Kellern der Gestapo, vor den faschistischen Tribunalen in ganz Deutschland entfaltete •sich dieser revolutionäre Heroismus. Ails .dann die schamlose Komödie· des Reichstagsbrandprozesses abrollte, ver­ \vandelte Dimitroff diesen faschistischen Prozeß, der die Diskreditierung der Kommunistischen Partei bringen sollte, in eine vernichtende politische Abrechnung mit den ,virklichen Brandstiftern und mit der gesamten faschistischen Terrorherrschaft.· DimilrofT zerschlug das Märchen von den kommunistischen Putschplänen, für die der Reichstagsbran-d das ,,Fanal" hätte sein sollen. Dimitroff riß den Göring undJ Goebbels die ifaske vom Gesicht. So·erlitt der Faschismus vor dem Leipziger Reichsgericht eine erste schwere politische und moralische Niederlage, die einen Umschwung in der Stimmung der Massen, eine Ueberwiridung der bei einmn Teil der Werktätigen durch den Sieg des Faschismus her- 64

Vom Noskcterror zum flitler/aschismus

vorgerufcnen Dcpressionssti1nmungen und eine Stärkung der antifaschistischen Kräfte zur Folge hatte. Dimitroffs Kampf für dien Kommunismus gab zugleich den begeisternden Anstoß für die in allen Ländern von der Arbeiterklasse über den Kopf der sozialdemokratischen Führer hin,veg erzwungene Einl)eitsfront des Proletariats, die auch in Deutschland selbst sich zu formieren begann.

IX K o n z c n t r a t i o n s 1 a g e r, F o l t e r u n g e n, Ermordungen Der Beginn des Terrorfeldzuges des Faschismus stand im Zeichen einer :1Ugen1einen Entfesselung des Massenterrors. Die l\1assenorganisationen des Ifitlerfaschismus bekamen „freie :Hand", an ihre1n langjährigen Gegner Rache zu üben. Die große Mehrzahl· der gefangenen Antifaschisten wurde nicht in die Polizeigefängnisse eingeliefert, sondern zunächst in die nach Tausenden zählenden Folterhöhlen des Faschismus, in die Keller der SA-Lokale und in die neu eingerichteten SA-Kasernen gebracht und dort gefangengehalten undl in barbarischer Weise mißhandelt. Die Zahl der Antifaschisten, die tagelang, vielfach für '\Vochen und �Ionate �em barbarischen faschistischen Terror preisgegeben ,vurden,• geht in die 1-Iunderttauscnde. 295 357 Verhaftete konnten bis zum 29. Januar 1935 von der Roten 1-Iilfe festgestellt werden. 132 544 wurden bis zu dieser Zeit verwundet oder verkrüppelt, ,vährend die Zahl der in den SA-Lokalen, in den �Vohnungen, auf der Straße us,v. l\1ißhandelten bis dahin eine Million erreichte. Ein Bruchteil dieser Opfer des faschistischen Terrors gelangte aus den SA-Lokalen in die Gefängnissc der Polizei oder der Justiz oder in die von den Faschisten eingerichteten Konzentrationslager. Ein großer Teil mußte wieder auf freien Fuß gesetzt ,verden, nachdem sie die tagelangen Mißhandlungen, in der Sprache der SA und SS als „Gleichschaltung" bezeichnet, hinter sich hatten. ·3942 Opfer dieses barbarischen Terrors kamen nicht wieder lebendig zum Vorschein. Bekannt ist der eine Fall eines Berliner SA-Lokals, in dessen Kellern nach Jahresfrist die Leichen von einem Dutzend unbekannten Gefangenen gefunden wurden, die die faschistischen Bestien erst halbtot geschlagen und dann lebendig eingemauert hatten. Aber dieser Fall ist keine Seltenheit, denn aus allen Städten und Stadtteilen gibt es übereinstirnmende Berichte, daß die Hausbewohner in der Nachbarschaft der SA-Lokale infolge des 6 \Vclßor Terror 65

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Willtelm Piecl.:

ul"laufhörlichen qualvollen Geschreis der Gefalterten schließlich auf Abhilfe bei den faschistischen Behörden drangen. Im Rahmen des allgemeinen l\lassenterrors bildeten die Faschisten rasch bestimmte feste organisatorische Formen des Terrors heraus. So entstand die sogenannte Feldpolizei (Fepo), deren barbarisches Treiben in Berlin, zuerst in der General-Pape-Straße, später in der Kleinen Alex.anderstraße in der dortigen früheren Polizeikaserne vor sich ging. Als besonderes Gefängnis für prominente Antifaschisten wurde von der SS ein früheres l\lilitärgefängnis, das sogenannte „Columbiahaus" am Tempelhofcr Flughafen eingerichtet. In rascher Folge erstanden sodann die Konzentrationslager. Ihre Zahl ging anfangs in die Tausende. Mit der Systematisierung des ·faschistischen Terrors wurden die zahllosen kleinen, örtlichen Konzentrationslager aufgelöst und eine kleinert · Zahl von Massenlagern geschaffen. Die berüchtigtsten dieser Konzentrationslager sind: Dachau in Bayern, Brandenburg, Sonnen• burg und Oranienburg in der Nähe Berlins, Fuhlsbüttel bei Ham• . burg, Hohenstein in Sachsen, Heuberg in Südwestdeutschland, l\1ohringen in der Provinz Hannover, Lichtenburg in der Pro,·im Sachsen, Roßlau in Anhalt und zwanzig Konzentrationslager in der Umgebung von Papenburg, im Moor an der holländischen Grenz� unter ihnen Esterwege und Börgermoor. In allen diesen Konzentrationslagern kam es zu den furchtbarsten Gefangenenmißband• lungen. Das teuflischste Ausmaß erreichte der weiße Terror in Dachau, Brandenburg und Sonnenburg, wo die Faschisten die m& sten Morde und besonders bestialische Formen der Folterung entwickelten. Spezielle Konzentrationslager für Frauen sind z. B. in Brauweiler bei Köln, in Mohringen, in Hohenstein und in Gotteszell bei Gmünd eingerichtet worden. Eine dieser Folterstätten war auch das Berliner Frauengefängnis in der Barnimstraße: Aus der Unzahl der Antifaschistinnen, die in diesen Folterhöllen ihr Leben ließen, seien nur einige namentlich aufgeführt: Grete Messing, Selb; Frau Müller, Aue; Frau Arbels, Gladbach; Klan. Wagner, Treptow; Gertrud Pieler, Brandenburg; Frau Bicks, Weißensee; Käthe Sennboff, Duisburg; Anna Roeder, Berlin. Einige von ihnen wurden vor der Ermordung von den S�-Leuten vergewaltigt. 1t �=i • , • Unter den ermordeten Antifaschisten befindet sich eine größere Anzahl der ehemaligen kommunistischen Reichstags- und Landtagsabgeordneten: Wafter Schütz, Königsberg, zu Tode getram�lt; Ernst Putz, in der Zelle erhängt; Albert Funk, halbtot aus dem 66

Vom Nosketcrror .::um Hitler/aschismus

Fenster gestürzt; Christian Ileuck, in der Zelle zu Tode geprügelt; Gustav Sandner, Kaul Schulz, Franz Stenzer, Sepp Götz, Fritz Dresse!, Fritz Lux, qualvoll zu Tode mißhandelt. Aus der riesigen Zahl der anderen revolutionären Funktionäre, die zu Tode geprügelt, erdrosselt, erschlagen, ertränkt, erstochen oder erschossen ,vurden, seien nur einige genannt: der ehemalige Stadtrat Stolt, Berlin; Renois, Bonn; die Stadtverordneten Niedenneyer, Johann-Georgenstadt, und Konrad Lang, Frnnkfurt-nlain; der Redakteur Fritz Rau, Halle; \Valter 1-Iäbisch, Dachau; I-Iern1ann Scheffler, Berlin; Erich Baron, Berlin; Kolosche, Janitzki, Pockert, Rakowski, Spitzer aus Köpenick; Böhme, Steinfaß, Grimn1iger, Römling, Liesegang, Blei, Ltidewig, Sclunidlt, Staath und Schünemann aus Braunschweig; Drews, Dolgner, I-Iennig, Lesch, von der Reith, Henken, Hartung, Neid aus 1-Iamburg und Kiel; nleinerz, Düsseldorf; Hoob, Zwickau; Rolf, Dresden; Pötter, Becker und Görmann aus \Voldenberg. Einen I-Iöhepunkt der faschistischen Bestialität stellte der gegen die Spitze der revolutionären Be,vegung, gegen die Führung der l{ommunistischen Partei Deutschlands gerichtete �Ieuchelmord an John Scheer dar, einem der k.01nmunistischen Führer, der nach langen sclnveren · Foltern gemeinsam mit Eugen Schönhaar und Erich Steinfurth, zwei führenden Funktionären der Roten Hilfe, und dem tapferen Kommunisten Rudi Sch,varz im Auto von dem Columbiahaus nach Potsdam transportiert und in der Nähe Potsclams im Walde erschossen wurde. Unter den Ermordeten befindet sich auch eine größere Anzahl von Sozialdemokraten: Eckstein, Breslau; Biedermann, Reichstagsabgeordneter, 1-Ia:mburg; M!lrum, Reichstagsabgeordneter, Karlsruhe; Stelling, Parteivorstandsmilglied und Reichstagsabgeordneter, Köpenick, mit sechs anderen Köpenick.er Sozialdemokra�en; Kasten, Bürgermeister von Staßfurt; Kresse, Stadtrat, Magdeburg; Eggerstedt, Polizeipräsident, Altona; Fechenbach und Pappenheim, H.edakteure, us,v. Eine große Anzahl von Parteilosen, Intellektuellen, Juden, Pazifisten, Anarchisten und Anhängern der sogenannten Sclnvarzen Front, der nationalsozialistischen Opposition, ,vurden gleichfalls teils zu Tode geprügelt, teils erhängt oder erschoss('n. Von ihnen seien genannt: der Dichter und Schriftsteller Erich Mühsam; Leo Krell; Dr. Weiner, Rechtsan,valt; Spiegel, Rechtsanwalt; Lewi, Rechtsanwalt; Waur, Rechtsanwalt; Oberleutnant Wendt; die Kaufleute Goldmann, Artur und Erwin l{nhn; der Ingenieur Benario; die Rote- 67

\Villtclm Ptcck

Hilfe-Funktionäre Behrend, Glasper, Fritz Klein, Paul Bach und Rudolf Harn1s. Eine Besonderheit des faschistischen l\ieuche'hnords kennzeichnete die Verbrechen an Professor Lessing und dein Journalisten Georg Bell, die außerhalb Deutschlands durch faschistische l\Iordkommandos niedergeschossen ,vurden. I-Iier streckt die faschistische Bestie ihre !{!lauen über die Grenzen I-Iitlerdculschlands aus, organisiert Anschläge in anderen Ländern, nach deren Erledigung die l\förder ein sicheres Asyl in Deutschland finden. Eine andere Form dieser neuen faschistischen �lelhoden, den Terror über die Landesgrenzen hin,veg ,virksan1 ,vcrden zu lassen, ist der von der Gestapo organisierte und zentral geleitete Jlenschenraub. l\fänner und Frauen, die den faschistischen ::\lachthabern verhaßt sind, ,verden durch Lockspitzel der Gestapo in die Nähe der deutschen Grenzen gelockt, dann überfallen und nach Deutschland verschleppt. Als Lockspitzel ver,ventlel die Gestapo hauptsächlich ehemalige sozialdemokratische Journalisten und Elemente aus der lib�ralen Bourgeoisie. Die Opfer dieses fasclustischen l\fenschenraubs, deren Zahl schon in die Hunderte geht, sind dann in Deutschland besonders grausa1ncn und bestialischen Folterungen ausgeliefert. Einer der bekanntesten Fälle ist die Entführung des linksstehenden. Journalisten Berthold Jacob, der aw dem Elsaß nach der Schweiz gelockt und von dort im Auto gewaltsam nach Deutschland verschleppt ,vurde. Die Gestapo wendet auf diesem Gebiet der faschistischen Verfolgungsmethoden in besonders unverfälschter Form die amerikanischen Gangstermethoden an. In diesem Zusammenhang muß die enge Verbindung der internationalen ,veißgardistischen und faschistischen Mörderorganisationen nlit den gedungenen l\Ieuchclmördern gebrandmarkt werden, dessen heimtückische Kugel den Schüler, Freund! und engen l\fitarbeiler Stalins, den echten und vorbildlichen Bolschewiken Kiro,v aus den Reihen qer Führer der Sowjetmacht riß. Der Hitlerfaschismus ,var es, der den Mord an Dollfuß, dem österreichischen Bundeskanzler und faschistischen Konkurrenten HilleM, organisierte. Die indirekte Beteiligung <ler deutschen Faschisten an der Ermordung von Barthou und dcn1 jugoslawischen König in �larseille be,vcist, wie der faschistische l\{cuchelmord einen untrennbaren Teil der allgemeinen Methoden der faschistischen Polill� und besonders der imperialistischen KriegsvorbereitW1gen dnrstelll Ein kurzer Iiinwcis auf die standrechtlichen Erinordungen ,·001 68

l'om Noskctcrror zum llillcrfascl1ismus

30. Juni 1934 n1ag genügen. Angefangen mit seinen langjährigen �1:ordkuinpancn Röh1n, I-Icines, Ernst, Strasser us,v. 1ieß Hitler, um seine Zuverlässigkeit im Dienste des Finanzkapitals zu be,veisen, Hunderte und aber I-Iunderte seiner eigenen Parteigenossen, SA-Führer und nationalsozinlistische Funktionäre, an die Wand stellen. Gleichzeitig fielen eine Reihe unliebsamer bürgerlicher Politiker den faschistischen 1\1:örderkuge1n zum Opfer, so der General von Schleicher und 5eine Frau, der General von Bredo,v, I-Ierr von Kahr, dier �finisterialdirektor J{larisener und andere. Die Gesamtzahl der un1niltelbar im Zusamn1enhang mit dem 30. Juni Erschossenen ,vird von der bürgerlichen Presse mit. 1124 ang�­ gebcn. Inzwischen sind noch einige Dutzend weitere Erschießungen führender Nationailsozialislen, darunter auch von SS-Führern, vor sich gegangen. Auch diese 1forde, _so ,venig sie das Proletariat treffen, sind kennzeichnend für die Blutgier des deutschen Faschismus, die sich in erster Linie mit grenzenloser Bestialität gegen die Arbeiterklasse und ihre revo1utionäre A'Vantgarde richtet.

X G e h e i 1n e S t a a t s p o l i z e i 11 n d f a s c h i s t i s c h e. Justiz Das ,vichtigste Instrument, dessen sich der Faschismus bei seinem Terror gegen die Arbeiterbe,vegung bedient, ist die Geheime Staatspolizei, die Gestapo. Nacl1 dem Muster der zaristischen Ochrana lösten die deutschen Faschisten die politische Polizei von dem übrigen Polizeiapparat ab und zogen sie selbständig als eine iiber ,ganz Deutschland ausgebreitete, riesige und mit uneingeschränkter Machtbefugnis ausgerüstete Organisation auf. Göring, der mit dem Leiter der SS, I-Iimmler, gen1einsam diese terroristische Polizeiorganisatio� schuf, stützte sich dabei auf die langjährige Vorarbeit der SPD-Führer, der Severing, Grzeszinski, Zörgiebel und Konsorten. Nur der untere Apparat der politischen Polizei ,vurde teilweise ausgewechselt, teilweise durch die Einbeziehung fast der gesamten SS aufgebläht. Die alten, auf dem Boden der Sozialdemokrat ie oder des Zentrums stehenden Kriminalkommissare, die seit vielen Jahren auf die Verfolgung von. Kon1- munisten dressiert ,varen, blieben restlos im Amt und riickten zu höheren Würden auf. Diehls, der Vertrauens111ann von Scvering, ,vurde Chef der Gestapo, Ilraschwitz, Heller und nndcrc Vertrauensleute Grzeszinskis und Zörgiebels erhielten hühere Funktio- oo

Wilhelm Piccl,

nen. Auch hier zeigt sich der organische Prozeß, in dem sich der Faschismus aus der bürgerlichen Demokratie und der faschisti• sehe Terror aus dem Terror der sozialdemokratischen Polizeipräsidenten enhvickelt. Alle Institutionen der Gestapo wurden zu heson�ren Folter• höllen. Die Faschisten quartierten sich anfangs im Gebäude des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Deutschlands, im Karl-Liebknecht-Haus. ein, später ,,vergrößerten" sie sich. indem sie ,die Gestapo nach einem großen Amtsgebäude in der Prinz-Al• brecht-Straße verlegten. Der ganze Betrieb der Gestapo ist auf �em Prinzip der Gefangenenfoltcrung nuf gebaut. In der Regel ,vird jeder Verhaftete zum Z,veck der Erpressung von Aus• sagen oder „Geständnissen" geprügelt. Der Ochsenziemer, der Gummiknüppel oder die Stahlrute sind nllge·mein übliche Utcnsi• Iien bei der „Vernel1mung". Die Opfer :werden stundcnlnng meist auf den nackten Körper geschlagen. Die Foltrrungen "·erd�n wiederholt. auch "renn der Körper des M:ißhande1ten bereits mit ,vun• den bedeckt ist. Das "Tiederholte Schlagen auf die "·unden Stel• len erzeugt Fäulnis und Verei1erung, so dnß die l{örpcr der Opfer oft faustgroße Löcher auhveisen. Einspritzungen von Salzsäure oder Kampfer in Geschlechtsteile und andere viehische Ausschweifungen per,·ers-sadistischer Bestien sind hiiufige Erscheinungen Verbrennungen, Verstümmelungen, Blendungen ereignen sich in zahlreichen Fällen. Auf diese \Veise "·erden die Terrorurteile der faschis1ischen Justiz vorbereitet, die teils von den alten. von der '\Veimarer Republik übernommenen Klassengerichten gefällt werden, nachdem sie von allen nicht genügend scharfmacherischcn Elementen gesäubert "rurden, teils von den neugeschaffenen faschistischen Sondertribunalen, den sogenannten Volksgerichten Xur ein kleiner Teil der Prozesse, die die faschistische Terror• jus\iz durchführt, finden in der Presse Hitlerdeutschlands Enväh• nung. Es ist desh:ilb unmöglich, mehr als einen Teil der gefällten Schreckensurteile statistisch zu erfassen. Trotzdem ergab 5ich be· reits. daß Yon Anfang 1933 bis zum Januar 1935 nicht ,venigcr als 16 143 Jahre Zuchthaus und Gefängnis gegen Antifaschisten ,1erhängt ,vurdcn. Ungeheuer.lieh ist die Zahl der Todesurteile. Bis Januar 1935 ,varen 93 Todesurteile gegen Antifaschisten auf dem We�c des „ordentlichen Gerichtsverfahrens" gefällt. 42 tapfere Antifaschisten, darunter 32 Kommunisten, 5 Sozialdemokraten, 2 Katholiken und 3 Parteilose ,vurden geköpft. 5 zu Tode Vcnir• teilte wurden von der SS in ihrer Zelle erschlagen. Die übrigen zum iO

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Vom Noskcterror zum Hitler/aschismus

Tode verurteilten Antifaschisten •befanden sich Anfang 1935 noch in der Todeszelle. Aus der Zah'l d�eser heldenhaften Opfer des ,veißen Terrors seien einige genannt: August Lüttgens, Karl Wolff, Fritz Engel, l{aptur, Richard Hüttig, I-Iermann Fischer , Ludwig Büchler, Rudolf Lindau, Woite, Josef Reitinger. Je stärker -der I-Iitlerfaschismus seinen offenen Kurs auf den Krieg steigert, desto brutaler entfesselt er zugleich den Terror gegen das revolutionäre Proletariat. Ist doch der ,veiße Terror der Bourgeoisie zugleich ein elementarer Bestand ihrer Kriegsvorbereitungen. Gerade in dieser Periode der Hitlerdiktatur wurden neue l\Iorde an proletarischen Funktionären verübt. Die Kommunistin I-Ielene Glatzer ,vurde von der Gestapo erschlagen, der Kom- 1nunist Georg I-Iandke in seiner Zelle erhängt. Darüber hinaus sielen zahlreiche Arbeiter, die aus -den Betrieben verhaftet ,vurden, dem faschistischen ireucheln1ord zum ·Opfer. So „versch,vanden" plötzlich iin l\färz 1935 vierzehn Arbeiter der Krupp,verke, die von der Gestapo verhaftet ,vorden ,va:ren, spurlos. So,vohl den Arbeitskollegen als auch den Angehörigen ,vurde von der Geheimen Staatspolizei „geraten", sich nicht nach ihrem Verbleib zu erkundigen. In den verschiedensten Gegenden Deutschlands .,vurden Todesurteile gegen Arbeiter ,vegen „militärischen Hochverrats" gefällt und vollstreckt. Die Kommunisten Maddalena, Stamm und Rembte wurden von der Gestapo bestialisch gefoltert. Der frühere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete und Führer des frcige,verkschaftlichcn Bergarbeiterverbandes Husemann ,vurde ermordet. l\1it dem Programm der physischen Ausrottung aller revolutionären Vorkämpfer und aller Antifaschisten, deren die Faschisten habhaft ,verden können, glauben die Hitler, Göring und Blomberg, das „Hinterland f lir den ko111menden Krieg" reif machen zu können. So ist der faschistische Terror ein Stück Kriegsrüstung, und seine Ab,vehr durch die internationale Solidarität ge,vinnt noch erhöhte Bedeutung. .. . , ·. . XI P r o I e t a r i s c h c r H e r o i s n1 u s u n d p r o l eta r i s c he S oli-da r i tät

Viele der gefallenen und eingekerkerten Antifaschisten erwiesen sich als Träger jenes proletarischen 1-Ieroismus, wie er sich 71

ll' i 1 h c 1 m Pi c c k

vor allem in Dimitroffs h�ldenhaftem Ka1npf vor dem faschistischen Tribunal verkörperte. Da ist der Hamburger Arbeiter Fiele Schulze, ein Funktionär des Roten Frontkämpferbundcs, der am 18. i\1ärz 1935 zum Tode verurteilt und am 6. Juni 1935 durch das I-Iandbeil in Hamburg hingerichtet ,vurdc, ,veil er in den Jahren vor der Hitlerregierung der „intellektuelle Urheber" von Zusamn1enstößcn des RFB mit der SA gewesen sei, bei dienen auch SA-Leute erschossen ,vurdcn. Der Staatsan"·alt hatte gegen ihn, dem keine einzige aktiYc Beteiligung an den Zusammenstößen oder Schießereien be,viesen wurde, drei­ n1al die Todesstrafe und 260 Jahre Zuchthaus beantragt. Das Gericht verhängte über ihn so,vohl die Todcs':;lrnf e als auch lebenslängliches Zuchthaus. ,,Er ist ein Todfeind unseres Staates. Seißf Stimme" - so erklärte der Stautsan"·alt - sei „gefährlicher als die Kugeln", mit denen er habe schießen lassen. Da ist August Lüttgens, der in -der Nacht vor seiner Hinrichtung an seine Kinder schreibt: ,,,vcnn Ihr größer seid und die "1cltgeschichlc studiert hnht, dann werdd Ihr begreifen, was Euer Papa war, warum er kümpftc uncl stnrb. nucb werdet Ihr begreifen, warum Euer Papa so und nicht ande rs handeln konnte. • Nun lehl wohl und werdet Kfimpfcr." Vor dem Richtblock stehend, rief Lültgens den fünfundsiebzig gefangenen Konununisten, die der Hinrichtung zur Abscl1reckung behvohnen mußten, zu: ,,lch sterbe für die proletarische Re,·olution. Rot Front!" Da ist Karl Wolff, der auf dem Schafott den ,,1unsch amspricht, sich noch einn1al ausstrecken zu <lürfen und, als mnn ihm die Handfesseln abnimmt, seine Fäuste dem nächststehenden SA- 1-Ienker ins Gesicht schlägt. Da ist der Kommunist Fritz Engel, der noch unmittelbar vor dem Tode für die proletarische Revolution ,virbt, indem er an ihm bekan�te SA-Leute schreibt: „ Hört die letzten "rorte eines Antifaschisten, der für den Sozialismus stirbt: Euer ,vcg ist fah;ch." Da ist der Arbeiter Kaptur, der bei der Verkündung seines Todesurteils in den Gerichtssaal ruft: „ Ich habe als Revolutionär gelebt und bin auch bereit, als Revolulionir zu sterben." 1 l ' Da ist der junge Komn1unist Hüttig, der trotz des drohenden Todesurteils die Mißhandlungen und Folterungen vor Gericht enthüllt und stolz erklärt: 72

Vom Nosketcrror =um llillerfascl1ismus

,,\Vas ich im Columhiahnus gesehen haibc, hestiirkl mich erst recht, his zu meinem Lebensende Kommunist zu sein."

Da ist IIennann Fischer, der in seinem letzten Brief an seine Frau schreibt: ,,Ich werfe mir nichts vor. \Vas kh tat, verantworte ich mit dem höchsten, was ich hnbe, mit dem Leben. Möge für Euch einst dns Glück kommen, für das ich sterbe. \Venn ich auch falle, die Fahne wird wehen, trotzig und stark. 1• • 1,:-1 Alle, die vor mir den letzten "7eg gegangen sind, sind ihn als Mann gegangen. DnssellJe werde ich nuch tun. .Möge ewig der I{ommunismus stehen, zum Heile drr grsnmlC'n �Icnschheit.'' Zu dein I-Ieldentun1 dieser gefallenen Antifaschisten gesellt sich jene gewaltige Summe von I-Ieroismus und Opfermut, Kühnheit und Kmnpfgeist, den die I-Iunderte und Tausende, ja Zehntausende von eingekerkerten Antifaschisten in den Konzentrationslagern und Kerkern des Faschisn1us aufbrachten. Ob bekanntere Funktionäre oder unbekannte Arbeiter - ihrer aller vVeg durch die Folterhöllen des I-Iitlerfaschismus ist ein einziger Triumphzug des proletarischen I-Ieroismus ! U1n so ernster und, ge,vichliger lastet auf uns allen, auf den Massen des ,veltpro1etariats, die Pflicht und Verantwortung, durch machtvolle Solidarität dus Leben der noch Eingekerkerten zu verteidigen und für ihre Freiheit zu kämpfen. Unter den harten Bedingtingen der Illegalität arbeitet und kämpft diie Rote I-Iilfe Deutschlands. Viele ihrer besten Funktionäre sind gefallen oder schn1achten in den Kerkern des Faschismus. Aber ihr Kmnpf für die machtvolle Entfaltung der proletarischen Solidarität, für die 1\-fobilisierung der i\•Iassen gegen die Klassenjustiz und gegen . den Terror dier Bourgeoisie -lebt in den Mil1ionenma,c;sen der deutschen Arbeiter und vVerktätigc-n, lebt in dem heldenhaften Wirken jener Roten Helfer, die ungeacl1 tel des barbarischen faschistischen Terrors ihre Arbeit fortsetzen. vVas einst Klara Zetkin über die Internationale Rote Hilfe aussprach, ge,vinnt heute für Deutschland besond('re Bedeutung: ,,Das \Virken unserer Orgnnisntion ist ein Heldengedicht, verfaßt ,·on Millionen Unbekannter und Ungenannter zur Ehre von Millionen Ungennnnter und Unbekannter. Künftige Dnrskller der Periode, in der dn Knpitnlismus niedergcworfen und der Sozialismus aufgerichtet wurde, werden in den Ahrechnungen und in den schlichten Informntions- und Propngnndnheftchen der Roten Hilfe \Vesentlichercs erfahren, nls nus ,·irlcn dickleibigen \Vülzern gelehrter Herren." In diesem Geiste entfnlten wir den l\fnssenslurm für die Befreiung des Führers der deutschen Arbeiterklasse und der Kom1nu- 73

, lV i l h c l m P i c c k

nistischen Partei, Ernst Tllälmann. Noch immer schmachtet Thälmann in den Klauen der Faschisten und verficht trotz aller Mißhandlungen und f asch_istischen Niedertracht ungebrochen die Sache der proletarischen Revolution. Er, unter dessen Führung die revolutionäre Partei der deutschen Arbeiter, die J{on1munistische Partei Deutschlands, zu einer harten, vom Geist des Bolsche,vismus angefeuerten Organisation des proletarischen Befreiungskampfes ,vurde, ,var den faschistischen Bluthunden besonders verhaßt. Gegen ihn richtet sich die verbissene ,Yut der faschistischen Henker und Schergen \Yie gegen keinen anderen. �Iit frechen Fälschungen wird das „11:aterial" für den Prozeß gegen Thäln1nnn vorbereitet. Der Hitlerfaschismus haßt Thilhnann, ,veil ihn die Arbeiterklasse liebt, ,veil die ,,rerktätigen ihn als den Führer ihres Freiheitskampfes anerkennen. Ernst Thäln1nnn und alle eingekerkerten Antifaschisten zu befreien - dns kann nur das \Verk des l{an1pfes der i\fillionen und aber i\Iillionen in der ganzen \Veit sein, der schon DimitroIT und seine bulgarischen Freunde vor dem Schafott rettete 1 Siebzehn Jahre Geschichte des ,veißen Terrors und der bürg·erlichen J{lassenjusliz in Deutschland hiimmern den Arbeitern und ,verktäligcn der ganzen Welt die Lehre ein, daß der \Veg der bürgerlichen Demokratie, den die Führer der Sozialdemokratie das deutsche Proletariat führten, im Faschismus, in der völligen Entrechtung und Versklavung der 1fassen gipfelt. Siebzehn .Jahre "yeißer Terror und bürgerliche K1assenjustiz in Deutschland hämmern die Erkenntnis ein, daß eine Ueber,vindung des faschistischen Blutterrors und ein Sieg über den Faschismus nur möglich ist durch die völlige ''ernichtung der kapitalistischen Klassenherrschaft und die Verwirklichung der Diktatur des Proletariats - nur möglich ist auf dem Wege jener Lehren, die Karl �{arx und Friedrich Engels dem Proletariat gaben und die Lenin und Stalin fortenhvickelten und auf einem Sechstel der Erdoberfläche in die Tat umsetzten.

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DER TERROR DES KLERII{O-FASCI-IISMUS IN ÖSTERREICH Von A n t o n S c h u l z e ,,Trotzdem sich die ,wohlgesinnte' Presse' aller bürgerlichen Länder Mühe gnb, ihren Mantel über die Hinrichtungen, Verfolgungen und den weißen Tcrrnr in Oesterreich zu breiten und die Opfer niedrig verleumdete, • ergriff ein tiefes Gefühl des Abscheus vor den Henkern nicht nur die sozialistiichen und kommunistischen Massen Europas, sondern auch das liberale Bürgertum. Denn der freie Gednnke bat keinen ärgeren Feind als den klerikalen Faschismus - und er weiß dies. Jeder weltliche Fortschritt wird durch ihn in Frage gestellt." Romain Rolland Vorwort zu „Oesterreich, Brandherd Europas". z,veimal trat im Jahre 1934 das kleine Oesterreich in den Mittelpunkt der internationalen Aufmerksamkeit: In den Februartagen und am 25. Juli, a!ls Hitlerputschisten Dollfuß ermordeten. Aus dem „gemütlichen" Oesterreich ,var ein Land geworden, in dem der Bürgerkrieg ,viitete, in dem die Regierung zum Volke aus Kanonenschlünden sprach, in dem die brutalste, sch,värzeste, heuchlerischste Reaktion regiert. Aus Oesterreich ,var ein Brandherd des imperialistischen Krieges ge,vorden, aus dem jeden Augen-· blick der ganz Europa in Flammen setzende Funke schlagen kann. Wie konnte es so ,veit kommen? Wie konnte ein Land mit einer so starken und organisierten Arbeiterklasse, mit einer so uneinigen und innerlich zerklüfteten Bourgeoisie unter dias Joch einer solchen Diktatur kommen, die sich von der Hitlerdiktatur nur dadurch unterscheidet, daß sie eine weitaus schwächere Massenbasis hat und deshalb den Massenterror gegen die Werktätigen noch nicht in demse'lben �fuße an,vcnden, noch nicht in solchcn1 MnBe tagaus, tagein Verhaftete ioltern und! ermorden kann ,vie der Hitlerfaschismus? ,venn heule in Oesterreich die brutale Diktatur des Klerikofaschism�s die \Verktätigen knechtet und aussaugt, so ist dies wie 76

A n t o n S c Jzzz 1 = c

kau1n in einem anderen Lande die historische Schuld des Reformismus, der au5tron1arxistischen Spielart der Sozialdemokratie. Bis in die Februartage folgte diie über,vältigende Mehrheit des Pro1etariats den sozialdemokratischen Führern, funktionierte die vielgerühmte „Disziplin", die eine Disziplin der Niederlagenstrate"ie t> war·' ails der Februarkampf begann, hatte die Sozialdemokratische Partei noch immer fast 700 000 l\fitglicder. �{ehr als fünfzehn Jahre lang vermochten die sozialdemokratischen Führer die l\{assen bei der Stange zu halten, indc1n sie eine durch und durch reformistische, arbeiterfcindlichc Politik mit revolutionären Phrasen verbrämten. 1918, als die Österreich-ungarische �fonarchic zusammengebrochen "r ar, beherrschten faktisch die Arbeiter- und Soldatenräte, die angesichts des Sieges der russischen OktohcrreYolution gebildet ·wurden, die Lage. Die l\fassen forderten die Diktatur des Proletariats, sie "rollten die Revolution, die Erkämpfung der sozialistischen Ordnung nach dem l\fuster der russischen Arbeiter. Nichts hätte damals den Sieg des Proletariats verhindern können, denn die herrschenden Klassen besaßen keinerlei Macht, ihr Staatsapparat "rar völlig zerfallen. In dieser historischen Stunde, da ein Sieg der Arbeiterklasse in Oesterreich die Brücke z,vischen So"rjetrußland, Sowjetbnyern. So,vjetungarn hätte bilden, die ganze europäische ArbciterklasM' zur Revolution hätte entflammen können - in dieser Stunde spieltP dde ,,linke" austromarxistische Partei dasselbe Spiel wie die Partei der Noske, Scheidemann und Ebert in Deutschland. Sie „rettete" Ocsterreich vor dem Bolsche,vismus. Einen Tag vor der Ausrufuns der Republik, nn1 11. November 1918 erklärte der Führer der Sozialdemokratie, Karl Renner, im damaligen Staatsrat: „In dieser außerordentlichen Situation ist uns durch kompetente Leute dk Kunde geworden, daß der Kaiser bereit ist, zu verzichten. Dieser Entschluß bietet uns wahrscheinlich die Möglichkeit, ohne große innere Kämpfe und ohne Bürgerkrieg über die gegenwärtige Situation hinüberzukommen und dffl aufgeregten ifassen soviel zu bieten, das sie nnch der pro,;sorischen Änderung der Staatsform bcrulziyt sind und das normale Leben im Staate fortgeht, ohne daß die politischen Erschütterungen von sozialen begleitet sind." Den if:-issen aber versprach die Sozia1demokratie, daß sie sie durch die Demokratie zum Sozialismus führen werde. Otto Bauer erklärte auf dem sozialdemokratischen Parteitag nm 31. Ok�ober 1918, der Sozialismus werde „selbst aus der Tatsache der Demokratie kommen, denn die Demokratie, die die ganze Volkswirtschaft beherrscht, schlägt von selbst in den Sozialismus um''. 76

Der 1'error des Kleriko-J.'ascltismus in Oesterreiclt

Die sozialden1okratischen :Minister tasteten ,vcder die kapitalistische '°Virtschaft noch den Staatsapparat an, sie entwaffneten die Bourgeoisie nicht, sie ließen die monarchistischen reaktionären Offiziere und hohen Bürokraten, Richter usw. auf ihren Posten. Es ist ,vahrhaft symbolisch, daß einer der Initiatoren des Heimwehrfaschismus, der Polizeipräsident Schober, der von der Monarchie übernommen und von den Sozialdemokraten auf seinem Posten belassen ,vurde, sch'ließlich am 15. Juli 1927 der Kommandeur des Ge1netzcls unter der Arbeiterschaft war. Die sozial'­ demokratischen ni!inister selbst organisierten die Niederschlagung der Arbeiter, die sich ihrer Politik nicht fügen ,vollten und zum Kampfe gegen den Kapitalismus drängten. Als für den 15.Juni 1919 die Kommunisten -eine Sympathiedemonstration mit Sowjetungarn vorbereiteten, ließ der sozialde­ n1okratischc Innen1ninisler Eld:ersch am Tage vorher sämtliche Vertrauensmänner der Kommunistischen Partei Oesterreichs verhaften, und als am nächsten Tag 20 000 Arbeiter in die innere Stadt strömten, organisierte die Po'lizei Schobers auf Elderschs Auftrag in der seither berühnit gewordenen „Hoerugasse" einen FeuerüberfaU. auf die unbewaffnete, ,vehrlose, führerlose Masse. 17 Tote und mehr als 100 verwundete Arbeiter blieben auf dem Platze. Auch in Linz, Graz. und anderen Städten kam es zu Zu� sammenstößen, bei denen es Tote und Verwundete gab. Aber im ganzen überwand die Bourgeoisie mit Hilfe der Sozial� demokratie die Umsturzjahre ohne große „soziale Erschütterungen". Sie sammelte ihre I{räfte, reorganisierte ihren Staatsapparat und begann faschistische Banden zu bilden. Sie bereitete sich vor, dem Proletariat die Rechte und Errungenschaften, die sie ihm hatte gewähren müssen, ,vieder zu rauben. Die sozialdemokratischen �finister wurden aus der Regierung entfernt, der Mohr hatte seinen Dienst getan ... Noch in den Umsturztagen 1918 waren in· Tirol und Vorarlberg, den reaktionärsten Provinzgebieten, die Heimwehren gebildet worden, die aus Staatsmitteln bewaffnet ,vurden. Auch die anderen faschistischen :Mordorganisationen, die Frontkämpfer, die monarchistische Ostara, verschiedene Ableger der reicl1sdeutschen Organisationen, ,vie die Organisation €onsul, ,vurden insgehein1 vom Staate unterstützt und finanziert. Sie gingen sehr bald zum Terror gegen dit! Arbeiterschaft iiber. Das erste Opfer dieser faschistischen Terrororganisationen wurde nn1 17. Februar 1923. der sozinlden1okrntische ßezirksar- 77

Anton Schulze

beiterrat von Hietzing, Franz Birnecker. Der Ermordung Bimeckers folgten nacheinander die �lordc an den Arbeitern Still, Kovarik, :\Vimmer, �iüller. Nach jedem Mord verlangte die erbitterte Arbeitersohaft Abrechnung mit den damals noch kleinen und sclnvachen faschistischen Banden. Aber die sozialdemokratische Führung bremste ab. Die sozialdemokratische „Arbeiterzeitun, schrieb nach jedem Mord: ,,Das �laß ist voll, noch einmal - und ,vir schlagen los l" Die �iörder ,vurdcn von der l{lassenjustiz regelmäßig mit provokatorisch-lächerlich niedrigen Strafen belegt oder überhaupt freigesprochen, ,vodurch die Faschisten zu neuem Terror ermutigt wurden. Der Augenblick des Gegenschlags kam aber für die Sozialdemokratie nicht, denn ihre Führer sprachen nur vom Losschlagen für d.ie Zukunft, um <lic Arbeiter ,·om Kampf im gegenwärtigen ltloment abzuhalten. Nach Birnecken Ermordung ,vurde der „Republikanische Schutzbund" gegründet, der später noch eine so bedeutungsvolle Rolle spielen sollte. Die kampfge,villten Arbeiter traten in diesen Schutzbund, um in wehrhafter \\1eise gegen den Faschismus zu kärnpfen. Als am 14. Juli 1927 ,viedcr faschistische Arbeilern1örder freigesprochen wurden - faschistische „Fronlkän1pfer", die am 30. Januar 1927 den Arbeiter Csmarits und ein Arbeiterkind namens Josef Grössing erschossen hatten - da riß den �fassen die Gtduld. Ueber die Köpfe der sozialdemokratischen Führer hin\\·eg„ die den Kamphvillen der Massen mit allen Kräften zu zügeln versuchten, brach am 15. Juli 1927 mit elementarer Wucht der Generalstreik los. In Wien strömten ungeheure �lassen ins Stadl• zentrum. Die Polizei provozierte und begann zu schießen. Die ersten Toten fielen. Die Massen s türmten das Bolhverk der Klas• senjustiz, den verhaßten Justizpalast und zündeten ihn - ein Akt der Volksrache an der den faschistischen Terror fördernden Klas• senjustiz - an. In ganz Oesterreich ,var die Arbeiterschaft von ungeheurer Erregung erfaßt. Jetzt ,var der Augenblick gekommen, jetzt mußte Abrechnung gehalten ,verden, jetzt mußte die bürgerliche Seipelregierung gestürzt, eine Arbeiter- und Bauernregierung gebildet ,vcrdenl Aber die sozialdemokratischen Führer ·wollten den Kampf nicht. Sie ,veigerten sich, das. Proletariat zu bewaffnen, ob,vohl sie niemand daran hätte hindern können. Sie mobilisierten den Schutzbund, verwendeten ihn aber nicht gegen die Polizei, sondern - zur Rettung gefangener• Polizisten, zur Aufsammlung der Leichen, und um der Feuer,vehr den \Veg zum brennenden Justizpalast zu bahnen. Der sozialde1nokratische Bür- 78

[ Der Terror des Kleriko-Faschismus in Oesterreich

germeister Seitz fuhr auf einem Löschwagen der Feuerwehr zum Justizpalast, um die Massen zu „beruhigen". Als ihm das nicht gelang, erschien die Polizei, die sich bis dahin aus Furcht vor der Arbeiterschaft zurückgezogen hatte. Ein grauenhaftes Gemetzel setzte ein, zwei Tage lang schoß die Polizei blindlings in den Straßen. :\Vahre Treibjagden ,vurden veranstaltet, die Arbeiter wurden zum Teil mit Dum-Dum-Geschossen abgeknallt. 100 Tote, darunter Frauen und Kinder, und über 1000 Verletzte, davon einige hundert Schwerverletzte, ,varen das Resultat des von der Polizei der christlichen Seipelregierung veranstalteten �Iassakers und der schmählichen Politik der Seitz, Renner und Bauer, die bereits am 16. Juli den Generalstreik und a m 18. Juli auch den Verkehrsstreik abgedrosselt hatten, und den ,,Kampf auf parlamentarischen Boden verlegten'\ ,vie sie sich ausdrückten. Damals setzte die erste große Terrorwelle gegen die Arbeiter ein. Kom1nuiiistische und auch einige sozialdemokratische Zeitungen und Broschüren wurden konfisziert. Spitzel und Provokateure trieben ihr sclunutziges I-Iandwerk, l\1assenderiunziationen setzten ein, und mehr als 2000 Arbeiter ,vurden verhaftet. Die Verhafteten ,vurden fürchterlich n1ißhandelt. Die Polizei hatte ihre Prügelmethoden in ein ganzes System gebracht, welches mit einem ,vienerischen Ausdruck als „ Watschcnmaschine" bezeichnet wurde. Einige hundert Arbeiter ,vurden angeklagt und zu sch,veren Strafen verurteilt, darunter viele Arbeitersa111ariter „wegen gemeiner Erpressung", ,veil i.sie - Autos zum Verwundetentransport aufgehalten hatten. Der Julikampf und seine blutige Niederschlagung wurde zu einem historischen Wendepunkt. In großen1 :Maßstab wurde mit dem Gelde der Industriellen, Bankiers und Großgrundbesitzer die Heimwehr hochgezüchtet, _die in den Julitagen in einzelnen Provinzgebieten bereits gegen die streikenden Aflbeiter aufgeboten ·worden ,var. Ein brutaler Terrorfeldzug der lleinnvehr setzte ein. Sonntag für Sonntag wurden provozierende Aufmärsche in Arbeiterorten veranstaltet. Schließlich wagten sich die Faschistenbanden auch in größere Städte, da sie sich von der Staatsgewalt geschützt ,vußten und die sozialdemokratischen Führer die Arbeiter auf den Kampf mit „geistigen Waff en" vertrösteten und sie aufforderten , die Faschisten zu ignorieren. Auch in den Betrieben setzte der Terror ein, freigewerkschaftliche und kommunistische • Arbeiter ,vurden entlassen und an ihre Stelle Heimwehrmänner 79

A n t o n S c 11 u l = e

eingestellt. ,voche um Woche gab es blutige Zusan1menstöße zwischen den Arbeitern undJ 1-Ieimwchnnännern, Arbeiter ,vurdcn verletzt, einige ern1ordet, Arbeiterheime ,vurdcn gestürmt und verwüstet. Die Heinnvehr stützte sich auf die Staatsge,valt, die ihr faktisch jede Hilfe gc,vährle. Die I-Ieinnvehrleute blieben im Besitz ihrer ,·vaff en; ,yenn jedoch die Arbeiter sich zur \Vehr setzten, wobei 111eist die Faschisten den Kürzeren zogen, dann erschien Polizei und Gendarn1erie, dann ,vurde drauflos verhaftet und dutzende, hunderte Arbeiter eingekerkert. Viele Proletarier ,vurdcn zu sclnveren Strafen verurteilt, ,veil sie sich gegen die faschistischen Angriffe gewehrt hallen. Die ,venigen im ßesitze der Arbeiter befindlichen ,vaffen ,vurden beschlagnahmt. Der Höhepunkt dieser Terrorwelle ,var das Blutbad von St. Lorenzen am 13. August 1929. In diesem kleinen obcrsleirischen Ort sollte der sozialdemokratische Parteisekretär Kolon1an \Vallisch sprechen, der später, nach den Februarkämpfen 19-34, durch den Strang hingerichtet ,vurde; die Hehnwehr verkündete, daß sie unter allen Umständen die Versammlung verhindern würde und zog ihre Truppen am Versammlungsplatz zusan1n1cn. Als die Arbeiter sich an einem anderen Platz sammelten, schossen die Heim\\·ehrleute mit �faschinenge,vehren und Karabinern auf die fast durchweg unbe,vaffneten Arbeiter, die sich mit Zaunlatten und einigen wenigen Revolvern zur Wehr setzten. Dreizehn Tote, davon z\\·ei Heimwehrleute, und an hundert Verwundete blieben auf dem Platze. Der Polizeipräsident des 15. Juli, Schober, der am 29. Septemder 1929 unter dem Druck der Heimwehren die Regierung übernahm, wurde von den Sozialdemokraten als ein ,,Demokrat" begrüßt. Die sozialdemokratischen Führer stellten die Sehoberregierung den Arbeitern als ein Bollwerk gegen den Faschismus dar, ob,vohl unter der Regieru.ng Schobers eine „Verfassungsreform" beschlossen ,vurde, die eine Reihe faschistischer Diktalurbeslin1- mungen brachte. Die faschistische Welle stieg weiter an. Der Te.rror gegen das Proletariat verschärfte sich, denn neben den Heimwehren erstand ein neuer faschistischer Faktor dureh das rasche Anwachsen des von Deutschland geförderten Nationalsozialismus. Nun gab es allwöchentlich Zusammenstöße nicht nur mit Heim,vebrleuten, son­ • dern auch mit SA- und SS-�fännern. Nach einer unvollständigen Statistik der österreichischen Roten 80

Der Terror des Kleiiko-Faschismus in Oesterreicit 1

1J 1 1-Iilfe ,vurden im Jahre 19311580 Arbeiter aus politischen Gründeh verhaftet, im Jahre 1932 aber ,varen es bereits fast 5000. Vier Arbeiter ,vurden im Jahre 1932 von Polizei und Faschisten er­ n1ordet, hunderte sclnververletzt. Ein Beispiel der Klassenjustiz schon in dieser noch „den1okrati schen" Zeit ist der Fall des Innshrucker Schutzbündlers Otto Zonta. Zonta hatte sich an einer • V crsammlung der SA in Iiötting bei Innsbruck beteiligt, ,vährend der es zu blutigen Zusammenstößen kam, bei denen der SA-�fann Fink getötet ,vurde. Trotzden1 Zonta nach Aussage sämtlicher Zeugen und der Sachverständigen Fink nicht getötet haben konnte, ,vurdc er doch "·egen l\fordcs zu 8 Jahren sch,veren Kerkers ver- ·urteilt l Die Fnschisierung Oeslerreichs zeigte sich auch in der Unter-· stülzung des ausländischen Faschismus. Revolutionäre Emigranten aus den Balkanländern, aus Ungarn, Italien und Palästina, die in Oeslerreich Zuflucht gesucht hatten, ,vurden gejagt, verhaftet und oft den Ländern ausgeliefert, in denen sie verurteilt ,varen. .. Oesterreichische Gendarmen spielten den Kärntner Kommunistenführer J(azianJ.�a den jugosla,vischen Klassenrichtern in drie Hände, von denen er zu vier Jahren Kerker verurteilt ,vurde. Der österreichische Kommunist Rappold ,vurde gleichfalls der jugosla,vischen Polizei übergeben. Er erhielt drei Jahre Kerker. Ein Vorspiel kon1mender Ereignisse ,varen die Straßenkämpfe im \Viener Bezirk Simmering am 16. Oktober 1932. Die Nationalsozialisten versuchten, das Simmeringer Arbeiterheim zu stürmen. Die Schutzbundbesatzung setzte sich zur Wehr. Z,vci SA­ �Iänner wurden erschossen. Ein Polizist fiel, von einer Nazikugel getroffen, und eine Arbeiterfrau namens Therese Scherbaum, die schwerverletzt ,vurde, starb z,vei Monate später. Die Polizei, die nach den Kämpfen eintraf, stürmte das Arbeiterheim, verwüstete es und mißhandelte in barbarischer Weise die von ihnen gefangengenomn1encn Schutzbündler. Den provozierenden SA-Banditen l geschah nichts. Im �1ai 1932 kan1 Dollfuß an die. Regierung. Mit einer kleinen Parlamentsmehrheit regierte er, ge.5lützt auf die parlamentarische I-Iilfe der Sozialdemokraten, noch fast ein Jahr „parlamentarisch", bis der Faschismus in Deutschland die Macht übernahm. Dann hielt auch er, der mit den I-lcim,vehren ein enges Biindnis geschlossen hatte, seine Stunde für gekommen und ging, gestützt auf die ,veitgehendste Hilfe und Förderung seitens des itnlicnis<:hcn Faschismus, die Politik der Sozinldcn1okrnten ausnutzend, zum 6 \Vcfßcr Terror 81

Anton Sch-ulze

Angriff Über. Am 4. �färz 1933.erfolgle die Ausschaltung des Parlaments und ein Jahr der schrittweisen Vorbereitungen des faschistischen Endangriffs begann. Durch Notverordnungen wurd� nacheinander in einschneidendster \Veise die politischen und wirtschaftlichen Rechte und Errungenschaften der \Verktätigen beschnitten. Die Presse wurde unter Vorzensur gestellt, die Versammlungsfreiheit aufgehoben, die slaalsbürgerlichen Rechte und alle \Vahlen beseitigt. Vor dem 1. Mai 1933 gab es zwn ersten Male in ganz Oesterreich diie seither zur Gewohnheit gewordenen Massenrazzien auf Kommunisten. Uebcr 1000 Kommunisten wur­

11 den verhaftet und ohne jede Begründung wochenlang eingekerkert. Der Schutzbund wurde aufgelöst. Im 1fai f olgtc das Verbot sämtlicher revolutionären Organisationen und das Verbot der Kommunistischen Partei Oeslerreichs. Die Schutzhaft wurde eingeführt und Konzentrationslager wurden eingerichtet. Der Poli1ei wurde ständig mehr Gewalt und Strafbefugnis übertragen, so daß nur noch ein Bruchteil der Gefangenen vor <las Gericht komml Die Masse der Verhafteten wird von jetzt ab von der Polizei ad­ .. ministrativ, d. h. nach \Villkür bestraft. Die Lage des Kilerikofaschismus war u111_ so labiler und sein Vorgehen um so brutaler, als er einen Zweifrontenkampf führen mußte: einerseits gegen die Arbeiterschaft, andererseits gegen seinen Konkurrenten, den Hitlerfaschismus, der alle Mittel der Gewalt und des Terrors anwandte, um Dollfuß zum Nachgeben 1u zwinge}). Aber alle Maßnahmen, die formell gegen den nationalsozialistischen Terror getroffen wurden, wurden in der Praxis in erster Linie gegen die Arbeiterschaft angewandt. Vor dem 12. November 1933, dem Jahrestag der Ausrufung der Republik, führte Dollfuß schließlich in provokatorischer \Veise für bestimmte „Verbrechen" das Standrecht und damit die 1918 abgeschaffte Todustrafe wieder ein. Das waren •seine „juristischen" Vorbereitungen für den Endkampf um die vom Faschismus proklamierte „Erneuerung Oesterreichs." Die Sozialdemokratie hatte während der ganzen Zeit ihre Po. litik fortgesetzt: sie wich 6tänd1ig zurück, hielt die Arbeiter mit allen Mitteln vom Kampf ab, vertröstete sie auf „den nächsten AngriIT", bei d�m sie losschlagen würde und unternahm nichts, weder gegen den faschistischen.Terror, noch gegen die wirtschaftliche Aushungerung der Arbeiterschaft durch die Unternehmer. Sie unterm�hm nichts gegen die Zertrümmerung der gewcrkschaftlicl1r.n Positfon in den Betrieben und gegen das Hineinpressen der Arbci- 82

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Da 1'aror des Klcr;/.:o-Fusc/iismus in Oeslerrcich

ter, Angestellten und Bca1nlcn in die faschistische Valerliindische Front. Aber sie "'ar - und dies ,var die Kehrseite ihrer Taktik - gez,vungeri, den Schutzbund illegal ,veiterzuführen und technisch-mililürisch aufzurüsten, ,venn sie die nlassen überhaupt noch in der Hand behalten ,vollte. Die Schulzbündiler, eine Elitetruppe der Arbeiterklasse, ,varen kan1pfbcreit und kan1pfge,villt, glaubten aber noch in1mer an die sozialdemokratischen Führer, glaubten daran, daß sie zum Kampf gegen den Faschismus geführt ,verden ,vürdcn, den sie sich, infolge der ihnen von der Führung be,vußt ver111iltclten apolitischen Schulung, als eine rein 1nilitärische, feldkricgsühnliche Aktion vorstellten, ohne die politischen Voraussetzungen und Bedingungen für einen siegreichen Ka1npf zu sehen. Die Radikalisierung der Arbeiterschaft, insbesondere der Schulzhündler, erreichte, beeinflußt von der starken kommunistischen Agitation, einen solchen Grad, daß über die Köpfe des sozialdemokratischen Parteivorstandes hin,veg der Kampf losbrach. Am 12. Februar 1934, 8 Uhr n1orgens, setzten sich in Linz Schutzhündiler gegen die polizeiliche Besetzung des Parteihauses zur Wehr. In dem glorreichen Kampf der österreichischen Arbeiter, der auf die Linzer Ereignisse hin losbrach, standen 20 000 schlecht be,vafTnete Schutzbündler und Kommunisten gegen 80 000 �fann Regierungstrupp en. Die Arbeiter kämpften so erbittert, daß die Niederlage der Regierung fast an eine1n Haare hing. Sie gaben dem internationalen Proletariat ein Beispiel heldenhaften �lutes und zeigten unbegrenzte Treue und Ergebenheit zur großen Sache des Sozialismus. Auf die Nachricht von den Vorgängen in Linz stellten die Arbeiter des Elektrizitäts,verkes in Wien -die Arbeit ein. Dadurch standen die Straßenbahnen still (<las Stillstehen der Straßenbahnen sollte das Signal zum Generalstreik sein). Infolge der sozialdemokratischen Niederlagenstrategie ,varen jedoch viele Arbeiter schon zermürbt; hinzu kam, daß die Ge,verkschaftsführer den Streik nicht nur nicht organisierten, sondern Jn1 Gegenteil sabotierten und in vielen Fällen sogar die Weisung gaben ,veiterzuarbeiten, z. B. bei den Zcitungsarbeitern und Eisenbahnern. Deshalb folgte nur ein Teil der Betriebe der Streikparole. Für die Schu tz-biindler ,var das Stillstehen der Straßenbahnen ebenfalls das vereinbarte Zeichen, daß der Endkampf zu beginnen habe. Sie versnnunelten sich in gnnz \\ icn nuf ihren Snn1n1clplätzen, verteilten die \VafTcn und 1nnchtcm sich kn1npffcrlig. Aber auch jetzt noch sabotierte ein Teil <lcr Funktioniirc. Einer, Korbei, 83

= .·1 n l o n S cl1 u l e

der Kommandant von Wien-\Vest, erwies sich s ogar als ein Polizeispitzel. Dieselben Mängel wie in \Vien zeigten sich auch in der Provinz. So ·kam es, daß nur ein Teil des Schutzbundes in Aktion trat. Von den 60 000 Mitgliedern des Schutzbundes kämpften höchstens 20 000, von den vVaffen wurde ebenfalls nur ein Teil verwendet. Zu den Schutzbündlern gesellten .sich an vielen Orten Gruppen von Kommunisten, die tapfer milkämpften. Die letzten und entscheidenden Ursachen für die Niederlage der österreichischen Arbeiterschaft im Februar 193-1 waren das Fehlen einer kommunistischen Massenpartei, hinter der die Mehrheit der Arbeiterklasse stand und das demzufolge mangelnde Bewußtsein bei den �Ia-ssen, daß ihre Aktion nur als Kampf um die Sowjetmacht siegreich sein konnte. So kam es, daß clic Arbeiterklasse, von den sozialdemokratischen Führern verraten und sabotiert, im entscheidenden Augenblick ohne Führung war und die Schutzbündler sich lediglich auf die Verteidigung einzelner Arbeiterhäuserblocks und einzelner Betriebe beschränkten, an tatl zum Angriff überzugehen, die Schwäche des Gogners auszunut%en und die Initiative an sich zu reißen. Furchtbar war -die Grausamkeit, mit der der heuchlerische IGerikofaschismus die kämpfenden Arbeiter niederschlug. Zum ersten Male seit den Revolutionskämpfen des Jahres 1848 wurde in \Vicn und in einer Reihe Provinzstädten Artillerie eingesetzt Mit Haubitzen und :M..inenwerfern beschossen die Truppen ganze \:V ohnblocks, in denen oft nur Frauen und Kinder anwesend waren. Sogar Flugzeuge wurden gegen die Schutzbündler eingesetzl Die feigen Marodeure der Heimwehr wagten sich erst vor, als die ..\r· tillerie die Hiiuser „sturmreif" geschossen hatte. Nur d..ie Angst vor der öffentlichen Meinung des Auslandes hielt Fey, den damaligen Vizekanzler, duvor zurück, die Donauebene bei \Vien, in die sich zahlreiche unbcwnffncte Schutzbündler geflüchtet hatten, mit Fliegerbomben zu belegen. Aber die teuflische Idee, das Netz der \Vicner Knnnlisntion unter \:Vusser zu setzen, um die dorthin geflüchteten Schutzbiindler wie Hatten zu ertränken. führt• l'r dur ·h. Vil'l wurden nuf c.fü•sc \\ eise erträ.nkl Die gcstiirmtcn Arbcitcrwohnblucks wurdl'll in barbarischer \Veisc Vc.!rwH tel und c.li • \Vohnungcn von den lumpenproletarischcn Elcnu•ntt•n tlcr frt•iwilli�l'n fo ·chi·ti chen Formationen nu . gcplündrrt. Die fn · ·hi ·tis hl•n ßnndt•n Z<'rwiihltcn, zerstampften, ,•crnic-htl'lcn, wns lhnt•n in di l lilmlt• fü•l, und schlugen, folterten 84

. Der Terror des Kleriko-Fascliismus in Oesterreicli

und ermordeten zu I-Iunderten wehrlose Männer, Frauen und Kinder. Schutzbündler, die im Linzer Arbeiterheim verhaftet ,vurden, bericl1teten: .,,Vir wurden mit Kolben und Gummiknüppeln geschlagen ... Währ<'nd des Marsches wurden wir mißhandelt Bald versetzte uns einer Boxhiebe ins Gesicht, dann schlug uns ein anderer mit dem Gewehrkolben ins Kreuz ... Einer konnte die Arme nicht mehr hochhalten, da stnchen sie ihm mit dem ßajonelt in die Hiinde."

Bei den Kän1pfen um dns Ottakringer Arbeiterheim ,vurde der Arbeiter I. L. gcfangengenomn1en. Heim,vehrleute und Polizisten empfingen den Unglücklichen auf der ,,rachlstube Panikengasse mit den ,vorten: ,,Polizistenmörder, Bluthundl" Sie trampelten auf dem am Boden Liegenden herum und traten sein Gesicht zu Brei. Später stellte es sich heraus, daß dieser Arbeiter mit den Kü111pfen überhaupt nichts zu tun gehabt hatte. Der Brigillcnaucr Schutzbundkommandant Pokorny wurde von der Polizei, die von ihm '\VafTenverstecke ,vissen ,vollte, derart gefoltert, daß ihn l5eine eigene Frau nicht ,viedererkannte. Sein Oberkiefer ,vnr durch Ko�benschläge zerschmettert. Geisteskrank ,vurde er in die Irrenanstalt „Am Steinhof" eingeliefert. Truppen des Bundesheeres, nicht Heim,vehrl�ute, ,varen es, diie 1.1nter Führung des �fajors Charwat nach der Erstürmung des Arbeiterheims in Holzleithen (Oberösterreich), sechs Sanitäter, die an den Kä111rpfen überhaupt nicht teilgenommen hatten, an die ,vand stellten und vier von ihnen, namens Krobaschek, Staranitzky, Schmiedt und Holbinger, erschossen. Z,vei der Opfer wurden nicht tödlich getroffen und konnten sich retten; sie leben heute noch als Zeugen für den niederträchtigen Terror des heuchlerischen J{lerikofaschismuS'. In Wien-F.loridsdorf ,vurden mehr als 450 Verhaftete, unter ihnen eine große Zahl von Nichtteilnehmern am Kampfe, in einem langen Zug mit erhobenen Händen von Bund�soldaten zum Polizeikommissariat geführt. Während des Transportes erschien plötzlich Heim,vehr und tSchoß von z,vei Seiten mit �faschinengewehren in die "'ehrlosen Menschen. Vier Tote, sechs Sch,ververletzte und Dutzende von Leichtverletzten ,varen das Ergebnis. Da die Soldaten von dem Feuer ebenfalls bedroht ,vorden waren, hatten sie die Heimwehr schließlich vertreiben •müssen. Wie es in jenen Tagen Jn de!l µberfülHen Gefängnissen nussah, 8a.

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Anton Scltul::c

schildert der Brief eines Wiener Wachmannes 1n der sozialdemokratischen Brünner „Arbeiterzeitung" vom 1. April. „Bei uns in Oesterreich - heißt es in diesem ßricf - herrscht gröBte Rarharei. Tausend<> �f<'nschen müssen sitzend auf den Steinen schlafen. Sbtt Essen hekomm<'n sie Prügel. In ein Loch, wo zwei Platz hahen. werden 16 hin· <'ingestopft! Krin<'r kann sich umdrehen, und von <'iiwr Lüftung ... ist keiM Rede. Seil der Haft kann �ich keiner waschrn ... Die l--Hifllingc sind nur noch Schatten von Menschen. Sie müssen die acmcinstc Arbeit machen ... Du Essen ist eine Suppe ohne alles... Die Hftftlin'!e wurden fürchterlich � schlagen und werden no<'h geschlagen. Die Kost. die sie bekommen, frißt kriD · Hund ... \Vrnn ein Hiiflling h<'rauskommt, ist er nicht zu erkennen ... Guz nnschulclinr Leute sitzcn im Arrest und wrrden T:-ig und :'\acht gemartert .. Ich bin \\rnchmann, aber das kann ich nicht mehr :-inc;ehen. deshalb wende ich mich an Euch. um der Oeffentlichkeit bekanntzugchcn, was di� nrmffl an• schuldigen Opfer jetzt zu ]C>iden haben. Das jetzige Ocsterreich ist Wlt Schande für die europäische Kultur."

In der Provinz war es ähnlich. .,Das Verhör mit den Gefangenen - heißt es in einem ßricf nus SL Potlten - sah so aus: der Gefangene wurde aufgerufen und in ein Zimmer � bracht. wo sich der verhörende Beamtr befand. Die erste Frage war: ,\\10 sind die \Vaffen. haben Sie eine Schußwaffe?' \Vcnn der Gefangene mit .Min' a.nl· wartete, bekam cr einige Fausthiebe ins Ge,;icht. d:-inn wurde l'r in die Folkr­ k:mtm<>r geluncht. Dort befand sich ein schmaler Tisch mit <'iner Vorrkhtw:i: zum Festschnallen der Gefangenen. Dann begann die Prozedur. Zuerst 'WUT· den dem Gefangenen die Hftnde :rnsgcslreckl, dieselben von Gendarmen f • gehalten, wfthrend zwei andere Gendarmen, einer mit einem dnumdicken RON' stock, der andere mit einem Gummiknüppel bewaffnet, dem Gefnnttenen 1ehn bis zwölf Schlüge auf die Außenseite der Hand versetzten. Fast alle Gda_n,. genen konnten tagcl:mg ihre Hände nicht gebrauchen. Hatte der Gefan ,. noch immer nicht gestanden. dann wurde er auf den Tisch �eworfen und mH Riemen festgeschnallt. Die beiden mit Gummiknüppel und Rohrstock bewaffneten Gcnclarmcn bearbeiteten dann das wehrlose Opfer. Oft hekamm dit Schutzbündler bis zu 100 Hiebe Nach 4 Wochen Haft sind Rücken, Oberschenkel und Gcs!iß der Gefangenen blau und schwarz und mit Blut unttl' laufen."

Diese Folterungen und Greueltaten wurden zwar offiziell abgeleugnet, aber sie waren nichts anderes als der Ausdruck des klaren Kurses der Heimwehrregierung: ,,dias rote Gesindel zu ,·ernichten !" Aus den Gerichtsverhandlungen ging klar hervor, dal die Mißhandlungen und Folterungen der Gefan�enen von den &­ hörden gebilligt, und daß die untergeordneten Beamten dazu angehalten wurden. In <.>iner Verh:indilung vor dem \Viener Landesgericht riß ein Februarkämpfer sein Hemd auf und rief, auf seine Wunden zeigend: ,.,Vir sind geschlngen worden wie Hunde. Man hat uns unmenschlich behandelt, unmenschlicher als dns gemein, Vieh. Tagelang haben wir :ms Mund und Nase geblutetl" Mit zynischem Lächeln erwiderte der Oberlandesgerichtsrat Dr. Nahr- 86

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Der Terror des J(leriko-Fnschismus in Oesterreiclt

haft: ,,Schade, ·daß man euch nicht ganz erschlagen hat!" In einem anderen Prozeß vor dem Wiener Landesgericht antwortete der Oberlandesgerichtsrat Dr. Bayer auf die Besclnverde eines Angeklagten, daß er gefoltert ,vorden sei: ,,Schade um jeden Schlag, -der bei euch danebengeht!" Dem zynischen Sadismus dieser Richter und; ihrer höchsten Auftraggeber ·n.us dem Bundeskanzleramt entsprechen auch die Klassenurteile. Als erster ,vurde am 14. Februar 1934 der revolutionäre Arbeiter Karl �Iünichreiter vom Standgericht zum Tode verurteilt. Trotzdem 1'.I ünichreiter schwer verletzt ,var und auf einer Tragbahre vor das Gericht transportiert ,verden mußte, stellte das Gericht fest, daß er verhandlungsfähig sei und ließ ihn drei Stunden später durch den Strang hinrichten. 11:ünichreiter starb mit einc1n Hoch auf den i\'farxismus. Am selben Tage ,vurde auch der junge Feucr,vehringenicur Georg Weisscl durch den Strang hingerichtet. '\Vcissel bekannte sich vor Gericht mutig zum be­ ,vafTneten Aufstand und zur proletarischen Revolution. Er starb mit dem Rufe: ,,Es lebe die Drille Internationale!" Es folgten der Arbeiter Josef Ahrer aus Steyr, der - ,vie inz,vischen gerichtlich nachgc,viescn ist - am 16. Februar auf Grund einer fahchen Zeugenaussage zum Tode verurteilt und gehängt wurde; der Grazer Arbeitersekretär Josef Stanek, der am 17. Februar gehängt wurde, die Arbeiter Swoboda, Rauchenberger, I-Ioys, Bulgarie und als letzter der Führer der Brucker Arbeiter, der Sozialdfmokrat l{oloman Wallisch. Die Fällung des Todesurteils über l{oloman '\Val­ •lisch hatte Dollfuß dem Gericht persönlich telephonisch befohlen. Wallisch ,vurde am 19. Februar 1934 nach einer kurzen Gerichtskomödie nachts um 11.30 durch den Strang hingerichtet. Er starb mit einem Bekenntnis zum Sozialismus auf den Lippen. Nach diesen Hinrichtungen mußte die Regierung unter dem Druck des internationalen Protestes das Stnndre_cht teilweise aufheben. Doch der Blutdurst der faschistischen Bestie "'ar ·noch nicht ·gestillt. Am 20. August 1934 wurde der Antifaschist Unterberger ,vegen Besitzes von Sprengstoffen gehängt. Die orirentlichen Gerichte hatten noch iiber ein Jahr mit der „Liquidierung" des Februar zu tun. Den Abschluß bildete die nm 2�. April 1935 erfolgte Verurteilung von 18 Schutzbundführern, die schon vor den Kämpfen verhaftet ,vorden ,varen, zu insgesamt 130 Jahren Kerker. Bei den Kämpfen selbst l1atte es nnch Angabe der Regierung 196 Tote und 319 Verletzte UU$ der „Zivilbevölkerung" gegeben. 87 ·

Anton Sclwl=c

Diese Angaben der Regierung sind bewußt zu niedrig angegeben. . Die Zahlen lagen in ,virklichkeit viel höher. Nach zuverlässigen Ermittlungen betrug dde Zahl der Toten etwa 1000 und die Zahl der Verwundeten zwischen 4000 und 5000. Vom Militär und von der Heimwehr sind 118 Mann gefallen und 486 verwundet worden. 11 Antifaschisten wurden gehängt und 18 zu lebenslänglichem Kerker verurteilt. 1300 Arbeiter wurden zu insgesamt 1400 Jahren Kerker verurteilt. Mehr als 50 000 Arbeiter wurden durch die Gefängnisse geschleppt. Haussuchungen wurden über ¼ Million vorgenommen. Der Bestand1 der politischen Gefangenen in den Kerkern, Polizeigefängnissen und Konzentrationslagern ist seitdem nie mehr unter 10 000 gesunken. Nach der blutigen Niederschlagung der .Arbeiterklasse gedachte der Klerikofaschismus sich häuslich einzurichten. AUe noch nicht verbotenen Arbeiterorganisationen wurden jetzt aufgelöst oder mit Gewalt gleichgeschaltet, die gesamte oppositionelle Presse verboten oder gleichgeschaltet und dem Volke eine neue Verfassung aufgezwungen, über die der Volkswitz das \Vorl geprägt hat, daß nicht das „Bundesvolk die Bundesregierung ernennt", sondern die „Bundesregierung das Bundesvolk". In der Tat, freie Wahlen, ja ,vahlen überhaupt sind nbgeschafft und jede legale oppositionelle Regung ist mundtot gemacht worden. Die Kapitalisten und Großgrundbesitzer mit ihrem Troß von Pfaffen, Offizieren und faschistischen Bonzen schalten und walten, wie sie wollen. Die Arbeiterschaft in den Betrieben wurde rechtlos gemacht. Ein unerhörter wirtschaftlicher Raubzug gegen die \Verktätigen setzte ein, der das ohnehin schon äußerst niedrige Lohnniveau um mindestens 10 Prozent senkte und die Sozialversicherung zertrümmerte. Nur wer den faschistischen Organisationen angehört, kann Arbeit bekommen. Die schwärzeste kulturelle und geistige Reaktion trat die Herrschaft an. Schule, Eherecht Kunst und Literatur wurden der Kirche unterstellt. In den Bibliotheken veranstalteten die Faschisten Razzien auf Bücher, di� unter den päpstlichen Index fallen. 63 000 Bücher wurden - eingestampft. Für Lehrerinnen wurde das Zölibat wieder eingeführt und mit der Kirche ein Konkordat geschlossen, das jhre Mnchtstellung vertraglich sichert. Aber Dollfuß sollte sich seines Sieges nicht fange freuen. Die Nationalsozialisten, die im Februar neutral geblieben waren, und auf die Entscheidung gewartet hatten, gedachten den Haß der Ar, beiterschaft gegen die faschistische Diktatur auszum.\tz��. '11D RJ\ 88

Der Terror des Kleriko-Faschismus in Oesterreich

die Stelle des Satrapen Mussolinis einen Satrapen Hitlers zu stellen. Nach einer mit allen Raffinessen deutscher Organisationskunst durchgeführten Terror,velle von Bombenanschlägen und Feuerüberfällen auf Regierungsorgane, von Sprengungen, und nach einer breiten illegalen Propaganda, schlugen die Nationalsozialisten am 25. Juli 1934 los. Am Tage vorher hatte Dollfuß das letzte Todesurteil unterschrieben: das Todesurteil gegen den antifaschistischen Jungarbeiter Josef Gerl ,vegen eines gegen eine Brücke gerichteten Sprengstoffattentats, das keine Opfer gekostet hatte und mißlungen ,var. Gegen GerJ. ließ Dollfuß die Verordnung zur

/ An,vendung bringen, .die auf bloßen Sprengstoffbesitz die Todesstrafe vorsieht, ob,vohl I-Junderte von Nationalsozialisten verhaftet ,vorden ,varcn, <leren Sprcngsloffattentale l\ilenschenopfer gekostet f hatten und die doch nicht zum Tode verurteilt ,vurden. Einen Tng nach der I-Iinrichtung Gerls ,vur,de Dollfuß von Nationalsozialisten, die das Bundeskanzleramt besetzt hatten, in seinem Arbeilsziinn1cr ern1ordet. Sein letzter ,vunsch galt der Versöhnung z,vischen den streitenden faschistischen Lagern ... Die Urheberschaft des deutschen Nationalsozialismus an dem Juliputsch und an der Ermordung Dollfuß' .ist bekannt. vVir brauchen nur an -die Verbindung der österreichischen Nationalsozialisten mit der deutschen Gesandtschaft in vVien, an die Bildung der Oeslcrreichischen Legion in Deutschland und an das zugunsten der Putschisten erfolgte Eingreifen des· deutschen Gesandten in Wien, von Rieth, nach der Niederwerfung des Putsches zu erinnern. Unter dem Druck der Mobilisierung der italienischen Brennerdivision durch �1ussolini ,var I-Iitler jedoch gcz,vungen, von den Putschisten abzurücken. In einzelnen Gebieten der Provinz, vor allem in Kärnten und Steiermark, hatte der Naziputsch den Charakter eines l\fassenaufstandes angenommen, an dem sich Tausende von hungernden und ausgepowerten Bauern und auch verz,veifelte Arbeiter beteiligten. Nachdem die Regierung die Nationalsozialisten niedergeschlagen hatte, steigerte sie ,vieder ·den Terror gegen die Arbeiter. Sie hatte eine panische Angst vor den illegalen rev olutionären Organisationen, insbesondere vor der Kommunistischen Partei, die im Feuer des Februnrkampf�s zur Mnssenpnrtei geworden ,var, und vor dem Schutzbund, der sich nach dem Februar eine revolutio­ /. näre Führung gegeben hatte und trotz der tiefen Ille�nlitüt Tausende von revolutionären Arbeitern umfaßt. Ein Terrorgesetz folgte dem anderen: die Mitgliedschaft im Schutzbund, ja sogar 89, •

Anton Schulze

die bloße l\fihvisserschaft an Schutzbundangclegenheiten ,vird ab 1-Iochverral bestraft, Sprengstoffbesitz, Hädclsführcrschaft mit dem Tode. Der Begriff des „literarischen I-Iochverrats" ,vurde ,viedcr eingeführt, ,vobei der bloße Besitz oder die Verteilung von Druckschriften hochverräterischen Inhalts selbst als Hochverrat bestraft ,vird. Einige Beispiele für die Terrorjustiz aus den ersten fünf l\ionalen 1935: A1n 12. �'lai 1935 "·urden in Leoben ,vcgcn illegaler Betätigung für die Ko1n1nunistische Partei Ocsterreichs der 18jährige Arbeiter Johann Finz zu 2½ Jahren sclnvcren Kerkers, der Arbeiter Alfred Schreiber zu 3½ .Jahren, der Arbeiter Stie�er zu 5 Jahren und der 18jährige Rupert Puntigain zu 6 .Jahren sclnveren Kerkers verurteilt. Vor dein gleichen Gericht erhielten am 3. 1\1:ärz 1935 der Arbeiter En1merich 1fatcocic 5 .Jahre und drei andere Arbeiter, darunter ein 18jähriger Jugendlicher, je 3 1/2 Jahre Kerker. Ihr „Verbrechen" bestand in <ler Verteilung illcgnler komn1unistischer Zeitungen. Der Kommunist Georg Dollinger aus dem Industrieort Schwechat bei \Vien erhielt n1n 11. April 5 Jahre sclnveren Kerker. Dollinger, der im August 1934 bei einer illegalen Versammlung verhaftet ,vorden ,var, ,vurde vorge,vorfcn, daß er während der Februarkämpfe 1934 zum Stunn auf eine Heim­ :'vehrkaserne aufgefordert und einem Schulzbündler Handgranaten gegeben hätte. Am 9. Ap�il 1935 ,vurde der Leobener Kon1n1unist Svarstnig zu 5 Jahren sch"reren J{erkers verurteilt, ,veil er einige Flugzettel der verbotenen ö·slerreichischcn Roten I1ilfe auf eine Telegraphenstange geklebt hatte! Der Kommunist Rankl in Graz erhielt im l\färz 1935 vom Grazer Schwurgericht 5 Jahre schweren Kerker, ,veil ?\fitglicdsmarken der Kommunistischen Partei Oesterreichs und Aufrufe des Zentralkomitees der KPOe bei ihm gefunden worden ,varen. Am 15. Juni 1935 erhielt der Kommunist Franz '\Valschcr, den das Gericht beschuldiigte, Kreisleiter der KPOe in Leoben gewesen zu sein, 12 Jahre schweren Kerkers. Der Arbeiter Alois Pisnick erhielt im gleichen Prozeß 7 Jahre, der Arbeiter Franz Kramer 2 Jahre, die Angestellte Marie Greimann 1 ½ Jahre und die Stenotypistin Erna Kofler 1 Jahr. Auch gegen revolutionäre Sozialisten wurden sch,vere Urteile gefällt. So erhielt die frühere sozialdemokratische AbgeordnetP. Rosa Jochmann, die bei illegaler Arbeit in Wiener-Neustadt verhaftet "rurde, nach Verbüßung einer dreimonatigen Polizeistrafe 1 Jahr sch,veren Kerker. Ein Wiener Gericht verurteilte · am 14. Mai 1935 die revolutionären Sozialisten PJatzer, Mayer und 90

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Der Terror des Klcriko-Fasc/1ismus in Oesterrcich

\Vurm zu je 3 Jahren, unter der provokatorischen Beschulrugung, daß �ie einen bewaffneten Aufstand geplant hätten. Hand in 1-Iand mit den Gerichten arbeitet eine vollkommen willkürliche administrative Polizeijustiz. .Jeder Polizeikommissar oder Bezirkshauptmann kann jeden Arbeiter, den er illegaler Betätigung verdächtigt, n1il Strafen bis zu 2 Jahren Polizeihaft oder Konzentrationslager belegen. Der Arbeiter ßodenstcincr -aus Bruck a. 11. ,vurde z. B. yon1 Bezirkshauph11ann zu 6 :Monaten Arrest verurteilt, ,veil ihm sein Kind, das sich iin Kindcrhciln der Schutzbiindlerkinder in Moskau befindet, einen Brief geschrieben hatte. Der Bezirkshauptmann stellte sich auf den Standpunkt, daß aus dem Brief des Kindes hervorgehe, daß der Vater mit der Sowjetunion sympathisiere, was verboten sei. Ein anderes Beispiel: Am 12. Februar 1935 - dem Jahrestag der Fcbruarkä1npfe - erschienen die Arbeitslosen beiin Arbeitslosenamt in Mödling bei vVien mit schwarzer Kra,vatte und Trauerflor zu1n Sten1pcln. Siebzig Arbeitslose ,vurden verhaftet und vom Bczirk..shauptmann mit je 3 'Yochen Arrest bestraft. Am 15. Januar ,vurden 4 Frauen aus Gloggnitz, die il1re in der Strafanstalt Kar-lau inhaftierten Männer besuchten, wegen des Tragens roter Pullmannmützen zu je 4 Wochen Arrest verurteilt. Bekannte Funktionäre revolutionärer Organisationen erhalten, selbst ,venn man ihnen nichts nachweisen kann, 6 Monate Polizeihaft und 1½ _Jahre Konzentrationslager. Kann ihnen aber auch nur das Geringste nachgewiesen ,verden, so folgt ein Verfahren wegen Hochverrats oder Geheimbündelei. �{eist wird vor der Ueberstellung an das Gericht überhaupt erst einmal eine willkürliche Po1izeistrafe verhängt, so daß inan für eine Tat zweimal bestraft ,vird. Außerdem ,verden die verhängten Polizeistrafen nach Ablauf der Strafe willkürlich verlängert, so daß die Gefangenen nie wissen, wann sie freikommen. Die Konzentrationslager, Polizeigefängnisse und Kerker sind überfüllt, das Regime ,vird dauernd verschlechtert. Rechte der politiscl1cn Gefangenen werden, insbesondere in den Strnfanstnlten Stein, Garsten und Karlau, wo die zu längeren Strafen verurteilten Antifaschisten gefangengehalten werden, nicht anerkannt. Die Gefängnisverwaltungen leisten sich sogar die Provokation, • die politischen Gefangenen zum Reinigen der Zellen der kriminellen Verbrecher zu zwingen. Als besondere Quälerei wird den Gefangenen am Tage vor der monatlichen Dunkell1aft. Qt

A n t o n S c 11 u 1 = c

zu der viele zusätzlich verurteilt ,vurden, stark gesalzene Kost verabreicht. damit sie ,vährend der Dunkelhaft, ,vo sie laut Gefängnisvorschrift kein Wasser bekommen dürfen, Durstqualen leiden. Die Gefängnisse sind ausnahmslos sch1nutzig, voll Ungeziefer, naß und kalt. Die Kost ist unzulänglich, einförmig und gesundheitsschädlich. Die Gefangenen hungern. �Hßhandlungen, Strafen, Beschimpfungen und andere physische und moralische Quälereien sind! an der Tagesordnung. Die Polizei ist allmächtig. Vor jedem revolutionären Feiertag (vor dem 1. �1:ai, dem 12. Februar, dem 15. Juni und 15. Juli, dem 7. und 12. November), werden ilassenrazzicn veranstaltet, Tausende eingekerkert und oft völlig unschulclig in Haft behalten. ?\fit einem ungeheuren Apparat geht die Polizei, gestützt auf die Hilfe der faschistischen Verbände, auf die illegalen Organisationen los. Ein Bild von der Tätigkeit der Polizei gibt die amtlicl1e Statistik der ,viener Polizeidirektion. Tn ,vien ,vurden nach dieser Statistik in der Zeil vom 15. itärz 1933 bis zum 31. Dezember 1934 38 130 Personen wegen staatsfeindlicher Umtriebe verhaftet, u. zw. 12 270 Sozialisten, 6770 I{ommunislen und 19 090 Nationalsozialisten. In -derselben Zeit ,Yurden 106 000 Hausdurchsuchungen vorgenommen, u. z,v. rund 50 000 bei Sozialisten und Kommunisten und 46 000 bei Nazis. Von diesen I-Iausdurchsuchungen hatten allerdings nur rund 28 000 ein Ergebnis. Da die ZifTcrn sich nur auf ,·vicn beziehen und Verhaftungen und Haussuchungen nicht nur von Kriminalbeamten, sondern auch von '\\Tachfcuten und faschistischen Hilfspolizisten vorgenommen ,verden, Amtshandlungen, die in dieser Statistik nicht enthalten sind, muß man die Zahl der Verhaftungen und Haussuchungen vervielfachen, um ein Bild des Polizeiterrors für ganz (Oesterreich zu bekommen. Obwohl Hunderte und Tausende von illegalen Funktionären der revolutionären Organisationen verhaftet sind. ist die illegale revolutionäre Arbeit der Massen ungebrochen. Die Polizei muß selbst zugeben, daß sie in einem Jahr, vom Februar 1934 bis zum Februar 1935, nicht weniger als 9000 verscliiedene illegale Zeitungen, Broschüren, Flugblätter usw., zum größten Teil kommunistische Druckschriflc.n, beschlagnahmt hat. Diese ZifTer zeigt anschaulich, wie umfangreich die illegale Arbeit der revolutionären Organisationen und wie verhaßt der Klerikofaschismus bei den • werktätigen Massen ist. Knapp vor dem JahresL,g der Februartage verhaftete die Poli• 92

Da Terror des J{/eriko-Faschismus in Oeslcrrciclr

zei 1935 da.s zentrale Aktionskomitee der Einheitsfront der Kommunistischen Partei Oesterreichs und der Revolutionären Sozialisten. Unter den Verhafteten befinden sich ·vier führende Funktionäre der Kommunistischen Partei Oesterreichs, die Revolutionäre Gr!!.P_mann, Fürnberg, Franz Flonner und Friedrich Hexmann, denen der Faschismus in der nächsten Zeit den Prozeß machen w:ill. vVcder der brutale Terror noch die „Befriedungsversuchc" des heuchlerischen Klerikofaschismus haben die Kampfkraft der österreichischen Arbeiterklasse brechen können. Der Klerikofnschisn1 us muß das selbst zugeben. Die Zeitschrift des von DollfuB eingesetzten ,viener Vizebürgermeisters Dr. \Vinter, ,,Die Aktion", schrieb am 8. April 1935: „Ueberall, wo die Arbeiter unter sich sind oder aber mit Menschen, zu rlc-nen sie das Vertrauen haben, dnß sie sich nicht vernadern (ein österrcichisrher Ausdruck für denunzieren - d. V.), beisammen sind, wird ofTenhnr, dnß in ihren Kreisen stumme verbissene Wut herrscht und die Ideologie von einst mehr denn je in ihren ,Köpfen steckt, ja fast über ihre einstigen Formen hinauswächst, denn wer ein Sozialdemokrat war, ist heute Kommunist, und wer einst an der parlamentarischen Demokratie festgehalten hat, schwört heute nuf die Diktatur des Proletariats, und nichts verachten viele dieser Menschen so sehr als das rot-weiß-rote Bändchen, das sie im Knopfloch tragen, und nichts hassen sie so sehr als die Kirche, zu der sie zurückgekehrt sind, um nicht ihr Brot zu verlieren." Winter hat dlie Slin1mung der österreichischen ,verktätigen Massen richtig eingeschätzt. Dle überwältigende Mehrheit der österreichischen Arbeiterklasse haßt das Galgen- und Kanonenregim e der Schuschnigg und Starhemberg wirklich aus ganzem Herzen und kämpft tatsächlich in immer breiterer Einheitsfront, um dieses verruchte R·egime zu stürzen.

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DER ITALIENISCHE FASCHISMUS Il\I KAMPFE GEGEN DIE REVOLUTIONÄRE BE,VEGUNG Von G. G e r m an c t t o

Die unmittelbare Nachkriegszeit war in Italien durch eine Hochflut von Streikbewegungen, Demonstrationen, Kundgebungen und Revolten gekennzeichnet, die nicht nur die breiten Massen ' I der Arbeiter und Bauernschaft mitriß, .sondern auch die Armee erfaßte. Alle diese Bewegungen fanden im Generalstreik vom Juli 1919 und in der Besetzung der Betriebe und des Bodens im Jahre 1920 ihren Höhepunkt. Wie die italienische Bourgeoisie, die durch diesen Ausbruch langverhaltener Empörung und die revolutionären Aktionen aufs Aeußerste beunruhigt war und die niemals eine große, starke und organisierte Partei besessen halte, in dieser Periode die Herrschaft nicht verlor und die Arbeiterschaft niederschlug, ist bekannt Giovanni Giolitti, der Mann, der das gesamte politische Leben Italiens mehr als 30 Jahre lang beherrschte und die italienische Demokratie verkörperte, erwies sich in diesem Augenblick als der Retter der italienischen Bourgeoisie. Dank seiner persönlichen Verbindungen zu einigen Führern der Sozialistischen Partei Italiens (SPI) und der Allgemeinen Konföderation der Arbeit - d'Aragona, Turati und andere weniger bedeutende Persönlichkeiten, die unter den Arbeitermassen großen Einfluß besaßen - gelang es Giolitti, die gewaltige Bewegung einzudämmen und sie in legale Bahnen zu leiten. Er verhandelte mit diesen Führern über jene berühmte „Betriebskontrolle", während die Arbeiter in den besetzten Betrieben und die Bauern auf den besetzten Feldern führerlos dastanden, abgesehen von einigen Ortschaften, wo die Linke der SPI, die am 21. Januar 1921 die Kommunistische Partei gründete, die Führung der Bewegung -inn� halle. Die verräterische Handlungsweise der reforinistischen Führer und das Fehlen einer revolutionären Partei führten zur Nieder. . lage der italienischen Arbeiter und Bauern. Die Uebergabe derJJt.. 94

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Der italicnisclic Faschismus im Kampfe gegen die revolutionäre Bewcguny

triebe und die Vorfälle im Palazzo -d'Accursio, wo im Rathaussaal ein faschistischer Gemeinderat getötet wurde, bedeuten den Beginn der Terrorperiode gegen die italienischen Werktätigen, in deren Verlauf �'Iussolini zur 1'1acht gelangte. Die italienische Bourgeoisie begann ihre Kräfte zu sammeln und schritt ,ihrerseits zum Angriff. Es ,väre unrichtig zu vergesse�, daß die Reaktion in Italien schon vor diesen Ereignissen einsetzte, daß die faschistischen Banden nicht nur das Eigentum von Arbeitervereinen und1 Organisationen demolierten, sondern auch das Gebäude ·des „Avanti", Zentralorgan •der Sozialistischen Partei, in Brand steckten, daß Serrati in der Galerie von �IaiJand von Faschisten überfallen ,vurde. Aber in der Periode von 1920 bis zum sogenannten „1"1arsch auf Rom" ,vüteten die faschistischen Sturmabteilungen besonders scharf. Es ist die Periode, in der die bewaffneten faschistischen Banden Greise, Frauen und Kinder morden, die Arbeiterheime in Brand stecken, die Druckereien der sozia'1istischen und kom,munistischen Zeitungen verwüsten, die Arbeiter mit ihren Knüppeln niederschlagen und mit Rizinusöl traktieren, wo die bekanntesten Arbeiterfunktionäre auf der Straße, zu Hause, auf der Arbeitsstelle hingemordet werden. Dieses Märtyrium erlebte nicht nur eine Stadt, ein Dorf, es ,var das Schicksal aller Städte upd aller Dörfer Italiens. Es war mit einem Wort das Schicksal des heldenn1ütigen Proletariats, das durch die Politik der Sozialdemokratischen Partei, die damals seine einzige Partei war, irregeleitet ,vurde. Es ist jene Zeit, in der Turati den Bauern schrieb: ,,Seid Heilige, seid gut, seid feige, wenn es sein muß ... ", während die junge Kommunistische Par• tei die Losung des Kampfes aufstellte. Es ist die Zeit des sogenannten „gesetzlichen'' Generalstreiks, der Barrikaoon von Parma, Bari, der Schlacht von Sazana. Es ist die Periode des Gemetzel,s von Turin, des ,,Marsches auf Rom". Es ist die Periode, in der die Solidaritätsaktion für die Opfer des faschistischen Terrors und der Klassenjustiz noch nicht zentralisiert, sondern in Forn1 örtlicher Sanuu.lungen an den Arbeitsböröen und �ur in Ausnah1nefällen vermittels Landessammlungen erfolgt. • Es erübrigt sich darauf hinzuweisen, daß �IussoHni nls llaupt der Regierung dieselbe demagogische Politik betreibt, ,vie er sie 95

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(;. GetntarieU ü

vorher als Führer der Sch,varzhemden betrieben hat. Kein Regierungshaupt hat jemals in Italien ein so radikales Progran1m gehabt, ,vie der Deserteur von Predappio, kein Staatsmann jemals einen so breitangelegten und so ,vilden Angriff gegen die \Verktätigen ins Werk gesetzt. Einige Reformisten der SPI und der Allgemeinen Arbeitskon- föderation, die ihn1 bis zum ,,�Iarsch auf Rom" durch ihre passh·e Iiallung halfen, erklärten 1Iussolini, nachdem er den z,veispilz und den Degen eines �linisterpräsidenten angelegt hatte, ihre Be- reil,villigkeit zur technischen l\1i larbeit 1 Als 1iussolini an die �lacht gelangte, galt sein erster Ansturm der Kommunistischen Partei. �lehr als 10 000 Verhaftungen ,vurden in Italien vorgenommen. Aber nur der Kon1munistischen Partei wurde die Ehre eines Prozesses zuteil, und z,var gegen 32 ihrer Zentra.lkomiteemitglieder, Ge,verkschaflsfunktionäre, Redak· teure, ohne all die sonstigen unzähligen Prozesse in gnnz Italien zu erwähnen, ,vährend der �Iassenterror mit unvern1inderter Hef. tigkeit im ganzen Lande raste. Ein anderer Prozeß ,vurde in Mailand gegen die Kommunisten und die von Scrrati geführte Fraktion der SPI ,vcgcn Herausgabe eines Aufrufs über die Verschmelzung dieser beiden Gruppen durchgeführt. Anläßlich dieser Prozesse macht die Solidaritätsaktion vor den Gefängnisn1auern nicht halt. Die Rote I-lilfe Italiens (IRH) bringt den angeklagten italienischen R�volutionärcn ihre Hilfe. ·Die Solidarität der !\lassen halte bereits organisierte und zentral geleitete Formen gefunden. In der Periode bis zum ,,!\Iarsch auf Rom" ist ganz Italien vom Bürgerkrieg erfaßt. Bis an die Zähne be,vaffnete, aufs modernste ausgerüstete faschistische Banden, von Berufsn1ilitär geführt, lie. fen Sturm gegen die von den reformistischen Führern irregeführten und enttäuschten Massen. Das ,var die Periode des „illegalen Terrors". Mit dem 28. Oktober 1922 beginnt die Periode des legalen Terrors. Die faschistischen Sturmabteilungen ,verden der faschistischen �Iiliz angegliedert. �Ian geht an die Schaffung von· Korporationen - trotzdem die Reformisten zur Gleichschaltung be reit sind 1 - an die Faschisierung des 1filitärapparats und zum Angriff auf alle antifaschistischen Parteien über, deren Sitze und Redaktionen in Brand gesteckt und deren führende Persönlich• keilen ern1ordet ,verdcn. Der Mord an �{atlcotti itn Jahre 1924 gibt dein Kan1pi des no

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Der italienische Faschismus im Kampfe gcyen die revolutionäre Bewegung

Proletariats gegen den F-aschismus einen neuen Aufsclnvung, wobei die demokratischen Parteien, dlie als Protest gegen den Faschismus das Parlament verlassen, ungeachtet der Anträge der Kon1- n1unistischen Partei zu einem Generalstreik, den Kan1pf auf legalen Boden einzuschränken versuchen. Die italienische Sektion der RH, die inmitten der l{ämpfe aus den l(o1nitecs für die politischen Opfer hervorging� ,vächsl und erstarkt trotz der Sabotage der reformistischen Führer und zählt am Vorabend ihres Verbotes, zu Beginn des Jallres 1926, fast 125 000 i\Iitglieder. Im Jahre 1929 besaß sie ungeachtet ihrer • Illegalität noch 15 000 i\litgliedcr. f\Iussolini und seine Leute, die im ersten Augenblick angesichts dieser spontanen Bewegung des Proletariats gegen den Faschis­ n1us in große Bedrängnis gerieten, faßten durch die uner,vartete I-Iilfc seitens der demokratischen Parteien wieder �Iut und eröffneten die Aera der sogenannten „Normalisierungsperiode". Eine neue Phase des toListen Terrors gegen die i\Iassen und der Angriffe auf die Löhn e, unter dem Vorwand der AuJwcrtung der Lira, began n. • . Diese Periode ist durch eine Serie von Attentaten gekennzeichnet: �fiss Gibson, Zaniboni und Capello, Attentat von Bologna. Den I--Iöhep unkt erreichen die TerronnaBnahmen nach dem Attenta t von Bologna (31. Oktober 1926). E s ,verden Ausnahmegesetze erlassen, dde Todesstrafe und die Verbannung für politische Gegner eingeführt. Es folgen n1ehr als 40 000 V erhaflungen, über 2000 Prozesse, die Auflösung der antifaschistischen Parteien ' dns Verbot der Roten Hilfe und die Verhaftung der oppos1lionellen Abgeordneten. Auch dieses l\fal erweist man nur der Kon101unistischen Partei die Ehre eines großen Prozesses. Die i\ilitglieder des ZK der KPI - darunter Gramsci und Terracini - und einige gleichzeitig angeklagte Funktionäre der RH erhalten insgesa1nl ungefähr 400 Kerkerjahre zudiktiert ... Jahrhunderte Zuchthaus verhängt nian über Werktätige, die Verbannungsinseln ,verden massenhaft mit Revolutionären bevölkert. Ein abennaliger Angriff auf die Löhne erfolgt im ganzen Lande. Ein neuerliches Attentat itn Ja11re 1928, dibsmal gegen den König gerichtet, lieferr den Vorwand zu einer ,veitcren Terrorwelle. In diesen Jahren, 1927 bis 1929, richtet sich der fnsc11istische Terror fast ausschließlich gegen die Kommunistische Partei. die -einzige Partei, die mutig gegen den Fasehisn1us kfimpft. '? Weißer Terror 97 ..

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G. Gcrmanctto

Die Folter ,vird zu einer ständigen Einrichtung in den italienischen Kerkern. Sozzi und Riva ,verdcn in den Isolierzellen �{usso· linis hingemordet; andere, ,vie Azzario und Belti, ,verden zu� \Vahnsinn getrieben; Stagnelti "·ird auf einer Insel erdolcht., ein Komplott ,vird. t>oenen t> die Verbannten in Szene gesetzt. Zehntau• sende ,verden „ver,varnt", d. h. unter Polizeikontrolle geste,'l t. Diese Fotm der Polizeikontrolle "·ird ,veilgehend angewandt; die Gendannen erscheinen oft mehrinals in der Nacht im Hause des Verwarnten. Der Ver,varnle muß sich von Sonnenuntergang • an zu 1-Iause aufhalten, darf keine öffentlichen Lokale besuchen. ja, es ,vird ihm manchmal sogar untersagl 1 sich auf den Bürgersteigen zu be,vcgen. Eine Lockerung oder Verschärfung dieser �faßnahmen steht der Polizei nach Belieben frei. Gegen dde Polizeikontrolle, unter der Zehntausende von Revolutionären zu leiden haben, hat die Rote I-Iilfe Italiens noch keinen genügenden Kampf geführt. * \Vährend dieser Zeil ,vurdcn die Löhne durchschnittlich um. 50 bis GO Prozent gekürzt, bei einigen Arbcitcrk�itcgorien sogar dar. über hinaus. Die Arbeitslosen, die im Dezember 192-1 laut offiziellen An• gaben „nur" 120 000 ausn1achtcn, bilden iln gleichen �{onnt des Jahres 1933 eine Arn1ee von mehr als einer �Iillionl Die i\alienische Bourgeoisie hat nun endlich die 6larke Partei, die es ihr ern1öglicht, ihre Pläne zu verwirklichen und die Werk• tätigen bis .aufs Blut auszupressen. Die Periode 1929 bis 1932 gilt in Italien als Periode verhältnismäßiger Ruhe. �Iussolini erläßt sogar eine Atnnestiel · Das Spndertribunal ist scheinbar ,veniger eifrig am \Verk. Es. ,väre aber ein sclnvcrer Fehler, den italienischen Faschismus in seinem Kampfe gegen die revolutionäre Be,vegung und insbeson• dere gegen die Kon1munistische Partei Italiens nur nach seinen offenen Terrorformen zu beurteilen. Das Problem des Terrors in einem Lande ,vie Italien, wo der Faschismus sich . 1Seit 12 Jahren an der Macht befindet , ist ein viel .kon1pliziert�res. Während der Terror gegen die Komn1unisten wegen ihres un, ern1iidlichen Kampfes uneingeschränkt in seiner schärfsten Form weiter ,vütet, bcdient sich das faschistische Regime "e"en 1 0 0 nnde� P . · hrt�1en oder gegen ·nntif:1schistische Arbeiter' anderer; mehr ver.. 6chleier tcr Formen, vor allem des ,virtschafLlichen Terrors. ,. 1)�

Der italienische Faschismus im Kamp/e gegen die revolutionäre Bewegung , Jeder Arbeiter weiß, daß er nur dann Arbeit findet, ,venn er einer faschistischen Organisation beitritt, und, daß er Gefahr läuft, seine Arbeit -falls er welche hat - zu verlieren, sobald er �Ieinungen äußert, die dem Regime nicht genehn1 sind. Der geringste Versuch, in den Betrieben auf irgendwelchen Rechten zu bestehen, sei es auch nur auf die· von den faschistischen Gewerkschaften selbst zugestandenen, ruft schärfste Reaktion hervor. l\lit Gewalt und Demagogie, mit einem starken Polizeiapparat und durch den gewaltigen Apparat der Korporationen ist es dem Faschismus gelungen, gewisscrnu1ßcn die gesamte Bevölkerung des Landes durch sein Regin1e zu erfassen. Aber trolzde1n ist die faschistische Staatsorganisation keines­ "·egs ein festgefügtes Ganzes, gegen das sich nicht ankämpf eo ließe. Die faschistischen Organisationen zählen nach der offiziellen Statistik ehva 12 l\Iillionen �1itglieder, wovon ungefähr 4 J\Iillionen auf die Ge,verkschaftskorporationen und 1 095 000 auf die Faschistische Partei entfallen. Es folgen die Jugend, die „Balilla" (Kinderorganisation). die Studentengruppen, .,Dopolavoro" (deren Nachbildung die deutsche faschistische Institution „Kraft durch Freude" ist) und die Hilfskassen. Berücksichtigt inan die ungeheure Elendslage und die Arbeitslosigkeit in Stadt und Land - wobei die offiziellen Angaben über die Zahl der Arbeitslosen mindestens verdreifacht ,verdcn müssen - so ist es k'lar, welche Bedeutung dieser Form des Terrors zukommt, der von dein gewaltigen in 12 Jahren seiIH�r Diktatur nusgebaulen Apparat des Faschismus gegen die italienischen Werktätigen ausgeübt wird. Vermittels dieses faschistischen Appnrntes ,vird eine ständige Kontrolle über die �fassen ausgeiibt. Die faschistischen Korporationen, die nach den \Vorten l\lussolinis die Grundlage des „über den Klassen" stehenden korporativen Staates sind, haben im Laufe Hirer verschiedenen Uingestallungen - ,vobci jede eine Lohnkürzung einschloß -den Kapitalisten die 1\löglichkcit verschaff� jede kollektive Aktion der l\fossen im Rahmen der Gesetzgebung und der faschi.'�tischen Kollekti11verträye Jahm�ulcgen. Die Ge,vcrkschaftskorporationen der wichtigsten Arbeiterkategorien - , 1\letnll-, Textil-. Chemiearbeiter funktionieren nicht. Dagegen zeigen d�e Korporationen der Buchdrucker und der Hut- 1nacher eine gewisse Aktivität, diesf:?lbc wie zur Zeit nls sie von den 7• 99

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G. Germanetto ' Reforn1isten geleitet ,vurden. Sie fahren ntit der l\litarbeit im faschistischen Staat fort, ,vie sie mitgearbeitet haben, als sie von den Rcfonnistcn Bruno und Raina geleitet wurden. Diese beiden Ge,verkschaflsbonzen ,varen als erste dein Faschismus beigetreten und stehen in ständiger Verbindung 1uit Rigola und d'Aragona, die sich den Anschein geben, den Faschis1nus zu kritisieren. Der Arbeiter ist im Betriebe dein Untcrnch1ner auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Die Unternehmer hallen sich nicht einmnl an die faschistischen KollekliY,·crträge, die ohnehin Hungerverträge sind, s..ondern setzen die Löhne der Arbeiter ganz ·willkürlich fest. Die faschistische Gewerkschaftspresse Yerüffcntlicht zum Beweise ihrer ,,größeren Aktivität" die Zahl der beigelegten Einzelkonflikte. Aus dein Bericht eines faschistischen I-lierarchen enlniinmt n1an, daß die faschistische Gc,verkschaflskorporation der Provinz �iailand im Laufe eines .Jahres inehr als no 000 Einzelkonflikte beigelegt hat! Der terroristische Apparat der faschistischen italienischen Bourgeoisie hat also die Auf gabc, die Arbciter­ �lasse derart zu zer.splillcrn, daß der Arbeiter gezwungen sein oll seine Konflikte mit dein Unternehmer einzeln auszutragen. Das ist auch der Sinn des Gesetzes iibcr die Korporationen. ,vollte man diese Tcrrorforn1 übersehen, so könnte man zu keincin richtigen Bild über das ,vcsC'n des faschistischen Terror in Italien gelangen. Natürlich schließt dieser Terror den anderen, offenen Tenor nicht aus. Ebenso ,vie zur Zeit der ersten faschistischen Banden ,verden die alten Terrorforn1en, ,vo in1mer die Faschisten � für nohvendig halten, ange,vandt, und z,var nicht nur gegen die Arbeiterklasse, sondern auch gegen die Bauern und Intellektuellen. gegen die nationalen 1:linderheiten und die unterdrückten Kolonialvölker, sooft die der faschistischen Bourgeoisie so teure ,,Ordnung" gestört ,vird. Schreckensurteile, ,vie die Erschießung des Bauern Della-�.faggiora, des Slovenen Gortan, des arabischen Führers EI' Olmar, grausame Zuchthausstrafen -gegen die Ar�der, die von der Amnestie ausgeschlossen blieben, gegen Intellektuelle, ,vie Bauer und Perlini, gegen die Be,vohner einiger Inseln des Dodekanesos zeigen das. Gleichzeitig werden mit anderen Methoden, aber mit .derselben Raffiniertheit die �lassen dieser gesellschaftlichen Schichten terrorisiert.

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Der italienische Faschismus im Kampfe gegen die revolutionäre Bewegung

Trotz dieser Z,vangsjacke, die der Faschismus dem italienischen Proletariat auferlegt hat und trotz der Fähigkeit des faschistischen Regin1es, Frontwechsel vorzunehmen - natürlich ohne dabei den Klassencharakter zu ändern -, um der immer sclnvierigcren Lage Herr zu ,verden, beweisen die Tatsachen, daß die italienischen ,verktätigen Massen von ihrem l{ampf nicht ablassen und der l\!Iussolinidiktatur das Leben immer schwieriger machen. Eine ganze Reihe von Kundgebungen, Streikbe,vegungen und Revolten erfassen die Betriebe und das flache Landl und Jodern in immer kürzeren Unterbrechungen im Süden ,vie im Norden auf. Die A111neslien sind ein Ergebnis dieser Lage. �lussolini prahlte mit der A1nnestie vom Jahre 1932 als ein Zeichen der Stärke des Regin1es und verschwieg dabei, daß die Ausnahmegesetze, die nur für einen Zeitraum von 5 Jahren gecm.cht waren, statt dessen zur ständigen Einrichtung wurden. Die Amnestie öffnete vielen Aktivisten die Tore des Kerkers, aus dem sie jedoch schnurstracks - - auf die Verbannungsinseln befördert ,vurden. Und neue l{ämpfer nahmen den Platz der ,,Amnestierten" in den Zuchthäusern ein. Zu g1leicher Zeit führte �:lussolini eine eigene Art politischen • Regimes in den Gefängnissen ein. Es besteht darin, daß das Regime für die politischen Gefangenen unendlich härter als für die Kriminrulverbrecher ist. Die Bücher ,verden ihnen entzogen, ihre Korrespondenz ,vird eingeschränkt, ,venn nicht ganz untersagt. Der Empfang irgendwelcher Unterstützungen von draußen, ,vi� Geld, Lebensmittel oder Kleidung wird verhindert! Die normale Gefängniskost besteht aus täglich 600 Gramm trockenem Brot und einem Liter ungenießbarer "\Vassersuppe. Das Sondertribunal, das eine Zeitlang in langsamerem Tempo sein Handwerk verrichtete und ,veniger grausan1e Urteile verhängt hatte, nahm ,vieder seine volle Tätigkeit auf, ,vobei ein neues System zur Einführung gelangte, nämlich die anonymen Verurtei-· lungen, d. h. Verurteilungen, ohne dÜB die faschistische Presse die • Namen der Verurteilten•veröffenllicht. In dieser Periode verhängte das Sondertribunal gerade die sch,versten Strafen. So wurden Juli 1934 Adele Bei zu 18 Jahren und Anfang 1934 der 21jährige Giancarlo Paietta zu 22 Jahren . verurteilt, nachde1n . er eben erst eine Strafe von 2 Jahren abgeses• 101

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G. Germanetto

scn ·hatte, um nur einige Beispiele aufzuführen. Die Verurteilten, die in ihrer überwiegenden I\{ehrheit Kon1munisten sind, ,vcrden einfach als - Antifaschisten bezeichnet! Im Jahre 1934 beglückte !\iussolini die Gefangenen mit einer neuen A111neslie - trotzdem er im Jahre 1932 gesagt halte, daß man von Amnestien erst "·ieder in 10 Jahren sprechen ,vird -, die einige Revolutionäre ,vieder in Freiheit setzte, aber die beiden in den Jahren ihrer I-Iaft sch,ver erkrankten Führer der Kommunistischen Partei Italiens, Gramsci und Terracini, so,Yie die l{ommunisten Ravera, Luceti, Pertini und viele andere in den Kerkern beließ. Obwohl l\fussolini einige Zeit vorher auf Grurid einer eindrucksvollen Kampagne der Internationalen Roten I-Iilfe gez,vungen ge"r�sen ,var, den sclnverkranken Gran1sci in eine Klinik zu überführen, ließ er ihn nicht unter die An1neslie fallen. Gramsci befindet sich zur Zeil in einer Klinik in einer kleinen südilalienischen Stadt, deren Gebiet er nicht .,•erlassen darf. Der sch,verkranke Terracini ist noch in1n1er im Gefiingnis Civitavecchia. Die Rote Hilfe Italiens hat in einer großen Kmnpngne die Aufmerksamkeit der Arbeiter Italiens und der ganzen ,velt auf diese Tatsache gelenkt. Alle Sektionen der IRI-I enthüllten in ihrem .. Lande das furchtbare Gefiingnisfcgilne. dem die politischen Gefangenen Italiens ausgesetzt sind. Alle diese Tatsachen bc\\·ciseu, daß das faschistische Regime trotz seiner 12 Jahre Diktatur das italienische Proletariat nicht gebändigt hat. Terror und Demagogie vermochten nicht di� ,verktätigen �fassen der Halbinsel mürbe zu machen. In den letzten �1onaten de� Jahres 1933 und iin Jahre 193-1 ,vurden in Italien mehr al s 100 Kundgebungen und Streiks. davon einige erfolgreich, durchgeführt. Die Wirderaufnahme der Tätigkeit des Sondertribunals fällt mit diesen Bewegungen in den Städten und auf dem Lande zusammen, die in Yielen Füllen von der Kon1n1unistischen Partei Italiens und von der Allgen1einen Arbeiterkonföderation geführt ,vurden. Gleichzeitig machte sich die demagogische Tätigkeit des Duce neuerdings ben1erkbar: er verkündete die Un1gestaltung des italienischen Staates in einen korporativen �taat, d. h. nach einem Syste1n, das - nach den Worten des Führens der Schwarzhem de.n - ,veder Kapitalis1nus noch Soziulis1nus bedeutet, in einen Staat die der Krise über,vinden soll. . .

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Der itnlienisclre Faschismus im Kampfe gegen die revolutionäre Bewegung

Dabei vergißt Mussolini seine Worte, ,vonach die lVIassen sich· daran gewöhnen müssen, ihr Lebensniveau herabz,usetzen und daß der Krieg unvermeidlich ist! Das sind die Perspektiven, die der Faschismus den italienischen ,verktäligen �fassen eröffnet. Das ist das Ergebnis von 15 Jahren Terror und 12 Jahren faschistisc• her Diktatur. l\Iussolini rüstet zu einem großangelegten Kriegszug gegen das abessinische Volle An die Hunderttausend zählen schon die nach Ostafrika entsandten „Freiwilligen". Ge,vallige lIV engcn Kriegsmaterial, alled1and lIV ordwafTen wurden nach dem l{riegsschauplatz verschifft. . Der Duce erklärte, er ,volle Abessinien - zivilisieren! In den verschiedensten Orten Italiens fanden anläßlich ,der Abreise von Truppen zahlreiche Kundgebungen gegen den l{rieg statt, so in i\tlailand, Syrakus, Genua, Spezia, Sarzana usw. Dabei ereigneten sich nicht wenige :Meutereien der Soldaten und Zusa1nn1enstöße mit crer faschistischen l\1iliz. Eine neue Terrorwelle ergießt sich im Zusammenhang mit den Kriegsvorbereitungen über das Land. In vi_er ft!onalen hat -das Sondertribunal 1200 Kerkerjahre verhängt; in Turin, in ft!ailand sind n1ehr ails 200 Schriftsteller, Professoren, Aerzte us,v. ver­ • haftet ,vorden. Ueber 500 Verbannte, die sich auf den Verbannungsinscln Ponza und Ventolene befanden, sind von1 Gericht in Neapel ,vegen „'l\·Icuterei" zu 4 bis 14 Monaten Gefängnis verurteilt ,vorden, ,veil sie die ,vnikiirakte der faschistischen Büttel nicht stillsclnveigend ertragen ,vollten. Der italienische Faschisn1us vermochte die revolutionäre Bc­ ,vegung nicht zu vernichten. Die Kon1munistische Partei, deren Führer sich in den Fängen des Faschis1nus befinden; der Kon1munistische Jugendverband, die Rote Hilfe und die revolutionären Ge­ . ,verkschaften setzen ihren Kan1pf fort. Die Einheitsfront bahnt sich unter den sozia.Jistischen, kommunistischen, republikanischen. katholischen , anarchistischen und parteilosen �fassen in1mer mehr ihren Weg. Zum Befreiungskmnpf für Terracini und für alle in den Zuchthäusern 1\-Iussolinis eingekerkerten Antifaschisten und für die· bedingungslose Freilassung Gran1scis ist eine internationale Aktion entfaltet worden. Ein aus Intellektuellen bestehendes internationales Kon1itec hat eine große.Kampagne gegen das unerhörte Ter- -rorregime in den faschistischen Gefängnissen eröffnet, in denen so -viele furchtlose antifaschistische Kfünpfcr ihren Tod finden und

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G. Germanetto

wo zuletzt der Arbeiter !\{ario Villa meuchlings ermordet wurde_ Gemeinsam mit den Proletariern anderer Länder sind 1'fänner ,vie Romain Rolland gegen die Diktatur Benito �iussolinis aufgetreten, gegen diesen Kriegshetzer, Tyrannen und Unterdrükker des italienischen �{utterlandes, seiner Kolonien und nationalen innderheiten, gegen den Duce, der keinen anderen Aus,veg aus. der Lage sieht als den Krieg.

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DER WEISSE TERROR AUF DE!YI BALI{AN

Von W. K o ,} a r o w

Der ,veiße Terror, von den Balkanregierungen zur Unterdrükkung der nach dein Kriege stürmisch ansteigenden revolutionären ,velle ange,vandt, ist zum charakteristischsten und hervorstechendsten i\ferkmal des Faschisierungsprozesses in den Balkanländern ge,vorden. Er hat aufgehört, eine episodenhafte Erscheinung der bürgeiilichen „Demokratie" zu sein, die in Verbindung mit außerordentlichen Ereignissen auftaucht. Ergänzt durch die „ideellen" \Vaffen der sozialen Demagogie, hat er sich zu einer neuen, faschistischen Form der :bürgerlich-grundherrlichen Diktatur enhvickelt, ,vurde und wird er zur normalen ,,gesetzlichen" Herrschaftsforn1 der faschistischen Bourgeoisie und der Grundherren. Von ihren ausländischen „Freunden" und Gebietern ermuntert, haben die herrschenden Klassen die Balkanländer in eine ,vahre Hölle verwandelt. Schon 1927 wurden sie als 1-Ienker ihrer Völker von Henri Barbusse für in1mer an den Schandpfahl genagelt. Seit dieser _Zeit machten sie - diese I{1lassen - neue ,,Fortschritte", sie lernten, besser mit der \Vaffe des weißen Terrors umzugehen, sie ergänzten sie durch die \Vaffe des frechen faschistischen Betruges, ohne deshalb den Terror selbst abzusclnvächen. Im Gegenteil, sie verstärkten und entwickelten ihn zu einem ganzen System blutiger, barbarischer Unterdriickungsn1aßnahn1cn gegen die u1n ihr Leben und ihre Freiheit kämpfenden Arbeiter, Bauern und unterdrückten Völker. Die ,verktätigen l\Iassen auf dem Balkan schmachten unter einer unerhörten Ausbeutung und wilden Iincchtung. An ihrein Blute und ihrer Arbeit n1ästen sich außer dem habgierigen Kapital auch die noch vorhandenen Reste der feuduJen Klassen. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung lebt unter frcmdnationalem Joch, wird gewaltsam seiner Nationalität entkleidet. Das internationale '. Finanzkapital aber, das die Balkanstaaten zu seinen Vasallen machte, schröpft den Arbeitern und Bauern die letzten Kräfte ab. 105

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ll'. K o l a r o w • Die v\Telhvirtschaflskrise und besonders die Agrarkrise hat auf dem Balkan alle Formen der Ausbeutung und Knechtung ins Ungeheuerliche gesteigert, die Lage der ,vcrklätigen unerträglich gemacht und ein stürn1isches Erstarken der reYolutionären Be,Yegung be,virkt. Die !\lassen - Arbeiter, Bauern, Erwerbslose, die national unterdrückten :Minderheiten - erhoben sich zum Kan1pfc, oft spontan. Die Kom1uunisten ,viesen ihnen den \Veg. Die empörten �fassen erhoben Protest, sie forderten Brot. Arbeit und Freiheit, traten in den Streik, errichteten Barrikaden und schreckten auch vor dem be,vaffnelen Kampf nicht zurück. Ihr Iü1mpf, den sie unter der Führung der kon1munistischen Parteien führten, galt dein · revolutionären Aus,veg aus der J{risc. Das I-Iäuflein Ausbeuter und Unterdrücker hingegen sucht in der Errichtung der faschistischen Diklalnr und in der \ orhcreitung eines neuen in1perialislischen Krieges den .Aus,veg aus der l{rise. Auf dem einen oder dem anderen \Vcge, in verschiedenen1. Grade, doch in1n1cr unter �Iilwirkung der Sozia]dc1nokratic, faschisierlen die BnlknnHiridcr sich und ,vurden zum Schauplntz des unbändigsten, barbarischsten weißen Terrors. Doch die „Balkanbarbarei", von der internationalen Presse so oft bei den· sich so häufig abspielenden Blutorgien gel>rand1nnrkt, ist ein Kennzeichen der ,,,Vildheit und Barbarei" nicht <lcr Balkanvölker, sondern des Balkanfaschi�mus. In seiner Rede im Leipziger Prozeß brandn1arkte Georgi Diu1itroff ein für allcn1al jene, die die Veranhvorlung für die blutigen un<l schändlichen Untaten der Balkanfnschislen auf die Volksmassen abwälzen n1üchlen. ,,Die Presse", sagte er, ,,hat nicht nur 1nich in jeder ,veise be­ • schin1pfl - dies läßt. n1ich ganz kalt -, sondern zusan1n1en mit n1ir "'urde auch das bulgarische Volk ,wild' und ,barbarisch' genannt; n1an nannte n1ich eine ,dunkle Balkanfigur', einen ,"�Iden Bulgaren', und darüber kann ich nicht stillschweigend hin,vcggehen." ,,.Es stin1mt, daß der bulgarische Faschismus wild und barbarisch ist. Doch die bulgarische Arbeiterklasse und Bauernschaft, die bulgarische Volksintelligenz, sind durchaus nicht ,vild, durchaus nicht barbarisch. Ja, unser bulgarisches Volk lebt nicht auf einem so hohen 1nateriellen Niveau, ,vie manche andere Völker, aber· ich· bestreite, daß in· unsere� Lande die Volksmassen politisch und geistig niedriger stehen als in anderen Ländern: Ein Volk, das fünfhundert Jahre unter einem fremden Joch lebte. ohne seine Sprache und seine Nationalität zu verlieren, unsere Ar- 106

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Der weiße Terror in den ßalJ.:anlü11dern

beilerkiasse und Bauernschaft, die gegen dien bulgarischen Faschismus und für den Kon1munismus kämpften und kämpfen - ein solches Volk ist nicht barbarisch und ,vild. Barbarisch und wild ist in Bulgarien nur der Faschismus. Aber ich frage Sie, Herr Präsident: In welchem Lande ist der Faschismus niclzt barbarisch und wild?" Die Geschichte der Balkanvölker nach dem imperialistischen Krieg ist ein heroischer Kmnpf der ,verk.Hiligen gegen die faschi� slischen Barbaren und ,vilden, von unerhörten Leiden, von unermeßlich sclnvcren Opfern ,der ?\fassen, vor allein der revolutionären Vorhut, der Ko1nn1unisten und der revolutionären Nationalisten begleitet. I In Runtünien wurde vor dem imperialistischen Krieg die Herrschaft der Bojaren und Kapitalisten durch die blutige Unterdrükkung des Bauernaufstandes von 1907 gerettet. Durch Betrug an den Bauern der Gebiete des alten Königreichs mit Hilfe einer zusammengestoppellen Agrarreform und unter Ausnutzung der patriotischen Dienste der „zaranislischen" und sozialdemokratischen Führer, gelang es der Regierung „Großrun1äniens", die revolutioniirc \Velle, die die Arbeiterklasse des ganzen Landes und die unterdrückten ifasscn der annektierten Gebiete nach dem impcriali ti ·chen ,vcllkrieg in den Jahren 1918-1920 erfaßt hatte, iiu Blulc zu ersticken. Die Regierung ließ am 13. Dczpmber 1918 mit �faschincngcwehren in eine Arbeiterde1uonstration in Bukarest feuern, erstickte den Generalstreik vom 20. Oktober 1920, löste gewaltsan1 den Parleitng der Sozialisti.schcn Partei im l\fai 1921 auf, verhaftete 270 Delegierte, die für den Anschluß an die Kon1munistische Internationale gestim·111t hatten und .übergab sie dem i\Iilitärgericht. 1924 wurden in Verbindung mit der Verbreitung eines :Manif cstes der Komn1unistischen Partei 800 Arbeiter verhaftet . und in das Fort Schilawa geworfen. Ueber 1000 Arbeiter und Bauern ,vurdcn anläßlich des Begräbnisses des Königs Ferdinand im Jahre 1927 aus Angst vor revolutionären Demonstrationen verhaftet. Es folgten i\-Iassenprozesse gegen Revolutionäre. Das i\Iilitärgericht verurteilte den kommunistischen Abgeordneten Stefnnow zu 8½ Jahren Zuchthaus. Die Polizei ermordete den Arbeiterführer Thatschenko „bei einem Fluchtversuch". Gegen alle aiese Greueltaten, politischen 1\forde, gegen das Blutbnd von Lupeni 1928, zum Prozeß Stefano,v usw. hnt die Internationnle Rote Hilfe 107

lV. K olarow

sowohl in Run1ä�ien als auch im Auslande mächtige internationale Kampagnen entfaltet. �fit ganz besonderer Grausamkeit erstickte die rumänische Regierung den Bauernaufstand in Bessarabien 1919. Sie inszenierte ein Blutgericht über zahlreiche Revolutionäre und richtete ein Regime des zügellosesten ,veißen Terrors im Lande auf, das im Jahre 1924 zum Bauernaufstand in Tatar-Bunar führte. Ueber 15 000 Bessarabier büßten von 1919 bis 1924 ihr Leben ein, zahlreiche Dörfer ,vurden niedergebrannt. Dasselbe geschah in einer anderen Provinz, in der annektierten Dobrudscha. Im Zusammenhang mit dem IGschene,ver Prozeß, den die rumänische Regierung gegen 450 bessarabischc Aufständische organisiert hatte, brannte Henri Barbusse dein barbarischen Regim� der rumänischen „Zivilisation", den Bojaren und l{apitalistcn, mit seinem Buche „Die 1-Ienker", das unauslöschbare l{ainmal auf dit Stirne. Die Regierung der National-Zaranistcn, die 1929 zur �lacht gelangte, versuchte die �fassenempörung der Arbeiter und· Bauern durch demagogische Versprechungen und geringfügige Reformen zu „beruhigen", ohne im geringsten auf das System des weißen Terrors zu verzichten. Ihre �faßnahmen in \Terbindung mit der Vlirlschaflskrise, ihr Verzicht auf jede Agrarreform (bereits 1930 verloren die Kleinbauern 75 Prozent des Bodens, den sie auf Grund • der Nachkriegs-Agrarreform erhalten halten), die grausame Ausbeutung der Arbeiter und Bauern durch die ru1nänischen Kapitalisten und Grundherren und die ausländischen Kapitalisten, die nationale Unterdrückung in den annektierten Gebieten us"'· - · all dies fachte die Unzufriedenheit dier l\fassen nur noch mehr an und besclnvor die Gefahr einer neuen revolutionären \Velle herauf. Der Putsch König Carols und die Schaffung einer Hofkamarilla um ihn, die fascl1istische Regierung Jorga-Argentojanu 1932. die zweite Regierung der National-Zaranisten 1932/33, der Versuch eines nlilitär-faschistischen Putsches des Generals Avarescu )[ai 1933, die Spaltung der National-Zaranisten, die liberale Regierung 1934, die Ermordung des :Ministerpräsidenten Duca und die Spaltung der Liberalen Partei - sind Sy1npton1e äußerster Zuspitzun° der politischen Krise, von der Rumänien in den letzten Jahren erschüttert ,vird. Die ununterbrochene Verschlechterung der Lage der Arbeiterund Bauernmassen Rumäniens kam vor allem in der riesigen Streikwelle zum Ausdruck, die Ende 1932 über das ganze Land 108

Der weiße Terror in den Balkanländern

hinwegrollte. Der Funke sprang von einem Industriez,veig zum. anderen über. Novc1nber 1932 streikten die Arbeiter der Leichtindustrie, es folgten die Gemeinde- und Staatsangestellten, und Anfang 1933 ,vurde auch die Schwerindustrie i n den Streikkan1pf hineingezogen. Die größte Kraft und Spannung errekhte die Bewegung im Februar 1933. als die Ei�enbahner·auf den Plan traten. Die streikcnd1en Tt•xlilarbeiter und Staatsangestellten zogen auf die Straße, sie veranstalteten stürinische Demonstrationen und boten der bewaITnelcn l\Iacht mutig die Stirn. Die Arbeiter d2s Erdölbezirkes Ploesti entwaITneten ein�elne Abteilungen der gegen sie gesandten Truppen und der Gendarmerie, stürmten die Präfektur und setzten die -Befreiung ihrer verhafteten Kameraden durch. Die re,·olutionüren Ereignisse in Ploesli fanden unter den Arbeitern und \Verktüligcn ganz Run1iiniens starken \Viderhall. 7000 ArbPiler der Eisenbahnwerkstütten von· Bukarest führten einen vierstündigen De1nonslrationsstreik durch und besetzten die \\'erkställen, unterstützt von den Arbeitslosen und den Arbeitern anderer Fabriken, die in den Straßen den1onstrierten und die Eisenbahner 1nil LeLensn1illeln versorgten. Angesichts der drohenden Gefahr einer Ausbreitung des Streiks im ganzen Lande nalun die Regierung die Forderungen der Arbeiter ,dem Schein nach an, verhiingle aber gleichzeitig den Belagerungszustand, um die Arbeiter zu provozieren und die Bewegung zu zerschlagen. Die zu diesem besonderen Z,veck aufgebotenen Truppen richteten unter den um die Eisenbahnwerkstätten versammelten Arbeitermassen und ihren Frauen und l{indern ein Blutbad an, drangen in die \Verkställen ein und führten über 2000 Eisenbahner in die Kasernen ab, wo die Verhafteten grausam von den Soldaten des • Strafkommandos geschlagen wurden. Die Führer .der Streikenden wurden einem Ktiegsgerichl übergeben. Die Bewegung stand unter Führung der Kon1munistischen Partei, die sich voll und ganz mit den kän1pfenden Eisenbahnern solidarisierte. Die sozialdemokratischen und reformistischen Führer häuften Verrat auf Verrat. Der ganze Haß der erschrockenen Bourgeoisie und der Regierung artete deshalb in eine wilde Hetze gegen die Kom1nunistische Partei und die revolutionären Ge,vcrkschaften aus. Die Militärgerichtsbarkeit wandte �ich mit voller Schärfe gegen die Führer der Arbeiter. Die Hauptangeklagten Dontscha und Petrescu wurden zu lebenslänglichem Zuchthaus ve.rurteilt, die 109

•\V. Kolarow

anderen Angeklagten zu insgesan1 t 500 Jahren. Die ungeheure En1pörung, die diese drakonischen Urteile unter den Werktätigen Rumäniens und im Auslande hervorriefen, z,vang die Regierung jedoch, das Urteil zu revidieren und zu „lindernH . Die IRH organisierte in Ru1nänien und im Auslande eine ·breite Protest- und Solidaritätsbeweguqg. Das internationale Proletariat bekundete mit der Entsendung einer Delegation französischer Eisenbahner zur Gerichtsverhandlung und mit zahllosen Protesten, die die Freilassung der angeklagten Arbeiterführer forderten, seine Solidarität. In Bukarest ,vurdc auf breiter antifaschistischer Bnsi ein Verteidigungskon1ilee tgeschaITen, das über 40 000 Unterschriften aus allen Kreisen der \Verktäligen zum. Protest gegen den Prozeß, und über 30 000 Lei für die Angeklagten und deren Fan1ilien sammelt�. In dem Prozeßsaal selbst traten zahlreiche Eisenbahner- und andere Delegationen, darunter eine Bauerndelegation, die großes Aufsehen hervorrief,. auf. Die Februarereignisse 1933 verstärkten die krampfhaften Anstrengungen der I-Iofk�marilla und der Großbourgeoisie, die auf die Errichtung einer offenen militär-faschistischen Diktatur abziel ten. Außenpolitische Einflüsse und das rasche Erstarken der antifaschistischen Einheitsfront, die bedeutende l\Iassen der Arbeiter. der städtischen Armut, der Studentenschaft und der ,vcrktätigen Intelligenz erfaßt und sich auf das Dorf ausdehnt, haben diesen Bestrebungen aber bisher einen Riegel vorgeschoben. Die faschistischen Diktaturpläne des Teiles der Bourgeoisie, der· mit dem deutschen Kapital unter einer Decke steckt, stoßen auf die Opposition der mit dem französischen In1perialismus verbundenen Bourgeoisie. • Die alten Liberalen unter der Führung Bratianus und die national-zaranistischc Partei {ihr Flügel unter der Führung �faniu ) treten vorläufig für die „Demokratie" und gegen „diktatorische Abenteuer" auf. Die Regierung Tatarescu führt unter diesen Umständen, ohne die Ereignisse zu forcteren, eine verschärfte Faschi- ·sierung des Staatsapparates durch und gibt dem ,veißen Terror die Zügel frei. Sie hat in wirtschaftlichen und finanziellen Fragen · vom Parla1nent „freie I-Iand" erhalten, baut die Angestellten ab. ruft faschistische Gewerkschaften ins Leben und bereitet eine neue Verschärfung der Gesetze gegen die kon1n1unistische Be"·cgung vor. Sie hat die faschistischen Organisationen, die „Eisernen Garden", die früher verboten ,vnren, legalisiert, zur gleichen Zeit sämtliche·anlifaschislischcn Organisationen aufgelöst (es gab ihrer 110

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Der weiße Terror in den Balkanländern

321) und die gesan1te antifaschistische Presse verboten. Sie hat den Vorsitzenden der antifaschistischen Liga, Professor Konstantinescu, verhaftet; Konstantinescu trat darauf in einen Hungerstreik, der sein Leben ernstlich gefährdete. Eine internationale Kampagne der IRH erzwang schließlich seine Freilassung. Die Regierung verschärfte das schon ohnehin barbarische Regime für die politischen Häfllinge und unterdrückte aufs grausan1ste eine :Manifestation der Gefangenen des Gefängnisses „Doftana" gegen· diese Verschärfung. Die terroristische \Velle verstärkte sich mit dem 1. August 1934 und dein 17. Jahrestag der Oktoberrevolution. Im ganzen Lande fanden ?\Iasse:nverhaftungen statt. Die l\filitürgerichte arbeiteten Tag und Nacht und verhängten grausa1ne Zuchthausurteile über zahlreiche Antifaschisten (Prozeß der 53 Angeklagten in Ten1esvar, von denen 22 insgesanlt 87½ Jahre Zuchthaus erhielten etc.). Die tapfere Haltung der Angeklagten und die Solidariliitskainpagne der l\1assen der Arbeiter und Antifa�chisten wühren<l der Prozesse 1niissen hervorgehoben ,verden. Die !RH-Delegation, die 1934 das Gefängnis „Doftana" besuchte, stellte fest, daß die politischen Gefangenen unter eine1n sc!1recklichcn Regin1e · leiden. Trotz allein Terror wächst die Bewegung für die antifaschistische Einheitsfront, die auf Iniliative der revolutionären Organisationen Ru1nänicns geschaffen wurde; ungeachtet der Sabotage · der reformistischen Führer schließen sich die Arbeiter der reformistischen Gewcrkschnftcn der Einheitsfront an.

II

Das Versailler Jugoslawien ist durch den gewaltsan1en Anschluß einer Reihe von Gebieten nichtserbischer Völker entstanden, deren Bevölkerungszahl die herrschende serbische Nation • weit überwiegt. Jugoslawien war von1 ersten Tage seines Bestehens ein Land des weißen Terrors. Die großserbische Bourgeoisie errichtete ein Regime brutalster Gewalt, Rechtlosigkeit und nationaler Unterdrückung. In dieser Unterdrückungspolitik leisteten ihr die Grundherren und Kapitalisten der angeschlossenen Gebiete treue Gefolgschaft. Auch die sozialdemokratischen und rcfonui­ "lischcn Führer, die die Arbeiter, Bauern und die unterdrückten Nationalitäten von1 revolutionären l{ampf abhalten, helf cn der Regierung durch ihre kompron1ifllerischc und verräterische Taktik. 111

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,v. Kolarow Die Regierung der Radikalen Partei, mit Paschitsch, dem „Schöpfer" Jugosla,viens, an der Spitze, stürzte sich vor all�m auf· die proletarische revolutionäre Be,vegung und in erster Reibe auf ihre Führerin, die Komn1unistische Partei .Jugoslawiens. Nachdem sie den Generalstreik der Bergarbeiter blutig unterdrückt und die kom1nunistischen Gemeinderäte in Belgrad und Zagreb auf gelöst hatte, veröffentlichte sie 1920 das erste Ausnal1megesetz (,, Ob ­ snana") gegen die revolutionäre Bewegung und Yerbot die Kommunistische Partei. Von diesem Augenblick an herrschte im ganzen Lande der grausan1ste ,veiße Terror. Die berüchtigte serbische Geheimpolizei mit ihrem Gefängnis „Gla,vnjatscha" in Belgrad ,vurde ,vcltbckannl. ?\lasscnverhaflungen Yon Ko111muni ten und Revolutionären, unglaubliche Folterungen in den Kerkern, von den n1onarchislischen �Iilitärcliqucn organisierte grausam �iorde und „spurloses Versclnvindcn" komn111nistischer Führer. •drakonische Urteile - eine endlose Kelle tler ge1ncinst<-n Verbrechen gegen die heldenmütige Avantgarde der revolutionären Be,vcgung ,vurde zu nonnale� Erscheinungen des Paschit chregimes. Nicht n1inder grausam verfuhr die Belgrader l\.an1arilln mit der nationalrevolutionären Bauernbewegung in l{roatien, l\fazedonien etc. Der heldenn1ülige Kampf der kroatischen ßaucrnsclmft gegen die großserbischen Eroberer und Unterdrücker, die d:i Land zum Schauplatz blutiger Zusanunenstöße und �lassenmorde n1achten, ist bekannt. Der iln Jahre 1928 an Raditsch und anderen Bauernführern durch eine Kreatur des königlichen Hof im Parlament begangene feige �iord sollte der Anfang einer neuen blutigen Terrorwelle gegen die nationalrevolutionäre kroatische Bauernschaft sein. Durch Kampagnen, mit der Entsendung von Delegationen und durch die ?\Iobilisierung der Presse hat die IRH den ,veißen Ter- • ror in Jugosl:nvicn und die grausame Verfolgung der unterdrückten Nationalitäten durch die Belgrader �fachthaber tagein, tagaus vor aller \Velt gebrandn1arkl. ln1 Lande selbst ,vurde durch die Herausgabe der Zeitung „Zaschtita prav tscho,veka" (,,Verteidigung der �ienschenrcchtc") eine systematische Enthüllung des Terrors und der Greueltaten iin Belgrader „Gla,vnjatschn"-Gefängnis geführt. Der ,vciße Terror war auch gegenüber den mazedonischen Revolutionären das ,vichtigste �errschaftsmittel der großserbischen Eroberer. Die Entnationalisierungs- und Kolonisierungspolitik in 112

Der weiße Terror in cfrn 1Ja/ka11lcinrlcr11

:Mazedonien war von 1\1assenvcl'haftungen, grauenhaften Folterungen und gen1einen politischen �forden begleitet. Eine ganze Generation von n1azedonischen Revolutionären unterlag der physischen Ausrottung, weil sie den jahrhundertealten Kampf des mazedonischen Volkes für seine nationale Befreiung gegen die neuen Versklaver .fortzusetzen versucht hatte. Die Periode der „Konsolidierung" des Versailler Jugosla,viens ist eine Periode der politischen Morde (über 600), der politischen �lassenvcrhaflungcn (über 30 000) und der politischen Emigration. Nach dieser „günstigen" Terrorbilanz ,var Jugosla,vien der- • maßen „stabilisiert", daß die großserbische Bourgeoisie im Januar 1929 alle kläglichen Ucberrcste des Balkan-,,Parlamentarismus" in die Rumpelkam1ner ,verfen n1ußte und sich mit Haut und Haa.:: ren der oITenen n1onarchistischen Militärdiktatur verschrieb, u m einen Ausweg aus der Sackgasse zu finden. Die dunklen l{räfte der Reaktion lasteten bleiern auf dem gesamten Leben der Werktätigen. Unter dein Schutz des Belagerungszustandes und der Feldgerichte wurde der weiße Terror noch 1nehr verschärft und .zu einem Syste1n des politischen Mordes entwickelt. Die Meute der Kapitalisten und Grundherren fiel über die Arbeiter und Bauern ganz Jugoslawiens her, vor allem über die Ein,vohner in den Gebieten der unterdrückten Nationalitäten, und verstärkte die Ausbeutung und Unterdrückung, die Verelendung der �lassen bis zum äußersten. Die in die tiefste Illegalität getriebene Konununistische Partei bekam die grausamsten Schläge zu spüren. Das berüchtigte „Gla,vnjalscha"-System begann unter der unn1ittelbaren Leitung des Diktators, des Königs selbst, zu arbeiten. Raditschs Ermordung wurde, nach den Enthüllungen des ehemaligen l\finisters Pribitschewitsch, vom königlichen Hof selbst ausgeheckt. Auf Befehl des Königs wurde Luna Jowanowitscb, der den l\1ord organisicrt•halle, später, als er in Ungnade gefallen ,var, gleichfalls umgebracht. Pribitschewitsch selbst konnte sich nur nlit schwerer :Mühe vor dem gleichen Schicksal retten. Der König trügt die unmittelbare Schuld an der feigen Ermordung einer Reihe von kommunistischen Führern, wie Djakowitsch, Janka Mischitsch etc., einiger Sekretäre des Kon1munistischen Jugendverbandes und des Generalsekretärs der Roten Hilfe Jugosla,vicns, Chetzimo„ witsch u. a. Auf Befehl des Königs wurden die politischen Gefangenen einem noch mörderischeren Regime unterworfen. Jugo­ �lawien ist das einzige Land, in dem die politischen Gefangenen IS \VelOer Terror

'\V. Kolarou•

nach dem Kriege keine Amnestie erhielten. Gegen dieses Blutregime und gegen die Massenhinrichtungen von revolutionären Arbeitern und Bauern und nationalrevolutionären Vorkämpfern wurde von der IRH eine große internationale Protestkampagne geführL Die Diktatur und die von ihr begangenen Verbrechen verfehlten nicht, einen erbitterten Widerstand unter den l\1assen, vor allem in den Gebieten der unterdrückten Nationalitäten, zu entfachen. Bezeichnend für die tiefe Empörung der Bauern sind die Aufruhre im Jahre 1932 in Kroatien, die in einzelnen Bezirken den Charakter bewaffneter Zusammenstöße annahmen. Die faschistische Organisation der kroatischen „Uslaschi", die mit dem italienischen Faschismus in Verbindung steht, versuchte die �ta.s­ senempörung der Bauern gegen das großserbische und diktatorische Regime für ihre konterrevolutionären Ziele auszunützen und sich an die Spitze der Bauernbewegung zu stellen. Die �filitirdiktatur erstickte die Bewegung im Blute. Tausende von Bauern wurden verhaftet und zu schweren Strafen verurteilt, Hunderte auf der Stelle erschossen. Das Strafgericht gegen die Bauern hält bis zum heutigen Tage an. Während die faschistische Führung der „Ustaschi" die verurt�ilten Bauern und die anderen zahlreichen Opfer im Stich ließ, nahm sich die Role 1-Iilfe Jugoslawiens der verhafteten Bauern an und unterstützte sie. Von dem blutigen Terror der militär-faschistischen Diktatur in Ju goslawien geben die amtlichen, bei ,vcitem nicht vollständigen Ziffern über die politischen Prozesse 1933 und in der ersten Hälfte 1934 eine Vorstellung. Während dieser Zeit fanden 187 Prozesse statt, in denen 901 Angeklagte, davon 382 l{ommunisten, abgeurteilt wurden. Zehn Angeklagte ,vurden zum Tode und 63S, unter ihnen 265 Kommunisten, zu insgesamt 1515 Jahren Gerangnisstrafe verurteilt. Nicht einbegriffen sind in diese Zahlen jene Tausende, die jahrelang ohne jedes Gerichtsverfahren ge"1ngengehalten, in der „Glawnjatscha" zu Tode gefoltert oder bei ,,Fluchtversuchen" erschossen ,vurden. Der offenen militär-faschistischen Diktatur des Königs Alexander gelang es noch weniger als der „parlamentarischen" Diktatur Paschitschs, das Versailler Jugoslawien zu „konsolidieren", aus der sch,veren Wirtschafts- und Agrarkrise einen Aus,veg zu finden und mit dem rasch wachsenden revolutionären Aufsclnvung der Arbeiter und Bauern und der Werktätigen der unterdrückten Gebiete fertig zu werden. 114

Der weiße Terror i11 clc11 Ball.:a11/ändern

Die-Ermordung des Königs Alexander in iviarseille verschärfte die innerpolitische Lage des Landes und erschwerte der großserbischen Bourgeoisie die Aufgaben der faschistischen Diktatur. Die Regentschaft, die den l\1ethoden Alexanders folgt, hat im ganzen Lande den Belagerungszustand eingeführt, die Versammlungsfreiheit abgeschafft, die strengste Zensur verhängt, und sie unterdrückt jede oppositionelle Arbeit mit den grausamsten Mitteln. Besonders grimmig stürzt sie sich auf die revolutionäre Be,vegung der Arbeiter und Bauern und auf deren Organisationen. Die faschistischen Banden organisieren wahre Pogrome unter den unterdrückten Nationalitäten, vor allem unter den Kroaten, Ungarn und :Mazedoniern, und unter den Arbeitern und den revolutionären Studenten. Die IRI-I führt zur Zeit eine mächtige Kan1pagne gegen die �Iassenvcrhaftungcn und die zahlreichen politischen Prozesse in Jugoslawien, gegen das „Glawnjatscha"-Regime in den Gefängnissen und für eine allgemeine politische Amnestie. Die Verstärkung des faschistischen Terrorkurses der großserbischen Bourgeoisie und der Verrat und die Kapitulation der nationalen Bourgeoisie der unterdrückten Nationalitäten vor dem herrschenden Regime sind von einein raschen An,vachsen der re- · volutionären Bewegung der lVIassen in sämtlichen Gebieten Jugoslawiens und von einem schnellen 1-Ieranreifen revolutionärer Explosionen begleitet. Das revolutionäre Bündnis des ·serbischen Proletariats mit den Arbeitern und Bauern der unterdrückten Nationalitäten in Jugoslawien ist die einzige Kraft, die fähig ist, die sich zusammenballende Reaktion zu zerschlagen und den Sieg der \Verktätigen in den bevorstehenden entscheidenden Kämpfen zu sichern.

III

Die Aera des weißen Terrors in Bulgarien ,vurde mit dem faschistischen Umsturz ZankofTs vom 9. Juni 1923, der mit Hilfe der Sozialdemokratie vor sich ging, eröffnet. Obwohl Zankoff die revolutionäre Bewegung durch eine Reihe von i1assenblutbädem (über 30 000 Ermordete!) vorübergehend zertrümmerte, die revolutionären Kader ausrottete, die proletarischen Organisationen auflöste, die Kommunistische Partei vorübergehend schwächen konnte und in die Illegalität trieb, gelang es der Großbourgeoisie nicht, den Staat vollständig zu faschisieren. Ein dem Schein nach existierendes parlamentarisches Systen1 bestand ,vciter. Unter Aus- 115

W. Kolarow

nülzung der legalen Möglichkeiten und der Risse der Dikta_tur und ihrer Erweiterung stellte die Arbeiterklasse rasch die Klassengewerkschaften wieder her, schuf eine große Massen umfassende Arbeiterpartei, in die sie breite Schichten der städtischen und ländlichen Armut hineinzog, und trat unter Führung der Kommunistischen Partei wieder als drohende Kraft in die Arena des politischen Kampfes. Die Regierung Zankoff-LjaplscheIT, die die wichtigsten Aufgaben des Umsturzes vom 9. Juni 1923 (Unterdrückung der revolutionären Bewegung und die Festigung der Herrschaft der Bourgeoisie) nicht zu lösen und das Land aus der schweren Wirtschaftskrise nicht herauszuführen vermochte, wurde bei Jen '\\Tahlen von 1931 unter dem Druck der 1'1assen gestürzL Zw :Macht kam eine Regierung des „Volksblocks", als deren �lassen· basis der Bauernbund diente. Die Regierung des „Volksblocks" schreckte vor nichts zurück, wenn es sich um die Unterdrückung der revolutionären Bewegung in Stadt und Land, um die Verfolgung und Ausrottung der re,·o­ lutionären Avantgarde, um die ,vahrung der kapitalistischen Profite, um di.e Zertrümmerung der Streiks, um die Sicherung der Herrschaft .der Bourgeoisie und die Förderung der annex.ionistischen Interessen des bulgarischen lmperialis1nus handelte. Der weiße Terror gedieh üppig unter ihrer Herrschaft. Yon ihr begönnert, richteten die faschistischen Banden ungestraft Blutbäder unter den Revolutionären an. Unter dem Druck der l\fnssen gewährte sie eine „allgemeine" politische Amnestie, schloß aber die Kommunisten von dieser Amnestie aus und füllte d·i e Gefängnisse mit neuen Reihen von Revolutionären. A111ncsliert wurden die Angehörigen <ler faschistischen Mörderbanden, Pogromhelden und Diehe, die neue Pogrome gegen die Arbeiter und die revolutionäre Bewegung · vorbcrciteten. Die Regierung des „Volksblocks", die die Arbeiterabgeordnete n aus dem Parlament jagte und ins Gefängnis warf, die die Gemeinderäte der Arbeiterpartei auseinandertrieb, den Willen Hundertlausender von ,·vählern mit Füßen trat und nlit den politischen Freiheiten und bürgerlichen Rechten der Werktätigen tagtäglich Schindluder trieb, wagte es jedoch nicht, die kläglichen Ucbl'r­ reste der „Demokratie" auch formell zu liquidieren und die offene faschi�lische Diktatur aufzurichten. Die rasche Radikalisierung

1 der Bauernmassen und der Massen des Bauernbundes, die den Angriff des frechgewordenen Faschismus in einer Einl1eitsfront mit den Arbeitern zurückschlugen, machten den Bauernhund für die 116

. Der weiße Terror in den Balkanländern

Durchführung der Faschisierung .des Staates ungeeig net, tro tz der Verbrüderung der Spitzen des Bundes mit der faschistis.chen Bour­ ·geoisie. Angesichts der kochenden vVut der ?\fassen und des revo ­ lutionären Aufschwungs nützte die faschistische Organisati on ,, Sweno", ein "7erkzeug des reaktion ärsten Teils der Großbo urgeoisie, die I{rise in der Regierung und in den bürgerlichen Parteien aus. Sie ergriff am 19. :rvfai 1934 mit I-Iilfe der Armee u n d mit dem Oberst Georgijeff an der Spitze die l\1acht, stürzte den Popanz des parlamentarischen Regimes und richtete die offene n1ilitär-faschistische Diktatur auf. Die n 1ilitür-faschistische Diktatur Kim on Gcorgijeffs liquidierte alle Reste der bürgerlichen Dc1nokratie, verbot sämtliche Parteien und stützte sich auf den Massenterro r un d auf die Sozialdemagogie als Mittel d er Ein ­ schüchterun g und Betörung der \Verktätigen . Die Regierung des Generals Slateff, die im Januar 1935 durch ein en neuen ?\filitärun1sturz und n 1it der Unterstützung des Königs an die l\1acht kam, setzt den miliUir-faschistischen terroristischen Kurs fort. Der "reiße Terror hat in Bulgarien seit dem Umsturz v om 9. Juni 1923 nien1als ausgesetzt. Die Ablösung Zan koffs durch Ljaptschcff 1926 brachte n icht die geringste Absclnvächung der Terrorherrschaft gegenüber der revolutionären Be,vegung. In dem Maße, ,vie die Arbeiterorganisationen ,viederhergestellt ,vurden un d der revolutionäre Aufsch,vung sich verstärkte, zog die Regierun g des „Volksabkom1nens" den Ring des ?vfassenterro rs un d der Un .;. terdrückun gsmaßnahmen enger. Das terroristische Gesetz zum Schutze des S taates hing ,vie ein Damo klesschwert über den Köpfen der revolutionären Arbeiter un d Bauern . Die· Gefängnisse waren voll von politischen Gefangenen , die unter den unerträglichen Zuständen zugrun de gingen, die Folterurlgen der Geheimpolizei raubten tausenden Revolution ären Leben un d Gesun dheit, das berüchtigte System der Ermordun g „bei Fluchtversuchen" stand in höchster Blüte. Durch ·breite Solidaritäts- un d Protestbewegun ge·n der IRH in Bulgarien und im Auslan de ,vurde vielen angeklagten und verhafteten Revolution ären das Leben gerettet. Zahlreiche Protestdelegation en und auslä ndische· Rechtsan,välte wurden anläßlich der großen politischen Prozesse nach Bulgarien geschickt, z. B. zum „Prozeß der 52" (1928} mit Janko Panoff als Hauptangeklagten , zum Prozeß in Tatar Pozardjik (1927) etc. Die Regieru n g des „Volksblocks" verschärfte das terroristische Regime. Sie bot Truppen gegen streikende Arbeiter (Jan1boli, • Sliwno) und gegen demonstrierende Bauern (Dorf Dalboki usw.) 117

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auf, Polizeihorden zerstörten , die Arbeiterklubs und Redaktionen der 'Arbeiterpresse, die Gerichte überboten einander in der Fällung von grausamen Zuchthausurteilen gegen die Führer der Arbeiter- und Bauernbewegung. Die Hetzjagd gegen die Kommunisten wurde besonders verstärkt. Kommunisten wurden von Spitzeln und Geheimpolizisten in Hinterhalte gelockt und niedergeschossen (Ermordung von Sascha Kofardschijeff, Gcorgi Moskoff u. a.) und die Kettenhunde aus dem Lager der mazedonischen Faschisten ,vurden von neuem gegen die Arbeilerf ührer losgelassen. Von den schmutzigen Händen der 1Iichailoffbanden, die nach den ,veisungen und unter dem Schutz der Regierung �fuschanoff­ Gitscheff vorgingen, wurden Dutzende von Revolutionären auf off cner Straße ermordet, darunter die· Arbeiterabgeordneten Napetoff und Traikoff, der mazedonische Nationalrevolutionär Kawrakiroff usw. Auch die Provokation griff immer mehr um sich. Vor allem wurde in den Kasernen, wo die Unzufriedenheit der Soldaten unter dem Einfluß des revolutionären Aufschwungs zunahm, in der gemeinsten ,veise provoziert. Unter der Regierung des „Volksblocks" setzte eine ganze Reihe von �fassenprozessen gegen revolutionäre Soldaten, Jungarbeiter und Jungbauern ein, die der antimilitaristischen Propaganda angeklagt wurden. Die Prozesse waren duFch niederträchtige Provokationen heraufbeschworen und von einem beispiellosen Terror, einer zügellosen antikommunistischen Hetze und vom „spurlosen Verschwinden" zahlreicher Revolutionäre begleitet. Die militär-faschistische Diktatur Georgijeffs zeichnete sich durch eine neue Welle blutigen �{assenterrors gegen die antifaschistische Bewegung, gegen die revolutionären Arbeiter und Bauern und die ko111munistische Avantgarde der antifaschistischen Front aus. :Mit Eisen und Feuer, mit Galgen und Blei wurde gleichzeitig eine „Reinigung" der Armee, dieser Hauptstütze der faschistischen Diktatur, vom Geiste der Unzufriede nheit und der Auflehnung durchgeführt. \Vährend der acht Monate ·dauernden mililär-faschistischen Diktatur des Kabinetts GeorgijefT sind einige lausend Antifaschisten und Antimilitaristen verhaftet worden. Provokationen, Haussuchungen, �{assenverhaftungen und grausame Folterungen zur Erzwingung von „Geständnissen" waren die 1'fethoden, mit denen die ungeheuerlichen Prozesse gegen Kommunisten und Antifaschisten, besonders gegen Soldaten in Szene gesetzt wurden. �Ut unerhörter Niedertracht, mit tierischer Grausamkeit bestraften die-Gerichte politisthe Ueberzeugung mit Zuchl- 118

Der weiße Terror in den Balkanländern

haus und Galgen. 87 Todesurteile sind gefällt ,vorden, und ohne sich an die allgemeine Empörung im Lande und an den Proteststurm im Auslande zu kehren, wurden die Todesurteile von der Regierung auch vollstreckt. Die ersten Opfer in Plo,vdiw, Stara­ Sagora, Chasko,vo sind bereits gehängt ,vorden. Gehängt wurde auch der Revolutionär Natscho-Lasaroff. Natscho-Lasaroff ,var aus dem Gefängnis nach Griechenland geflohen. Die griechische Regierung hatte ihn jedoch ausgeliefert. Der Zynismus der Henker wird durch die Verworfenheit ihrer aus dem Hinterhalt verübten �1orde gekrönt. Das „spurlose Verschwinden" von Revolutionären steht auf der Tagesordnung. Das Auffinden von Leichen ermordeter Revolutionäre ist ebenfalls zu einer täglichen Erscheinung geworden. Aus dem I-Iinterhalt wurde der Konununist JurukoIT ge1neuchelt. Die gleichgeschaltete Presse schweigt sich über die zahllosen Bluttaten der Diktatur aus. Sie vcrsclnveigt auch die Entrüslungs- und· Protestwelle, die dieses �Iorden am Laufband im Auslande hervorruft. Die IRH und das Antifaschistische Weltkomitee nehmen die Opfer unter ihren Schutz. Barbusse brandmarkte das faschistische Regime in Bulgarien als „die Hölle der Höllen". Die antifaschistischen Organisationen der ganzen Welt, die hervorragendsten Vertreter der Wissenschaft, Lilervlnr und Kunst, sind von tiefster Empörung erfüllt. In Telegrammen, Briefen und in Versammlungen protestieren sie gegen die faschistische Barbarei in Bulgarien. Die Arbeiter, Bauern, Handwerker und die werktätige Intelligenz Bulgariens lassen sich jedoch ,veder durch Terror noch

f durch Einschüchterungen davon abhalten, die antifaschistische Volksfront unter der Führung der bulgarischen Kommunistischen Partei aufzurichten. Rasch reift die Idee des Sturms im Be,vußtsein der l\fassen heran.

IV

Die griechische Republik ist das „den1okratischste" Land des Balkans. Unter der Militärdiktatur des Generals Plastiras im Jahre 1924 aus der Taufe gehoben, ging sie durch die Diktatur des Generals Pangalos von 1925 bis 1926, um sich nach den .Wahlen von 1928, die Venizelos an die Mncht brachten, anscheinend dein „normalen" Regime der parlnn1entarischen „Demokratie" zuzuwenden. Doch der mißlungene Putsch des Generals Plastiras gegen die „parlamentarische" Regierung Tsal- lt9

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·daris itn ?\färz 1933 zeigt mit nicht zu verkennender I{larheit, wie unsicher die einflußreichen Schichten der griechischen Großbourgeoisie sich in ihrer parlamentarischen „Festung" fühlen.· In den Reihen -der Finanzoligarchie Griechenlands erstarken zusehends die Tendenzen zur Aufrichtung der offenen faschistischen Diktatur. Die griechische „demokratische" Republik, die nach der Niederla CTe 0 des griechischen Imperialisn1us in Kleinasien auf einer . mächtigen revolutionären ,velle zur 1'.{acht gelangt ,var, betrog die Hoffnungen der Arbeiter und Bauern und der Flüchtlinge aus Kleinasien auf das schnödeste. Das griechische Proletariat blieb der Offensive des Kapitals ,veiter schutzlos ausgeliefert. Es erhielt nicht einmal eine staatliche. Erwerbslosenversichcrung. Augenblicklich sind 250 000 Arbeitslose, die 1-Iälfte des griechischen Proletariats, ihrer Existenzmittel beraubt. Eine zusammengestoppelte Agrarreform hat die Bauern nicht von der grundhcrrlichen Sklaverei und dem ,·vuchcr befreit. Neue sclnvere Steuerlasten haben sie viehnehr an den Bettelstab gebracht. Der Hunger ist zum ständigen Gast ge,vorden. Die großen staatlichen 1'fittel, d -ie zur Unterbringung der Flüchtlinge bestimmt ,vordcn ,varen - es war eine besondere Anleihe aufgelegt worden-, ,vurden buchstäblich geplündert Bis zum heutigen Tage (nach 10 Jahren!} leben über 30 000 Flüchhlingsfamilien unter freiem" Hin1mel. Die ·nationalen Minderheiten blieben, wie friiher, außerhalb der HDe- mokratie" (gewaltsame Ausweisung der l\fazedonier, Plünderung ihrer Habe, �sondere Unterdrückungs1naßnahmen gegen die tür· kische Bevölkerung, Verfolgung der Kulzowalachen, judenfeind· liehe Pogrome etc.). Unter solchen Umständen ,vuchs die Unzufriedenheit und Entrüstung der breitesten l\fassen von Tag zu Tag. Die Streikbewegung erfaßte alle Schichten des Proletariats und auch die unteren Kategorien der Staatsangestellten. Sie nahm stürmische Formen und politischen Charakter an, Bauernaufruhre zeigen sich im ganzen Lande und sind zu chronischen Erscheinungen geworden. Die stünnischen Aktionen der verzweifelten Flüchtlingsmassen erhöhten die Unruhe und Verwirrung in den Reihen der Bourgeoisie und der Grundherren. Hand in I-Iand damit ·wuchs auch die Unzufriedenheit und die revolutionäre Gärung in den annektierten Gebieten unter den nationalen �linderheiten·. Die langwierige und drückende ,virtschaftskrisc, der offene Angriff der Bourgeoisie und Grundherren auf die Lebenshaltun� der 1'1assen, die Unterdrückung der elementarsten Rechte und Frei- 120

Der weiße Terror in den Balkanländern

heilen verstärkten die En1pörung der Massen, verbreiterten die l{ampffront, verschärften die Zusammenstöße und untergruben 'die ·parlamentarische Form ·der I-Ierrschaft der griechischen Bourgeoisie. Von der „De1nokratie" blieb nur der Name übrig. Unter der Hülle des parhnnentarischen Regimes machte sich der ,veiße Terror breit, der sich vor allem gegeri die Kommunisten richtete. Viele Konununistcn ,vurdcn auf öde Inseln, besonders auf die Insel Gawdos, die sogenannte „Todesinsel", in die Verbannung geschickt. Unter Venizclos erließ die parlamentarische „Demokratie" ein Gesetz gegen die Konuuunisten, das sogenannte „Idionimo", beschnitt die politischen Rechte der Staatsangestellten und nahm die faschistischen Randen, die Arbeiterorganisationen überfielen, Streiks abwürgten, Arheiterversam1nlungcn auseinanderjagten usw., offen in Schutz. Die Kommunistische Partei, die Unitären Gewerkschaften, die Rote Hilfe us,v. wurden zu einem halblegalen Dasein verurteilt; Tausende von Kommunisten und Revolutionären wurden verhaftet, in den Kerker geworfen oder verbannt. Die IRH führte gegen das „Idionin10"-Gesetz, gegen das Verbot der revolutioniire11 Organisationen und gegen die Verfolgung ihrer Anhänger mehrere internationale Protestaktionen. 1930 ,vurden auf diese "reise zwei Soldaten, die zu1n Tode verurteilt waren, gerettet Unter dein l\fonarchisten Tsaldaris machte die „demokratische" Republik in der Faschisicrung weitere Fortschritte. Die „gesetzliche" Abrechnung mit den Revolutionären wurde vereinfacht und abgekürzt. Neue !\fassen von Kommunisten ,vurden in die Gefängnisse geworfen und in die Verbannung geschickt. Die Regierung ist bestrebt, alle verbannten Kommunisten auf Ga,vdos zu konzentrieren und alle zu Freiheitsstrafen verurteilten politischen Häftlinge in dem Gefängnis Akronatplia zusam1nenzupferchen. t Tsaldaris schreckte z,var vor dem vollständigen Verbot der I{om­ f munislischen Partei und ihres Organs „Hisospastis" zurück, organisierte dafür aber bewaffnete Ueberfälle auf die Zeitung und die Druckerei. 50 Arbeiter und :Mitarbeiter des Blattes, die sich verbarrikadiert und die Zeitung verteidigt hatten, ,vürden verwundet. Die faschistischen Banden sind zu einer legalen Einrichtung des pseudode1nokrntischcn Rcginws Griechenlands geworden. Die Gcn1cindewahlcn im .Jahre 193-1 fanden iin Zeichen des größten Terrors gegen das Proletariat und die l{onununislische Partei statt. Die \Vahllokalc der Konununistischen Partei wurd<'n im ganzen Lande gewaltsain geschlossen und die \Vahlversan1n1. 121

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Jungen wie die Presse der Kommunisten verboten. Die Kandidaten der kommunistischen Listen wurden verhaftet. Trotzdem gelang es der Kommunistischen Partei, über 200 000 Wähler zu mobilisieren und eine Reihe von städtischen und dörflichen Gemeinderäten zu erobern. Das große Arbeiterzentrum l{avalla ging - gegen den Block sämtlicher bürgerlicher Parteien - in die Hände der Kommunisten über. Die Regierung ,var unter dem Druck der l\{assen gezwungen, den kommunistischen Kandidaten Parcalidis, der zum Bürgermeister der Stadt Kavalla gewählt worden war, freizulassen. Mit drei politischen Prozessen versuchte die Regierung, ihn seines Mandates zu berauben und verbannte ihn schließlich trotz stürmischer Demonstrationen der Arbeiter auf eine Insel. In Athen gelang es den Arbeitern, nach einem mehrstündigen Zusammenstoß mit der Polizei, der sie 50 Verwundete kostete, ihr Wahllokal zurückzuerobern. Die Großbourgeoisie trat im April 1934 geschlossen gegen den Generalstreik der Seeleute, der die gesamte griechische Handelsflotte erfaßt hatte, und gegen den Generalstreik der Bäcker in Saloniki auf. Zur Unterdrückung dieser Streiks brachte sie alle �fittel der faschistischen Demagogie, des weißen Terrors und der bewaffneten Macht ins Treffen. Die rasch zunehmende revolutionäre Gärung unter den Arbeitern, dem städtischen Kleinbürgertum, den Angestellten, den Bauern und Soldaten, die verstärkte antimilitaristische Agitation in Verbindung mit den Kriegsvorbereitungen der griechischen Bourgeoisie, die bedrohliche Erstarkung des kommunistischen Einflusses (bei den Ergänzungswahlen in dem bedeutenden mazedonischen Zentrum Drama erhielt die Kommunistische Partei die l\fehrheit der Stimmen) führen dazu, daß die Bourgeoisie, die Grundherren und Generale das Tempo der Faschisierung der Republik beschleunigen. Die Hitler-,,Revolution" und der militärfaschistische Umsturz in Bulgarien dienen ihnen als Leitstern. Fieberhaft wird an der Schaffung faschistischer Organisationen gearbeitet, die die notwendige Massenbasis für das faschistische Regime schaffcn sollen. Tsaldaris und die Generale Kondilis und l\{etaksas organisierten eine faschistische „politische Gesellschaft". Venizelos und General Plastiras stehen an der Spitze der „demokratischen Verteidigung". Eine dritte faschistische Gruppe, die sich um das Blatt „Hestia" schart und mit der englischen Gesandtschaft Verbindung hat, steht unter der Leitung des Genernb Mnsarakis.

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Der weiße Terror in den Balkanländern

Es ,vird also mit Volldampf auf den faschistischen Umsturz hingesteuert. Doch in beschleunigtem Tempo, unter der Führung der revolutionären Organisationen, wird auch die antifaschistische Einheitsfront der !\fassen geschaffen. Am 30. Juni• 1934 ,vurde nach Athen ein Allgriechischer Antifaschistischer Kongreß zur Organisierung des Kampfes gegen Fascbisn1us und l{rieg einberufen. Ob,vohl die Regierung den Kongreß verbot, trafen 2500 Delegierte aus ganz Griechenland ein. Die Folge waren Straßenkämpfe mit der Polizei, die über eine Stunde dauerten. 400 Delegierte wurden verhaftet. Etwa 210 Delegierte konnten aber trotzdem im ,valde eine Konferenz abhalten und das Fundament zur antifaschistischen Volksfront legen. Durch diese Vorgänge am 30. Juni i934, durch den faschistischen Ueberfall auf die Redaktion der „Risospastis", durch die Ermordung von 7 Arbeitern in Kalamata und eine Reihe anderer faschistischer Verbrechen "rurden die 1'1assen aufgerüttelt. Und als die Komn1unistische Partei sich im Zusammenhang mit eine1u Kongreß der Faschisten, der für den 17. und 18. November 1934 einberufen ,vorden ,var, mit dem Vorschlag an alle Arbeiter- und Bauernorganisationen ,vandte, eine einheitliche antifaschistische Kampffront zu schaffen, mußten die Sozialistische Partei, die Sozialdemokratische Partei, die Agrarpartei, die reformistischen und unabhängigen Ge,verkschaften unter dem Druck der lviassen auf die Vorschläge der Kommunistischen Partei eingehen. Am 4. Oktober 1934 wurde die gemeinsame antifaschistische Kampfplattform mit folgenden Hauptforderungen angenommen: Abschaffung der terroristischen Gesetze, Freilassung der politischen Gefangenen und Verbannten, Auflösung der faschistischen Organisationen, unrl Wahlen auf Grund des Proportionalwahlrechtes. Der Verband der Staatsangestellten und eine Reihe von Intellektuellenorg!Jnisationen schlossen sich der Einheitsfront bald darauf ebenfalls an. Das Zustandekommen der antifaschistischen Einheitsfront wurde in ganz Griechenland von den werktätigen �fassen mit der größten Begeisterung aufgenommen. Am 1. Mai 1935 führten die Gegensätze und Reibungen hn Lager der griechischen Bourgeoisie zu einem be,vaffneten Zusan1- menstoß zwischen der Regierung Tsaldaris und der Gruppe Vcnizelos. Venizelos versuchte Tsaldaris durch einen großangelegten 128

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�filitärputsch zu stürzen. I)er Putsch dauerte 10 Tage und wurde schließlich von der Regierung niedergeschlagen. Die ersten 1-Iandlungen der Regierung Tsaldaris bei Ausbruch des Putsches "r aren, alle revolutionären Organisationen und deren Presse zu verbieten und 1\1:assenverhaftungen unter den Werktätigen vorzunehmen. Ehva 500 Antifaschisten ,vurden verhaftet, den �iilitärgerichten übergeben und zu hohen Gefängnis- und Vcrbannungsstrafen verurteilt. Gegen die Venizelosoffiziere fanden nach der Niedenverfung des Putsches eine Reihe von Prozessen statt. z,vei Generale und ein Bataillonskommandeur ,vurden zum Tode verurteilt.. Venizelos selbst floh. Von den revolutionären Organisationen der Werk.tätigen ·waren ,vährend des Putsches große Demonstrationen und Versammlungen veranstaltet ,vorden, die sich sowohl gegen die Regierung als auch gegen die Putschisten richteten. In den Straßen und dem Zentrum Athens fanden allein ca. 250 Versammlungen und Demonstrationen, an denen große l\fassen· teilnahmen, statt. In Saloniki, Pyräus, Kavalla, Seres und anderen Orten wurden politische Streiks durchgeführt. Die Einheitsfrontbewegung der ,verklätigen nahn1 nach dein Putsch einen noch größeren Umfang an. So sind bei den Parlaments,vahlen am 9. Juni die für die Listen der Einheitsfront abgegebenen Stimn1en stark gestiegen. Diese Einheitsfronlbe,vegung der werktätigen !\fassen setzt dem ,vüten des "reißen Terrors ernste Schranken. Sie ist ·auch die einzige Kraft, die dem sich vorbereitenden faschistischen Umsturz in Griechenland den ,veg versper- ren kann. * Der weiße Terror auf dem Balkan hat zahllose Opfer gefordert und den Arbeitern und Bauern, der werktätigen Intelligenz und den unterdrückten nationalen l\finderheiten unbeschreibliche Leiden gebracht. Aus voller Kraft mähte seine Sense mächtige Lücken in der Avantgarde der revolutionären Bewegung, vor allem in den Reihen der Kommunistischen Parteien. Durch die Kampagnen der IRH ,vurden die faschistischen Regierungen in den Balkanländern immer ,vieder von den Werktäti- · gen aller Länder .angeprangert. Seit dem Beginn der neuen Terrorwelle auf dem Balkan führt die IRH mit neuer Kraft und Energie internationale Protestkan1pagnen zur Rettung der zahlreichen zu1n Tode verurteilten Soldaten, Matrosen und Arbeiter, 124 •

Der weiße Taror in clcn lfolkm1W11der11

zum Schutze des bulgarischen Volkes, zur Befreiung der verurteilten Eisenbahner und aller übrigen Antifaschisten in Rumänien, gegen das „Gla,vnjatscha"-Gefängnisregime, für eine allgemeine politische Amnestie in Jugoslawien und gegen die Verfolgungen und Verbannungen der antifaschistischen Vorkämpfer und Arbeiterführer in Griechenland. Es ist den herrschenden Klassen _auf dem Balkan nicht gelungen, die revolutionäre und antifaschistische Ile,vegung, trotz der wütenden Schläge gegen -sie und der physischen Ausrottung ihrer Führer, zu unterdrücken. Eine mächtige antifaschistische Volksfront formiert sich in allen Ländern <les Balkans. Sie ,vird die faschistische Reaktion zerschlagen und den vVerktätigen den Sieg sichern.

POLEN UNTER DER KNUTE DES FASCI-IISTISCI-IEN TERRORS Von G r z e g o r z e w s k i

Die ,viede�herstellung Polens als unabhängiger Staat ging, nachdem es Jahrzehnte die Beute der drei Großmächte Rußland, Oesterreich-Ungarn und Deutschland ,var, _zu einer für die herrschenden Klasse bedrohlichen Zeit vor sich. Ringsum schlugen die ,vogen der Revolution hoch. Unter der Führung der. Partei Lenins vollzog das Proletariat Rußlands im Bündnis mit den armen und mittleren Bauern siegreich die größte aller Revolutionen der Geschichte. Den kapitalistischen ,vestcn erschütterten grandiose Klassenkämpfe, Revolutionen, :Meutereien und Aufstände. In jenen :Monaten und Jahren noch nie dagewesener Erhebungen der Werktätigen standen auch die heroischen Arbeiter Polens, die Proletarier vVarschaus, Lodzs, des Don1browaer Kohlenreviers mit in der vordersten Reihe der revolutionären Arbeilernrn1ee. Unter Führung der Konununistischen Partei Polens bildeten sie - die lange Jahre hindurch Schulter an Schulter mit der Arbeiterklasse Rußlands gekfunpft hatten -ihre Sowjets der Arbeiterdeputier· ten; es entstanden die revolutionären Ge,verkschaften. Die Bergarbeiter des „Roten Bassins" in Sosnovjce und Don1bro\\·a, gestählt in Dutzenden und Hunderten von IBassenkämpfen, organisierten Rote Garden. Das Proletariat Polens, durch die Leiden des imperialistischen Krieges und die Schrecken der Okkupation, ,·on der schweren Krise und brutalsten Ausbeutung scheinbar zu Boden gedrückt, ,begann, ermutigt durch das Beispiel der russischen Arbeiter, den Kampf und stellte die Frage der So,vjetn1ach� die Frage der Diktatur des Proletariats auf die Tagesordnung. Mit unverhüllter Beunruhigung blickte der imperialistische Block der Siegerstaaten auf die Entwicklung der Ereignisse in Polen. Instrukteure, Geld, Kriegsmaterial - alles wurde zu Hilfe geschickt. Die imperialistischen Gelüste des polnischen Finanzkapitals, seine Okkupationsbestrebungen in der Ukraine und ,veißrußland, seine Träume von der Errichtung eines „Polen von �leer 126

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Polen unter der !(nute des fascliislischen 1'erron • zu Meer" ,vurden von den Clemcnceau und Lloyd George unterstützt und ermutigt. Bereits in den ersten Honigmonaten ihrer Macht zeigte die polnische Bourgeoisie ihr ,vahres Gesicht, enthüllte sie ihre ,virklichen Absichten. Eine der ersten Taten der von Pilsudski geschaffenen sogenannten „Volksregierung" mit J\,foracze,vski, einem der Führer der PPS, an der Spitze, ,var die Organisierung des Terrors gegen die revolutionäre Be,vegung. Die polnische Demokratie ver-dorrte, noch ehe sie erblüht ,var. Die Koalitions-, Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheiten ,vurden der Arbeiterklasse rasch genommen, und mit einem der ersten Dekrete stellte die neue Regierung die alten zaristischen und kaiserlichen Gesetze wjeder her. Die Ochrana wurde durch die „Defensive" ersetzt, der ungeschlachte „Gorodewoj" (russischer Schutzmann) und der gewichtige preußische Schut�mann durch den polnischen Polizisten, der sich bald in der ganzen Welt einen Namen machte. Die Tore der Gefängnisse schlossen sich hinter endlosen Reihen revolutionärer Kämpfer; die Zellen und Kerker -·- eben erst hatten sie ihre Insassen freigeben müssen - füllten sich ,vieder. l\Iit der unverbrauchtcn Kraft eines nach Beute lechzenden: eben erst zur �facht gelangten Profitritters setzte .die poln�schfl Bourgeoisie die blutige Maschine des ,veißen Terrors in Gang.

I Die im Jahre 1918 entstandene Kommunistische Partei ,vurde sofort in die Illegalität getrieben, die Redaktionen der revolutionären Zeitungen wurden zerstört. Die Regierung versuchte der So,vjets auf „friedlichem" Wege Herr zu werden, sie durch Spaltung von innen her zu vernichten. Wo diese Versuche auf den harten Willen der Massen stießen, die Sowjets als revolutionäre Organe zu erhalten und zu verteidigen, dort setzte die „Volksregierung" der Pilsudski, Moraczewski und Barlicki mit Strafexpeditionen ein, um die Sowjets mit Gewalt zu zerschlagen und die aufständischen Städte mit dem Bajonett zu ,,befrieden". Die Rote Garde des „Roten Bassins" mußte den ungleichen Kampf mit den Truppen und der Polizei Pilsudskis zuerst aufnehmen. Der Generalstreik in Dombro,va ,vurde im Blute erstickt. In ganz Polen sauste im Namen des neuen „Vaterlands" die Nagaika der neuen Herren. 127

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Gr::cgorzcwski • Das Polen, gegen dessen Unlcrclriickung :Marx und �ic von ihm gegriindetc I. Internationale Protest erhoben, gegen dessen Knechtung durch den Zarisn1us Lenin so leidenschnfllich kä1npftc, das Polen der Rosa Luxe1nburg, �Iarchlcwski und Dzcrzinski, dessen heldenhafte Lodzer Arbeiter im Jahre H)05 so glühend für die Revolution stritten - dieses Polen wollten die Pilsudski und Moraczewski, die Dmowsk.i und \Vitos in einen neuen „Gendarmen Europas" verwandeln. Die ersten Schritte des polnischen Kapitalisn1us in der internationalen Arena waren die Unterdrückung frc1nder Völker, die Aneignung fremden Landes und der räuberische Ueberfall auf die So,vjetrepubliken. Anfang 1919 traf in \Varschau eine Mission des Roten Kreuzes der Föderativen Russischen So,v jctrepubliken mit Weselowski an der Spitze, einern der ältesten Begründer und Führer der revolutionären Bewegung Polens, ein. Sie ,vurde verhaftet, ausgewiesen, und bein1 Verlassen Polens "·urde die ganze l\iission von der polnischen Gendarmerie auf der Station Lnpy er­ m ordet. · Die weißen Truppen des Polen der Pans schlossen sich .dem von Churchill organisierten „Feldzug der 14 Staaten" gegen den Bund der Sowjetrepubliken an. hn Frühling 1920 ,vurde ,·on ihnen der :Marsch auf Kiew organisiert. Polen schickte sich an. die ilun von den Ententen1ächten zugewiesene Rolle als \V all gegen den Bolschewis1nus zu erfüllen und für sich .Absalz1närkte zu schaffen, die Reichtün1er der Ukraine in seinen Besitz zu bringen und den polnischen Großgrundbesitzern den durch <lie proletarische Revolution verlorengegangenen Grundbesitz in der Ukraine und "Teißrußland wiederzu gewinnen. T_ausende von verstün1mellen Leichen revolutionärer Arbeiter und Bauern, Raub und Brand, Pogron1e unter der ,vehrlosen Jüdi„ sehen Bevölkerung kennzeichneten den „l\Iarsch nuf Kiew". Als Antwort auf diesen räuberischen Angriff schlossen die Arbeiter und Bauern der Sowjetrepubliken ihre Reihen noch enger. Die heroische Rote Armee holte zum Gegenschlage aus und brachte den technisch überlegenen Pilsudskitruppen, die von den Entenl� mächten mit den n1odernsten Kriegswaffen ausgerüstet ,varcn, eine schwere Niederlage bei. Die So,vjetukraine und \�Teißrußland wurden durch die Rote Ariuee von den "'eißen Truppen Pilsudskis gesäubert, und in Bialystok entstand die zeitweilige Räteregierung Polens, mit ?\{archlewski an der Spitze. Gleichzeitig antwortete das Proletariat im Innern Polens auf den Krieg Pilsudsk.is segen 12S

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Polen unter der Knute cles /ascl1i!tischen Terrors

die So,vjetunion mit einem verstärkten Kampf gegen den Feind im eigenen Lande. In diesen heißen Tagen von 192·0 klammerte sich die zutiefst .beunruhigte Regierung Polens krampfhaft an die ihr entgleitende l\facht. Der Terror ,vurde verschärft; Sondergerichte wurden eingeführt; ohne viel Federlesens ,vurden Dutzende und Hunderte von revolutionären Arbeitern und Bauern niedergeschossen. In Dom- . die ,vurde das erste l{onzenlrationslager eingerichtet, dem rasch andere folgten (,Vronko u. a.). In vVestweißrußland und in der 1Vestukraine gingen ganze Dörfer in Fh1mn1en auf. Die Bauern wurden massenweise füsiliert. Das Ende des Krieges brachte kein Ende des Terrors. Gepeitscht von der Krise, geschlagen von der Inflation, zogen die Arbeitermassen auf die Straße. Eine mächtige Streikwelle ergoß sich über ganz Polen. Die Massenden1onstrationen der Arbeiterklasse führten in einer Reihe von Städten zu blutigen Zusan1menstößcn mit der Polizei. Das breiteste Ausmaß nahm die Bewegung in Krakau an. Im Herbst 1923 griffen die Krakauer Proletarier zur \\7affe, verbrüderten sich mit dein l\Iilitär und schritten zum Aufstand. Der dmnalige Innenminister der polnischen Kapitalisten-, Gutsbesitzer- und Kulakenrcgicrung, Kiernik, erstickte diesen neuerlichen Versuch der Arbeiter, die 1\Iacht zu erobern, im Blut. 19 Tote und mehrere hundert Verwundete lagen, ,·on den Regierungstruppen niedergestreckt, in den Straßen Krakaus. • Die Niederschlagung des Krakauer Aufstandes war von einer weiteren Verschärfung des Terrors im ganzen Lande begleitet. Im Kampf gegen den Eisenbahnerstreik im Herbst 1923 wurde die l\Ulitarisierung der Eisenbahnen vorgenommen. In Warschau, Lodz, jm Dombrowaer Becken etc. verbot die Regierung die linken Gewer,kschaften, !beschlagnahmte die Arbeiterpresse und führte l\fassenverhaftungen durch. Mit der Erschießung des 18jährigen Jungkommunisten Engel in Lodz und Botwins in Lwow bahnte sich die Regierung der Kapitalisten und Gutsbesitzer den Weg zur Herstellung der „Ruhe". Es folgten drei Salven in Wari.Schau; Drei Arbeiter: Hübner, Knicwski und Rutkowski, wurden laut Urteil des Sondergerichts er• schossen. Aus den Tiefen der Schächte des „Roten Bassins" verfolgten die Bergleute in tiefster Erbitterung die Belagerung der Arbeiterwohnungen durch die Polizei, den Mord an den kommunistischen Arbeitern Hnjczyk und Pilnrczyk durch giftige Gase. -9 Weißer Terror 129 • . .

Grzegorzewski

Die Funktionäre der l{ommunistischen Partei Bialy und Ciesiclski wurden verräterisch gemeuchelt. In Kalisch, ,v1ozlawek, Stryj und anderen Städten gingen regierungstreue Truppen mit \Vaffengewall gegen Arbeiterdemonstrationen, gegen die Hungernden und Arbeitslosen vor. Dutzende von Toten und Hunderte von Ver­ ,vundeten blieben als· Opfer auf der Strecke der Pilsudskisolwt· teska. Die ?\fassen begannen in diesen v01n V{üt�n des ,veißen Terrors erfüllten l\Ionaten mehr denn je zu verstehen, daß die Sache der politischen Gefangenen ihre eigene Sache, ein Teil ihres eigenen Kampfes ist. Die Nohvendigkeit der Erfassung aller oft spontanen Solidaritätsbe,vegungen, die Notwendigkeit ihrer klaren, bewußten Führung brachte die Rote Hilfe in die politische Arena. Die noch gebliebenen traurigen Ueberreste der „demokratischen Freiheiten", die bescheidenen Ueberblcibsel der Arbeitergesetzgebung beengten aber das Finanzkapital iinmer noch in seiner Bewegungsfreiheit. Die allen Regierungsformen und Metho­

l den erwiesen sich als ungenügend zur Sicherung der Unantastbarkeit des „heiligen" Privateigentums an Boden, Fabriken, \Verken �d Banken und als unzulänglich zur Erinöglichung einer unbe-­ grenzten Ausbeutung der Werktätigen und zur Vorbereitung eines Krieges gegen die So,vjetunion. In dem krampfhaften Bcn1ühen, die l\lacht in den Händen der größten Haie des Finanzkapitals zu halten, nalun das Polen Pilsudskis als erstes nach dem Italien l\lussolinis seine Zuflucht zur offenen faschistischen Diktatur. 1111 l\Iai 1926 ,vurde die· faschistische Diktatur errichtet: eine Regierung des progra1n1natischen Terrors, der grausamsten und plu1npsten Klassenge,valt \\·urde gebildet. Die faschistische Regierung reagierte auf jede Bewegung der l\Iassen mit der brutalsten Unterdrückung. Sie machte die zyni, sehen Worte des Polizeiministers Slawoy Sklado\\·ski: ,,Die Polizei hat geschossen und wird weiter schießen" zu ihrer Losung, Von :Mai 1926 bis 1928 ,vurden 86 l\1cnschen getötet und 2755 ,·erwundet. Die Zahl der politischen Gefangenen, der Prozesse wul verhängten Zuchthausjahre stieg jäh an. Die Verfolgungen richteten sich nicht nur gegen die Kowmu, nislische Partei, sondern gegen alle antifaschistischen Arbeiter, und Bauernorganisationen. Im Jahre 1928 zerschlug der .Fnschis mus die ,veißrussische Hron1ada (eine �Iassenorganisation derweißrussischen Bauern und Land- und Fortstarbeiter), die Unab, 130

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hängige Bauernpartei (eine Organisation der revolutionären Bau- e�n Polens) und die revolutionären Ge,verkschaften. \Vährend der Parlamentswahlen im Jahre 1930 wurden fast sfüntliche Listen des Arbeiter- und Bauernblocks, vor allem in \Vestweißrußland und in der Westukraine, annulliert und die in den Listen aufgeführten Kandidaten verfolgt µnd verhaftet. Die �Iassenorganisationen der Werktätigen, die Bauernselbsthilfe und die linke PPS, wurden zerschlagen. �Iit dein 1. September 1931 traten ein neues faschistisches Strafgesetz und ein neues Gefängnisstatut in Kraft. Die Werktätigen· wurden von nun an nicht nur wegen „terroristischer" Akte, sondern auch ,vegen Teilnahme an Demonstrationen, Zusammenkünften usw. dem Sondergericht übergeb�n. Die l\fethode der Strafexpeditionen (sogenannte „Pazifikationen") fand jetzt nicht nur in der \Veslukraine und in \Vestweißrußland Anwendung, sie griff auch auf Stammpolen über. Die Urteile wurden härter und das System des Priigelns und der Folterungen fand nicht nur in der „Defensive", sondern nunmehr auch in den Gefängnissen Anwendung. l\Ian begann selbs"t im Gerichtssaal während der Prozesse zu prügeln (Luzk). 1933 setzte der :Meuchelmord an revolutionären Führern ein. Im September ern1ordete die politische Polizei bestialisch das l\fitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Polens: �f. Redyko. Anfang 1934 wurde der Sekretär des Bezirkskomitees des Kommunistischen Jugendverbandes Polens, Jablonski, in \Varschau erschlagen. Die Nohvendigkeit, jede Aktion rasch niederzuschlagen, ehe sie sich verstärkt und auf andere Orte übergreift, die Angst der Bourgeoisie, der Funke könnte das Pulverfaß der Volkse111pörung- entzünden, führte zu immer neuen Formen des Terrors. Die breite Streikwelle des Jahres 1932/33 brachte aber auch· neue Formen des Massenkampfes. In einer Reihe von Fabriken, Werken und Kohlenschächten hielten die durch Hunger und Not zum Aeußersten getriebenen Arbeiter und Arbeiterinnen bei Beginn des Streiks die Arbeitsstätten besetzt. So streikten z. B. die Arbeiter und Arbeiterinnen der Textilfabrik „Czenstochowianka" im November 1933 gegen eine 30prozentige Lohnkürzung, wobei die Streikenden, in der l\ifehrzahl Frauen, in der Fabrik blieben. Als die Arbeiterinnen jedoch am 25. November, ermüdet von den vor-· hergehenden schlaflosen Nächten, _in· tiefen ScJ1]af verfallen wa-­ ren, ilrangen f Ulir nachts übe·rraschend 150 Polizisten, in Stahl- o• 13L

Grzcgorzewski

• helmen und mit Gasmasken ausgerüstet, in die F�brik und gin· gen mit Gasen, Gummiknüppeln und Gewehrkolben gegen dje schutz- und wehrlosen Frauen vor.

II Im selben Jahre zeigte sich im Dorf eine neue höhere revolutionäre ,v elle. Aus den reichen Erfahrungen der proletarischen Be,vegung lernend, suchte und fand die ,verktälige Bauernschaft 1'fethoden und Formen des Kampfes, die ihr bisher fremd gewesen "r aren. Es begannen sich gemeinsame Aktionen der Arbeiter und Bauern. zu häufen; die Bauern demonstrierten bei revolutionären Aufzügen (am 1. :t\fai) in den Städten, sie ,Yandlen das Kampfmittel des Streiks an etc. Das beispiellose Elend, der Hunger und Ruin, die Zwangsversteigerung der letzten Kuh und des elenden Hausrats, die günstigen Nachrichten über die Erfolge des Kollektivierungssystems in der UdSSR, all dies drüngte die polnischen Bauern auf den ,veg des Kampfes gegen den Faschisn1us. Die Regierung antwortete auf die sich schließende Ka1npffront der Bauern und Arbeiter mit einer beispiellosen Verschärfung des Terrors. In Jado,v bei ,varschau ,vurden ,vährend eines Streiks der Bauern gegen die Zollabgaben beim Einfahren in die Städte 7 �fenschen getötet und einige Dutzend verwundet. In Lapanow und Lublie ,vurden 10 Bauern bei Versa1nn1lungen getötet. Im 1'1ärz 1933 führten die Bauern einer Reihe von Dörfern des Kreises Zywiec, ,vojewodschaft Krakau, revolutionäre Aktionen durch sie versan1melten sich in der Stadt Zywiec und organisierten ge- 1neinsam mit den Erwerbslosen Demonstrationen. Polizei und herbeigerufene Truppen schossen in die �lassen, töteten 9 und ver­ ·wundeten 13 Personen. Ungefähr 400 Den1onstranten wurden ver­ l1aftct. In den �lonnten �lai und Juni 1933 kam es in Yerschiedenen Rayons �littelgaliziens zu Dauernunruhen, die zu Aufständen mit Iiundcrttausenden von Teilnehn1ern anwuchsen. Der Aufstand er• faßte die Rayons 1\opczyce, Rzeszow, La·ncut u. a. Nach dreiwöchigen Kän1pfen mobilisierte die R�gierung große Polizei- und Truppenauf gcbote. Strafubteilungen wurden zur .,.Beruhigung der Aufständischen" in die Dörfer geschickt. Znhlreiche Bauern "-urden getötet und Hunderte _fiir ihr ganzes Leben zu Krüppeln geschlagen. Die Polizeibnnden kehrten ganze Kreise \'°On oberst 132

Polen unter der Knute clcs fascltistisclten Terrors

zu unterst, vernichteten auf den Feldern das noch unreife Getreide, prügelten Greise, Kinder und Frauen und legten den Dorfbewohnern Abgaben zur Unterhaltung der Strafexpeditionen auf. Die Gefängnisse füllten sich mit tausenden Bauern, von denen ein Teil nach grausamer Verprügelung wieder freigelassen ,vurde. Von den Prügeln noch nicht zu sich gekommen, ,vurden sie im Noven1ber 1933 zu I-Iund.erten vor Gericht gestellt. Die Gerichte arbeiteten i n Galizien monatelang ohne Unterbrechung; eine ganze Serie von �Iassenprozessen wurde inszeniert. In Tarno,v ,vurden 141 Bauern gerichtet, in Krakau 46, in Rzeszow 105 etc. Der Bauernaufstand in Galizien fand unter den vVerktätigen ganz Polens den stärksten ,viderhall. Die Arbeiter anhvorteten mit l-Iunderten von Versan1n1lungen, Resolutionen und Sa1nmlungen auf die :Massaker der faschistischen Regierung. Auf dem Lande wurden innerhalb einiger Nlonate 8000 Zloty gesan1melt. Die armen Bauern, die kein Geld für Streichhölzer und Petroleum zur Beleuchtung ihrer elenden !-lütten haben, waren bereit, das letzte Stück Brot mit den Gefangenen zu teilen. Bauern ganzer Dörfer bearbeiteten das Land für die Familien der Gefangenen und Hingerichteten. Aus eigener Initiative samn1elten die Bauern Lebensmittel und Kleidungsstücke und brachten sie in die Gefängnisse. Sie züchteten Vieh für die Rote -Hilfe (,,RI-1-Hühner", ,,RI-I­ Kaninch�n", ja sogar Schweine) unq gaben die erste Garbe für die politischen Gefangenen. Friil1er bekam die erste Garbe der „Pan''­ (Großgrundbesilzer) oder der Pfaffe. 1934 wurde eine Reihe von Gebieten von einer in der Geschichte Polens nie dagewesenen Ueberschwen1mung heimgesucht, die die durch Steuern bereits ohnehin ausgepreßte Bauernschaft völlig ruinierte. Hundertt.ausende von Bauern standen vor dem Nichts und begannen, aufsässig zu werden. Statt jedoch Hilfe und Brot zu geben, antwortete die Regierung mit Verschärfung des Terrors. Unter der Androhung, alle Aufssiisigen irr Konzentrationslager zu bringen, ,vurdc jede Versamn1lung und Zusmnmenrottung, ja sogar das Betreten der D_orfstraßen nach 7 Uhr abends usw. verboten. III n·ie Herrschaft der polnischen Okkupanten über die �m Jahre 1919/20 besetzte ,vcstukraine und über ,vcstweiBrußland begann mit Pogron1en gegen Ukrainer und Juden in Lwow, PrzemysJ, Wilna usw. und mit l\fassenverhaftungen von Arbeitern und 133

Grzegorzewski

Bauern, die unter dem Verdacht standen, mit der Sowjebnacbt zu sympathisieren. In ,vnna "'urden 1921 33 hervorragende ,veißrussische �länner verhaftet. In der ,vojewodschaft Bialystok "'urdcn im Jahre 1922 l\fassenverhaftungcn vorgenommen, deren Ergebnis der erste 1'1:assenprozeß, der „Prozeß der 145" war. In den Jahren 1921 bis 1924 ging durch die eslukraine und durch ,vest,veißrußland eine T

breite ,veile von Partisanenkän1pfcn der Bauern. Die polnische ,,

Regierung unterdrückte diese spontanen Aktionen der nationalen l\finderheiten mit außerge,vöhnlicher Grausamkeit. Am 2. Oktober 1925 verlangte das Regierungsorgan „Rzeczpospolila" (Republik folgendes Strafgericht für das ukrainische und ,veißrussische \'olk: „In unseren Grenzgebieten herrscht eine hcclrohliche Stimmung. "'enn nicht binnen einiger Jahre eine Aenderung eintritt, werden wir dort einen aß. gemeinen Aufstand haben, der uns mehrere ProYinzcn entreißen wir< L falli wir ihn nicht im Blute ersticken ... Es müssen soforl alle ßandcn abgclangfll. und es muß untersucht werden, wo die Bevölkerung ihm•n hilft. Ueber allt diese ist rasch ein schonungsloses Strafgericht zu halten. Gegen dtn Au/­ stand gibt es nur den Galgen und sonst 11iclils. Die ganze dortige Bevölkerunc

t muß eine derartige Furcht l>efallen, daß ihr das ßlul in den .Adern cnlarrt.� Seit jener Zeit erhob sich in den okkupierten Bezirken ein Gal­

1 gen nach dem anderen. Der ,veiße Terror "·ütcle 1uit aller Grausamkeit. Am 5. Dezember 1926 überfielen 300 mit �laschinengewebren ausgerüstete Polizisten im Dorfe Stara-Berczo,vo die legale Delegiertenkonferenz der Hro1nada, zerstörten das Gebäude und verprügelten die Delegierten. A1u 16. Januar 192i begann die Zertrümmerung der nationalrevolutionären Be,vegung \Yeißrußlands. Die Polizisten beriefen die Gemeindeversanunlungen der Bauern ein, erz,vangen die Ablieferung der l\1itgliedskarten der Hromada und der Gesellschaft der ,veißrussischen Schule und führten in allen Organisationen Haussuchungen durch, die von Konfiskationen des Organisationseigentums und von ,vüsten Pogromen begleitet waren. Eine Protestversammlung der Bauern des Bezirks Kasso. ,va (Kreis Brest) am 9. Februar 1927, an der 1000 ?\lenschen teilnahmen, wurde gesprengt; 5 Bauern ,vurden getötet und 6 schwer verletzt. Ende Februar desselben Jahres verwundete die Polizei anläßlich einer De1nonslration in Slonhn 12 Personen. Im Jahre 1930 brannte die \Vestukrainc lichterloh. Bran6stü­ t_ungen auf den Gütern, Zerstörung von Eisenbahnen, Telegraphen. linien usw. ,vurden zu MassenerscJ1einungen. In einigen Orten wurden 50 Brände in 24 Stunden gezählt. • 134

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„Die von der verbrecherischen Hand ukrainischer Saboteure entfachten Brände - schrieb das Regierungsorgan „1. K. C." {Illustrierter Tageskurier), Herbst 1930 - tauchen Kleinpolen (das ist die offizielle Bezeichnung-der vVestukraine in Polen, d. V.) unaufhörlich in ihren Feuerschein. Die letzten Tage bringen im­ n1er bedrohlichere Nachrichten aus allen Ecken des von den dreist gewordenen Brands tiflern terrorisierten Landes.'' Im Seple1nber 1930 schickte die faschistische Regierung besonders gesiebte Truppen nach der vVeslukraine, die die gestörte „Ruhe und Ordnung" ,viederherstellten. :Mit Bajonetten, mit Feuer und Schwert wurde das nach �Iillionen zählende Volk „be- friedcl". Polizeiabteilungen-umzingelten ganze Rayons und prügelten ausnahn1slos alle Bauern, Frauen, Greise und Kinder. Sie prügelten und schlugen mit Stöcken, l{olben, Riemen-, Peitschen, sie schlugen bis zur Bewußtlosigkeit. Klubs, Lesehallen und die Genossenschaften wurden zerstört und -in Brand gesteckt. Die Bauern "·urden gezwungen, Erde zu essen und zu rufen: ,,Das ist heilige polnische Erde!" Die „Pazifikation" der Westukraine ,var von umfangreichen :Massenverhaftungen begleitet. Die Verhafteten wurden in das Provinzstädtchen Luzk gebracht und dort bestialisch gefoltert. „Den Verhnfleten - heißt es in der Intcrpellntion der Kommunistischen Sejmfraktion wegen der Vorkommnisse in Luzk in der Herbsttagung des Sejm H>30 - goß man mit Essig und Urin gemischtes \Vasser jn die Nase. Dann umband man sie mit Stricken und schnürte ihren Körper mit solcher Kraft • zusammen, daß alle inneren Organe verletzt wurden. Mnn verbrannte und zerstnch ihnen die Fersen, so daß viele noch lange nachher auf allen viercn kriechen mußten. Den in J{elten geschmiedeten Häftlingen schob man Stöcke unter die Knie und hing sie an der Decke auf. Dann schlug man sie mit Gummiknüppeln auf die Geschlechtsorgane und hetzte �unde auf sie. Fast alle Frauen wurden vergewaltigt." Am 12. Mai 1932 wurde der Kongreß der „Gesellschaft der "·eißrussischen Schule" von der Polizei gesprengt. Als die Gesellschaft z,vei Jahre später im Juni 1934 einen neuen Kongreß einberief, ,vurden alle Delegierten verhaftet. Im Sommer 1933 wurden in Kobrin 8 weißrussische Bauern und eine Arbeiterin, Regina Kaplan, vor das Sondergericht gestellt. Um die politischen Angeklagten zum Tode verurteilen zu können, beschuldigte man sie vor den Sondcrgerichten gewöhnlich verleumderisch der Spionage. Im Kobriner Sondergerichtsprozeß ließ die Regierung die l\{aske fallen und wollte die Angeklagten offen als Revolutionäre hinrichten lassen.. Unter dem Druck der eiupörten �lassen und der von der Internationalen Roten Hilfe ge- 135

Grzegorzewski

i führten Kampagne war das Gericht jedoch gezwungen, die Todesstrafe in lebenslängliche Kerkerstrafe umzu,vandeln. Der Fall der Arbeiterin Regina Kaplan wurde dem Bezirksgericht übergeben, das sie zu 10 Jahren Gefängnis verurteilte. Anfang -1933 ,vurde die 15 000 �Iitglieder zählende revolutionäre ukrainische Arbeiter- und Bauernorganisation Selrob aufgelöst und in die Illegalität getrieben. Die „Liquidierung"· der Organisa lion war von zahlreichen Verhaftungen begleitet.

IV UiTzählige sind bereits seit der ,viederherstellung des polnischen Staates in die Klauen der Defensive (polnische politische Polizei) gefallen, und tausende, ja zehn- und hunderttausende Frauen, Kinder, Jugendliebe und Greise, junge Proletarier und gestählte Kämpfer der Revolution, Arbeiter, Bauern und lntellek· tuelle sind durch die Folterkamn1ern der polnischen Ochrana gegangen. Die Defensive Pilsudskis hat sich ,,,Veltrulun" erworben. Wiederholt ,vurden Häftlinge auf dein \Vege zur Defensh--e erschlagen und in der \Vestukraine und in ,veshveißrußland \""erläßt fast kein Bauer, der wegen Nichtbezahlung der Steuern geladen ,vird, die Polizei ohne Prügel. Die Folterungen sind zum Syslen1 geworden und gehen unter dem Schulz der höchsten Ver­ "·altungsinstanzen vor sich. ,,Am 9. Februar 1923 - lesen wir in einer Interpellation der Kommunisti- · sehen Sejmfraktion - wurde von der Lwower Polizei Olga Bessarabo,-a \"ff· haftet. Am 13. Februar fand mnn ihre Leiche am Fc>nstergitter der z�� des Polizeigefängnisses hängend . . . Einige Tage darauf brachten die L,-o,-u Zeitungen eine kurze Polizeimeldung, daß Olga Ilessarabo.,·a ,Selbstmord· bc,­ gangen habe. Eine der Medizinerinnen, die dnbej "·ar, als nrnn die LeicM obduzierte, schreibt, daß ,der Körper der Verstorbenen mit blutigen blauen Schrammen und violetten Beulen bedeckt war'.''

Ueber die ?\UBhandlungen und Folterungen der politischen G� fangcnen schreibt ein Häftling im �färz 1924: _ ,, . • . Als Labjak sich überzeugte, daß ich nicht beabsichtigte, 'Verrat m uben, packte er mich am Hals w1d stieß mich in die dunkle Nebenzelle. Dort 1. warf er mich zu Boden, sctr.te sich rittlings auf mich, schlug mir i.u Gesicht und auf die Brust, sprang dann auf meinem Bauch herum . . . Dann rissen mir die Agenten die \Väsche vom Leib, und Labjnk fing nn, mich am Körper mit der Spitr.e seines Säbels zu stechen, wobei er das Blut am Stiefel abrieb. Nach einer neuen Ohnmacht banden mir die Polizisten Arme und Beine, WV• fen mich mit dem Gesicht nach unten zu Boden und foltertcn mich mit dKtrischem Strom und Feuer.• Um mein Stöhnen zu ersticken, banden mir d� Poliziste11 nasse \VäscJ1e um den Kopf, und die Folter ging weiter .. :� . J36

. Polen unter der Knute des fa,chistischen Terrors

Selbst die spärlichen Nachrichten, die über die Folterungen von: politischen Häftlingen mit elektrischem Strom, mit Feuer und. Draht aus der 0chrana durchsickern, könnten Bände füllen. Wie festgestellt werden konnte, wurden allein im Laufe des Jahres. 1931 42 Personen in der 0chrana zu Tode gemartert. Am schlimn1- sten ist die berüchtigte Luzker 0chrana. Sie hat alle überboten.. Die Luzker Henker Tkaczuk, Zaremba, Postowicz, l{opecki, �la­ 1

tuszewicz beherrschen die Technik der Folter bis zur Vollkommenheit. ,,Es gibt Städte der Parks, Städte der Dome, Städte der "'olkenkratzer. Auch Luzk hat sich einen Ruf erworben. Luzk ist die Stadt der Folterungen", sagte der Angeklagte Schcchter während der Verhandlung vor dem Luzker Gericht, die 42 Tage, vom 19. Februar 1934 ab, dauerte. Die volle Zahl der Opfer der polnischen 0chrana ,vird kaum .. jen1als bekannt werden, denn die örtlichen Behörden halten über alle \Verktätigen, die ihnen in die Hände fallen, ein Strafgericht,. ohne Rechenschaft abzulegen. Im Gefängnis von Slonim starben 1931 im Laufe eines �fonats 2 I-Iäftlinge: Alexander Botko und Simon Pctruszen. Sin1on Pctruszen wurde in der 0chrana die Lunge mit einem Draht durchbohrt. Er blieb nach der Folter bis .. zu seincn1 Tode ohne jeden ärztlichen Beistand. Nach dem l\iluster Hitlerdeutschlands erklärt die polnische 0chrana in solchen Fällen mit Vorliebe, daß die Gefangenen „Selbstmord" verübt hätten (z. B. die Ermordung des l{onununisten Koppel in der 0chrana in: Przemysl, des Kmnmunisten \Vasjut etc.). Eine der Hauptmethoden des Kampfes der faschistischen Regierung gegen die revolutionären Organisationen ist die Provokation. 1.Iit Hilfe von Provokateuren versuchte sie, sich in allen Glie- 1dern der revolutionären Organisationen, bis in die Spitzen, Stützpunkte zu schaffen, wobei ihre Bestrebungen nach zwei Richtungen gfngen: durch Provokateure die marxistisch-leninistische Linie der Politik des revolutionären Proletariats zu entstellen, seine• Politik auf ein opportunistisches Geleise zu bringen und den Interessen der Bourgeoisie anzupassen und durch Provokationen dem: Polizeiterror, den �fassenverhaftungen und den �Iassenprozessen Vorschub zu leisten. Dank der '\Vachsamkeit der revolutionären1 Organisationen und dank dem uneriniidlichen Kampf der �lassen gegen alle Provokateure wurden die Pläne der Defensive jedoch aufgedeckt. Für die politischen Gefangenen ist die 0chrana nicht dns Ende, sondern der Anfang des Leidensweges, den sie zu gehen haben .. 132··

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, Die Ochrana ist die Vorstufe des Gerichts, sie liefert das Konzept .oder die entscheidende Skizze für die Beschlüsse der „unabhängi­ .gen" Richter 1 sie ist der Beginn der Justizkomödie, die mit dem Gericht ihre Fortsetzung und ihre logische Vollendung findet. In den ersten Jahren der polnischen Republik ,varen die gefällten Urteile noch verhältnismäßig „milde"; eine Strafe von 4 bis 5 Jahren zählte damals noch zu den sclnveren Urteilen, von denen die meisten in der ,vestukraine und ,vcshveißrußland gefällt wurden. Die polnische Bourgeoisie führte jedoch nicht nur die alten zaristi­ .schen und kaiserlichen Gesetze rasch ,vieder ein, sondern schuf auch Sondergesetze, wobei sie gegen die �litglieder der Kommunistischen Partei Paragraphen des Strafgesetzbuchcs anwandte, die selbst die zaristische Regierung gegen Revolutionäre im allcSemeinen nicht zur Anwendung gebracht hatte. Mit dem l\fachtantritt des Faschis1nus im l\Iai 1926 erfolgte schließlich auf dem Gebiete der Strafverhängung ein krasser Umsch,vung. Die Prozesse nahmen, ,vas die Zahl der Angeklagten an. :betrifft, immer mehr den Charakter von 1Iassenprozesscn an, und Urteile in IIöhe von 6 bis 8 Jahren ,vurden in1mer häufiger. Auch Urteile mit Strafen in Höhe von 10 bis 17 Jahren gehören nicht mehr zu den Seltenheiten. Die bekanntesten Prozesse sind: die Prozesse der 94 und M wegen Hochverrats 1n ,vnna, die Prozesse der 55 und 27 in Br� •der Prozeß der 121 in Przemysl ebenfalls ,vegen Hochverrats und der Prozeß der 70 in Stryj ,vegen einer Erwcrbslosendemonstration im Jahre 1926, bei ,velcher 12 Demonstranten getötet und einige Dutzend schwer verletzt ,vurden. Am 10. Januar 1927 endete der Prozeß der 151 ukrainischen Bauern in \Vlodzimicrz, \Volyruk. Das Gericht der polnischen Bourgeoisie fällte in diesem Prozeß in <ler Geschichte des polnischen ,veißen Terrors einzig dastehende Urteile·: 9 Angeklagte wurden zu lebenslänglichem Zuchthaus. 4 :zu 15 Jahren, 6 zu 12 Jahren, 39 zu 10 Jahren und 60 zu 4 Jahren :Zuchthaus verurteilt. 118 Angeklagte erhielten insgesamt 1000 .Jahre Zuchthaus. Im ,vc.ißrussischen Prozeß der 133 im Jahre 1928 wurden die meisten Angeklagten zu 6 Jahren, viele zu 8 bis 10 Jahren, einige zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. In Lodz wurde 1934 ein Arzt, der ehemalige politische Gefangene kostenlos bthandelte, zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Obwohl die werktätigen l\fassen Polens selbst unter dem Joch -der faschistischen Diktatur kämpfen, erheben sie in1mer wieder Protest gegen die G�walttaten des Faschismus in anderen Län- 138

Polen unter der Knute des /ascliislisclten Terrors

dern. So verurteilte das Gericht in Lodz zwei Arbeiter 1934 zu 2 Jahren und einen Arbeiter zu 1 Jahr Gefängnis, ,veil sie Flugblätter verteilt halten, die -die Freilassung Dimitroffs, Thälmanns und Genossen verlangt hatten. In Sosno,vice fand im �Iai 1934 ein Prozeß gegen 48 Arbeiter und Arbeiterinnen statt, die größtenteils ,vegen Rote-I-Iilfe-Arbeit angeklagt waren. Die Angeklagten wurden zu 5 bis 7 Jahren Zuchthaus verurteilt. In \Vilna verurteilte das Gericht 1934 fünf 20- und 18jährige Schülerinnen zu 6 bis 7 Jahren, darunter ebenfalls einige, ,veil sie für die Rote I-Iilfe gearbeitet hatten. Einer der berüluntesten Prozesse war der Luzker Prozeß 1934. Die Angeklagten gaben in diesem Prozeß ein musterhaftes Beispiel der Selbstverteidigung. In 3½jähriger Untersuchungshaft, gefoltert, gen1artert und 1nißhandelt, venvandelten die Angeklagten das Gericht in eine Tribüne der revolutionären Bewegung. Alle Versuche des Gerichts, die Angeklagten durch Karzer, Hunger und Folterungen zu terrorisieren, scheiterten. Die IRI-I hatte zum Prozeß eine breite Kampagne entfaltet. Durch das heroische Verhalten der Angeklagten und die Kampagne der IRI-I sah sich der polnische Faschismus schließlich ge- 2wungen, seine Krallen etwas einzuziehen. Von den Angeklagten wurden 14 zu je 8 Jahren, 13 zu 7, 11 zu 6, einer zu 5, 4 zu 4 und_ 2 zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt; 8 Angeklagte wurden freigesprochen. Einige �Ionate darauf, im Sommer 1934, begann überraschend ein zweiter Prozeß in Kowel. Der Presse und den Behörden war verboten ,vorden, irgend etwas über den Prozeß zu schreiben oder ·yerlauten zu lassen. Ob,vohl die Zahl der Angeklagten und Zeugen nicht geringer ,var als in Luzk, wo die Verhandlungen 2 l\louate gedauert hatten, ,vurde der Prozeß in Kowel in 10 Tagen zu Ende geführt; auch die Resultate waren andere: ein Angeklagter erhielt 15 Jahre, 3 wurden zu 12 ,Jaluen, 4 zu 10, 26 zu 8, 12 zu 6 und 4 zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt. Freigelassen ,vurden - nur 2 Angeklagte. Insgesan1t wurden 375 Jahre Zuchthaus ver- 11ängt. Im Jahre 1932 wurden allein den Sondergerichten 244 Per­ -sonen zur Aburteilung übergeben. Verurteilt ,vurden davon: 127 zum Tode und 77 zu 10 Jahren Zuchthaus. 39 Fälle ,vurden den Bezirksgerichten überwiesen. Freigesprochen "'urde nicht ein einziger Angeklagter. Die Gesmnlzahl der verhängten Strafjahre in den politischen Prozessen stieg von 6620 im Juhre 1927 (abgese- 130

Grzcgorzcw&ki

ben von den lebenslänglichen Haftstrafen und von den Todes• urteilen) auf 20 275 im Jahre 1933. Die Rote Hilfe Polens war sich seit den ersten Tagen ihres Bestehens an darüber klar, daß der Ka111pf gegen den weißen Ter· ror und Faschismus ein untrennbarer Bestandteil des Kampfes gegen die Kriegsvo�bereitun gen ist, daß ,veißer Terror und Kriegs• vorbereitungen z,vei Seiten ein und derselben l\Iedaille sind. Die Rote Hilfe Polens nahm deshalb aktiv an allen Antikriegskampagnen teil und wies die l\lassen unermüdlich darauf hin, da.& der ,veiße Tertor für die kapitalistischen Regierungen einer der wichtigsten Faktoren bei der Schaffung des nol\vendigen Hinterlandes für den kommenden Krieg ist. Selbst verfolgt und illegal„ verschaffte sie sich bei dieser Arbeit Zutritt zu den entferntesten Orten, zu den rückständigsten �lassen. :Mit dem seelenlosen Gleich1nut und der kaltblütigen Gefühlslosigkeit eines :Molochs zermaln1en die polnischen Gerichte das, von der Ochrana in Hülle und Fülle gelieferte :Menschenmaterial. �fit methodischer Genauigkeit füllen sie die Gefängniszellen, in denen die gefangenen Revolutionäre eine1n grausan1cn Regime ausgesetzt sind. Die Zahl der politischen Gefangenen betrug An• fang 1935 nach den Feststellungen der Roten I-Iilfc zwischen 15 000 bis 18 000. Eine Reihe von Gefängnissen, ,vic Grnudenz, Koronowo, ,vronki, Rawicz u. a., zählen je 500 politische Gefangene. Einige wie Jaslo, Lowicz, Pullusk, Chrzano,v, Cieszyn u. � die früher keine politischen Gefangenen hatten, beherbergen jetzt je 50 bis 100. In Zellen, die für 1 bis 2 Personen vorgesehen sind 1 " erden 6 bis 8 und mehr Gef ang�ne gesteckt. In vielen Gefängnis-

. sen müssen die Gefangenen auf dem zumeist steinernen Fußboden schlafen. Oft w�rden die politischen Gefangenen in Kellerzellen untergebracht (Graudenz, '\Varschau, Pawjak). Decken gibt es nur in wenigen Gefängnissen. Die Aerztekomn1ission des Justizministeriums stellte im Jahre 1928 fest, daß es „hygienischer und ge. sünder sei, ohne Decken zu schlafen". Von einer Verpflegung kann kau1n die Rede sein. Für einen. Gefangenen sind täglich 45 polnische Groschen festgesetzt (ein-­ schließlich der Ausgaben für Wäschewaschen, Baden us\\· .) . Di� Gefangenen n1üssen buchstäblich hungern. Die Gefiingnisverwal, tungen verschlechtern die Lage der Gefangenen noch ,veiter un<l begrenzen aufs äußerste das Recht, von den Angehörigen Lebensmittel zu bekon1men oder verbieten deren Empfang überhaupL Die Gefängnisverwaltungen teilen die Gefangenen nach �ntio 140

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Polen unter der Knute des fascltistischen· Terrors

nalitäten und nach ihrer sozialen Lage ein. Gefangene, denen von zu Hause geholfen wird, werden von den anderen isoliert. Gemeinsame Spaziergänge sind verboten. Ebenso jede Selbstbeschäfti-· gung. Zeitungen und Bücher werden nicht zugelassen, oft sogar die. Jiarmloseste Belletristik nicht. )3ücher der Gefängnisbibliothek ·w erden nur in beschränkter Zahl oder überhaupt nicht ausgegeben, Schreibutensilien gibt es in den seltensten Die durch sclnvere Kämpfe, hartnäckige Hungerstreiks und Verlauf von Generationen mit dem Tode vieler Revolutionäre er- . kauften bescheidenen Hechte der politischen Gefangenen sind be­ -seitigt. Bereits im Jahre 1928 wurde die Frage der Nichtanerkennung der politischen Gefangenen als eine besondere im Prinzip entschieden. Ihre endgültige Lösung fand diese in dem Gefiingnisrcglcment von 1931. Die Gefängn kürzte die Spaziergänge bis auf 15 :Minuten. Die weiblichen politischen Gefangenen begann inan wie Prostituierte mit Gewalt erniedrigenden körperlichen Untersuchungen zu unterziehen. politischen Gefangenen wurden in Gefängnistracht gesteckt gezwungen, Rapport zu erstatten, stramm zu stehen Das Schli1nn1ste jedoch ist: es ,vird geprügelt und Allein in den ersten 10 :Monaten des Jahres 1934 sind 36 Gefangene in den Gefängnissen zu Tode gemartert worden, z. die Kommunistin Knapowa in Fordon, Tatiana Szumak, und \Yiseliewicz in Bialystok, Stanislaw Leonhard in Kielce, Zuk in ,visnicz, Protas in Graudenz u. Nehmen wir das Gefängnis in Graudenz: "Vor einiger Zeil - schrieben politische Gefangene 1932 nus diesem Gefängnis - wurden Pojtr \Venckowski, Knzimir Darniznn und Burdzis gemnrlert. Man schickte alle Kriminellen nus der Zelle und begnnn mit den Mißhandlungen. Man schlug sie bis aufs Blut und bis die Opfer ohnmächtig wurden, so lange, bis mnn sie nicht .mehr über den Gefängnishof führen konnte. Sie bluteten von 12 bis 7 Uhr abends. Als mnn das Licht auslöschte, befahl m'.ln ihnen zu gehen. Aber sie waren dnzu nicht imstande. Man mußte :;ie auf Bahren ins Lazarett bringen. Dr. Szpnkowski sagte, als er die Operation beendete: Es wird nichts sein. Als man sie in die Keller brachte, warf sich dort eine Bande Aufseher auf sie und bereitete fünen eine neue Abreibung. Sie schlugen mit Schlüsseln und Stiefeln auf die Köpfe und Geschlechtsorgane. Als <ienosse Oleksjuk dem Stantsnnwalt einen Beschwerdebrief schrieb, setzte man ihn dafür für unbegrenzte Zeit in den Isolierknrzer, wo er sich schon über einen Monat befindet. \Vie Genossen erzählen, sind die \Vän<le in zwei Karzern mit dem Blut der politischen Gefangenen bespritzt."

Ueber das Gefängnis in Grodno heißt es in dem Brief eines politischen Gefangenen: 141

Grzegorzewski

,;Die Verwaltung versuch( körperliche Züchtigungci1 als Strafen einzuführen. Genosse Alexander ßogdanczyk bekam 25 Gummiknüppelschläge auf d�o .nackten Körper, weil er nicht sagen wollle, wo sich in der Zelle ein Bleistift befindet." In dem Gefängnis von Kielce ist es nicht besser: ,,Dafür, daß du aus dem Fenster siehst - schreibt ein Gefangener -bestrnit man dich mit 48 Stunden Karzer, der sich 5 ½ Meter unter der Erde­ . befindet und in dem das ,vasscr von den ,vänden läuft. Im Januar 19:13 vrnrde- der 18jährige Junge Slanislaw Leonhard in den Karzer geworfen, weil er nicht ,strammstehen' wollte. Dort zog er sich einen aktiven Tuberkuloseprozeß zu. Nach 4 Monaten starb er. Noch kµrz vor seinem Tode erlaubte m3n seinen Gefährten nicht, ihm Nahrung zu reichen. Ohnm:ichtige Genossen bringt man durch Salmiakgeist wieder zur Besinnung, der einem die Kehle und die Schleimhäute verbrennt. Oder man schlägt auf die Fersen." Für den kleinsten Versuch eines Kampfes gegen dieses System regnet es harte Strafen. So schreibt eine Gruppe von Gefangenen aus dem Gefängnis Sieradz: „Im Janur 1933 zwang man 200 politische Gc:fangene, weil sie dagegen kämpften, daß man ihnen Zeitungen und Bücher �ntzog. auf den Fußbodm zu liegen (es waren auch schwangere Frauen darunter). 8-1 Genossen wurdtn -1 bis 5 Tage in kalte, dunkle, steinerne Karzer geworfen. Auf <lem \Vege dorthin schlug man sie, zerrte sie an den Haaren, riß ihnen die ,Kleider herunter. gab ihnen nichts zu essen. Vier Frauen, und zwar die Genossinnen \Vron.ska. Monkol, Kon und )fazereld wurden mit Gewehrkolben geschlasen."

Aufwühlende Nachrichten dringen aus dem Gefängnis von Janow. Nach einem fünftägigen Hungerstreik der politischen Gefangenen veranstalteten die Gefängnishenker dort zusan1men mit Polizeibanditen und Spitzeln ein blutiges Gc1netzel unter Hunder• ten von politischen Gefangenen. Sie ,varf cn Gasbomben in die Zellen und gossen ,vasser aus Feuerwehrschläuchen auf die wehrlosen Gefangenen. Das Resultat dieses Gemetzels waren: 11 Tote und Dutzende von bestialisch Vcrslün1melten. In Wronki und Tarno,v ,vurdcn 1932 sogenannte Isolationsgefängnisse eingerichtet. In diese Gefängnisse ,verden die akth·sten Funktionäre der revolutionären Organisationen, insbesondere Kommunisten oder die „Aufrührer", ,vie die Gefängnisverwaltung sie nennt, geschickt. Es herrscht das wildeste Regin1e. Ein neue 1934 erlassenes Gesetz brachte die Einrichtung von Gefängnissen für Unverbesserliche. Durch dieses Gesetz bekame·n die admini• strativen und gerichtlichen Organe die �{öglichkeit, Revolutionäre ohne Urteil auf unbegrenzte Zeit im Gefängnis zu halten. \Venn die Strafzeit irgendeines politischen Gefangenen abläuft, so heißt das nicht, daß er die Freiheit wiedersieht. Sowie die Gefängnisbe­ 0

hörden oder die Staatsanwaltschaft erklären, daß der HäfUing- 142

Polen unter der Knute des faschistischen Terrors

,,unverbesserlich" ist, d. h. -daß das Gefängnis seinen Mut nicht' gebrochen und daß er seine Ucberzeugung nicht geändert hat, so, bleibt der Gefangene ohne jedes neue Gerichtsverfahren ·weiter . im Gefängnis, und zwar auf mindestens 5 Jahre. Nach 5 Jahren, kann die Geschichte wieder von vorn anfangen. \Yenn auch durch dicke :Mauern von den Massen ·getrennt, so stehen die politischen Gefangenen in ihrem Kampf doch nicht allein. Die Rote Hilfe ist ihr Sprachrohr. Jedes Stöhnen, jeder Hilferuf der politischen Gefangenen wird aufgefangen und an alle Schichten der Bevölkerung weitergeleitet. Viele Aktionen der politischen Gefangenen konnten deshalb nur mit Erfolg zu Ende geführt ,verden, weil draußen vor den Gefängnissen die standen, denen man die Besten geraubt hatte. Das Jahr 193-! ·bescherte Konzentrationslager. Als formeller· Vorwand diente der :Mord am Innenminister Oberst Pieracki. Aber· selbst die bürgerlichen Blätter 1nußten zugeben, daß die Einführung der Konzentrationslager schon lange vorgesehen ,var. ,.Die Liquidierung von Elementen, die im gesellschaftlichen Leben zum• Terror nufrufcn - schrieb die Zeitung „Express tPoranny" im Sommer 1934 - wurde zu einer hnmer dringenderen Notwendigkeit. Sie hätte auch ohne· den Schuß am 15. Juni durchgeführt werden müssen. Der Mord an dem hohen· Staatsmann hat die Ergreifung der Maßnahmen zur Liquidierung dieser· Elemente nur beschleunigt." In dem Gesetz über die Konzentrationslager heißt es: ,,Personen, deren Tiitigkeit und Benehmen Anlaß zur Annahme geben ,.. daß von ihrer Sei_te Störung der Gefahrlosigkeit, Ruhe oder gesellschaftlichen Ordnung zu gewärtigen ist, können v_erhaftet und gewaltsam an einem isolierten Ort untergebracht werden." Zur Verhaftung „geniigt der Verdacht allein".. Laut Erklärung des Vorsitzenden des :Ministerrats, Koslowski, wurde in den Lagern ein

l bewußt strenges und schweres Regime eingefiihrt. ,,Die Lager werden nichts anderes sein, als eine vVaffe in der streng strafenden Hand der Regierung." Das erste Lager wurde gleich nach der Veröffentlichung der Verordnung in Westweißrußland in den Pinsker Sümpfen, in der­ �ähe -des Oertchens Kartus-Bcreza geschaffen. Der geringste ,viderstand genügt, um nach Bcreza geschickt zu werden. Im Dorfe 1\filusz (\Vestukraine) wurde z. B. ein Bauer verhaftet, ,veil er „das Grab eines ukrainischen Kämpfers geschmückt hatte". 1\fchrere 1\{onate lag über Berezu ein undurchdringlicher Schleier. Jede Korrespondenz iuit den Gefangenen wurde verboten, ebenso · die Besuche von Angehörigen. Die Gefangenen schlafen 14�

Grzegorzcwski

=-auf dem kalten Steinfußboden. Es gibt weder Stühle noch Tische ,oder Bänke in den Baracken. Nur an Feiertagen ,verden für einige .Stunden Bänke in die Baracken gestellt. Die Gefangenen werden um 4 Uhr morgens geweckt; beiln Appell müssen sie die „Erste Brigade", die Hymne der polnischen Faschisten, singen. Sie müs­ . sen Chausseen in den Sün1pf en bauen und ,verden als Arbeitsvieh vor schwere Transporte gespannt. Wer zusammenbricht, wird .mit Gummiknüppeln und Gewehrkolben geschlagen. Für das kleinste Vergehen gibt es 7 Tage Karzer, nlit einem Stück Brot und • ehvas \Vasser jeden zweiten Tag. Kranke dürfen nur mit Erlaubnis des Lagerkommandanten zum Arzt geschickt werden. Bei 39 Grad Fieber erklärt der Arzt -den Gefangenen für gesund und bestraft ihn als „Simulanten'\ Auch die Kranken n1üssen auf den Steinfußböden schlaf eo und bekommen das gleiche „Essen", wie alle anderen Iiäftlinge. Es wimmelt von Ungeziefer und fast alle Gcfangcnen leiden an Haut- ·krankheiten. Außer der schweren Zwangsarbeit n1üsscn die Gefan­ ·genen die schmutzigsten Arbeiten verrichten (Säuberung der Aborte und Spucknäpfe, der eignen wie die der Polizisten, mit bloßen Händen). Seife wird nicht ausgegeben. Die \Väschc muß ohnt. Seife in kaltem \\Tasser gewaschen werden. Körperliche Strafen, Verhöhnungen und Beschimpfungen vervollständigen das Regime. Der Inspektor von Bereza gab den diensthabenden Polizisten im Beisein der Gefangenen folgen<!m Befehl: ,,\\1enn ihr es für richtig haltet, könnt ihr ihnen einfach in die Fresse haueQ.." Der Stellvertreter des Inneninspektors äu8ertt zu einer Gruppe von Gefangenen: ,,Das hat die \\Tell noch nicht . gesehen, was wir mit euch n1achen werden-:'

* Alle Mittel werden von der Bourgeoisie und den polnischen ·Gutsbesitzern angewandt, um die revolutionäre Bewegung zu er. st�cken, zu zerschlagen und zu vernichten. Tag für Tag ergießt sich von den Kanzeln der Kirche, aus der bürgerlichen ·Presse. von den Schulkathedern und aus den :Mikrophonen des Radios hart. näckig und systematisch eine wüste Hetze. Tag für Tag regnet e-s Unwahrheiten, werden Kloaken der Lüge und Verleumdung � gen die revolutionäre Bewegung, gegen die Kommunistische Par. tei Polens und die Sowjetunion. ausgegoss�n. Mit einer planm!iBi­ .gen Hetze und einem zügellosen weißen Terror versucht die faschistische Regierung der revolutionären Bewegung der Arbeittt :144

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Grzegorzewsl..-i

und armen Bauern Herr zu werden. Doch alle ihre Bemühungen, alle ihre Anstrengungen sind vergeblich. Immer neue Massen treten in den l{an1pf und erwachen zum aktiven politischen Leben. Unter den schweren Schlägen der rauhen '\iVirklichkeit bricht die chinesische 1\ilauer, die die kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeiter trennt, zusammen, wächst und erstarkt die Einhe.itsfront dei· werktätigen :Massen gegen den polnischen Faschismus, trotz des VViderstandes der sozialdemokratischen Führung und trotz der Provokationen der faschistischen Regierung. Der polnische Faschisnn1s kann den „Gleichschritt der eisernen Bataillone des Proletariats" wohl hemmen und aufhalten, zum Stehen bringen kann er ihn jedoch nicht.

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. . 10 Weißer Terror 145

DER VlEISSE TERROR IN DEN BALTISCHEN �ÄN.OERS

Von C z a k o w s k i

Mehr als zweihundert Jahre halte das sclnvere Joch des Zarismus mit seiner räuberischen Ausbeutung und brutalen nationalen Unterdrückung auf den Völkern der baltischen Länder gelasl� als die russischen Arbeiter und Bauern unter der Führung der Bolschewiki mit Lenin an der Spitze die �Iacht eroberten und die Diktatur des Proletariats errichteten. In brüderlichem Bündnis mit den heroischen Proletariern Rußlands erhoben sich auch die :Werktätigen Finnlands, Estlands, Lettlands und Litauens, die bereits unter dem Zarismus jahrzehntelang Schulter an Schulter mit ·den russischen Arbeitern und Bauern für ihre soziale und nationale Befreiung gekämpft hatten. Im größten Teil Finnlands und Estlands errichteten die Arbeiter und Bauern unmittelbar nach der russischen Oktoberrevolution Sowjets. :Mit Hilfe deutscher Truppen gewann die Konterrevolution nach schweren und erbitterten Kän1pfen wieder die Oberhand. Auch in Litauen und dem Teil Lettlands, der vom deutschen Imperialismus während des Krieges besetzt ,vorden war, hatte der Sieg des russischen Proletariats unter den Arbeitern und rumen Bauern einen mächtigen Widerhall gefunden. Die deutschen Truppen unterdrückten jedoch jede revolutionäre Regung der l\lassen. Der Triumph der deutschen imperialistischen Räuber und der baltischen Konterrevolution dauerte nicht lange. Anfang Novemder 1918 erhoben sich die Arbeiter in Deutschland, stürzten das deutsche Kaisertum und bildeten unter dem Einfluß der russischen Oktoberrevolution Arbeiter- und Soldatenräte. Die Fronten des deutschen Imperialismus brachen zusammen und seine Armeen zerfielen. Das heroische Beispiel der russischen Sowjets vor Aug� griffen die Arbeiter und Bauern der baltischen Länder wiedenun zu den Waffen. Die Kämpfe führten diesmal zur Erri�tung von

l Sowjetrepubliken in Lettland, Estland und Litauen. Mit llilfe der Entente, Polens und der Reste der früheren deut. 146

Der weiße Terror in den baltischen Ländern

sehen Besatzungstruppen, die auf die Versprechungen der baltischen Barone hin unter dem Befehl des Generals von der Goltz zurückgeblieben waren, gelang es der Bourgeoisie und den Gutsbesitzern der heutigen Randstaaten, die revolutionären Arbejterund Bauernmassen abermals zu schlagen. Die So,vjetmacht in Litauen wurde April 1919 gestürzt, die Sowjetmacht i n Lettland Mai 1919, in Estland Anfang 1919. Sechzehn Jahre sind seitdem vergangen. Der Kampf der ,verktätigen l\fassen der baltischen Länder hat in diesen Jahren, trotz allem hemmungslosen Terror, nicht einen Augenblick geruht. 1 • Der internationale hnperialismus versucht die baltischen Länder ständig zum Aufmarschgebiet für einen Angriff auf die Sowjetunion zu machen. Die stärksten Anstrengungen machen zur Zeit Hitlerdeutschland und sein Helfer, der polnische Faschismus. Die Angriffe des I-Iillerfaschisn1us auf :Memel, die polnischen Träume von der Eroberung Libaus, die Pläne dieser beiden imperialistischen Räuber zur Aufteilung Litauens und Lettlands, die Bemühungen des deutschen und polnischen Faschismus, die Randstaaten politisch und wirtschaftlich zu beherrschen und sie zum Aufmarschgebiet gegen die Sowjetunion zu machen, stellen die Gefahr des neuen imperialistischen Krieges auf die Tagesordnung und wirken nicht nur unter den werktätigen l\Iassen, sondern auch bei dem Kleinbürgertum dieser Länder alarmierend. Die Bourgeoisie der baltischen Länder, die einerseits alle Vorbereitungen zur Teilnahme an einem imperialistischen Krieg gegen die So,v­ jetunion trHft, um nicht von den großen iniperialislischen Ländern verschlungen zu werden, schreckt andererseits wiederum davor zurück, weil sie weiß, daß ihre Klassenherrschaft bei diesen1 Kriege zuerst von der proletarischen Revolution bedroht wäre. l\Iit Hilfe von komplizierten politischen �fanövern und durch Verstärkung des weißen Terrors versucht sie, sich aus dieser Lage herauszuwinden. Die Bourgeoisie der baltischen Länder wendet seit Schaffung der „unabhängigen" Randstaaten außerordentlich grausame Unterdrückungsmethoden gegen die revolutionäre Bewegung an. Das Anwachsen der revolutionären Unzufriedenheit der ,verktätigcn �fassen in Stadt und Land - hervorgerufen durch eine besonders tiefe Wirtschaftskrise und durch eine unglaubliche Vcrelendung - und das Bestreben der Bourgeoisie, für den Fall eines imperialistischen Krieges ein sicheres Hinterland zu haben, veranlaßten die herrschenden Klassen der baltischen Länder, die de1nokr'atische 147

Czako"tvsld

Verfassung zu liquidieren und zu faschistischen Jlerrschaftsmelho­ d�n überzugehen. Nach dem faschistischen Umsturz in Litauen hn Jahre 1926 begann l\litte 1930 die finnische Bourgeoisie unter Ausuützung der Lappobe,vegung die Faschisierung Finnlands. Alle revolutionären :Massenorganisationen der \Verktätigcn wurden aufgelöst. In Estland setzte die Faschisierung 1933 ein; im März 1934 proklamierte die Regierung Pjats die offene militärfaschislische Diktatur. Die Bourgeoisie Lettlands errichtete die offene faschistische Diktatur im :Mai 1934. Ihr Ziel, die revolutionäre Bewegung zu erdrosseln, konnte die baltische Bourgeoisie mit allen Unterdrückungsn1aßnahmen und allem Terror nicht erreichen. Im Gegenteil, die Welle der revolutionären Bewegung steigt; die Einheitsfront der Arbeiter und armen Bauern gegen ihre Ausbeuter und Unterdrücker wird geschlossener, breiter und gewinnt an innerer l{raft.

I. D e r ,v e i ß e T e r r o r i n L i t a u e n Nach der Niederschlagung der litauischen Räterepublik im April 1919 wurde von den vVeißen eine "·ahre .Jagd auf die revolutionären Arbeiter und Bauern in Litauen organisiert. Die revolutionären Arbeiter und Bauern ,vurdcn ohne jeden Prozeß und ohne jedes Verfahren niedergeschossen. Die Erschießungen wurden meist wahllos auf Grund von Denunziationen vorgeno1nmen. Als die Weißen Wilna einnahmen, ,vurden allein über tausend Personen erschossen. Im Gebiet von Suwalki ,vurden die gefangenen Revolutionäre lebendig unter das Eis gcstoße11. In l\ioshejki wurden zwei Schneiderinnen, Schwestern, ,veil sie zur Zeit der Sowjet. m�cht eine ,rote Fahne genäht hatten, erschossen. Aµch Sozialdemokraten fielen dem rasenden ,veißen Terror zum Opfert weil sie irrtümlich für „Bolschewisten" gehalten ,vurden; unter den Opfern waren die linken Sozialdemokraten Smolski und \Vnljukas. Der Terror ging unter der aktiven :Mithilfe der sozialdemokra. tischen Führer vor sich. Die sozialdemokratischen Führer Kairis• und Paknis waren :Mitglieder der konterrevolutionären Regierung Anfang 1920, am 22. und 23. Februar, traten die Soldaten der Garnison von Kowno in cinen Aufstand. Der Aufstand wurd niedergeschlagen, und die litauische Bourgeoisie hielt ein furcht- 148

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Der weiße Terror in den baltischen Ländern

bares Strafgericht über die aufrührerischen Soldaten. Die Verhafteten wurden so grausmn geschlagen und mißhandelt, daß der \Veg, den sie ,vährend des Abtransportes zum Gefängnis zurücklegten, von Blut bespritzt ,var. Die n1itglieder des revolutionären Soldatenkomitees· l\fickelunas, vVisgirdas, Kuschner und Banischauskas verurteilte das Kriegsgericht zum Tode. Sie ·wurden im· Keller des Ko,vnoer Gefängnisses erschossen. Am 13. Januar 1921 verübte die Geheimpolizei in Kowno einen Ueberfall auf den Internationalen Arbeiterklub, das Zentralbüro der wichtigsten Gewerkschaften Litauens. Vorher hatte die Geheimpolizei ibereits 5 Führer der litauischen Gewerkschaftsbe,vegung verhaftet, geprügelt und über die Grenze geschoben. Im ganzen Lande setzten l\Inssenverhaftungen ein. Im Kreise Vizjany wurden über 100 ,verktälige, darunter viele Landarbeiter� verhaftet. Die Verhafteten wurden viehisch n1ißhandelt. l\:Ian schlug sie mit Peitschen und Lndestöcken, riß ihnen die I-Iaare und renktt ihnen die Finger aus, durchstieß sie mit Nadeln, goß Salz,vasser auf die ,vunden. Die Arbeiterin Schukowskaja verlor bei den �lißhandlungen den Verstand und starb später. Die Bourgeoisie verschärfte die alten zaristischen Gesetze und ließ Arbeiter allein wegen Zugehörigkeit zur Kom1nunistischen Partei erschießen. Das Ziel des Terrors der litauischen Bourgeoisie in den folgenden Jahren war, es den werktätigen l\Iassen unmöglich zu machen, starke revolutionäre Organisationen zu schaffen. 1923 löste die Regierung die von den Arbeitern geschaffenen linken Gewerkschaften auf. Bei den vVahlen zum Sejm 1923 ließ sie alle Kandidaten und aktiven ,vahlhelfer clcr· revolutionären Arbeitergruppe verhaften. I1n .Tahre 1924 verbot sie die große jüdische Bildungs- und Kulturorganisation, die ICulturliga, der viele jüdische Werktätige angehörten. Die Auflösung der Kulturliga ,var mit vielen Verhaftungen verbunden. A1n 19.. Januar 1925 wurde eine große Demonstration der Kownoer Arbeitslosen von der P olizei durch Gewehrfeuer auseinandergejagt. Die Arbeitslosen haben den 19. Ja­ _nuar seitdem zu ihrem Kampftag gemacht, an dem sie jedes Jahr für ihre Forderungen demonstrieren. Am 17. Dezember 1926 erfolgte in Litau·en der faschistische Umsturz. Der Umsturz wurde unter der Losung des Kampfes gegen die bolschewistische Gefahr und unter dem Vorwand eines angeblich_ bevorstehenden bolschewistischen Aufstandes durchgeführt. Die Faschisten setzten Kriegsgerichte ein. Die Führer der litauischen Arbeitc.rklassc Karl Posshella, Josef Greifenberger, Ra- t 10

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Czakowski

phael Tschorny und Kasin1ir Hedris ,vurden vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt und erschossen. Etwa 100 revolutionäre Arbeiter wurden ermordet, annähernd 1000 verhaftet. In Worni wurde wieder wie im Jahre 1919 nach der Nieder,verfung der Räterepublik ein J{onzentrationslager errichtet. AHe politischen Gefangenen ,vurden den grausamsten Folterungen unterworfen. Eine der bestialischsten Foltermethoden -der litauischen Geheim­ ]Jolizei ist die sogenannte Elektrifizierung, von der bereits viele Revolutionäre ,vahnsinnig wurden. Das Opfer ·wird dabei in eine mit '\Vasser gefüllte Wanne gelegt, in die elektrischer Strom geleitet wird. In der Armee organisierten die Faschisten den sogenannten Pajauisputsch, mit dem sie sich der unzufriedenen Elemente in der Armee entledigen wollten. Ein zweiter Putsch, der im Herbst 1927 in Tauroggen stattfand, war von den Faschisten mit Hilfe des Provokateurs Pletschkaitis, einem Agenten Pilsudskis, der Mit- . glied der Sozialdemokratischen Partei· ,var, organisiert ,vorden. \Vährend die „Führer" dieses Putsches zu Pilsudski flüchteten, kan1en die einfachen Teilnehmer vor die Kriegsgerichte. Sechs · wurden erschossen und über hundert in die Kerker geworfen. In den Gefängnissen wurde das Regin1e für die politischen Gefangenen durch eine Reihe von faschistischen Dekreten unerträglich verschärft. Die politischen Gefangenen beanhvorteten die Verschlechterung des Regin1es mit eine1n erbitterten Kampf, der in seinen verschiedenen Formen etwa zwei Jahre dauerte, angefangen vom achttägigen Hungerstreik der 1"60 politischen Gefangenen des Kownoer Gefängnisses Anfang 1928 bis zum 10 bis 12tägigen Hungerstreik der politischen Gefangenen aller litauischen Gefängnisse �m Jahre 1929. Die letzten Jahre dieses Kamp­ .fes waren mit Verprügelungen und bestialischen �Hßhandlungen .der Gefangenen angefüllt. Im Gefängnis ,vnkomir ,vurden sämllichc weibliche politische Gefangene ausgepe.ib;cht. Im Kownoer Gefängnis wurde die Revolutionärin Krastinait ermordet. Der faschistische Terror vermochte die Ent";icklung der re\'O­ lutionären Arbeiterbewegung Litauens jedoch nicht aufzuhalten . 1931 erhielten die Listen der revolutionären Arbeiter bei den Krankenkassen,vahlen in Kowno, Ponowesh, Birshi und Rokischki die absolute iiehrheit. Die Zahl der Streiks und der Arbeitslosenaktionen, die ein�n immer größeren Umfang annahn1en, steigerte sich von Jahr zu Jahr. .. Von dem \Vachslum der revolutionären Arbeiterbewegung er- 150

Der weiße Terror in den baltischen Ländern

schreckt, ,varf sich der Faschismus 1934 mit einer neuen Terrorwelle auf die Arbeiterklasse. Es wurden neue Unterdrückungsmaßnahmen und Terrormethoden eingeführt. Neun Zehntel aller politischen Prozesse wurden den Militärgerichten übergeben und die Urteile der l\1ilitärgerichte als unanfechtbar erklärt. Bei den Krankenkassenwahlen dürfen nur noch Regierungskandidaten aufgestellt ,verden. Den Arbeitslosen wurde die Freizügigkeit genommen, so daß sie nur an ihren1 vVohnsitz Arbeit annehmen dürfen. Die gesamte Arbeiterpresse und alle Gewerkschaftsorganisationen ,vurden verboten. In Schawli, Kelm und Kurschani organisierten tlie Faschisten Judenpogrome. Gegenwärtig existiert in Litauen keine einzige legale Arbeiterorganisation. Nicht nur die politischen Organisationen, auch alle Gewerkschafts-, Genossenschafts- und Arbeitersportorganisationen wurden verboten. Ungeachtet dessen entwickelt sich jedoch die revolutionäre Bewegung und verbreitert sich die Einheitsfront der arbeitenden l\·Iassen gegen den Faschismus.

II D e r w e i ß e Terror i n L e t t l a n d

Am 3. Januar 1919 ,vurde in Riga die lettische So,vjelrepublik ausgerufen. Fünf Monate verteidigten die Arbeiter und Bauern ihre l\facht gegen die vereinigten weißgardistischen Truppen Deutschlands, Polens, Lettlands, Estlands und der Entente. Die Blockade vom Meer her, die fast völlige Einkreisung auf dem Festlande und der Verrat der alten Offiziere im Kommandostab der roten Truppen brachen schließlich den heroischen Widerstand der lettischen Arbeiter und Bauern. Am 22. Mai 1919 fiel Sowjetriga unter dem Ansturm der vereinigten Kräfte der Konterrevolution. Der Bürgerkrieg dauerte jedoch trotzdem noch etwa ein Jahr. Die blutigste Episode des Bürgerkriegs war die Einnahme Rigas durch die Weißen. Etwa 4500 „Kommunisten", Arbeiter, Stadtarmut und Rotarmisten sind von den Weißen nach der Einnahn1e Rigas ermordet oder zu Tode gemartert worden._ Besonders grausam wüteten die Freiwilligenkorps der baltischen Barone. Es gelang niemals, die Zahl und die Namen der Opfer genau festzustellen, denn die Weißen ermordeten sie, ohne sich die geringste Mühe gemacht zu haben, die Schuld oder die Personalien ihrer Opfer zu prüfen. In den seltenen Fäll�n, wo einmal ein ,,·Kriegs- 151

Czakowski

gericht" getagt hatte, blieben die „Akten" und „Listen" der Verurteilten das Geheimnis der betrunkenen „Richter". Unter den Ermordeten befanden sich auch die l\1itglieder der lettischen Sowjetregierung August Sukut und Asil. . �fit der gleichen Vertiertheit wie in Riga ,vüteteri die Ochrana, die Barone und die ,veiße Soldateska auch in der Provinz. Die Zahl der Ermordungen und Erschießungen ,var auch hier außerordentlich groß. So ,vurde z. B. die Zahl der Toten im unteren Kurland und in Nordlettland in den Tagen nach der Einnahme Rigas von der bürgerlichen Presse auf etwa 3000 geschätzt. Eine ,:v der gemeinsten von den eißcn in der Provinz verübten Schandtaten war die auf Grund eines sogenannten Kriegsgerichtsurteil erfolgte. Erschießung von 11 Teilnehn1ern an einer illegalen Ver• sammlung in Wolmar am 22. Dezember 1919. Die Versammlung war durch einen Provokateur verraten worden. Unter den 11 standrechtlich Erschossenen waren Sedonis . (Osols Jan), l\litglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Lettlands, und einige Frauen, darunter die 16jährige Jungkomn1unistin Johanna Danilewitsch. Unter der Ulmanisregierung, die der Regierung Needra folgte, ,vurdcn 1920 weitere 3000 Arbeiter und Bauern ermordet. Nach dem Bürgerkrieg im Jahre 1921 provozierte die O chrana in den Straßen Rigas bewaffnete Zusanuncnstößc mit einzelnen Kommunisten, um gegen die ,viedererstarkcndcn revolutionären Organisationen der ,verktätigen vorgehen zu können. Neun Kommunisten wurden nach diesen Zusammenstößen von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt und am 10. Juli 1921 im Rigaer Zentralgefängnis erschossen, darunter die �Iitglieder des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Lettlands, Schilf-.Jaunsen und Berze Arajs, die beide nichts mit den von der Polizei provozierten Zusan1menstößen zu tun gehabt halten. 97 Gewerkschaftsfunktionäre wurden des Landes verwiesen, und die beiden Gewerkschaftsfunktionäre Matison und Kuppern1ann, nachdem man sie an die Grenze gebracht hatte, ermordet. In l\iarienhausen wurdr die junge Arbeiterin Alma "reissmann bei lebendigem Leibe verbrannt. Den Kommunisten Arnold Purin ließ die Regierung am 9. August 1922 durch den Strang hinrichten, ,veil er angeblich Spitzel der Ochrana. getötet haben \.Sollte. Das Urteil gegen Purin war unter :Mithilfe der sozialden1okratischen l\iinistcr der Regierung zustande gekommen. In den folgenden Jahren griff die Ochrann im Kan1pfe gegen die revolutionäre Bewegung in breiten1 Umfang zur Folterung und 11>2

Der weiße Terror in den baltischen Ländern

Mißhandlung der politischen Verhafteten. Im Verlauf von zwei­ Jahren wurden 192 Revolutionäre zu Tode gefoltert. Unter den zu Tode Gefolterten hefanden sich die Kommunisten Fritz Berg, Arlur Abele, Timermanarais, Parfilow, Sa1nuilow und Karl Anton. Der ·kommunistische Schriftsteller Leon Paegle und die Arbeiterin �Iaria l\iende wurden kurz vor ihrem Tode aus dem Gefängnis entlassen, dan1it sie außerhalb des Gefängnisses sterben. Im Jahr·e 1927 starb der Kommunist Andrej Polis. Ein politischer Gefangener schrieb: ,,Die am hiiufigsten in Anwendung kommenden Foltermethoden sind: Mißhandlungen mi.t I<niippeln (Grislis, Zoffe), Stechen mit Nadeln (Grislis), Au�rnufcn von Haaren (Grislis, Dzcnis) und fnst ,in allen Fällen Faust- und Stocksehlüge, ,Fußballspiel', wo der Gefangene die Rolle des ,Balls' zu spielen hat, Drohungen mit dem Hcvolvcr, Armestrecken bis zur völligen Erschöp- • fun� usw."

Die Folterung und Mtßhandlung der politischen Gefangenen ging auch unter den sozialdemokratischen Regierungen in den Jahren 1927 bis 1931 weiter. Auch die bekannte Kon11nunistin Paulina Lepa starb 1933 an den Folgen von Folterungen. Der Gefängnisarzt hatte sich bis zu ihrem Tode geweigert, sie zu behandeln. Das gleiche Schicksal droht vielen anderen politischen Gefangenen, wie Straupmann, Dums u. a., die ständig iin Karzer oder i1n Irrsinnigenflügel gehalten ,verden. Bis August 1933 arbeitete die lettische Justiz nach den alten zaristischen Gesetzen. Mit dein 1. August 1933 trat ein neues Strafgesetz in Kraft, das das zari!;itische an Grausamkeit weit übertrifft und das Pri�1zip einführte, politische Gefangene, die sich nicht „gebessert" haben, auch nach Ablauf ihrer Strafzeit im Gefängnis zu halten. Alle Rechte der politischen Gefnugenen wurden abgeschafft, die Gefangenen in Kategorien eingeteilt und wie unter dem Zarismus in Ketten geschnliedet. Die Gefängnisverwaltung bekam das Recht, zusätzliche Haftstrafen zu verhängen, Priigelstrafen anzuwenden etc. Die politischen Gefangenen beantworteten die Verschlechterung des Regimes mit eine1n großen Hungerstreik, an dem sich 700 politische Gefangene beteiligten, der aber �chließlich nach einer Dauer von 13 Tagen erfolglos abgebrochen werden mußte. 1933 löste die Regierung auch die Arbeiter• und Bauernfraktion des Sejm auf. Die sechs Abgeordneten der Fraktion - ßcr,g, Gulbis, Lapin, Mutison, Bitte und Rutin - wur�en verhaftet und in der Ochrana grausam gefoltert. 153

Czakowski

Um ihre sclnvankende Herrschaft zu befestigen, errichtete die lettische Bourgeoisie im Mai 1934 die faschistische Diktatur. Die Funktionen des Sejm wurden dem �finisterrat übertragen, alle politischen Parteien ,vurden verboten und die Gewerkschaften, Genossenschaften usw. aufgelöst oder gleichgeschaltet. Die gfeichgeschalteten Organisationen wurden staatlichen Kommissaren und neuen faschistischen Leitungen unterstellt. Ueber 3000 Personen ,vurden verhaftet. In Libau und Boldera ,vurden Konzentrationslager eingerichtet und „Arbeitshäuser" organisiert, in denen die politischen Gefangenen untergebracht ,verden, die nach Verbüßung ihrer Strafe als „unverbesserlich" bezeichnet ,verden, und als sogenannte Schutzhäftlinge ,veitere 5 oder 10 .Jahre im Gefängnis bleiben müssen. In Dünahurg ,vurde der Arbeiter Le,vin auf offener Straße niedergeschossen, in Kurland der vom �lilitär deser-. tierte Soldat Baumann auf der Stelle erschlagen. In Riga wurde der des Kommunismus angeklagte Eidus auf der Straße ,·erwundet, an der Grenze ,vurden zwei Flüch llinge ermordet usw. Am 1. August 1934 sprengte die Polizei eine Demonstration, wobei sie 2 Demonstranten verwundete und einen tötete. Die Folterungen u�d !\fiß-handlungen in der Ochrana un'd in den Gefängnissen nahmen nach dem .faschistischen Umsturz nie dagewesene Ausmaße an. In der Ochrana schlägt man die Gef angcnen, um Geständnisse zu erpressen, mit Fäusten, Gummiknüppeln, Revolverkolben, Peitschen und anderen Folterinstrun1enten. Auf den Nacken wird mit besonderen Sandsäcken geschlagen, bis das Blut aus l\lund und Nase strömt und der Gefangene das Bewußtsein verliert. Die Geschlechtsorgane ,verden mit Zangen zusammengedrückt. Eine der qualvollsten Foltermethoden ist die Elektrifizierung, bei der das Opfer entkleidet und niit einem breiten !\{etallgürtel ver&ehen in eine mit Wasser gefüllte Wanne gelegt ,vird, in die die Folterknechte elektrischen Strom leiten. Die politischen Gefangenen Leibowitsch und Berkowitsch ,Yurden diesen Foltern Anfang 1935 wochenlang unterwarfen. Die Elektrifizierung wandte mnn bei ihnen so lange an, bis sie gelähn1t ,varen. Den jungen politischen Gefangenen Martin Rosental mißhandelten Agenten der Ochrana beim Transport auf offener Straße. Als Rosental si�h zu wehren versuchte, schossen die Agenten auf ihn und brachten ihm schwere

1 Schußwunden bei. In den Gefängnissen ,verden die politischen Gefangenen eben, falls unmenschlich mißhandelt. Der Arbeiter Peterson wurde, um 154

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Der weiße Terror in den baltischen Ländern I

ein Beispiel anzuführen, im Rigaer Zentralgefängnis von den Aufsehern deshalb bis zur Unkenntlichkeit geschlagen, ·weil er sich geweigert hatte, mit einem Provokateur in einer Zelle zu sitzen. Peterson, der von den Mißhandlungen eine sch,vere Gehirnerschütterung davontrug, starb kurze Zeit darauf in der Irrenabteilung des Gefängnisses. Anfang 1935 ging die faschistische'Ulmanisregierung dazu Über, Todesurteile gegen revolutionäre Arbeiter fällen zu lassen. So verurteilte das Kriegsgericht von Dünaburg am 31. Januar 1935 den Arbeiter l\Iurin zum Tode, ,veil er sich zur Kommunistischen Partei bekannte. Die Jungarbeiter Bondarenko und vVorschlaw wurden von demselben Kriegsgericht zum Tode verurteilt, ,veil sie a n der so,vjetrussischen Grenze angetroffen worden ,varen und die Absicht gehabt haben sollten, die Grenze zu überschreiten. Upter dem Druck einer mächtigen Protestaktion der Werktätigen Lettlands und der Internationalen Roten Hilfe sah sich die IBmanisregicrung jedoch gezwungen, Murin, Bondarenko und Worschla,v zu 15 Jahren Zuchthaus zu „begnadigen". Unter dem Druck des unerhörten Terrors schließen die werktätigen �fassen eine immer festere Einheitsfront gegen den Faschisn1us. Auch die unter einer neuen Leitung neugebildeten so zialistischen Organisationen und die sozialdemokratische .Jugendorganisation haben sich dieser Einheitsfront angeschlossen, um gemeinsam mit der Kommunistischen Partei und dem Kommunistischen Jugendverband Lettlands den Kampf gegen Faschismus und Kriegsgefahr zu führen.

III

D e r w e i ße T e r r o r i n Est l a n d

Der weiße Terror hat in Estland das größte Ausmaß nach der Niederwerfung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte im Februar 1918 und nach dem Sturz der estländischen Arbeiterkommune Ende 1918, Anfang 1919 angenommen. Die Niederwerfung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte im Februar 1918 war mit Hilfe der deutschen kaiserlichen Truppen erfolgt, die ein barbarisches Strafgericht über die revolutionären Arbeiter und Bauern abhielten. Auch zur Niederschlagung der estländischen Arbeiterkommune wurden von der estnischen Bourgeoisie fremde Truppen 155

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• ins Land gerufen, diesmal Engländer und finnische Freiwilligen- verbände. • Die Zahl der Werktätigen, die nach der Niederwerfung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte und der estländischen Arbeiterkommune 1918 und 1919 von der Konterrevolution ermordet und umgebracht ,vurden, hat sich nie genau feststellen lassen. Es steht jedoch fest, daß die ,veißen ,vährend des Bürgerkrieges mehr Werktätige im Hinterland erschossen und ermordet haben, als die verbündeten konterrevolutionären Truppen an Toten und Verwundeten in den erbitterten Kämpfen mit der Roten Armee der Arbeiter und Bauern verloren. Aus den überfüllten Gefängnissen wurden täglich Gefangene gruppenweise zur Erschießung geführl Eines der niederträchtigsten Verbrechen der estnischen Bourgeoisie ,var die Erschießung von 26 Deputierten des 1. Allestnischen Gewerkschaftskongresses Dezember 1919. Der l{ongreß hatte revolutionäre Beschlüsse gefaßt und den sof artigen FriedensschluB von der estnischen Bourgeoisie verlangt. Die Regierung ließ alle Teilnehmer des Kongresses, die für die Beschlüsse gestimmt hatten, verhaften und die hervorragendsten ';Oll ihnen, 26 nn der Zahl in Isborsk, unweit der Front, erschießen. Die Erschießungen wurden auf Befehl des sozialden1okratischen Innenn1inistcrs · Gellat vorgenommen. In der Periode der „demokratischen" Gesetzlichkeit setzte dif" estnische Bourgeoisie ihren Verfolgungsfeldzug gegen die revolutionären Vverktätigen und ihre Organisationen fort. Kommunisten und revolutionäre Arbeiter stellte sie auch jetzt nicht vor ordentliche Gerichte, sondern vor Kriegsgerichte·, oder sie ließ sie überhaupt einfach ohne jede Justizkomödie umbringen. Die kommunistischen Zeitungen ,vurden verboten, die revolutionären Organisationen, Gewerkschaften und �1assenorganisalionen zerschlagen und die Abgeordneten der revolutionären Werktätigen der in dieser Periode gewählten fünf Parlan1ente verfolgt oder verhaftet und zu langjährigem oder lebenslänglichem Gefängnis verurteilt Vier Abgeordnete wurden erschossen. Der Sekretür der kommunistischen Parlamentsfraktion, Raudsepp, ,vurde 1921 mit Hilfe von Elektrizität zu Tode gefoltert. Die hauptsächlichsten Prozesse in dieser Zeit ,varcn: der Prozeß der 115, der Prozeß der 149, der Prozeß der 77, der 35, de,- M usw. Angeklagt ,varen in diesen Prozessen 1Iitgliedcr der Kom ­ munistischen Partei und anderer revolutionärer Organisationen. Abgeordnete, 1'fitglieder von Gemeindevertretungen, Gewerk- 16fl

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Der weiße 1'crror in den baltisclicn Ländern schaftsangestellte usw. Im Prozeß der 149 ,vurden 1795 Jahre Zuchthaus verhängt, 38 Angeklagte zu lebenslänglichem Zuchthaus und das Mitglied det Parlamentsfraktion der Einheitsfront der ,:verktätigen, Tomp, zum Tode verurteilt. Im l\1ai 1932 fiel auch der Führer des estnfache'n Proletariats, der alte Bolsche,vik Kingisepp, :in die Hände der Ochrana, die ihn ermordete. Die revolutionäre Bewegung war aber trotz des Terrors der estnischen Bourgeoisie nicht aufzuhalten. Die Arbeiterklasse Estlands schloß sich nach jedem Schlag, den die Bourgeoisie den revolutionären Organisationen versetzte, fester um die Kommunistische Partei und schuf in1mer wieder neue Organisationen an Stelle der zerstörten. Im Jahre 1924 kan1 es zu einem bewaffneten Aufstand in Reval, der sich die Schaffung einer Räterepublik zu1n Ziel setzte. Der Niederschlagung des Aufstandes folgte ein Terror, der i n seiner Zügellosigkeit dein ,veißen Terror der Bürgerkriegszeit gleichkam und von der estnischen Arbeiterklasse mehr Opfer forderte, als der Aufstand selbst. Alle Teilnehmer des Aufstandes, die in die Hände der Regierung fielen, wurden erschossen. Sogar Familienmitglieder der Aufständischen und gänzlich Unbeteiligte ließ die Regierung erschießen. Insgesamt wurden mehr als 500 Werktä-. tige standrechtlich hingerichtet und über 2500 in die Gefängnisse geworfen. Das Ausn1aß des Terrors war so gr_oß, daß selbst ein Teil der bürgerlichen Press.e und die Zweite Internationale unter dem Druck der öffentlichen :Meinung gezwungen waren, dagegen Stellung zu nehmen. Gegen 77 Teilneluner des Aufstandes wurde 1925 in Reval ein Monstreprozeß inszeniert. Hauptangeklagter ,var der Kommunist Heidemann, den man beschuldigte, der Führer des be,vafTneten Aufstandes in Dorpat ge,vesen zu sein. Heidemann ,vurde zum Tode verurteilt. Die übrigen Angeklagten erhielten zusammen 450 Jahre Gefängnis. In den folgenden Jahren versuchte die estnische Bourgeoisie die revolutionäre Bewegung durch großangelegte Provokationen und durch ·zersetzung zu zerschlagen. Die Agenten der Ochrana drangen bis in die Leitung und bis in die Redaktion der Zeitung der linken Gewerkschaften. Bei den ,vahlen 1932 brachte die Ochrana sogar zwei Agenten auf den Listen der Arbeiter ins Parlament. Bei diesen Provokationen und Zersetzungsversuchen ,vurde die Bourgeoisie aktiv von den sozialdemokratischen Führern unterstützt. 167

Czakowski

Mit der Errichtung der offenen militär-faschistischen Diktatur Pjats im· März 1934 setzte eine breite Offensive des Faschismus gegen die letzten Ueberreste der Demokratie in Estland ein. Pjats löste das Parlament auf, verhängte den Kriegszustand und verbot alle politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterorganisationen, Streiks, politische Versa1nmlungen und Demonstrationen. Im ganzen Lande fanden :Massenverhaftungen von revolutionären und sozialdemokratischen Arbeitern statt. Konzentrationslager wurden eingerichtet, und den örtlichen Polizeibehörden ,vurde das Recht gegeben, jeden, der als unzuverlässig erscheint, oder für die bestehende Gesellschaftsordnung verdächtig ist, festzunehmen und ins Konzentrationslager zu sperren. Anfang 1935 verbot Pjats auch alle bürgerlichen Parteien.

IV ;. De r ,ve i ß e T e r r o r i n F i n n lan d In Finnland hatte mit der großen russischen Oktoberrevolution ein heftiger Bürgerkrieg eingesetzt, der iin Januar 1918 vorüber- . gehend zu einem Sieg der revolutionären Arbeiter und Bauern im· südlichen Teil Finnlands, mit Helsingfors als I-Iauptstadt, führte. Durch das Eingreifen deutscher Truppen und schwedischer Freiwilligenverbände, die Helsingfors :Mitte :Mai 1918 einnahmen, wurde die Macht der Arbeiter und Bauern jedoch ,vieder gestürzt Ein bestialischer Terror gegen die werktätigen 1Iassen ·war die Folge. Ehva 90 000 Werktätige ,vurden in ��onzentrationslager und Gefängnisse gesperrt. 67 788 ,verktätige ,vurden von den Sondergerichten zu mehr als 300 000 Jahren Zuchthausstrafen verurteilt. 14 604 Revolutionäre wurden ermordet; ungefähr 15 000 starben in den Konzentrationslagern vor Hunger und an Seuchen. Diese Zahlen zeigen klarer als viele Worte die unmenschliche Grausamkeit der Bourgeoisie des kleinen Finnland und die Bestialität der deutschen Soldateska. Die finnische Bourgeoisie, deren Macht auf den Skeletten Tausender und aber Tausender von Arbeitern und Bauern errichtet ist, hat auch nach der „Herstellung der Ruhe und Ordnung" die revolutionäre Arbeiterbewegung ständig mit wildem Terror bekämpft. Am schwersten und unversöhnlichsten war der Terror gegen die in tief sler Illegalität wirkende· Kon1munistische Partei gerichtet. 158

Der weiße Terror in de11 baltischen Länclern

„Die organisierte Arbeiterbewegung ist für wenigstens 25 Jahre ierstört" - frohlockten die finnischen Arbeiterschlächter nach der Niederwerfung der Arbeiter und Bauern. Aber bereits im August 1918, drei 1\1:onate nach dem Siege der Weißen, war die neugegründete Kommunistische Partei an die. Spitze der Massen getreten. Die ersten großen Massenverhaftungen nach der Beendigung des Bürgerkrieges führte die Ochrana 1919 durch. Die Verhafteten, unter denen sich mehrere Funktionäre der Kommunistischen Partei befanden, wurden in der Ochrana schwer gefoltert. 26 der Verhafteten, 14 Frauen und 12 l\,länner, ließ die Regierung vor Gericht stellen und zu 136 Jahren und 2 l\Ionaten Zuchthaus verurteilen. Im Frühling 1920 ,vurden die Teilnehmer an der Gründungskonferenz der Sozialistischen Arbeiterpartei mit der Begründung verhaftet, daß die Konferenz den Anschluß a n die III. Internationale beschlossen hätte. 14 Delegierte ,vurden zu 39 Jahren und 9 l\Ionaten Zuchthaus verurteilt. Im Winter 1921/22, als die finnische Bourgeoisie ihren Ueberfall auf Sowjetkarelien machte, ließ sie alle Werktätigen, die gegen diesen Raubzug protestierten, verhaften. Im Frühjahr 1923 löste die Regierung den Sozialistischen Jugendverband auf, weil er sich der Kommunistischen Jugendinternationale angeschlossen hatte. Mit einem großangelegten Verfolgungsfeldzug ging die finnische Bourgeoisie im Sommer 1923 gegen die legale revolutionäre Bewegung Finnlands vor. Die Führer der legalen Sozialistischen Arbeiterpartei, ihre Abgeordneten und alle Funktionäre der Partei, deren die Polizei habhaft ,verden konnte, wurden verhaftet, die Zeitungen der Partei verboten und das Parteieigentum konfisziert. 189 führende Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterpartei ließ die Regierung vor Gericht stellen und zu 380 Jahren und 10 1\-Ionaten Zuchthaus verurteilen. Der bekannte Führer der "\Verktätigen, Yjrö Mäkelin, wurde ·von der Ochrana ermordet. Das Verbot der legalen Sozialistischen Arbeiterpartei und die Verhaftung und Verurteilung ihrer Führer war ein sch,verer Schlag gegen die revolutionären Werktätigen. Bei den im nächsten Jahr folgenden Parlamentswahlen zeigte sich jedoch, daß es der finnischen Bourgeoisie trotzdem nicht gelungen ,var, die revolutionäre Bewegung aufzuhalten. Der Wahlblock sozialistischer Arbeiter und kleiner Landwirte, um den sich die revolutionären Kräfte gruppiert hatten, erhielt 1924 bei den Wahlen 91 000 Stimmen. Der systematische Terror gegen die revolutionären Werktätigen wurde von der Bourgeoisie auch in den darauffolgenden Jah- 159 •

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rcn fortgesetzt. Im November 1925 löste die Regierung den neugegründeten Sozialistischen Jugendverband auf und stellte 40 leitende Funktionäre des Verbandes vor Gericht, das sie zu insgesamt 200 Jahren Gefängnis verurteilte. Auch unter der sozialdiemokralischen Reg.ierung in den Jahren 1926/27 dauerten die Verfolgungen von revolutionären Arbeitern an. Dutzende von Arbeitern ,vurden von ihr unter der Anklage des Hochverrats verhaftet und in die Gefängnisse geworfen. !\litte �Iai 1928 fiel Taimi, einer der Führer der Kommunistischen Partei Finnlands, .in die Hände der Ochrana. Angesichts der Wirtschaftskrise und der erneut stark anwachsenden revolutionären Bewegung (bei den \Vahlen zu1n Reichstag 1927 erhielt der revolutionäre \Vahlblock 107 000 Stimmen und 1929 .128 000 Stimmen, die Zahl der J\fitglieder des Unabhängigen Gewerkschaftsbundes stieg 1929 auf 90 000 J\fitglicder) nutzte die Bourgeoisie die von ihr großgezogene faschistische l{ulakenbewegung der Lappo 1930 zur Errichtung eines f:;ischistischcn Regin,es aus. Die „demokratische Konstitution" und das ,vahlgesetz wurden faschisiert. Der Unabhängige Gewerkschaftsbund wurde aufgelöst, die revolutionären und oppositionellen Zeitungen und Zeitschriften verboten und die Druckereien und die Häuser der Arbeitervereine konfisziert und sozialde1nokratischen und faschistischen Organisationen übergeben. Hunderte von revolutionären ,,,erktätigen ,vurden verhaftet und in der Ochrana bestialisch gefoltert. Einen Teil der Verhafteten ließ die Regierung als „unerwünschte Ele1nenle" illegal über die ·Grenze der So,vjetunion bringen. Nach dem Lappoumsturz begann sich der Terror auch gegen die sozialdemokratischen Arbeiter zu richten. Bei den \Vahlen m den Jahren 1930, 1931 und 1933 wurden von der Polizei umfang. 1 reiche Massenverhaftungen durchgeführt und die Wahlversanun. lungen der Arbeiter gesprengt. Um die revolutionäre Be\\;egung der Werktätigen besser bekämp. fen zu können, beschloß der finnische Reichstag, einschlie8lich der sozialdemokratischen Abgeordneten, im Jahre 1933 ein ,,fliegendes Polizeikorps" zu bilden. Tausende von Vverktätigen sind von diesem Polizeikorps seitdem verhaftet ,vorden, darunter eine Reihe von hervorragenden Funktionären der Kommunistischen Partei, wie Janhunen, Oras, Hertha l{uusinen, Heikilä und Toi\,o Antikainen, einer der bedeutendsten Führer der Kommunistischen Partei Finnlands. Die parteilose Frau Lydia Rask, bei der Anti- 160

}Ja wciflc Taror in den lmltisc/1<•n /.,{imfrrn • kaincn gewohnt hatte, wurde von der Ochrana cnnordet. Die Komn1unisten Iloncn, Silc1naras und vV cnäHiinen wurden von dem Polizeikorps erschossen. Der finnische Heichstag ist ein willfähriges Instru111ent der Regierung. Seinen1 Beschluß über die Bildung des „fliegenden Polizeikorps'· folgte Anfang 1935 die Annaluue· eines Stcrilisierungsgesetzes nach dein .Muster Hitlers, und iin i\färz 1935 die Annahme eines Gesetzes, das die Todesstrafe für politische Verbrechen vor-· sieht. i\lit diesen1 Gesetz wollte sich die Regierung die notwendigen Handhaben für den hcvorstchenden Prozeß gegen Antikainen und für die Prozesse gegen andere führende Funktionäre der Ko1nmunistischen Partei schaffen. Der Prozeß gegen Toivo Antikainen fand Ende April 1935 im Gefängnis von I-Ielsingfors statt. Antikaincn wurde des nlordes angeklagt, den er nach den Behauptungen der Anklage iin \Vinter 1921/22, als die ·finnische Bourgeoisie einen Ucberfall auf Sowjetkarelien n1achte, an einem \Veißgardisten begangen haben sollte. Als Laienrichter fungierten 12 Lappofaschisten aus einer kleinen abgelegenen Provinzstadt. Die Anklage brach zusanunen, und die Regierung war unter dem Druck der Solidariliitsaktion der werktätigen i\1assen Finnlands und der internationalen Oeffenllichkeit gezwungen, von einem Todesurteil Abstand zu nelunen. Toivo An tikainen wurde zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Das Gefängnisregin1e wurde unter der faschistischen Herrschaft noch grausamer, als es früher ohnehin schon war. Folterungen und 1\lißhandlungen gehören heute in Finnland zum täglichen Leben der ·politischen Gefangenen. Die alten gesetzlich festgelegten Rechte der politischen Gefangenen wurden beseitigt. Die Gefiingniswärter sind ausgewählte Lappofaschislen, die die politischen Gefangenen auf jede erdenkliche '''eise schlagen, quälen und terrorisieren. Besondere Qualen bereitet den Gefangenen das Gefängnisreglement, das sie zwingt, jahrelang kein ,vort zu sprechen, und das ihnen jede Bc,vegung vorschreibt. Dieses Reglement treibt viele Gefangene in den ,vahnsinn. Wiederholt ·wehrten sich die politischen Gefangenen mit Hungerstreiks gegen dieses Regi111e. 1934 nahmen z. B. von den etwa 500 politischen Gefangenen des Gefängnisses Ekenäs 476 an einem 13tägigen Hungerstreik teil. Der Erfolg des mit großer Solidarität durchgcfiihrteri Hungerstreiks war, daß den Gefangenen vorübergehend einige Rechte zugestanden werden mußten.

11 \Vefßer Terror 161 ,

• f.:akowsl.i

Die werktätigen l\iasscn Finnlands, Esllantls, · Lettlands und Litauens, die 1918 und 1919 in den Kän1pfen um die �lacht eine große revolutionäre Kraft ofTenbart haben, zeigten auch in den vergangenen 15 Jahren ihre ungebrochene Kampfkraft. Sie führten ihren Kampf allen Verfolgungen zum Trotz ,veiter und vergaßen dabei keinen Augenblick die Opfer, die der "'eiße Terror ständig aus ihren Reihen riß. Die Faschisierung der baltischen Länder und die täglich drohender werdende Kriegsgefahr haben den Kampfwillen der l\fassen noch vertieft und einen starken Drang zur Einheitsfront gegen den Faschismus und die Kriegsgefahr unter breiten Schichten der Bevölkerung ausgelöst. Auf die Erfahrungen des Bürgerkrieges in den .Jahren 1918 und 1919 gestützt und durch die Kän1pfe der vergangenen Jahre gestählt, rüsten die werktätigen I\lassen der baltischen Länder zu der kommenden entscheidenden Auseinandersetzung mit dem Faschismus.

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DER TERROR DES KLERII{O-FASCHISl\iIUS IN SPANIEN

Von E l e n a T o b o s o

Es ,var am Dienstag, den 14. April 1931, morgens, als Alcala Zamora, der frühere königliche :Minister, im Auftrage des Revolutionären Koinilces, dem die republikanischen Parteien und die Soz:ialistische Partei angehörten, die amtierenden i\linister Grat' Rmnanones und Herzog Alba bat, dein König Alfons XIII. dringend zu raten, Spanien so schnell wie möglich zu verlassen, und zwar „noch vor dein Abend, bevor die Arbeiter aus den Fabriken kon1n1en, denn sonst könnte es zu spät sein". Noch aiu selben Tage übergaben die königlichen :1\Iinister ihre Aemter an die neue provisorische Regierung, die sich aus Vertretern der republikanischen Parteien und der Sozialistischen Partei gebildet hatte. Spanien war Republik. geworden. Spanien ist ein Land, das trotz seiner finanzkapitalislischen Entwicklung eine äußerst rückständige Oekonomie aufweist, besonders in der Agrarwirtschaft. Bis auf den heutigen Tag sind überaus starke Reste des Feudalismus lebendig und der Einflu� der katholischen Kirche ist außerordentlich. Der Kirche. der .. hohen Geistlichkeit und den Klöstern gehören .nicht nur riesige Latifundien, die Kirche, die Geistlichkeit und die Klöster sind auch an vielen Industrieunternehmungen, an Fabriken, Eisenbahnen, Schiffahrtsgesellschaften usw. beteiligt oder Besitzer der :­ selben. In welchem Ausn1aß das der Fall ist, zeigt die Tatsache, daß sich ein D rittel des gcsamte.n nationalen Eigentums in den Händen des Klerus befindet. Die Bedeutung der katholischen Kirche beruht also nicht nur auf ihrem großen religiösen Einfluß, die l{irche ist gleichzeitig auch einer der stiirksten poliU -: sehen und wirtschaftlichen :Machtfaktoren und ein wesentlicher. Bestandteil der spanischen Finanzoligarchie. Die Folgen des starken feudalen und klerikalen Einflusses drücken sich am d�utlich.­ sten darin aus, daß es in. Spanien wohl 200 000 :Menschen geistlichen :ßerufs und über 5000 Klöster gibt, die Bevölkerung aber zu 50 Prozent aus Analphabeten besteht. 163

Elena Toboso

Die allgemeine Krise des Kapilalis1nus, die Aus,virkungen der Wirtschaftskrise und die Kriegsabenteuer des spanischen Imperialismus in :Ma.1:okko halten die werktätigen !\lassen b_ereits viele Jahre vor dem Sturz des Königs in einen außerordentlich unruhigen Zustand versetzt. Die revolutionäre Bewegung der werktätigen ?\fassen und die nationale Freiheitsbewegung in Katalonien begannen sich rasch hn Kampfe gegen die Folgen der Krise und gegen die Kriegsabenteuer Alfons XIII. zu enhvickeln und für die �fonarchie bedrohlich zu werden. Von 1917 bis 1922 erlebte Spanien 15 Regierungskrisen. Angesichts dieser Lage, die für die Regierung, besonders nach der Niederlage der spanischen Truppen gegen die :Marokkaner bei Annual, bedtrohlich geworden war, mußte Alfons XIII. -im Jahre 1923 unter dem Druck der !\filitärs den bekannten General Primo de Rivera mit diktatorischen Vollmachten ausrüsten. Primo de Rivera, der sowohl mit Alfons XIII. als auch mit dem Finanzkapital aufs engste verbunden war, regierte Spanien 7 Jahre lang. Seine Diktatur zeichnete sich durch :Morde und durch einen rücksichtslosen weißen Terror aus. Der Terror Primo de Riveras, die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und die Versuche, die Politik der Subsidierung der großen Finanz- und Industrieverbände durch eine Politik der direkten Einmischung- in die ,virtschafl zugunsten des Großkapitals abzuändern, führten schließlich zu einer Streik- und Widerstandsbewegung, die in1mer breitere Bevölkerungsschichten erfaßte. Einen besonders ernsten Charakter nahn1. 1927 der Streik der Bergarbeiter in Asturien an, der unter der Führung der Kommrmistischen Partei stand, und den Primo <le Rivera nur unter Einsetzung von :Militär und der Zivilgarde niederschlagen konnte. Das Kommando der Truppen und der Zivilgarde hatte der Kapitän Doval, der sich dabei so „auszeichnete", daß ihn die Regierung Lerroux-Gil Robles im Oktober 1934 mit dem General Lopez Ochoa mit der Niedersclilagung des asturischen Aufstandes beauftragte. Ihren Höhepunkt erreichte die Streikwelle 1930. In diesem Jahr streikten mehr als 1 l\fillion Arbeiter. Zur Bekämpfung der Streiks organisierte Marlinez Anido, der damalige :Minister des Innern, bewaffnete Banden, die sich „sindicatos libres" nannten und zahllose 1forde begingen. Unter den Ermordeten befanden sich u. n. Lairet, ein Führer der Katalanischen Republikanischen Partei und die syndikalistischen Führer Evclio Boa und S. Segui. ,,"1enn es unmöglich ist, die Monarchie zu de- 164

Der Terror des Kleriko-Fasclzismus in Spanien

mokralisieren", sagte Alcala Zamora, der vor Primo de Rivera Minister des Königs gewesen war, damals im Februar 1930 im �Iadrider Atheneum, ,,so muß man kühn drangehen, eine kons�r­ vative Republik. zu schaffen." In dieser Situation wurde Prima de Rivera vom König Alfons seines Postens enthoben und der General Berenguer zu s�inem Nachfolger ernannt; dieser wieder wurde sieben lVIonate später von dem Admiral Azuar abgelöst. Unter Azuar fand im Dezember 1930 der mißglückte Aufstand der l{apitäne Fermin Galan und Garcia Hcrnandez in Jaca statt, nach dessen N�cderwerfung Fermin Galan und Hernandez erschossen, die �,fitglieder des revolutionären Kon1itees der Republikaner undl Sozialisten verhaftet und Tausende von Arbeitern und Bauern ins Gefängnis ge,vorfen wurden. Einige :Monate darauf - am 12. April 1931 - fanden die Kommunalwahlen statt, die zum Sturz des Königs führten. Es kam die Republik, die „Republik der Werktätigen aller Klassen", wie es ·im ersten Artikel der neuen Konstitution heißt. Die erste Regierung wurde von der Progressistischen Partei (A. Zamora), der Konservativen Partei (l\faura), der Radrikalsozialistischen Partei (Domingo, Albornoz), der Republikanischen Allianz (Azafia), der ORGA (Autonon1ische Organisation Galiciens), der Esquerra Catalana (Linkskatalanische Partei) und der Sozialistischen Partei Spaniens (Largo Caballero, Fide los Rios etc.) gebildet. Die politischen Gefangenen wurden amnestiert, die Kirche vom Staat getrennt, einige Ges•etze, wie z. B. das Ehescheidungsgesetz, erlassen und der Provinz Katalonien durch das k atalanische Estatute eine gewisse Autonomie gegeben. Die Agrarreform und alle übrigen Versprechungen blieben jedoch auf dem Papier. Der trunkenen Freude der ersten Tage folgte rasch die harte \Virklichkeit. Die Republik gab den Arbeitern und Bauernn1assen weder Brot, noch Arbeit, noch Boden, noch Gerechtigkeit und entpuppte sich vor den Massen sehr schnell als die Republik der Bourgeoisie und ·der Großgrundbesitzer. Die Großgrundbesitzer behielten dhr Land und ihre Vorrechte, die Kirche ihren Besitz und in der Armee blieben die wichtigsten Posten in der Hand der Monarchisten. Diese Politik entsprach dem Ko1npro1niß, das die Sozialistische Partei Spaniens mit den bürgerlich-republikanischen Parteien bcrcil'i hu Somn1er 1930 im Pnkt von San Sebastian geschlossen hatte. Die vor der Ausrufung der Republik von der Sozinlistischen Partei und den r<:'publikanischen Parteien be- 165

Elcna Toboso

tricbene zügellose Demagogie wurde bald von Repressionen gegen die l\1assen, die von der republikanisch-sozialistischen Regierung entfesselt wurden, abgelöst. Als die Konterrevolutionäre am Tage des „Corpus Chdsti" die I-Iäuser mit monarchistischen und religiösen Fahnen schmückten, ohne daß die Regierung dagegen yorging, machte sich am 8. l\Iai 1931 die Empörung der Arbeiter- und Bauernmassen Luft. Die :Massen zogen auf die Straßen, forderten die sofortige Vertreibung der religiösen Orden und die Schließung und Enteignung der Kirchen und Klöster. Da die Regierung keine Anstalten machte, diesen Forderungen nachzukommen, steckten die demonstrierenden �fassen die Kirchen und Klöster des verhaßten spanischen Klerus in Brand. In einigen Städten, ,vie in l\1alaga, ,vurden fast sämtliche Kirchen und Klöster niedergebrannt. In l\falaga waren es allein 39. Um die l\{assen zu beruhigen, sah sich die Regierung schließlich gezwungen, die Beschlagnahme des Eigentums des besonders verhaßten Jesuitenordens zu verkünden und die Jesuiten auszuweisen. Zur gleichen Zeit führte sie, besonders in l\ladri<l und l\{alaga, l\'lassenverhaftungen unter den "\\Terktätigen durch. Später zeigte sich, daß die Beschlagnahmevcrordnung ein Bluff war, und daß die Regierung den Jesuiten die l\löglichkeit gegeben hatte, ihren Besitz an dritte Personen zu überschreiben. Im Juli 1931 traten die Arbeiter der Brauereien in Sevill� der Hauptstadt Andalusiens, wegen Lohnforderungen in den Streik. Die Zivilgarde wandte bei diesem Streik die gleichen l\fctl1odcn wie unter dem monarchistischen Regin1e an; sie ging· rücksichtslo... gegen die Arbeiter vor und tötete einen Streikenden. Bei der Beerdigung des Getöteten, die die "\\1erktätigen von Sevilla zu einer -!llächligen Trauer- und Protestkundgebung machten, ging die Zivilgarde abermals mit aller Brutalität vor. Uebcr diese fortgesetzten Gewaltakte der Garden empört, griffen die Arbeiter zum Generalstreik. Anstatt nun die provozierenden Garden zurückzuziehen und zu bestrafen, ließ die Regierung die Straßen von 1\filitär belietzen und Geschütze auffahren, ,vobei das I-Iaus eines kommunistischen \Virles, namens Cornelio, in dem sich verschiedentlich Arbeiter versammelt hatten, bombardiert wurde. Die Zivilgardt; die die Provokationen auch während des Generalstreiks fortsetztt; mißhandelte vier Arbeiter, verschleppte sie in den l\{aria-Louise­ Park und ern1ordetc dort alle vier nach berüchtigten Vorbildern unter dem Vorwand, die Verschleppten hätten einen Fluchtversuch unternommen. 106

Der Tcrro,· des Kleriko-Fascl,ismus in Spanien

Am 19. Oktober 1931 erließ die Regierung das Gesetz zum „ Schutz der Republik", das ihr die Handhabe gab, ohne Rücksicht auf die Verfassung zu handeln. Es war ausschließlich gegen die revolutionäre Bewegung der Arbeiter und Bauern und gegen diP. unterdrückten Nationalitäten gerichtet. Gegen Ende 1931 traten die republikanischen Rechtsparteien aus der Regierung aus. Die neue Regierung ,vurde nur aus Vertre t ern der republikanischen Linksparteien und der Sozialistischen Partei gebildet. Zuerst waren Alcala Zamora (von der Progressistischen) und l\I�ura (von der Konservativen Partei) ausgetre ten, einige Zeit später auch Lerroux und l\Iartinez Barrios (von der Radikalen Partei). Zamora wurde jedoch gleich nach seinem Austritt aus der Regierung zum Präsidenten der Republik ge,vählt . Auch die neue sogenannte Linksregierung vennochte kein cinriges der auf der Tagcsoronung stehenden Probleme der biirgerlich-dc1nokralischen Revolution zu lösen. A1n 28. Dezen1ber 1931 fanden, Zusan1menstöße z,vischen Landarbeitern und Bauern und der Zivilgarde in Castilblanc o statt. Die Ursache des Zusammenstoßes ,var eine Kette von Provokationen und Schikanen der örtlichen Zivilgarde gewesen. Ucber die dauernden Provokationen und endlosen Schikanen empört, hatten die Landarbeiter und Bauern von Castilblanco die verhaß ten Gardisten schließlich , mit Sensen bewaffnet, .angegriffen, und 5 von ihnen getötet. Die republikanisch e Linksregierung hielt ein grausan1es SlrafgerJcht ab. Fast alle :Männer, Frauen und Kinder von Caslilblanco wurden einen ganzen Tag lang im Gemeindeamt gefangengehalten und· gezwungen, die ganze Zeit mi t erhobenen Händen· zu stehen. Viele wurden in den Zellen des Gemeindeamtes bestialisch enuordet. Ein speziell von der Kreisstadt Badajoz herbeigerufener Untersuchungsric h ter verhörte die Verhafte t en unter bestialischen Folterungen und stell te die �Iehrzahl von ihnen unter Anklage. Auf die wiederhol t en Auf fordcrungen des Untersuchungsrichters, die Anführer anzugeben, antworteten die Bauern trotz aller Folterungen und l\fißhandlungen im Chor: ,,Ganz Castilblanco!" Eine der verhafteten Bäuerinnen war mit ihrem nur ·wenige �fonate alten Kind in eine Zelle gesteckt und an die Wand gefesselt ,vorden. 48 Stunden n1ußte sie zusehen, wie das auf dein Boden vor ihr liegende Kind vor Hunger wimmerte, während -ihre Brüste sich verkrmnpften und die �flieh .ihren Kürpcr benetzte ohne daß sie dem Kinde helfen konnte. .167

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Elena Tobo&o

Im Januar 1932 brach· in Katalonien eine anarchistische revolutionäre Streikbewegung der Bergarbeiter von Lobregat aus. Diese Streikbewegung gewann ein bedeutendes Ausmaß. Nach Unterdrückung derselben entfesselte die von Lerroux und von den Organisationen der Großgrundbesitzer dazu ermunterlt Linksregierung eine wüste Terrorwelle gegen die Streikenden. ·Hunderte von Arbeitern wurden mit dem Schiff „Buenos Aires" nach Bata in die Verbannung geschickt. Einige Zeit darauf wurde vom Parlament das sogenannte „Gesetz vo1n 8. April" angenommen ' das die Rechte der Gewerkschaften und, das . Streikrecht ,,regelte". Im Juni 1932 spielten sich die Vorfälle von Villa de don Fadrique, einem Provinzort von Toledo, ab. Die Landarbeiter und Bauern von Villa de don Fadrique, 1neistens K01nn1unisten, traten wegen der Verhaftung eines Bauern und der Provokationen des örtlichen Zivilgardepostens in einen Streik, wobei es zu blutigen Zusa1nmenstößen kan1. Die bewaffneten Zusammenstöße der· ·Landarbeiter und Bauern von Villa de don Fadriquc mit der Zivilgarde hielten 1nehrere Tage an. Nach der Niederwerfung der aufständischen Bauern durchsuchten die ZiYilgardisten aHe Häuser und erschlugen wahllos Männer, Frauen und Kinder 1uil dem Gewehrkolben. Dutze�de wurden in die Kerker gcworfen. Unter den Verhafteten befand sich auch der jetzige kon1n1unistische .Abgeordnete Bolivar, der nach 18 :Monaten Gefängnis, als er ,·on den :Massen ins Parlmnent gewählt wurde, wieder in Freiheit gesetzt werden mußte. Viele der Bauern von Villa de don Fadrique � finden sich noch heute im Kerker, unter ihnen der Landarbeiter Manzanero, der zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt "·urde. Noch furchtbarer waren die Vorfälle von Casas Viejns, die in der ganzen Welt ihr Echo fanden. Im Januar 1933 hatten sich auf Initiative der Anarchisten die Landarbeiler und Bauern ,,on Casas Viejas erhoben. Sie besetzten das Gemeindeamt und rissen die örtliche Macht an sich. Von einer Tclephonistin benachrichtigt, eilte eine Abteilung der Guardias de Asalto, eine von der republikanisch-sozialistischen Regierung organisierte Polizeigarde, unter dem Befehl des Hauptmanns llojas herbei. Die Guardia� • de Asalto verbrannten n1ehrere �fänncr und Frauen, darunter Seisdedos, den Führer der Bauern, bei lcbendige1n Leibe in einer Hütte, die sie durch Handgranaten in Brand gesteckt hallen. Als die Tochter Seisde<los, ein 17 jiihriges Mädchen, niil brennenden Kleidern aus dem Ilausc zu fliehen versuchte, wurde sie '\"On den 168

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Der Terror des Kleriko,-Faschismus in Spanien

Guardisten mit G·ewehrkugeln durchsiebt. Die Landarbeite_r und Bauern von Casas Viejas wurden fast ausnahmslos mißhandelt, ,·iele ern1ordet und die Mehrzahl von ihnen ins Gefängnis ge,vorfen. Lerroux-Gil Robles, die politisch ,die Kreise der Großgrundbesitzer und des Finanzkapitals um sich gesün1melt halten, nützten� um die anarchistischen �lassen für sich zu gewinnen, die Vorfälle von Casus Viejas und das grausame Vorgehen der republikanisch: sozialistischen Regierung skrupellos aus. März 1933 ,vurdie die Confcdcration Espafiola de Derechas Aut6non1a (CEDA) gegründet, eine Koalition der agrar-klerikalen Organisationen und Parteien. Die CEDA gewann bereits bei den Gemeindewahlen hn Juni des gleichen Jahres eine beträchtliche Zahl von Gcnicindesitzen, was die republikanisch-sozialistische Regierung jedoch keJncswcgs zu frgendwelchen �Iaßnahmen gegen die faschistische Gefahr veranlaßte. Im Gegenteil, die Regierungsparteien leisteten dem aufkommenden Faschismus noch Vorschi1b, indem sie das Gesetz „der öffentlichen Ordnung" einbrachten, durch das die verfassungsmäßigen Rechte der Werktätigen derart ·eingeschränkt wurden, daß fast nichts mehr von ihnen übrigblieb. Einige l\'Ionate darauf mußte die Regierung Azaiia-Zargo­ Caballero zurücktreten. Der Rücktritt war durch die vVahl des Garantietribunals (Verfassungsgerichts'hof) hervorgerufen ,vor- 'den. Das von Lerroux gebildete neue Kabinett, dem die Sozialisten nicht mehr angehörten, wurde vom Parlament jedoch sofort ·wieder gestürzt. Es folgte das Kabinett seines Parteikollegen l\Iartinez Barrios, der die Cortes auflöste und Neuwahlen ausschrieb. Bei diesen Wahlen, die im November 1933 stattfanden, erhielten die konterrevolutionären Parteien die Mehrheit. Die Novembercortes waren also die Cortes des Blocks der Großbourgeoisie und Großgrundbesitzer, der Klerikalen und l\fonarchistcn. Die Regierung dieses Blocks schritt in Anbetracht der sich dcu tlich zeigenden revolutionären Gärung un tcr den �assen sofort zur Reinigung des Staatsapparates von allen linken Elementen. Alle republikanisch und sozialistisch gestimmten Bürgermeister in den Städten und den Gemeinden wurden entfernt und durc11 Anhänger des Blocks ersetzt; die Posten der Gouverneure und 1nilitärischen Befehlshaber in den einzelnen Provinzen ,vurden durch ausgesuchte Reakt-ioniire besetzt. . \Vcnige Wochen nach den \Vahlen, n11J 17. Dcze1nbcr 1933. 160 • 1

l Elena Toboso

wurde die zweite Regierung Lerroux gebildet, die völlig offen und unverhüllt die Politik der Großbourgeoisie und der Großgrundbesitzer vertrat. Sie stützte sich sowohl innerhalb als auch außerhalb des Parlaments auf die klerikal-faschistischen Organisationen des Vatikanisten Gil Robles, der Lerroux offen aufforderte, ,,das Erbe der Republik des April zu liquidieren". Die mit den Novemberwahlen einsetzende Fascbisierung des ·staatsapparates durch Lerroux und Gil Roblcs ,vurde den �fassen bald deutlich sichtbar. Eine faschistische 11:aßna�me folgte der anderen. die Straßen wurden umbenannt, die Repressionsma8- nahn1en gegen die ,verktätigen verstärkt, die Verfolgung der Re- ... volutionäre systematisiert etc. Die :Massen begannen zu erkennen, daß der Faschismus vor den Toren steht, und daß der Kampf der einzige Ausweg ist. Das Bild des faschistischen Deutschland erstand vor ihren Augen. Zur gleichen Zeit wirkte die zunehmende Krise aufrüttelnd und revolutionierend auf die arbeitenden :Massen in Stadt und Land. Die Zahl der Erwerbslosen überschri lt 11/� 1'11llionen (die offizielle Statistik der Regierung bezifferte die Erwerbslosen allerdings nur auf 611 000) und d�e Preise für Brot und Kartoffeln stiegen überraschend LSchnell. Bei den Landai·beitern und armen Bauern, vor allem in Andalusien und Estre1nadura, drückte sich der Hunger nach Land und Brot in zahllosen gewallsan1en Bei sitzergreifungen der Güter aus.

t Die Erregung der �:lassen stieg noch, als der Februarkampf .der österreichischen Arbeiter gegen den österreichischen Klerikofaschismus ausbrach und bald darauf blutig niedergeschlagen wurde, und als die Arbeiter in Paris die Faschisten auf den Straßen zurückschlugen. Das spanische Proletariat erkannte die ganze Grö�e der G efahr, vor der es stand. In Solidarität mit dem österreichischen Proletariat und den Pariser Arbeitern führten die Arbeiter einen 24stündigen Protest- und Solidaritätsstreik durch, an dem etwa 200 000 Arbeiter teilnalunen. Jetzt begann ein Streik den anderen abzulösen. In �ladrid führten die :Metallarbeiter einen Streik um die 44stündige Arbeitswoche, der über drei :Monate dauerte und mit einem Sieg der Arbeiter endete. Die Bauarbeiter in l\iladrid und Saragossa streikt�n um die 44stündige Arbeitswoche 40 Tage. An1 21. April 1934, als Gil Robles die faschislische Jugend in El Escorial, in der Nähe von :Madrid zu eincn1 Auf1narsch zusan1menzuzieh�n versuchte 170

Der Terror des Klcrzl.:o-FaschMmus in Spanien

verhinderten die Arbeiter und Bauern diesen Aufmarsch der Faschisten durch einen glänzend durchgeführten Generalstreik. Am 5. Juni 1934 brach ein Streik der Landarbeiter und armen Bauern aus, der sich über alle Provinzen erstreckte. Der Streik hatte voi- allem Lohnerhöhungen zum Ziele und nahm besonders großen U1nfang in den Provinzen Andalusien, Jaen, Estremadura, Alicante und Toledo an, wo er zur restlosen Arbeitseinstellung führte. An dem Streik, -der zwei vVochen dauerte, nahmen insgesamt ehva 500 000 Landarbeiter und arme Bauern teil. Die Regierung Lerroux-Gil Robles verhängte bei Ausbruch des Streiks sofort über ganz Spanien den Belagerungszustand, stellte die Presse unter Zensur und erklärte die Ernte „heilig". Die streikenden Bauern und Landarbeiter wurden von Militär und Zivilgarden verhaftet, geprügelt und in die Gefängnisse geworfen. Die Ver hafteten wurden in Sonderzügen u. a. in die Zuchthäuser von Ocafia und Burgos gebracht, ,vo sie besonderen Folterungen und l\fißhandlungcn unterworfen ,vurden. Der Streik brach hauptsächlich deshalb zusa1nmen, ,veil die Arbeiter h1 den Städten passiv geblieben ,varen. Trotz des Vorschlages der Kon1n1unistischen Partei, den Generalstreik zu verkünden, hallen die Sozialdemokratische Partei und die reformistischen Gewerkschaften jedes aktive Eingreifen der Arbeiter in den Städten zugunsten der Landarbeiter abgelehnt, obwohl sie selbst den Streik ausgerufen hatten. Die Passivität des Industrieproletariats sollte sich ein Vierteljahr später, beim Oktoberkampf des spanischen Proletariats, verhängnisvoll auswirken. Ende August 1934 ,vurde der Jungkommunist Joaquin de Grado, l\fitglied des Zentralkon1itees des Kon1munistischen Jugendverbandes, von einer faschistischen Bande in :Madrid meuchlings erschossen. Die Beerdigung dieses jungen Arbeiters, an der 70 000 l\1enschen teilnahmen, war eine riesige Kundgebung der �Iadrider ,verklätigen gegen den Faschismus. \-Venige Tage vorher hatte die Schwester des faschistischen Führers Pr,in10 de Rivera (Sof1n des Diktators) die Jungsozialistin Juanita Rico bei 'ihrer Rü�kkehr von eine1u Ausflug auf der Straße erschossen. Die :Mörderin, die unbestraft blieb, hatte den Schuß aus einem Auto abgegeben, das unauffällig auf der Straße gestanden hatte. Das Begräbnis Juanita Ricos ,vurde von den Massen ebenfalls zu einer großen Trauer- und Protestkundgebung gestaltet. An1 8. Septe1nbcr 1934 streikten die Werktätigen l\fadrids in 171

Elena Toboso

großer Solidarität zum Protest gegen eine Zusammenkunft der faschistischen katalanischen Großgrundbesitzer in �ladrid. Einige Tage später, als die Regierung ein Gesetz erließ, das sich gegen die arbeitende Jugend richtete (das Gesetz machte u. a. den Vater für die Handlungen seiner Töchter und Söhne strafrechtlich verantwortlich) fand im Stadion �Ietropolitana eine der größten Demonstrationsversammlungen statt, die l\iadrid je gesehen hal 90 000 iienschen naluuen an der :Monstreversammlung teil. Das Herannahen entscheidender Kämpfe ,vurde iinmer offensichtlicher. Um die Kampfkraft der werktätigen �lassen für diese Kämpfe zu stärken, entschloß sich die Kon1munistische Partei, der Anfang 1934 von der Sozialistischen Partei und Yon einigen Splittergruppen gegründeten Arbeiterallianz (Alianza Obrera), die seinerzeit als Gegengewicht gegen die Einheitsfrontkainpagnc der Kommunistischen Partei geschaffen worden war, beizutreten. Die Kommunistische Partei machte dabei gleichzeitig den Vorschlag, die Allianz auch auf die Bauern auszudehnen. Die Voraussicht der Kom1nunistischen Partei sollte durch die · tatsächliche Entwicklung rasch bestätigt werden. Am 4. Oktober 1934, nach dem Rück.tritt der Regierung Smnper, berief der Präsident Alcala Zmnora eine Regierung, der drei Faschisten als Minister angehörten. Noch in der Nacht vom 4. zu1n 5. Oktober g� die Arbeiterallianz als Antwort auf die Berufung der Faschisten die Parole des Generalstreiks für ganz Spanien heraus. Das spanische Proletariat hatte aus der :Machtübernahme der deutschen Faschisten und aus den Februarkämpfen der österreichischen A�beiter gelernt. Es erinnerte sich, daß die �fachtübernahme der Faschisten in Deutschland ebenfalls mit der Berufung eines Kabinetts begonnen halte, in dem die Faschisten zuerst in der Minderheit waren. Die Parole der Arbeiterallianz ,,,urde deshalb sofort von den Arbeitern angenoin1uen und befolgt. Am 5. Oktober 1934 war die Arbeit bereits eingestellt. In Barcelona rief die katalanische Regierung Con1panys die Unabhängigkeit Kataloniens ;ius, zögerte jedoch, die Arbeiter und Bauern zu bewaffnen. In den baskischen Provinzen setzten bewaffnete Kämpfe ein. In :Madrid undi anderen Städten gfliffen bewaffnete Arbeiter 4ie Zivilgarde und Guurdia Asalto an. In Asturien, wo der Gene-­ ralslreik sofort in den bewaffneten Auf.stand un1schlug, ströinten Tausende von Bergarbeitern aus den un11iegenden Bergwerken tnit Gewehren. l{nrahincrn und anderen ,v�1fTcn bewaffnet nach 172

Dcr Terror cfrs H.frriko-Fasclli.rnws in Spanien

�lieres, Sama de Langres undi Oviedo, der Hauptstadt Asturiens. Sie bemächtigten sich der staatlichen Rüstungsbetriebe, rissen die 1facht an sich, bildeten Sowjets, revolutionäre Komitees und r�­ volutionäre Ortsorgane und eine Rote Armee, der mit großc1n Enthusiasmus l\Hinner und Frauen, Jugendliche und Alte beitraten. Die Rote Arn1ee erreichte eine Stärke von etwa 15 000 lVIann. Ein Teil des Kleinbürgerlu1ns, die Landarheit�'r und armen Bauern, schlossen sich den Arbeitern an. Die Regierung Lcrroux-Gil Roblcs n1obilisierte sofort fieberhaft den gesan1ten Repressionsnpparat: Polizei, Zivilgarde, Sturmgarde, Arxnee, Flotte, Flugzeuge, koloniale Tr_uppen und Legionäre. Gegen Asturien beorderte die Regierung den General· Bosch, der gerade 111it einem Korps von 5000 Mann lVIanöver in der neben Asturien liegenden Provinz Leon abhielt. In Eiln1ärschen erreichte Bosch mn 6. Oktober 1934 mit 1000 :Mann seiner Truppen Can1pon1anes, das ungefiihr 35 Kilometer südlich von Oviedo liegt. Den Rest der Truppen hatte Bosch unterwegs als Reserve in Etappen gestaffelt. Bosch halte sich jedoch verrechnet. Als er bei Campomanes auf die Front der Holen Armee stieß, sah er, daß seine Kräfte nicht ausreichten. Seine Truppen begannen unzuverlässig zu ,verden, ein Teil von ihnen weigerte sich zu kämpfen. Bosch ,vurde daraufhin seines Koin1nandos enthoben und der General Balmes an seiner Stelle mit der Führung der Truppen beauftragt. Gleichzeitig warf die Regierung rasch neue Kräfte gegen Asturien, bis sie Truppen in einer Gesan1tstärke von etwa 40 000 :Mann konzentriert hatte. l\Ht diesen überlegenen Kriiften gelang es dein General Lopez Ochoa am 14. Oktober, Oviedo zu neluncn. Der vVi<l:erstand der Aufständischen, die sich in die Bergwerkgebiete zurückgezogen hatten, war aber noch nicht gebrochen. Inzwischen hatte jedoch die katalanische Regierung kapituliert. Madrider Regierungstruppen waren unter dein Befehl des General Batet ,in Barcelona cinn1arschiert und hatten das Regierungsgebäude bombardiert. Den1 „Sieg" ßatcls folgte ein grausames Blutbad, dein viele Hunderte von katalanischen \Verktii�igen zum Opfer fielen. Nach der Kapitulation der katalanischen Regierung und dem Verrat der anarchistischen Führer, die den Streik für „konterrevolutionär" erklärten, brach auch der Generalstreik im übrigen Spanien zusan1mcn. �lit dem Zusamn1enbruch des Generalstreiks und der Kapilu.i 173

/� l c n a 1' n /, o ,o; o

lalion der katalanischen Regierung war jedoch auch die Lage der asturischen Aufständischen hofTnungslqs geworde_n. An1 19. Oklo• her 1934, nachdem Lopez Ochoa mit den Aufständischen verhandelt und ihnen versprochen halte, kein Blut zu vergießen, marschierlen schließlich die Regierungstruppen auch in das Herz Asturiens, jn die Bergarbeiterstädte �lieres und Sama de Langres ein. Der große heroische Oktoberkampf des spanischen Proletariats war damit niedergeworfen. Lopez Ochoa brach sein „Versprechen" sofort in der schmäh• lichsten \Veise und begann ein -derart entsetzliches Blutbad unter den \Verklätigen Asturiens anzurichten, daß die \Velt vor Grauen erschauerte. :Massenweise wurden nach dem Einmarsch seiner Truppen �fänner, Frauen, Kinder und Greise niedergcn1acht, ganz . gleich, ob sie an den Kämpfen beteiligt waren oder nicht. l\lan erschlug, erschoß, erstach isie, stürzte sie in die Flüsse, brachte sie im Wasser mit Bajonettstichen um, zwang sie, sich ihr eigenes Grab zu graben, begrub sie lebendig etc. Die V erwundctcn in den Spitälern wurden mit den Bajonetten oder Gewehrkolben umgebracht. Die Jungkommunistin Aida Lafuente ans Oviedo, die mit einer Gruppe Jugendlicher ein :Maschinengewehr bedient halte und se• fangengenon1n1en worden war, wollten die Legioniire vor der Erschießung entkleiden. �fit einer Eisenstange verteidigte sich Aida Lafuente gegen das ge1neine Vorhaben der Legionäre� bis sie schließlich von mehreren Kugeln getrofTen mit dem Rufe: ,!Es lebe die Kommunistische Internationalel" zusan1mcnbr:ich. Dreißig junge Rotarmisten, die den Regierungstruppen in Gi­ j6n in die Hände gefallen waren, wurden bei eine1n Angriff in die vorderste Linie gestellt. Als sie die Absicht der Regierungstruppen erkannten und sahen, daß die Arbeiter zu schießen aufhörten weil sie ihre eigenen Kameraden zu töten fürchteten, riefcn diese Helden: ,,Schießt Kameraden! Hinter uns stehen die faschistischen Mörderl" Alle 30 brachen unter dem einsetzenden Feuer zu am- .men. Der Angriff der Regierungstruppen ,var jedoch vereitelt. In Sama de Langres suchten einige Frauen nach eiern Einmarsch der Regierungstruppen, vor Schmerz halb ,vaJ1nsinnig, ihre Söhne. Sie fanden schließlich eine Grube mit 26 entsetzlich verstümmelten Leichen: es waren die Leichen: ihrer Kinder. Laut schreiend ergriffen die Frauen die Leichen und wollten sie protestierend zum Gemeindeamt tragen. Die traurige Prozession hatte jedoch kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt, als sie von 174

/)rr 1'crror des Kfrriko-Faschismm, in Spanirn

Soldaten brutal mit Gcwehrkolbcm überfalh;n und auseinandergetrieben wurde. In der Infanlerickascrne vo11 Oviedo wurden sofort nach dem Einmarsch der Regierungstruppen 700 Werktätige, l\'Iänner und Frauen, Alte und Jugendliche, wahllos erschossen. In den Tagen des Einmarsches von Lopez Ochoa, als die Fliisse sich vo1n Blute der Erschlagenen rot färbten und die Straßen der asltniischen Stiidte und Dörfer voll von verstümmelten Leichen "r aren, "'agte sich kein Einwohner, auch der „ordnungsliebende" Bürger nicht, auf die Straße. Die Legionäre und die regulären Truppen plünderten und hausten wie \Vilde, vergc,valtigtcn die Frauen, ,yo sie sie nur antrafen, und töteten jeden !vlann, dessen sie habhaft werden konnten. Ein ,vict, der sich über die Plünderung seines Gasthauses zu beschweren versuchte, erhielt vom Kommandanten die Anhvort: ,,,vas ,vollen Sie, lieber n-Iann, da kann ich nichts machen! Sie müssen Fleisch essen, um ihren Dienst besorgen zu können. Jetzt sind sie die I-Ierren I" Die Madrider Zeitung des agrar-klerikalen Blocks „EI Debatte" schrieb dan1als: „Die Lcgioniire haben Ovic<lo wirklich mit ihren ,�Iclho<lcn kurzerhnnd und wirksam vom Fein<l gcsüubcrt un<l dies in einer so schweren Zeit, wo sie hinterrücks ermordet wurden. Sie verstanden es, mit nllcn jenen, die mit cler \Vaffc in der Hand o<kr in .Kampfstellung angetroffen wurclcn, ,ihre Rechnung zu begleichen'. Das Strafgericht war exemplarisch und st-eht im Einklang mit dem Kriegsgericht."

Um Asturien vollständig zu „beruhigen", wurde Lopez Ochoa der berüchtigte l{onunandant Doval von der Regierung zur Hilfe geschickt, der den asturischen Arbeitern schon aus dem Jahre 1927 von der Niederschlagung des damaligen Streiks her durch seine Bluttaten bekannt war. Doval steigerte die Greuel gegen die asturi.schen Werktätigen bis zum äußersten. Er ,var nlit dein Entschluß, ,,keinen einzigen Revolutionär am Leben zu lassen und selbst die Kinder von Revolutionären im l\Iuttcrlcib zu verni�hten" nach Asturien gekommen. Seine Legionäre stießen den Frauen mit den Rufen: ,,Damit ihr keine Komn1unistcn mehr gebärt" die Bajonette in den Leib. Säugenden Frauen schnitten sie die Brüste ab, ,,auf daß sie keine Revolutionäre n1ehr säugen". Selbst die bürgerliche Presse sah sich schließlich genötigt, ge­ �en die Untaten Dovals zu protestier.en, besonders. nachde111 die Ermordung des l\fadrider republikanischen Journalisten Luis Sirval durch den · Leutnant der Frerudenlcgion, lwanow, bekannt 175 •

t:lcnn Toboso rien wurde. Luis Sirval, der �ich als Pressel>crichtcrslaltcr in Astu d" befand und :Mitarbeiter der r epublikanischen Zeitung „ Liberta arwar, hatte eine Reihe interessanter Dokun1cntc gcsan1melt, d unter einen Geheimbefehl Dovals 1 mit dein er die Offiziere auffo r­ derte, alle niederzun1achcn, bei denen ,vaITen gefunden "·erden. und die Photographie eines marokkanischen Soldaten, an dessen Gürtel zwei :Menschenköpfe hingen. Als lwanow, ein russischer Weißgardist, davon erfuhr, ließ er Sirval verhaften. Nach der Verhaftung drang der Leutnant in die . Zelle Sirval s ein und ermordete ihn kurzerhand. Die Oeffentlichkeit erfuhr von dicse1n :Mord nur deshalb , weil Sirval den ehemaligen radikal-sozjalistischen Abge-. ordneten Orlega y Gasse t von seiner Verhaftung hatte verstindlf ...aen können. Der weiße Terror erreichte in Asturien einen solchen Grad von Grausamkeit, daß die Generaldirektorin des spanischen Wohlfahrtswesens, Clara Campoamor, die von de r Regierung nach der Niederschlagung des Aufstandes aus demagogischen Gründen nach Asturien geschickt worden war, um der Bevölkerung zu „helfen'\ über das, was sie dort sah, empört an Lcrroux telephonierte. Lerrouxs Antwort war - ihre sofortige Absetzung! „Zu meinem �hrlichcn und alifrichligen Bedauern über lllren politiM:htsa Irrweg - schrieb Claru Campoamor dnraufhin in einem Offenen Brie{ u Lerrou1o: - gesellte sich noch ein anderer Umstand, nämlich die f;CJlaue uod 1 \'erläßliche Kenntnis der beängstigenden, gräßlichen und entsetzlichen \\'ahr­ l heit der Vorgänge in Asturicn, die in mir dasselbe Gefühl des Schmerzes und der cEm,pörung hervorricfen, wie Sie wohl seinerzeit von den Greucln in ),lont­ l juich �rschüttcrt worden scin dürften ..."

Die Inquisition, so erzählten die spanischen l\iüller ibren Kindern, ve rbrannte die :Menschen bei lebendigein Leibe oder ließ ihnen_ so lange \Vasserlropfen auf den Kopf fallen, bis sie ·wahnsinnig wurden und starben. Drein1al schlug es an die Tür, und wenn auf die Frage: ,,,ver ist dort?" dann eine Stimine antwortete: '!Die Heilige Inquisition", so wußte der Bewohner, daß ihn ein grauenvoller entsetzlicher Tod erwartete. Es war unnütz zu fragen, weswegen n1an dich oder wer dich angeklagt. Die Heiligt Inquisition gab keine Erklärungen. Sie vollstreckte nur. Klopft es heute an die Türen der spanischen Werktätigen, so ersteht blitzschnell vor ihren Augen dieses Bild der Heiligen In- . quisition. Sie wissen, daß jedem von ihnen dasselbe Schicksal Yon der Inquisition des Kleriköfaschis1uus der Lerroux-Gil Rohles droht. Es sind allerdings nicht n1chr vcrmununte Gestalten mit 176

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})er Tt•rror cles Klrriko-Fnscliismus in Spunien

langen Spitzhüten, die an die Türen klopfen, sondern Gardisten und Polizisten. Sie betreten die Schwelle wie Barbaren, zertrümmern alle l\föbel und allen Hausrat und mißhandeln Greise, Frauen und Kinder, bevor sie das Opfer wegführen. Auch_ sie geben keine Erklärungen. Auch sie vollstrecken nur. In einem an den Obersten Staatsanwalt der Republik gerichteten öffentlichen Brief, der die Unterschrift von 564 politischen Gefangenen trägt, heißt es: ,. ...Außer jenen dokumentierten Füllen, die wir im weiteren nnführcn vt;rrdcn, erwähnen wir, daß folgcncJc Folterungen zur Anwendung knmcn: Ver­

t hrcnnung der Geschlechts- und sonstiger Körperteile; Zerquetschung des Hodensackes; Einklemmen der Hiinde und der unteren Gliedmaßen; HnmmerschJäge nuf die Hiindc und Knie; Hineintreiben yon Nadeln unter die Niigel; Yerbrühen Yon Körperteilen mit kochm<lem "rnsser, Knien nuf spitzen Steinen: ScheincrschicUungen; Verhnftete, die sich dns eigene Grah schaufeln mußten und nndere. cJi� bis an die l(nie eingegraben wurden; Folterungen in Anwesenheit der C'igC'nen Mutier zur Steigerung der seelischen Qunlcn; Auslieferung Yon Gefangenen an <lie Verwandten der von Revolutionären Getöteten, damit sie an d-en vermeintlich Schuldigen RJutrache nelu:ncn. Außer nll diesen Folterqualen, die nur teilweise die entsetzliche \Virklichkeit widerspiegeln, wurden am häufigsten noch folgende ,l\fartcrn angewandt: der Gefangene wird an den nuf cJem Hiicken gefcsseJlen Händen mit einem Strick hochgezogen und dann mit Püffen hin und her gependelt, -einigen hing mnn d:ibei einen Eimer \Vnsscr oder einen Sandsack an die Beine und verrenkte ihnen so die Glieder. Eine andere Marter besteht darin, diC' Füße der Gefangenen mit Knüppeln oder Gewehrkolhen zu schlngen, wobei dns Opfer oft gleich- . zeitig durch Gewehrschüsse oder durch ßajonettstiche verletzt wird. Andere Gefangene wieder wurden, bevor man sie schlug, fo eisknlles \Vasser gesteckt und so lange darin gehalten, bis sich die Haut rötete. Auf diese \Veise erhöhte man die Schmerzen beim Schlagen ... 1\lnrin Lnfucntl", die Schwester eines in Oviedo von den Truppen erschossenen Miidchens, wurde bei der Vernehmung gezwungen, sich zu entkleiden ..."

In cinen1 anderen Brief, der von einer Gruppe von politischen Gefangenen, die sich itn Gefängnis von Oviedo hefnnden, an den Generaldirektor der spanischen Gefängnisse gerichtet ,vurde, heißt es: ..�[ehr n.ls tausend Gefangene sind einen ganzen )lonnt lang, oft auch zwei, im tiefen \Vinter ohne Lager und Decken auf dem nackten Zementboden schlafend in Haft gewesen. Gegenwärtig gibt es vieUeicht nur 50 �fnngene, denen die Gefängnisdirektion Decken gegeben hat. -Nur etwa die Hälfte der Gefangenen besitzt ein Lager, d. h. einen schfthigcn Sack, der mit morschem unml feuchtem Stroh gefüllt und Yoller Läuse ist. Mehrere Gefangene, fast die )lchrznhl, lmben sich auf eigene Kosten, selbstverstündlich zu enormen Preisen, Teller, Löffel und Nüpf�gekauft. Einige t"ssen nus leeren Konservcnhiicl1sc•n ... Ein trauriges und schmerz\'oJlrs Kapitel sind die Vcnnmdel<'n und Krnnkcn. Im GcfA.ngnis gibt es weder ein Spital noch eine Krnnkennbtt>ihmg, abgesehen ,,on den zum Hohne so bezeichneten kalten und feuchten Bäumen, die dies<'m Zwecke dienen, und wo Schwerkranke, darunter solche mit Lungenentzfmdung, nu{ ilem nackten Zementhoden liegen n1üssen. ln diesem Gefängnis, in dem sich U Weißer Terror 177 .. 1

Elcnn Toboso

zeitweilig mehr nls 2000 Ge�an genc �e!andc_!l, gibt e� in der Nacht weder einen diensthabenden Arzt noch einen Samtnter. Es kam oft vor, daß Gefangene ohnt ärztlichen Beistand starben. Anderen, die ihrem Schicksal überlassen an Brand und \Vundfiebcr erkrankten, mußten die Glieder amputiert werden ..."

Ueber die Foltern in den Gefängnissen von Bilbao schrieb ein Arbeiter: „Einige wurden mit einem Riemen um die Hüften fr�i hän�end an eine . Bank gefesselt, wobei darauf geachtet wurde, daß weder ehe Fuße noch da Kopf den Boden berühren. Viele hielt man mit auf dem Rücken gdessellt-n Händen 24 Stunden in dieser Lage .. :' Die Regierung halte nach der Niederwerfung des Generalstrcik5 und des asturischen Oktoberaufstandes elwa 40 000 �fenschen verhaftet. Uni diese ungeheure Zahl unterbringen zu können, ,•erwandte sie außer cien Gefängnissen auch Klöster und Sticrkampfarenen, z. B. die große Arena in �Iadrid. In Barcelona wurden Tausende, darunter Companys und eine Reihe von Abgeordneten des katnlanischel} Generalidad (Landtag), in den Bunkern der Krieg · schiffe zusammengepfercht. In der Festung von Figueras wurden 600 :Menschen zusammengedrängt. In der Fe� l ung von Guadalupe hielt man die Gefangenen in Zellen, in denen das ,,..asscr bis zu den Hüften reichte. *· Ein faschistischer Redner erklärte im Juni 1935 in einer V�r­ sammlung in Valencia, sichtlich vom Blute der gequälten und gemarterten Werktätigen Spaniens berauscht und durch· den Anblick der Dreispitze, die seine Tribüne mit gezückten ,vaJTen umringt hatten, ermutigt, daß es nur einen ,v eg zur Rettung des spanischen Kapitalismus gäbe: die \Viedereinführung der Heiligen Inquisition, die der Stolz und der Ruh1n des katholis.;hen Spanien sei. Der Redner hat mit diesem Ausspruch den mittelalterlichen und barbarischen Geist des spanischen Faschismus treffend gekennzeichnet, obwohl er „irrte", wenn er damit sagen wollte, daß die Inquisition nicht schon wieder da sei. Die Werktätigen Spaniens haben ihre Kampfstellung trotz des Terrors der Lerroux und Gil Robles, die nach Kräften mit den berüchtigten mittelalterlichen Inquisitionsmethoden des traurig berühmten Kardinals Torquemada wetteifern, nicht aufg�gcben. Die unw1terbrochene Kette von Streiks und Kundgebungen der Massen, die bald nach den Oktobertagen wieder einsetzte, legt ein beredtes Zeugnis dafür ab. Die l\fassen der Arbeiter, Landarbeiter 17 8 ,

Der Terror des Kleriko-Fascliismus in Spanien

und arn1en Bauern und große Teile des Kleinbürgertums beginnen die notwendigen Lehren aus der Oktoberniederlage zu ziehen und die erforderlichen Voraussetzungen für den Sturz der Bourgeoisie und Großgrundbesitzer zu schaffen. Eine antifaschistische Volksfront foriniert sich, die in allen Gegenden Spaniens ständig an Boden ge·winnt. Sie zeigt dem spanischen Volke den einzigen Ausweg aus der Krise des Kapitalismus, den vVeg, der nicht zur Barbarei, sondern zum Sozialis1nus führt, den vVeg, den das glorreiche russische Proletariat gegangen ist.

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DER TERROR DES JAPANISCHEN IMPERIALISMUS Von F u d s i

Polizeiliche Bevormundung, Bespitzelung und gröbste Verwaltungswillkür, der alle abscheulichen Besonderheiten rein asiatischer InquisitionsmeU10den anhaften, waren immer die Haupl· methoden, mit denen die werktätigen Massen des bürgerlich-gulsherrlich-monarchislischen Japan in den Grenzen der „Gesetzlichkeit" gehalten wurden. In den Nachkriegsjahren hatten diese Methoden sich jedoch als unzulänglich erwiesen, um die wachsende revolutionäre Bewegung der japanischen werktätigen 1'{assen aufzuhalten oder niederzuschlagen. Die japanische Bourgeoisie ergänzte deshalb das alte Unterdrückungssystem durch den methodisch angewandten, organisierten weißen Massenterror, wobei sie diesen Massenterror verschiedentlich bis zu grauenhaften Massen- . ermordungen steigerte. In den japanischen Kolonialgebieten, auf Formosa, Korea, den Südseeinseln und der Kwangtung-Halbinsel wendet die japanische Bourgeoisie den weißen Massenterror seit der Besetzung dieser Ge-­ biete an, und zwar in einem noch größeren Ausmaß und noch rücksichtsloser als in Japan selbst. Sie steigerte ihn hier bi! m den unmenschlichsten F_ormen und bis zur Ausrottung der Bevölkerung ganzer Landstriche. In diesen Kolonialgebieten, de.ren Bevölkerung seit der japanischen Besetzung Objekte der rürksichlslosesten imperialistischen Ausbeutung und Unlerdrückun° sind, stellen völlige Rechtlosigkeit der einheimischen Bevölkerunt Massenverhaftungen, Strafexpeditionen, Zerstörung ganzer Landstriche oder Dörfer, kurz, ·ein Vernichtungskrieg gegen alle aufsässigen und revolutionären Elemente in Permanenz einen fcsten Bestandteil der „Verwaltungskunst" des japanischen Imperialismus dar. Es ist überflüssig zu betonen, daß die Terrormethoden des japanischen Imperialismus vor allem auch dort überall in breitestem Maße Anwendung finden, wo die japanischen Heere erobernd '\'ordringen (Mandschurei, Nordchina). Mit dem in den Kolonien und 180

Der Terror des japanischen Imperialismus ---- --- ' in den besetzten Gebieten Chinas angewandten ·weißen Massenterror verfolgt der japanische Imperialismus das Ziel, die immer weiter um sich greifende revolutionäre und nationalrevolutionärc Bewegung niederzuhalten und die Hegemonie des japanischen Imperialismus auf dem asiatischen Festland möglichst rasch zu konsolidieren. D�r Terror der japanischen· Imperialisten wendet sich auch gegen die revolutionäre und nationalrevolutionäre Bewegung in Kuomintang-China, ja, er streckt seine blutbesudelten Klauen sogar nach den chinesischen Sowjetgebieten aus. Der außerhalb des unmittelbaren :Machtbereiches der japanischen Imperialisten organisierte weiße Terror soll das Terrain für die Verwirklichung ihrer weitgesteckten in1perialistischen Raubpläne vorbereiten. Der weiße Terror ist also für die herrschenden Klassen Japans nicht nur ein l\1ittel der Innenpolitik, sondern auch ein direktes und indirektes l\Iittel der äußeren Aggression. Es ist daher z,veck- 1nä8ig, ihn in seine1n unlösbaren Zusammenhang mit der Innenund Außenpolitik .des japanischen Imperialismus der Nachkriegsjahre zu betrachten. Japan setzt die gesanite Welt durch seine Aggressivität in Kriegsgefahr und Unruhe. Die Ursache für diese Aggressivität ist in der sch,veren inneren Lage der herrschenden Klassen Japans und in dem raschen Anwachsen der revolutionären Kräfte der japanischen Arbeiter- und Bauernbewegung zu suchen. Die revolutionären Organisationen werden grausam verfolgt. Alle l\fittel des Terrors ,verden von der japanischen Bourgeoisie und den japanischen -Gutsbesitzern im Kampfe gegen die i\Iassen der Arbeiter und Bauern angewandt. Die japanische Regierung sc�reckt selbst davor nicht zurück, Naturkatastrophen, wie Erdbeben, von denen die Bevölkerung in Japan so oft heimgesucht wird, zu l\{assen-.. morden an revolutionären Arbeitern und Bauern auszunützen. Und doch konnte sie der revo�utionären Bewegung der Arbeiter und Bauern nicht Herr werden, da die unglaubliche Ausbeutung, der die werktätigen !\fassen Japans ausgesetzt sind, immer ,vleder den Boden f.ür große Streiks, Aufstände und Revolten bereitet und der revolutionären Arbeiterbewegung trotz aller Verfolgungen stets neue Kräfte gibt. Die ungeheuren sozialen Spannungen, durch die die innere Lage Japans gekennzeichnet wird, treiben immer gebieterische.r zu einer revolutionären Entladung. Das imperialistische Japan sud1t aus dieser Lage den Ausweg in Terror und Krieg. ·Die japanischen Werktätigen dagegen sind 181

Fudsi

bestrebt, aus ihrer unerträglich schweren Lage einen revolutio­ ·nären Ausweg zu finden und sich von der blutigen Herrschaft ihrer Ausbeuter und Unterdrücker zu befreien.

I ,v i e d i e j a p a n i s c h e n ,v e r k t ä t i g e n u n t e rjo c h t s i n d

Es ,vird nicht uninteressant sein, kurz die Lage der japanischen Arbeiter und Bauern zu schildern, die trotz des herrschenden Terrors und grausamer Repressalien den Kan1pf gegen ihre Unterdrücker opferbereit fortführen. Dabei n1iissen ,vir uns notwendigerweise auf einige Fälle beschränken, die aber nichtsdestoweniger die heutige Lage der japanischen Arbeiter und Bauern aufzeigen. Der Schilderung einer japanischen Zeitschrift über die Lebensbedingungen der japanischen Bergarbeiter in einer der Gruben des 11:izuikonzerns in der Nähe von Nagasaki entnehmen wir: .. ,, ... \Vas die Lebensbedingungen der Arbeiter in diesen Bergwerken bttrifft, so läßt sich sd1wer etwas Niederdrück<!ndcn·s, Schrecklicheres ,·or �J­ len. Vor allem wird in einer Tiefe von 500-2000 Fuß unter dem Meeres. spiegel gearheitet. Die Luftzufuhr ist ungenügend. Täglich schla�ende \Vetter. Im Durchschnitt sterben täglich zwei Personen an erstickenden Gasen." Ueber das Strafreglement der Bergwerksverwaltung schreibt die Zeitschrift: ',.Die Gesellschaft hat vier Grndc fostgelegl: 1. für eine kleine Unarhlsamkeil Abzug vom Lohn; 2. wenn einem Arbeiter dreimal Lohnabzüge gemacht worden sind, dann Yerlierl er das Recht auf Bezahlung der Ueberstunden; 3. wenn ein Arbeiter sich weigert zu arbeiten und an dieser "\Veigerung drei Tage festhält, so wird er körperlich gezüchtigt; �- wenn der Arbeiter aus dem Bergwerk zu cnfliehcn ,·ersucht, wird er d�r höchsten Strafe, der sogenannten ,Sibe' unterzogen. Diese Stra.fe sicht so aus: man entkleidet den Arbeiter, dreht ihm die Hände aw., zieht sie nach oben, bindet sie zusammen und hängt ihn so -in einem engen Durchgang an der Decke derart auf, daß er den Boden mit den Zehen knapp berühren kann. Der Arbeiter wird nun mit nnssen Seilen geschlagen. Die Zahl der Schläge hängt von der Größe seines Verbrechens ab." 1' Von den 5 Millionen Industriearbeitern Japans sind mehr als 1 ½ :Millionen Frauen, n1eist halbwüchsige !\fädchcn, die in den Betrieben buchstäblich ein Sklavendasein führen. 82 Prozent dieser frauen sind in der Textilindustrie beschäftigt. Ihr Los ist fürcll· 182

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Der Terror des japanischen Imperialismus

terlich. Sie werden meist durch Agenten ge,vorben, die die· japanischen Dörfer bereisen und die Bauern unter Ausnützung der furchtbaren Notlage dazu bewegen, ihre Kinder zu verkaufen. Nach Angaben des Departements für soziale Fürsorge bein1 Innenministerium verkaufen die Bauern jährlich 30 000 bis 40 000 Mädchen in die Städte (Tokio, Osaka usw.). Die Eltern ,verd('n gezwungen, langfristige Verträge abzuschliießen, durch die die Kinder verpflich Let werden, mehrere Jahrc in dein Betrieb zu bleiben, für den si� der Agent geworben hat. Um eine Flucht zu verhindern, werden diese halbwüchsigen Arbeiterinnen in 1nanchen Betrieben in Gemeinschaftshäusern mit hohen Zäunen untergebracht und von ,vächlern bewacht. Die Hausordnung verbietet ihnen jeglichen Ausgang oder den Empfang von Besuchen ihrer Angehörigen. Ihre gesamte Korrespondenz ,vird von der Fabrikleitung zensiert. Die Schlafräume sind dunkel, eng, feucht und sclunulzig. Die Nahrung besteht, dreimal täglich, aus cinern Schüsselehen Reis. Die Arbeiterinnen haben-. jedoch nicht einn1al in allen Betrieben - ein bis zwei Ruhetage im �lonat, dürfen aber allch dann die Fabrik nur mit Erlaubnis der Ad1ninistration und in Begleitung eines \Värters verlassen. In den 1neislen Textilfahriken besteht für Frauen der Zehnstundentag und ein Verbot der Nachtarbeit. In vielen Betrieben 1nüsscn die Frauen jedoch noch von 5 Uhr früh bis 10 Uhr abendts arlwitcn. In -den Hiistungsbetrieben, Seidenfabriken us,v. besteht sogar noch der Achtzehnstundentag. ·Erfüllt eine Arbeiterin ihre Arbeitsnorm nicht, so ,vird sie bestraft. Diese Verhältnisse haben eine riesige Sterblichkeit zur Folge. Die Sterblichkeit der japanischen Arbeiterinnen ist bei weitem größer als die der männlichen Arbeiter. Die Löhne sin"d äußerst niedrig. Ein Arbeiter erhält für 11 bis- 12 Stunden Arbeit 2-2½ Yen. Das ist nicht einmal ein Viertel des entsprechenden Lohndurchschnitts eines englischen Arbeiters. Die Frauenarbeit wird noch schlechter bezahlt. Eine japanische Textilarbeiterin erhält im Durchschnitt 40-70 Sen (28-50 Pfennige} für den Tag. Eine englische Textilarbeiterin bekomn1t das Vier- 1bis Sechsfache. In der Hegel erhält die Arbeiterin in Japan für dieselbe Arbeitsleistung die Hälfte des Lohnes, den ein männlicher Arbeiter verdient. Diese Knlilöhne ermöglichen der japanischen Industrie die berüchtigte �ußcnhandelsoffensive und das Dumping auf dem "\Vcltmarkt.

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Die Krise und die kapitalistische Rationalisierung haben eine riesige Arbeitslosigkeit gebracht. l\'.lille 1934 betrug die Zahl der Arbeitslosen nach a1ntlichen Angaben über 2 l\fillionen. Die japanischen Unlernehn1er nutzen diese Arbeitslosigkeit seit einigen Jahren in einer äußerst raffinierten ,veise aus, indem sie das sogenannte. System der „zeitweiligen Einstellung von Arbeitern" einführten. Dieses System besteht darin, daß die Arbeiter nicht vom Betrieb, sondern von1 Auftraggeber, an den der Unternehmer liefert, eingestellt und von diesem dem U�ternehmer bis zur Fertigstellung seines Auftrags zur Verfügung gestellt "�erden. Der Betrieb selbst stellt für derartige zeihveilige Arbeiten bestenfalls nur einige qualifizierte Arbeiter ein. Entlohnt ,verdcn die zeihveiligen Arbeiter vom Betriebe. Sie erhalten jedoch die niedrigsten Löhne, wobei sie sogar noch. einen Teil des Lohnes dein Untcrnehn1er, der sie für die Fertigstellung seines Auftrages engagiert hat, abgeben müss�n. Ist die Arbeit beendet, so ,verden sie ohne jede Kündigung und ohne jede Abfindung entlassen. Einen Tag haben sie Arbeit, den anderen Tag stehen sie ,vieder vor den Fabriktoren. Auf cliese Weise wird die auch so schon äuß�rsl 1nangelhnftc Arbeitsgesetzgebung umgangen; auch den Regeln der Betriebsordnung unterstehen die zeihveiligen Arbeiter nicht. Die furchtbare Lage der japanischen ,vcrktütigen führt zu immer erbitterteren 1{lassenkä1npfen. Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der Arbeitskonflikte. In aller Erinnerung sind di� heldenhaften Streikkämpfe der Textil- und Verkehrsarbeiter in den letzten Jahren. Im Oktober 1934 streikten 11 000 Verkehrsarbeiter in Tokio, ,veil die Löhne um ·40-50 Prozent gesenkt ,verden sollten. Die Arbeiter führten den Streik mit der größten Erbitterung, sie griffen die Streikbrecher an und stürzten die ausfahrenden . Wagen um. Nahezu 2000 Polizisten 1nußten von der Regierung zur Niederschlagung des Streiks aufgeboten ,ver den. Die Streikführer und alle aktiven Elemente ,vurden von der Polizei ,1erhaftet und 1nißhandelt. Zur selben Zeit verhinderten 100 000 Seeleute eine Lohnsenkung. Die Lage der Bauen1 ist noch drückender. Nach ,vie ,,or befindet sich der größte Teil des Bodens in den Händen der fcudnlen Großgrundbesitzer und der begüterten Großbauern, denen die armen Bauern und die �fitlelbauern allein für die Nutzung des Bodens n1ehr als die 1-Iälfte ihrer Ernte abliefern n1üssen. Die Bauern stöhnen unter dem Drucke eines maßlosen Wuchers, der hohen Pachtzinsen und der im Zusamn1enhang mit der japanisthen J 84

Der Terror <ies japanischen Imperialismus

Kriegspolitik beispiellos gewachsenen Steuerlasten. 1934 ,vurde die japanische Landwirtschaft außerdem von einer folgensch,veren Dürre heimgesucht. Der Ernteverlust betrug über 25 Prozent. Trotzdem. trieben Staat und Gutsbesitzer die üblichen Leistungen - Pachtzins, Steuern und Abgaben - bei den vom I-Iungertod bedrohten Bauernmassen unerbittlich ein. Ein furchtbares Elend war die Folge. Hunderte und Tausende von Bauern fielen dem Hunger zum Opfer. Der Landwirtschaftsn1inister Yan1azaki stellte im Oktober 1934 bei einer Inspektionsreise fest, daß die Bauern sich von gehacktem Stroh, Bau1nrinden, Snueran1pfer u. a. ,,ErsatzstofTen" nähren. Die Not "'ar derart groß, duß in den I-Icrbslmonaten 1934 selbst nach amtlichen Angaben 60 000 halbwüchsige l\fädchen aus den Hungergebieten in <lie Freudenhäuser und Fabriken verkauft wurden. (,,Japan Chronicle", 13. Dezember 1934.) Der Führer des rcforn1istischen Bauernverbandes und Abgeordnete Sugijmna l\'Iotodairo schrieb in der Zeitung „Shakai Undo Isushin": „Ich muß fcslslcllen, <lafl die wirkliche Lage viel schrecklicher ist, als in der Presse berichtet wird. \Ver diese grauenhaften Dinge nicht gesehen hat, kann sich davon kaum eine Vorstellung machen ... Im Dorfe Sasaya (Präfektur Miyngi) sprach ich mit Bauern. Sie erzählten mir, daß in allen Dörfc>rn die gesamten Lebcnsmiltelvorrüte einschließlich des Saatguts für das nächste Jahr bereits aufgezehrt sind. Die Landarbeiter sind arbeitsunfähig, da sie nicht einmal jeden zweiten Tag etwas zu essen erhalten.".

Am furchtbarsten ,var die Lage in den nördlichen Präfekturen des Landes. Diese Gebiete waren schon seit jeher I-lungergebiete. Der Abgeordnete Nakano berichtete im Parlan1ent, daß hunderttausend schulpflichtige Kinder der nördlichen Präfekturen vom Hungertod bedroht sind. Die Tokioter Zeitung „Nizzi Nizzi" schrieb: ,.Die Lnge in der Präfektur Tohoku ist furchtbar. Die Zahl der·vom Hungertod bedrohten Dauern betrügt 700 000. Die. �lütter sind völlig erschöpft und die Kinder hungern. In den Schulen brechen tüglich Kinder vor Hunger zusammen. Di� Jlnuern können keinen Reis kaufen und verkaufen ihre Töchter. Dns Herz steht einem still, wenn man so viel Not und Elend sieht.''

Diese Zustände führten in einer Reihe von Präfekturen zu Un­ .,. ruhen und offenen Aktionen der Bauern. Die Regierung ,vußte jedoch nic'l1ts anderes zu tun, als mit neuen Unterdrückungsn1aßnahn1en und mit Verstärkung des weißen Tcrro�s zu antworten. 185

Fudsi

II

D e r ,ve i ß e T e r r o r als l\1i t t e l d e s Kampfe s g egen d i e wa c h s e n d e r ev oluti o näre B e,ve g u ng

Der erste großangelegte ,vciße l\fassenterror der regierenden Klassen Japans setzte gegen Ende des huperialislischen Krieges 1914-1918 ein. Anfang August 1918 brach in einigen Fischersiedlungen und kleineren Hafenplätzen der Präfektur Toyama infolge von Tcu�­ rung und Reismangel eine Bewegung aus, die den Charakter einer Empörung annahm und von der gewaltsnn1en Besetzung von Reis- speichern us,v. begleitet ,var. Anstalt den Forderungen der Hungernden nachzukomn1en und l\,Iaßnahincn gegen die räuberische Reisspekulation ,der Gutsbesitzer und Rcishiindlcr zu ergreifen, nahm die Regierung ih1 c Zuflucht zu den üblichen polizeilichen .,Befriedungs"-1\Iaßregcln. Sie halte sich aber verrechnet - die · üblichen „Befriedungs"-1\Iaßnalunen, ,vie Verhaftungen und gewaltsames Vorgehen gegen Zusan1n1cnrollungcn, cr,vicsen sich nls unwirksam. Die Unruhen nahmen einen ilnn1cr größeren Umfang an und griffen auch auf die anderen Präfekluren über. Sie erfaßten schließlich von den 47 Präfeklure:.1 Japans 37. In 14-4 Städten kam es zu Aufruhr und Unruhen. Uebrr die Zahl der Dörfer, in denen es zu Unruhen kam, liegen keine Angaben vor. Es. ,varen vor allem ·die Arbeiter und die Anuut in den Städten und auf d�m Lande die �r1nen Bauern, die sich an den Aufruhraklen beteiligten. Die Regierung schritt sofort zur be,vaffneten Unterdrückung und zu �Iassenverhaftungcn, wobei sie die grausamsten Repressalien anwandte. In der Stadt Kioto unterdrückten Soldaten des 38. Infanterieregiments und Polizeidetachemenls die Be,vegung. In o�aka wurden Truppen und Gendarmerie eingesetzt. In Nagasaki ging Kavallerie, unterstützt von Polizei und Infanterie, gegen die Demonstranten vor. Viele Demonstranten, die über eine Brücke durchzubrechen versuchten, wurden totge. drückt. In Kobe, auf vielen Gruben in der Präfektur Fuktsoma usw. kam es zu blutigen Zusammenstößen. Ueberall gab es Opfer. • deren Zahl versch,viegen wurde. Die Zahl der Toten und Ver\\"Ulldeten muß jedoch, besonders in Nagasaki, bedeutend gewesen sein. Ungeachtet des rücksichtslosen Eingreifens von Polizei und Militär war es den rebellierenden Massen jedoch gelungen, allein \Yährend des 11. und 12. August 250 Reisspeicher zu zerstören. 186

Der Terror des j(lpani.!chen lmpertuli.!mus

Die Grausamkeit, die die Regierung bei der Unterdrückung der ' Reisunruhen an den Tag gelegt hatte, wurde durch die Repressalien, die nach der Unterdrückung der Unruhen einsetzten, noch rrgünzt. 1'\Iehr als 8000 Personen wurden wegen Teilnahme an den Unruhen zu Gefängnisstrafen in verschiedener Höhe verurteilt. Die japanische Bourgeoisie hatte den \Veg der brutalsten Ge,valt und der Einschüchterung insbesondere deshalb beschritten, weil sie die Intervention in Sibirien durchführte und u1n ihr Hinterland besorgt war. Die Bestialitätcn, die die japanischen Imperialisten ,vährend der Besetzung des fernöstlichen Gaues der Sowjetunion i n den Jahren 1918-1021 gegen die friedliche Bevölkerung dieses Gebiets anwandten, sind unzählig. \Vir erinnern an die Verbrennung von lebenden 1'\Ienschen, an die l\Iassenerschießungen im An1urgehiel, an die Blutbii<ler in Kruglaja und Sachatina, a n die �lassenerschießungen und Torturen in den Folterkammern der Stäbe der japanischen Interventionstruppen und an andere entsetzliche Terrorakte. In den besetzten Gebieten Chinas, in Schantung, in der :Mandschurei usw. hauste der japanische Imperialismus in ähnlicher \Veise. Durch die Niederlage, die die japanischen Interventionshelden. von den fernöstlichen Partisanen ·und von der Roten Arnu;e erlitten, wurde der japanische Imperialismus schließlich gezwungen, den Fernen Osten zu räumen und seine räuberischen Krallen einzuziehen. Die große russische Oktoberrcvolu�ion hatte sich als unbesiegbar erwiesen und -der Versuch der japanischen hnperialisten, sie zu erdrosseln, endete mit einem völligen Fiasko. Der Sieg der Oktoberrevolution gab nicht nur der nationalen Befreiungsbewegung der unterdrückten Länder des Fernen Ostens (Korea, China, For1nosa usw.) einen mächtigen Anstoß, sondern auch der revolutionären Bewegung in Japan selbst, die sieb unter ihren� Einfluß ebenfalls rasch zu entwickeln begann. Die werktätigen 1'\lassen Japans zogen aus der Niederlage ihrer Bourgeoisie wertvolle Schlußfolgerungen, und zwar vor allem di� Schlußfolgerung, im Kampf gegen die Ausbeuter und Unterdrükker vom spontanen zum organisierten Kampf überzugehen. Die kommunistischen Ideen begannen rasch und tief in die hlassen des Proletariats, der a17111en Bauernschaft und der ,verktätigen Intelligenz einzudringen. Vorber�itungen zur BHdung einer Kom­ n1unistischen Partei wurden getroffen, Massengewerkschaften, Pächter- und Bauernverbände usw. geschaffen. In dieser Pe- 187

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riode reifte bei den herrschenden Klassen Japans die Idee des Fron- talangrifTs und ·der Zerschmetterung der wachsenden revolutionären Bewegung durch die plann1äßigc An,vendung des organisierten ,veißen Massenterrors heran. Die sogenannte patriotische Bewegung der Nachkriegsperiode trägt den Stempel der "1ütendsten Reaktion. In einem Buch, das der Zeitungsverlag „Nichon" im Jahre 1932 herausgab, ,vjrd diese Periode wie folgt beurteilt: ,,Zu jener Zeit waren die Patrioten von dem Gedanken beherrscht, dieser revolutionären Be,vegu ng entgegenzutreten." ,,Im Jahre 1919 bildete sich eine Art Block der patriotischen Organisationen" etc. Die Bildung der Kommunistischen Partei Japans. - im Jahre 1922 - konnte jedoch von der japanischen Bourgeoisie, trotz aller l\faßnahmen, die sie dagegen ergriff, nicht mehr verhindert ,verden. Seit dieser Zeit ist die Spitze der Pogro1n- und Bandenbewegung und der Unterdrückungsmaßnahmen der japanischen Bourgeoisie gegen die kommunistische Be,vegung gerichtet. Zum Kampf gegen die revolutionäre Be,vegung ,vurden nuch spezielle antikommunistische Organisationen, z. B. die „Sckka Bossidan" (Gesellschaft für den Kampf gegen die rote Gefahr), geschaffen. l\fit Ungeduld warteten die herrschenden }{lassen Japans auf einen günstigen Augenblick, u1n mit der revolutionären Be,vegung, an deren Spitze ·nunmehr die Kon1munistischc Partei stand, abzurechnen. Die Polizei entfaltete einP. breite Provokate u r- und Spitzeltäligkeit, fabrizierte mit Vorbedacht sclnvarze Listen u nd bereitete die Zertrümn1arung der revolutionären Be,vegung durch grau same Repressalien vor. Anfang September 1923, als �in Erdbeben von nicht dagewesenem Au smaß das normale ,virtschaftliche und politische Leben Japans außer Rand und Band brachte, hielt die Regierung den Augenblick für gekommen, um - gegen die revolutionäre Bewegung vorzugehen. Die furchtbare Naturkatastrophe, die ungeheure Sach"rerle vernichtete und ohnehin schreckliche l\fenschenopfer forderte, ,vurcre von der Polizei dazu ausgenützt, um alle ,,u nzuverlässigen" Elemente niederzun1achen u nd ihr Versclnvinden mit der Erdbebenkatastrophe zu erklären. Banden, die von Agenten der Gendarn1erie geführt ,vurden, veranstalteten Pogrome. Von diesen Pogromen ,vu rden vor allem die in Japan lebenden Koreaner betroffen, denen man die Einschleppu ng der revolutionären Ideen auf die japanischen Inseln zuschrjeb. i;:hva 3000 IH8

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Der Terror des japanischen lmperialismus

Koreaner und zahlreiche japanische Revolutionäre wurden auf diese Weise ermordet. Besonders empörend ,var das Verbrechen, das an der Familie des Anarchisten Ossulschi begangen ,vurde. Ossutschi, seine Frau f und sein minderjähriger Nef e, die verhaftet ,vorden ,varen, ,vurden einer nach dem anderen von dem Kapitän Amakasu in der Zelle erwürgt. Diese tierische Tat ,vurde bekannt und der allzu unvorsichtige Kapitän mußte vorübergehend verhaftet ,verden. Gegenwärtig ist er Berater im Stabe der japanischen Okkupationsarmee in der :Mandschurei. Als die Folgen der Erdbebenkatastrophe einigermaßen überwunden "'aren und die Regierung die Ergebnisse ihres l\ilassenmordens und ihrer Untcr<lrückungsmaßnahmen zusammenfaßte, zeigte es sich, daß die Bilanz für die herrschenden Klassen mehr als traurig ausf:rel: der Schwung der revolutionären Bewegung halle nicht nachgelassen, sondern im Gegenteil zugenommen. Die• Bewegung hatte einen noch revolutionäreren Charakter angenom-· men. Die Kon1munistische Partei erstarkte und entwickelte sich im Kampfe gegen die sektiererischen Ab,veichungen Fukon1olos und die bürgerlich-liberalen Strömungen der legalen �'Iarxisten vom Schlage Jamakawas. Angesichts dieser Enhvicklung entschloß sich die Regierung zu einer Politik der Peitsche und des Zuckerbrotes. Während sie auf der einen Seite fortfuhr die Revolutionäre zu verfolgen, begann sie andererseits Vorbereitungen zu einer gewissen Erweiterung des Wahlrechts zu treffen. Die Erweiterung des Wal1lrechts wurde schließlich auch angenommen. Als die Kommunisten jedoch bei den Wahlen von 1925 den Versuch·machten, ihre Abgeordneten ins Parlament zu bringen, antwortete die Regierung mit neuen Unterdrückungsmaßnahmen. Am augenfälligsten kam diese doppelzüngige Politik der Regierung darin zum Ausdruck, daß gleichzeitig mit dem Gesetz über die Erweiterung des '\\Tahlrechts ein „Gesetz zur Aufrechterhaltung des Friedens" angenommen wurde, das grausame Strafen für alle vorsah: die eine Aenderung des herrschenden Gesellschaftssystems herbeizuführen suchen. Es versteht sich, daß auch diese Politik der Peitsche und des Zuckerbrotes versagte. Die herrschenden Klassen warfen sich mit noch größerer Kraft auf die Werktätigen, sie verstärkten die Unterdriickungsmaßnahmen und verschärften den weißen Terror. Etwa 300 revolutionäre Arbeiter und Bauern wurden 1925 und 1926 wegen Beteiligung an der revolutionären Bewegung verhaftel. 189

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1927 setzte die Regierung die Verfolgung der revolutionären Elemente mit aller Kraft fort, "1obei sie ihre Wut besonders gegen diejenigen richtete, die mit der Kommunistischen Partei in Verbindung standen. 1747 Personen ,vurden in diesem Jahr verhaftet, 153 dem Gericht übergeben und zu Gefängnisstrafen von insgesamt 708 Jahren verurteilt. Die revolutionäre Be,vegung aber er• starkte ,veiter, trotz der vielen Opfer, die sie bringen mußte. Die Kerker und Gefängnisse ,varen im Verlaufe der Jahre schließlich mit politischen Gefangenen vollgestopft ,vorden, deren _Behandlung sich durch unge,vöhnliche 1-lärte auszeichnete. Das Verlangen nach einer Organisation für die Unterstützung der revolutionären Kämpfer machte sich deshalb mit allem Nachdruck'bemerkbar' und es entstand 1928 die Rote 1-Iilfe Japans, die legal zu bestehen und sogar ihr legales Organ herauszugeben suchte, jedoch rasch von der Regierung in die Illegalität getrieben wurde. Das ZcntTalorgan der Roten Hilfe Japans, ,,Kjucn Schin1- bun", konnte ,vohl noch einige Zeit lang legal erscheinen, es mußte aber bald illegal herausgegeben ,verden, "·eil eine Ausgabe nach der anderen von der Polizei beschlagnnhmt worden war. Die beginnende Krise brachte Anfang 1028 ein starkes A,nsteigen der revolutionären Bewegung mit sich. Die Regierung anh\ ortete mit l\fassenvcrhaflungen und im �Iärz dieses Jahres 1

verhaftete sie nahe1.u 6000 Personen, unter der Beschuldigung. Kommunisten zu sein. Im Oktober 1928 "'urde der Generalsekretär der Kommunistischen Partei, �iasanosuka ,vatonabe, einer der populärsten Führer und Gründer der J{onununistischen Partei Japans, bei seiner Ankunft auf Formosa ern1ordet. Im Noven1bcr desselben Jahres wurden anläßlich der Kaiserkrönung über 10 000 Arbeiter und arme Bauern in „Schutzhaft" geno1nn1en und ,;iele davon tierisch ermordet, darunter die Komn1unisten Osa,va, Kubo, Go, hvase. 547 �fit.glieder der Kommunistischen Partei Japans wurden in einem Prozeß zu nlnd 3000 Jahren Kerker vcrurteill Im �färz 1929 ermordeten Faschisten den kon1n1unistischen Abgeordneten Jamamota Senji, weil er im Parlament gegen eine Verschärfung des Gesetzes „gegen <lie gefährlichen Gedanken" aufgetreten ,var. Das Auftreten Jamamota Senjis ,Yar itn Zusammenhang mit einer Aktion der Roten Hilfe gegen die Ausnahmegesetze der japanischen Regierung erfolgt. Im April 1929 nahm die Regierung in allen größeren Städten Japans umfangreiche �lnssenverhaftungen vor. Gegen 347 �litglieder der Kommunistischen Partei ,vurdcn Prozesse inszeniert, in denen 881 Jahre Kerker 1go

Vct 'l'crror des japani$c/icn Imperialismus

verhängl \vurden. Verhaftet wurden in diesem Jahr ehva 8000 ' Personen. Anfang 1930 begannen die japanischen Imperialisten sieberhafte Vorbereitungen zum Raubkrieg gegen China zu treffen. Ein fester Bestandteil dieser Vorbereitungen ,var ein Plan zur Ausrottung der revolutionären Bewegung, die in diesem Jahr einen Höhepunkt erreichte. Im Februar und Juni erfolgten lVIassenverhafto.ngen. Im Verlaufe des Jahres wurden 2700 Revolutionäre verhaftet, 158 revolutionäre Arbeiter und Bauern zu 1649 Jahren Kerker verurteilt und 512 Revolutionäre von der Polizei in den Gefängnissen ern1ordet. �fit Beginn des Raubkrieges gegen China im Jahre 1931 hatte eine verstärkte Antikriegsarbeit der revolutionären Organisationen unter der Bevölkerung und in den Reihen der japanischen Armee · eingesetzt. Ueberall kan1 es zu großen Demonstrationen gegen den Krieg. Auf den Bahnhöfen demonstrierten die Angehörigen der eingezogenen Reservisten. In den Städten zogen die Arbeiter auf die Straße. In der l\fandschurei meuterten 200 Soldaten, in Schanghai verweigerten 300 Soldaten und :Matrosen den G�horsam und.' in Takasaki verprügelten 500 Soldaten ihre Offiziere. Auf einer Reihe von Kriegsschiffen und in einer großen Zahl von Garnisonen fanden Versmnmlungen der Soldaten und l\iatrosen statt. Die Regierung, die der werktätigen Bevölkerung unter Aufbie, tung ihres gesamten Propagandaapparates einzureden versucht halle, daß der Raubzug in der ?\Iandschurei „dein ganzen Lande Vorteile bringen würde", ging angesichts dieser Entwicklung mit noch umfangreicheren Massenverhaftungen und verstärktem Terror gegen die revolutionären Organisationen und die werktätig�n �lassen vor. Es wurden nicht nur Tausende von Arbeitern und Bauern verhaftet, sondern auch zahlreiche Studenten, Gelehrte und Schriftsteller. Die :Morde an verhafteten Revolutionären in den Gefängnissen häuften sich. In Tokio wurden z. B. an einem Tage 107 Frauen wegen Antikriegsprop'aganda verhaftet; sie sind bis auf den heutigen Tag verschollen. Unter den Soldaten und Matrosen fanden Massenerschießungen stnlt. Es gelang der japanischen Bourgeoisie jedoch nicht, mit der revolutionären Antikriegsbewegung der Massen fertig zu ,verden. Sie verschärfte deshalb den Terror weiter und �etzte die l\Iethode der systematischen '.Massenverhaftungen in verstärktem l\Iaßc fort, so dnß die Zahl der Verhafteten im Jahre 1932 über 10 000 betrug. 600 wurden vor Gericht gestellt und zu insgcsan1l 1961 Jahren 101

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Kerker verurteilt. Die führenden �litglieder des Zentralkomitees der Kon1munistischen Partei, Uteda Shigeki und S,vara Yasbimichi, starben im Polizeigefängnis an den erlittenen Foltern. Im darauffolgenden Jahre 1933 überstieg die Zahl der verhafteten revolutionären Arbeiter, Bauern, Studenten und Soldaten sogar die Zahl von 16 000. Im Februar dieses Jahres wurden vor allen1 unter den :Mitgliedern des revolutionären Gewerkschaftsverbandes „Zenkyo" 1\-IassenYerhaftungen vorgenommen: 1696. Ge­ ,verkschafts1nitglieder und Arbeiter sind unter der Beschuldigung der „Ausrufung des Generalstreiks und der Vorbereitung der Diktatur des Proletariats" verhaftet "·orden. Takiji Kobayashi, der bekannte revolutionäre Schriftsteller und Führer des Kommunistischen Jugendverbandes in Japan, "·ar ebenfalls unter den Verhafteten. Er "·urde auf einer Tokioter Polizeiwache in geradezu un1nenschlichcr '\Veise von der Polizei u1ngebrachl. Das Jah:r 1933 hatte mit seinen unerhürlcn �Ias.senverhaftungen in die Reihen der revolutionären Organisalioncn der "·erktätigen l\Iassen sclnvere Lücken gerissen. Das gesteckte Ziel, die revo­ ·�utionären Organisationen zu zerschlagen und zu zerlriin1n1em. hat die japanische Regierung jedoch nicht erreicl1en können. lm ·Gegenteil, auf dem Boden der grenzenlosen Ausbeutung und Unterdrückung der ,verktätigen �lassen durch die japanischen Kapitalisten und Gutsbesitzer, und angesichts der Opfer, die der Raubkrieg in dei: �Iandschurei und in Nordchina fortwährend von den l\iassen verlangte, erstanden der revolutionaren Bewegung immer neue Kämpfer. Die Regierung setzte deshalb mit verbissener Wut ihren Verfolgungsfeldzug gegen die revolutionären 1Iassen fort. Im Februar 19·34 ermordete die Polizei das :Mitglied des Zentralkomitecs der l{ommunistischcn Partei, den Chefredakteur ihres Zentralorgans ,,Sekki", Noro Eitaro, im Gefängnis. In verschiedenen Terrorprozessen ,vurden ehva 460 Kon1munisten zu 1250 Jahren Kerker una der Kommunist Schikama zu lebenslänglichem Kerker verurteilt. Der ebenfalls angeklagte Führer der Bergarbeiter, l{iyosi Jamnnaka, "·urde im Gefängnis ermordet. Die Zahl der Verhaftungen blieb im Jahr 1934 ,vohl hinter der des Vorjahres zurück, sie erreichte aber trotzdem immer noch die bedeutende Zahl von .rund 8000. Unser Zahlenmaterial kann nur ein ungefähres Bild von dem Umfang des weißen l\iasscntcrrors in Japan geben, da die japnni­ !,Che Polizei die Veröffentlichung von Zahlen und Angaben über 192

Der Terror de.� jupanisclien Imperialismus

den weißen Terror grundsätzlich verbietet. Der Umfang der Massenverhaftungen, Verurteilungen, Ermordungen und Erschießungen ist ohne Zweifel viel größer als unsere Zahlen zum Ausdruck bringen. In einer Erklärung des Staatsanwaltes Hirota, der speziell mit der Führung der Kommunistenprozesse beauftragt ist, heißt es: ,,Vom 15. :März 1928 bis Ende 1933 wurden 40 500 Teilnehmer der kommunistischen Be�vegung verhaftet. 3500 Personen kamen vor Gericht.·' I-Iirota beziffert also die Zahl derjenigen Verhafteten, die nach seiner 11einung verdächtig waren, an der kom1uunistischen Ucwegung un1niltelbar aktiv teilgenomn1en zu haben, allein auf über 40 000. Die Gesamtzahl der aus politischen Gründen Verhafteten rnuß also höher liegen. In welchem Ausmaß das der Fall ist, darauf läßt ein Artikel des japanischen Berichterstatters des „Völkischen Beobachters" vo1n 26. November 1934 schließen: ,,Im gro/jen und ganzen", heißt es in diesem Artikel, ,,konnte m�n mit 11/assenverlza/tungen - es handelt sich um Zahlen bis .:u 600 pro Tag und 50 090 im Jahr - der Ausbreitung der gefährlichen Gedanken nicht Herr werden." Zur Niederhaltung des wachsenden revolutionären l{ampf,villens der l\fassen ist ein riesiger Polizeiapparat aufgebaut ,vorden, der unausgesetzt vergrößert wird. Die japanische Polizei ist durch ihre Graus:unkeit und Ge· meinheil berüchtigt. Folter, Vergewaltigung, gemeiner Raub und Mord sind bei ihr an der Tagesordnung. Besonders Kommunisten werden barbarisch gefoltert. l\·Ian schlägt sie mit Stöcken und nassen Tauenden auf den bloßen Körper, gießt ihnen \Vasser in :Mund und Nase, preßt ihren Körper zusarnmen, treibt ihnen Nadeln unter die Finger- und Zehennägel, die Hände werden ihnen gewaltsam auf den Rücken gedreht und eng gefesselt. Diese Folterungen dauern ununterbrochen Tage und Nächte an. Oft werden die Opfer mit Ketten unnvickelt und die Ketten glühend g�macht. Frauen werden in ähnlicher Weise gefoltert. Zum Verhör werden sie nackt ausgezogen und an den Haaren herbeigeschleppt. Eine Schilderung über die Verhältnisse in den japanischen Polizeigefängnissen gab der im Februar 1933 von der Polizei ermordete japanische Schriftsteller und . Führer des Kon1munistischen Jugendivcrbandes, l{obayashi, in seiner meisterhaft geschriebenen Erzählung „Der 15. l\1ärz". Die Erzählung fußt auf den Tatsachen, die Kobayashi während seiner Haft im Jahre 1928 im Polize igefängnis Otara, einer mittleren Stadt der Provinz Hakkaido, erlebt hatte. 13 Weißer Terror 193

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In den letzten Jahren wurden von der japanischen Polizei Kommissionen nach Deutschland, England, Frankreich und nach anderen Ländern geschickt, um das Polizeiwesen zu studieren und die modernsten europäischen Methoden nut den japanischen Methoden- zu kombinieren. Zur Bekämpfung der revolutionären Be,vegung sind mehrere Terrorgesetze geschaffen worden, die unnachsichtig gegen die l\fitglieder der illegalen Kommunistischen Partei, der revolutionä- , ren Ge,verkschaftcn und der anderen revolutionären �fassenorganisationen angewandt ,verden. Am 7. September 1923 erließ der l\fikado das Dekret „gegen die Verbreitung falscher Gerüchte und gegen gefährliche Gedanken", das Zuchthausstrafen bis zu 10 Jahren für Verstöße im Sinne dieses Erlasses vorsieht. Am 22. April 1925 folgte diesem das vom Parlament beschlossene „Staatsschutzgesetz zur Aufrechterhaltung der öffenllichen Sicherheit". 1928 und 1934 verschärfte die Regierung diese Gesetze und gab den Gerichtsbehörden das Recht, politische Gefangene nach AbbüBung ihrer Strafe für eine beliebige Zeit ,veiter festzuhalten, "·enn „zu er,varten ist, daß sie .ihre staatsfeindliche Tätigkeit fortsetzen werden", oder „wenn sie sich ,veigern, eine Erklärung abzugeben, daß sie sich nicht mehr politisch betätigen ,verden". hn �1ärz 1935 brachte die Regierung im Parlament neuerlich eine Gesetzesvorlage zur Verschärfung des „Staatsschutzgesetzes zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit" ein. Diese Vorlage beschäftigt sich vor allen1 mit der Kommunistischen Partei ,und den l\Icthoden, ihre Agitation zu unterdrücken. Nachdem sich die bisherigen, ohnehin äußerst scharfen Terrorgesetze als ,virkungslos er,viesen haben, sollen jetzt folgende Strafbestimmungen zum Gesetz erhoben \\·erden: ,, Wer eine Organisation schafft oder leitet, die eine Aenderung der. Regierungs/ormen anstrebt, Jcann mit dem Tode bestraft werden." Die Vorlage geht so "r eit, daß alle�n die Teilnahme an einer Organisation, ,,die das Privateigentum ablehnt, mit Gefängnis bis zu zehn Jahren bestraft ,verden kann". Auch die bloße Unterstützung von kommunistischen Parteimitgliedern soll unter Strafe gestellt ,verden. Bezeichnend ist der Para_gcaph, <;laß „bisherige Anhänger der Kommunisten, die bek�hrt ,vurd·en, zunächst unter Polizeiaufsicht gestellt ,verden sollen". Mit diesem Paragraph will die japanische Polizei ihre provokatorische Zersetzungsarbeit in den revolutionären Organisationen schützen. Ein wesentliches �ioment . 194 .,

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Der Terror des japanischen Imperialismus •

dieser Zersetzungsarbeit ist die Entsendung von Spitzeln i n die Kommunistische Partei, die die Au.fgabe haben, sich nach einiger Zeit öffentlich „vom Kommunismus enttäuscht und bekehrt" zu erklären. Die Polizei benutzt sie dann als Volksredner. Der Spitzelapparat der Polizei und Gendarmerie ist in der letzten Zeit in einem kolossalen l\ilaße vergrößert worden. Bei der obersten Polizeiverwaltung wurde eine Sonderabteilung für die Verfolgung von Revolutionären und Kommunisten geschaffen. In den Häfen und auf den Schiffen sind spezielle Polizeibeamte zur ,,ideologischen" Ueberwachung eingesetzt worden. die Polizei verfügt über einen monatlichen Geheimfonds von 300 0.00 Yen, der fast ausschließlich für die Unterhaltung des riesigen Spitzelappara­ \

tes verwandt wird. Zu politischen Provokationszwecken gibt die Polizei gefälschte Nununern der kommunistischen Parteiorgane heraus, und um ihre Bcan1ten im Spitzel- und Provokationsdienst zu LSchulen, richtete sie sogar ,,marxistische Lehrkurse" ein. Auf Grund des „Gesetzes zur Aufrechterhaltung des Friedens" hat die Polizei das Recht, jede ,',verdächtige oder obdachlose Person" zu verhaften und für eine beliebige Zeit einzukerkern. Sie hat auf diese vVeise cije :Möglichkeit, jeden Werktätigen festzunehmen, der das l\fißfallen des Unternehmers oder Gutsbesitzers erregt. In der jüngsten Zeit wird die japanische Polizei speziell für die Auflösung und Verhinderung von Straßendemonstrationen ausgebildet. Außerdem wird der staatliche Gewaltapparat durch kombinierte Manöver der Polizei und der Armee für· den Straßenkampf und den Bürgerkrieg vorbereitet. Zu diesen l\Ianövern ,verden auch eine Reihe faschistischer Organisationen, bürgerlicher Jugendverbände, Studenten- und Schülerouganisationen herangezogen. Außer den verschiedenen faschistischen OfJ1ziers- und Kriegerverbänden gibt es in Japan auch eine Anzahl von Organisationen, die sich speziell damit befassen, • Streikbrecher auszubilden und den Unternehmern, der Polizei und der politischen Geheimpolizei Spitzel und Provokateure zur Verfügung zu stellen. Um die Arbeiterbewegung zu spalten„ irrezuführen und hi konterrevolutionäres Fahrwasser zu lenken, schuf die Polizei nach dem �Iuster des Zarismus auch eine Reihe von Subatow-Organisationcn. Diese Organisationen nennen sich gewöhnlich „liberal", ,,demokratisch" oder „sozialistisch�'. 1-95

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D e r ,v c i ß e T e r r o r a 1 s 1\1 i t t e l d e s K a 1n p f e s ge· g e n d.ie w a c h s e n d e r evo l u tionä r e Bewegung i n den j apa n isc h e n Kolo n i e n Furchtbar rast der ,v�iße Schrecken in den japanischen Kolo· nialgebiete.n, in der :Mandschurei, in l{orea und auf Forn1osa. Die Lage der koreanischen Bauern ist entsetzlich. Die japani• sehen hnperiallsten brachten nach der Besetzung Koreas im Jahre 1910 den besten Teil des Bodens, diie "·ichligsten Industriezweige , und alle Naturreichtümer des Landes in ihren Besitz. De r größte Teil der koreanischen Bauern hat heule überhaupt kein .Land mehr. Sie müssen das ihnen früher gehörende Land zu ,vucher• bedingungen pachten, "r obei der Pachtzins in der Regel zwei Dril• tel der Ernte und noch mehr beträgt. Der japanische Generalgouverneur von Korea hat das Recht, willkürliche Steuern auszuschreiben, und er macht von diesem Recht ,veitesten Gebrauch. Durch die grenzenlose koloniale und feudale Ausbeutung \\·ird die viele ]\Iillionen zählende koreani�hc Bauernschaft erbarmungslos in den Ruin getrieben. Sie erhebt sich deshalb in1mer häufiger gegen ihre Unterdrücker. .Anläßlich des Aufstai1des der koreanischen Bauern von Tsiandao im Jahre 1930 hausten die japanischen Strafexpeditionen mit einer geradezu unerhörten Bestialität. Ganze Dörfer ,vurden niedergebrannt und Hunderte von Bauern standrechtlich erschossen. Die Arbeiterklasse und die städtischen 1\fittclscbichtcn Koreas steu.cn nicht minder unter dem Druck der japanischen Kapitalisten, die alle Kommapdohöhen der Volkswirtschaft besetzt ha• ben. Immer öfter treten die Arbeiter in den Streik (Fusan, Söul us,v.). Ihre allgemeine Linksorientierung drückt sich im Drang zur Organisiertheit untl zum illegalen politischen Kampf aus. Seit dem Ueberfall des japanischen Imperialismus auf Tschapei und der Invasion in die J\:landschurei enhvickelt sich in Korea. die nationalrevolutionäre Be,vegung mit verstärkter Kraft. Die mit dem Eindringen der Japaner in die Mandschurei heftig an. wachsende natrionalrevolutionäre· Bewegung und die große Ausmaße annehmenden mandschurischen Partisanenkämpfe führten zur Bildung von 1nandschurisch-koreanischen Partisanentrupps im koreanischen Grenzgebiet und zu einem gewaltigen Aufschwung der nationalrevolutionären Bewegung im Innern Koreas. Die ja• 196

Der Terror des japanischen Imperialismus

panischen Imperialisten verstärkten die schon ohnehin ungeheuerliche Unterdrückung. l\iehr als 2000 koreanische Arbeiter, Bauern, Studenten und Intellektuelle wurden 1931 wegen Organisierung von Unruhen, der Beteiligung an Demonstrationen und wegen der Zugehörigkeit zu .revolutionären Organisationen verhaftet. 5000 Koreaner ,vurden des Landes verwiesen. 1932 erfolgten wiederum große l\fassenverhaftungen. So wurden z. B. allein im Januar dieses Jahres ,vegen der ürganisierung von illegalen Vereinigungen und Streiks, wegen antiimperialislischer Agitation und der Anstiftung von M:atrosen zur Rebellion und der Beteiligung an Pächterkonfliktcn ehva f>OO Personen verhaftet. Im Jahre 1933 gewann die revolutionäre Bewegung in KoTea im Zusaminenhang mit den Kämpfen der mandschurischen Partisanen. �inen dem japanischen Imperialismus besonders gefährlichen Charakter. Die japanischen Imperialisten boten alles auf, u m sich der ,.gefährlichen" Elemente in Korea zu entledigen. '\Velches Ausmaß die Verfolgungen in diesem Jahre annahmen� zeigen die Angaben der juristischen Abteilung des koreanischen Generalgouverneurs. Nach diesen Angaben ,vurden 1933 184 000 Personen verhaftet oder ad1ninistrativ oder polizeilich bestraft, weil sie politisch als unzuverlässig galten oder weil sie sich gegen die japanische Herrschaft aufgelehnt hatten. Gegen mehr als 60 000 ,vurden Gerichtsverfahren eröffnet; viele der wichtigsten Fälle befinden sich noch J1eute im Stadium der „Voruntersuchung". In den Prozessen werden grausame Urteile gefällt. In Hamheung fandJ z. B. iin September 1933 gegen 34 koreanische Arbeiter ein Prozeß wegen der Zugehörigkeit zur Organisation „Arbeiter des pazifischen Ozeans"· statt. 7 :bis 10 Jahre Gefängnis forderte der Staatsanwalt für jeden der Angeklagten und das Gericht entsprach diesen Strafanträgen auch im großen und ganzen. Im Dezember folgte ein Massenprozeß gegen 261 Koreaner, die der kommunistischen Tätigkeit und der Teilnahme an verschiedenen Aufständen im koreanischen Grenzgebiet angeklagt waren. In diesem Prozeß ,vurden 22 Angeklagte zum Tode verurteilt, 20 zu lebenslänglichem Zuchthaus, 67 zu je 10 Jahren Kerker, 5 zu je 5 Jahren und 131 zu Kerkerstrafen von 1 bis 5 Jahren. Alle Angeklagfen dieses Prozesses waren Bauern aus dem ·Kreis Tsjandao im koreanisch-mandschurischen Grenzgebiet. Die Bauern dieses Gebietes hatten sich im Frühjahr 1930 rin einer Reihe von Aufständen gegen den japanischen Imperialismus empört. In Söul fand 1934 ein Prozeß statt, der sich gegen 7 Mitglieder des Roten Kreuz('s, 7 �lit- 197

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glieder des Kommunistischen Jugendverbandes, 20 Mitglieder des revolutionären Bauernbundes und gegen 8 :rviitglieder der Liga gegen den Krieg richtete. Fast alle Angeklagten ,vurden zu langjährig�n Gefängnisstrafen verurteilt. Die „Voruntersuchungen" ,verqen von den japanischen Behörden in Korea systematisch in die Länge gezogen und in eine langandauernde .physische _und moralische Folter ver,vandelt. Im Dezember 1934 rebellierten aus diesem Grunde 70 Mitglieder des Ro�en Bauernbundes, die im Gefängnis von Den-Pchan gefangengehalten ,v1uden. Sie forderten die Beschleunigung ihres Proze8- verf �hrens. So gra�s_am die Verfolgung u�d Untcrdriickung der werktäti­ ·gen 1'fassen in Korea auch ist, die revolutionäre Bewegung ent­ :wickelt sich "reiter und die japanischen Behörden sehen sich ge­ z,vungen, den Untei:drückungs� und Unterjochungsapparal fort­ ,vährend zu verstärken. So wurden die Ausgnh�n für die japanische Polizei in Korea im Jahre 1934 um ,veitere 3 1fillionen Yen erhöht. Zur Zeit betragen die gesamten Polizeinusgnben des japanischen Imperialismus für Korea 20 1'fillioncn Yen jährlich. Eine Erhöhung der Zahl der Polizeibeamten in den bereits bestehenden Polizeirevieren und die Schaffung von 200 neuen Polizeirevieren sind vorgesehen. In der letzten Zeit ,vurde die Polizei auch mit den modernsten Waffen, wie Tanks, Tränengasbomben usw·. nusge- . rüstet. es wurde eine „Abteilung zur besonderen Verwendun,t' geschaffen und in den großen Städten Japans selbst, "rie Tokio, Osaka us,v., ·wo. viele Koreaner leben, besondere koreanische Abteilungen bei den Polizeiverwaltungen eingericntet. Unter dem Vonvand, Banditen zu bekämpfen, ,verden game Gebiete vou Strafexpeditionen überfallen und• die Dörfer von Flugzeugen bombardiert; Tausende von 1'fenschen werden dabei �e­ tötet und verstümmelt und ihr Eigentum- vernichtet oder gernubl Auch außerhalb des japanischen Machtbereichs führt die japanische Polizei gegen die koreanischen Freiheitskämpfer einen syst�matischen Vernichtungsfeldzug. Die Ermordung von koreanischen Freiheitskämpfern durch japanische Geheimagenten ist in Schanghai, also auf chinesischem Gebiet, keine seltene Erschei• nung." Nach der amerika-nischen ,vochenschrift „China Weekiy Revie\v" i�t zur Verübung dieser Morde an Koreanern· beim ja� panischen Konsulat in Schanghai eine besondere Abteilung ReschafTen und vom japanischen Kriegsministerium eine ausgesuchte t �•R

Der Tcrl'or des japanischen Imperialismus

Gruppe von Geheimpolizisten zur „Ueberwachung der koreanischen Revolutionäre" nach dort geschickt ,vorden. Anläßlich eines Ueberfalls auf das Ifaus eines Koreaners in• Schanghai nahm die französische Settlements-Polizei ,�irrtümlich" eine Anzahl bewaffneter Personen fest, die sie für Einbrecher hielt. Be� näherer Untersuchung stellte sich aber heraus, daß die ,,Ein-. hrecher" japanische Geheimpolizisten ,varen. \Vie frech die japanische Geheimpolizei vorgeht, zeigt der Fall des koreanischen Freiheitskämpfers Li Shung San, der auf offener Straße von vier japanischen Agenten in ein Auto geworfen und in eine Japanern gehörende Spinnerei gebracht wurde. Seither ist dieser I{oreaner versch,vunden. Auf Formosa wütet der weiße Terror des japanischen Imperialismus in derselben ,veise. Die geringste revolutionäre Regung der Bevölkerung ,vird auch hier :r:nit Massenverhaftungen, . Erschießungen und Strafexpeditionen beantwortet. In den 37 Jahren japanischer I-Ierrschaft wurden nahezu 50 Prozent der einheimischen Bevölkerung Formosas von den Besatzungstruppen ausgerottet. Auch auf Forinosa folgt ein K01n1nunistenprozeß dem anderen. So wurden z. B. itn Juli 1934 45 I{ommunisten zu sch,verer Zwartgsarbeit von 2 bis 15 Jahren verurteilt. In der 1'1andschurei bezeichnen brennende Dörfer und die Leichen von Tausenden und aber Tausenden von Arbeitern und Bauern den Weg der japanischen Okkupationstruppen. Der Grund und Boden der chinesischen Bauern wird beschlagnahmt und be,vaffneten japanischen I{olonisten übergeben. Die werktätige Bevölkerung der :Mandschurei setzt diesem Raubzug der japanischen Besatzungstruppen und der Behörden der mandschurischen Marionettenregierung den schärfsten \Viderstand entgegen. Im ganzen Lande kämpfen größere und kleine Partisanentruppen gegen die japanische Besatzung. Im Jahre 1934· lieferten ön der Provinz Fengtien Partisanentrup�n in einer Gesamtstärke -von nahezu 50 000 Mann den japanischen Truppen 1516 Gefechte. In der Provinz Heilunkiang gibt es fast kein Dorf, das nicht eine eigene Partisanentruppe hat. Ganze Provinzen befinden sich ständig in Aufruhr. Die Bevölkerung unterstützt die Partisanen in jeder erdenklichen ,veise, verbirgt sie und versieht sie mit Lebensmitteln und 1\funition. Die Rote Hilfe Japans führt seit dem Beginn des Raubkrieges in der Mandschurei einen systematischen Kampf geg{'n Chauvinismus und Krieg. In der l\fanclschurei selbst zählt die Rote Hilfe trotz 199

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der außerordentlich schweren Bedingungen, unter denen sie arbeiten muß, ehva 3000 Mitglieder. Gegen die Partisanen ist eine ganze japanische Armee aufgeboten ,vorden, die sengend und mordend durch das Land zi�ht und die Bevölkerung ganzer D·örfer niedermacht. ,,In der zweiten Hälfte des l\{onats April 1933 ,vurden mehr als 100 Dörfer zer- . stört und mehr als 20 000 friedliche chinesische Ein,vohner von den bewaffneten Kräften der Japaner ermordet ic - schreibt ein n1andschuriscfier Ein,vohner in einem Brief. Im November 1932 kam eine 'japanische Strafexpedition in die z,vischen 11ukdcn und der koreanischen Grenze gelegenen Dörfer Pinztingshan1, Chlengchang und Litsako\\r. Sämtliche Ein,vol1ner dieser Dörfer "·unten in-einen 70 Yard breiten Graben gejagt unrl durch das Feuer ,·on 10 l\{aschinenge,vehren s;nnt und sonders niedergemacht. Mehr nls 2700 l\fenschen fielen diesem Gemetzel zum Opfer. ,, ... Einige Bauern - berichtet ein Augenzeu�c - fühlten die Gefahr und begannen zu lnufcn, wornuf die :\laschincngcwchrc auf dil" wild ßüchlenM :\fenge Yon schreienden Männern, Frauen un<l I�indern dns Feuer cröffnel�n� Das schreckliche Geschrei konnte meilenweit gehört "·erden. Siiuglinge. Kindtr. und andere, die von den Geschossen nicht getötet wurden, mnchte man mit Bajonetten nieder. Darauf häuften die japanischen Soldaten die Leichen übercinnndcr, bedeckten sie mit ölgetränktcm Hcizmatcrinl und vcrbrnnnlc-n �t."-'

In Sansin, am Sugari-Fluß, gingen die Japaner mit Bombenflugzeugen und Artillerie gegen die. aufständischen Bauern vor. 40 Dörfer vernichtet wurden und Tausende Yon �Ienschen umgebracht. Einige bekannte Partisanenführer. "rie Teng Tsche �le und Shi Tung Hai, fielen, durch Spitzel verraten. in die Hände der Japaner. Beide ,vurden gefoltert und öffentlich hingerichtet. In den Arbeitervierteln der mandschurischen Städte werden fortwährend Massenhaussuchungen vo"rgenommen und Tausende von Arbeitern unter der Beschuldigung, mit den l{ommunisten zu sympathisieren, verhaftet. Im Jahre 1932 ,vurden von den Japanern in Fuschun 2000 streikende Bergarbeiter in den Gruben ertränkt. Zum Protest gegen die Verprügelung chinesischer Arbeiter durch ausländische Beamte traten Ende t 934 2300 chinesische Kumpels der Fuschunkohlenberg,verke in den Streik. Polizei unter Führung japanischer Offiziere griff die Streikenden an. Es kam zu sch,veren Zusammenstößen, bei denen 86 Arbeiter getötet, 66 verwundet und über 600 verhaftet ,vurden. Dem ,veißen Terror der japanischen Imperialisten fallen in der �Iandschurei auch chinesische Intellektuelle in großer Zahl 200

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Der Terror des japani,chen Imperialismus

zum Opfer. So ,vurden z. B. die Schriftsteller Fang Tschuen und Siao Pe zusammen mit ungefähr 80 Frauen und Männern mit einem Lastauto in einen Wald bei Mukden gebracht und dort mit Bajonetten niedergemacht. Ihre Leichen wurden verbrannt. • IV

D a iS j a p a n i s c h e G e f ä n g n i s r e g i 111 c

Die genaue Zahl der politischen Gefangenen in ·Japan anzugeben ist schwer, da die japanische Polizei ängstlich bemüht ist, keine Einzelheiten über_ den Umfang des Terrors in die Oeffentlichkeit dringen zu lassen. Die amerikanische Zeitschrift „China \Veekly Revie,v" schätzt die Zahl der politischen Gefangenen in .Japan auf 12 000. Die chinesische Presse in Schanghai spricht von 15 000. Die Zahl ist aber sicher höher. ,, ,vird in Japan ein Werktätiger unter dem Verdacht „gefährlicher Gedanken" verhaftet, so kommt er ins Polizeigefängnis, wo er, um ein Geständnis von ihm zu erpressen. gefoltert wird. Der politische Gefangene darf keinerlei Besuche oder Sendungen l'rhalten. Auch das SchTeiben und der Empfang von Briefen ist verboten. Die Nahrung ist völlig ungenießbar und auf ein · solches Minimum rationiert. daß die Gefangenen in der Mehrzahl hungern und schwer erkranken. Von einer ärztlichen Hilfe ist keine Rede. Die Zellen sind ischmutzig und wimmeln von Ungeziefer. Es gibt keine Schlafgelegenheit. Im Sommer le1det der Gefangene unter der fürchterlicl;icn I-Iitze, im vVinter unter der Kälte, da die Zellen nicht geheizt ,verden. Viele Polizeigefängnisse sind Einzclzellengefängnisse. Die Einz.elzellen sind so klein, daß- sich der Gerangene darin kaum be,vegen kann. Oft werden zwei Gefangen<' in diese winzigen Zellen gesperrt und den Ungliicklichen damit jede Be,vegungsfreiheit genommen. Diese fiirchterliche ,:Untersuchungshaft" dauert bei Kommunisten meist zwei bis drei Jahre. Die Ermordung von politischen Gefangenen in den japanischen Polizei- und G�ndarmeriegefängnisscn ist eine alltägliche Erscheinung. Die Kommunisten Konisdwata, Ueda, Kobayaschi, Osa,va und zahlreiche andere Kommunisten und Revolutionäre sind in Polizeigefängnissen abgeschlachtet worden. Nach Beendigung der Untersuchung kommen die Gefangenen vor den Staatsan,valt, der sie in ein Gerichtsgefängnis bringen 201

Fudsi

läßt. I-lier dürfen sie ein- oder z,veimal im 1fonat den Besuch ihrer Ver,vandten empfangen. Bis zur Urteilsfällung vergehen wieder mehrere Jahre. So ,vurden z. B. die im März 1923 verhafteten Kommunisten 6 Jahre in Untersuchungshaft gehalten, bis sie vor Gericht kamen. Das Regime in den Untersuchungsgefängnissen ist .ebenso furchtbar ,vie in den Kerkern der Polizei. Der Bericht eines Neuseeländers, des Professors \\1 illiam Bickerton, in der englischen Zeitung „i\fanchester Guardian" zeigt, ,velchen Qualen und Foltern die Gefangenen in den japanischen Gefängnissen ausgesetzt sind. Professor Bickerlon ,var 10 Jahre Lehrer an einer Schule in Tokio und "�urde im Frühjahr 1934- unter dem Verdacht :,gefährlicher Gedanken" Ycrhaftct. Er schreibt: ,,Ich wurde in eine Zelle eingeschlossen, die 12 X 5½ Fuß groß war und in der sich nie weniger als 9, gelegentlich ahcr auch 1-! Gefangene befanden. Unter meinen Zellengenossen befanden sich drei Ycrriickte, die oft Tobsuchtsanfälle hatten. Kein einziges �fal w:ihrcnd mcinc:r 14liigigcn Haft durfte ich ein Bad nehmen. Die Gefangenen mußten den ganzen Tng mit �ekreuzlen Beinen auf dem Boden hocken ... Die Brutalität der Gefängniswärter übenteigt alle Vorstellungen. Ich bin nicht geschlagen worden. Ab(>r dC'r fast tä�lichc Anblick von anderen Gefangenen, die ausgezogen und mit Stücken �t•schlagen wurden, bis ihre Rücken· mit Striemen bedeckt waren. oder von Gefangenen. die man so mit Fiißcn trnt, daß si<' nicht mehr aufstehen konnten - und all dns für geringfügige Disziplinvergehcn - war schwer zu ertragen."

Nach der Verurteilung darf der politische Gefangene von seinen Angehörigen sechsn1al im Jahr auf 5 ifinuten besucht werden. Der einzige Lesestoff sind Bücher über die Geschichte der Dynastie oder religiöse Bücher. Die Gefängnisordnung schreibt dem Gefang·enen jedes ,vort -iind jede einzelne Be,vegung vor. Einmal a1n Tage ,vird der Gefangene zu einem Spaziergang von 15 l\finuten in den I-Iof geführt. Das Essen ,vird aus ungereinigten Lebens- 1ni tteln zubereitet. Oft sind im Essen Steinchen, Glassplitter, Sand und Schmutz zu finden. Weigert sich ein Gefangene:r es zu essen, so ,vird er dazu gezwungen. Gewöhnlich besteht das Essen aus einem Gemisch von schmutziger I-Iir.�P. und Reis. \Ver protestiert, · wird gefoltert und ko1nmt in den Karzer. Der Karzer ist in der �egel eine Eisenbetonzelle, die sechs japanische Fuß groß ist und unter der Erde liegt. In diesen Zellen herrscht eine so furchtbare Kälte, daß. es noch kein Gefangener länger als 8 Tage darin ausgehalten hat. l\fit Karz�r bestrafte Gefangene gehen zu- 1ncist . nach 8 Tagen Eisenbetonzelle elend zugrunde. Das Gefängnisrcgin1c in der l\Iandschurei ist noch grausamer, ja sogar grausa�1er als das der Kuo1nintanggefängnisse in China. 202

Der Terror des japanischen Imperialismus

:Man geht mit gemischt japanisch-chinesisch-europäischen Methoden gegen die Opfer vor. Wer einmal in 'einem japanischen Gefängnis'in der :Mandschurei ge.sessen hat, ,vfrd - ohne Ausnahme - nie ,vieder gesund, wenn er es überhaupt jemals lebend verläßt. Chinesische und japanische Folterknechte teilen sich hier mit russischen ,veißgardisten in die „Arbeit". „In einem kleinen Keller, ohne die gcr.ingste Luftzufuhr - so beschreibt ein entflohener Gefangener ein Gefängnis in der Umgebung von Mukden - sind über 40 Gefangene, l\Hinner, Frauen, Greise und Kinder, eingesperrt. Der Raum ist so klein, daß die Gefangenen gezwungen sind, ständig zu stehen. Es ist unmöglich sich hinzulegen, und schon gar nicht, sich zu bewegen. Man drückt sich noch mehr zusammen, um ein Plätzchen freizuhalten, wo die Notdurft Yerrichtet werden kann. Es hängt ganz von der Laune der Gefängniswärter nb, ob die Gefangenen Essen erhalten. Täglich holt man Gefangene heraus. die nie wiederkehren. An ihre Stelle treten sofort andere. Kein einziger Gefangener hnt die Hoffnung, jemals wieder freigelassen zu werden."

Eine Bäuerin, die sich gegen einen Vergewaltigungsversuch japanischer Offiziere gewehrt hatte, wurde im Gefängnis mit Händen und Füßen an ein Kreuz gebunden. Dann goß inan ihr Pelroleun1 in die Nase und Essig in den l\:lund, schrntt ihr die Briiste , ab und stieß einen ddcken I-Iolzstock in ihre Scheide. Die Unglückliche starb unter gräßlichen Schmerzen. :Methoden, mit -denen in -der :Mandschurei gefoltert ,vird, sind: an den Fingern aufhängen, Eisenkugeln zwischen die Rippen treiben, Schweinsborslen in die Harnröhre stecken, Pfefferwasser in die Nase gießen, die Opfer über einem Holzfeuer schmoren und andere bestialische Erfindungen.

Die militärfaschistischen Machthaber .Japans glauben durch ihre zügellose Schreckensherrschaft der revolutionären Bewegung Herr zu ,verden. Sie geben sich der Hoffnung hin, durch Terror und Unterdrückung, durch Folter und Kerker die Kampfkraft und den l{ampfwillen der l\lussen ersticken zu können. · Sie n1einen, die „gefährlichen Gedanken" auszurotten, wenn sie Träger dieser Gedanken einkerkern, bestialisch ermorden Qder nuf „gesetzlichem" \Vege dem Tode überliefern. Die :Machthaber Japans täuschen sich jedoch. Die revolutionären Streikkämpfe der Transportarbeiter Tokios, die letzten Bauernrevolten in Sidsucka, Kumamota und im Kreise Tahoku, die machtvolle Partisanenbewegung in der besetzten �landschurei

A • •

Fudsi

und in Nordchina, die stets aufs neue auflodernden revolutionären ,v !{ämpfe der erktätigcn Formosas und Koreas be,veisen, daß .der ,veiße l\Iassenterror der japanischen Ausbeuter trotz aller Grausanikeit und1 Brutalität nicht imstande ist, die revolutionäre Be­ ,vegung aufzuhalten, und daß in dem Be,vußtsein der werktätigen l\fassen Japans und der l\fassen der japanischen Kolonialgebiete die Idee des revolutionären Sturn1es heranreift.

•

DER TERROR DER IMPERIALISTEN UND DER KUOl\HNTANG IN CHINA

Von K a n Si n

I \ Da s V e r h ä l t n i s z w i s c h e n d e n e i n h e i1ni s c hen rea k t ionürcn K rüft e n u n d d e n I m p e r i a l i s t e n

,,,vo der herrschende Imperialismus eine soziale Stütze in den Kolonien braucht, verbündet er sich vor allem mit den herrschenden Schichten der früheren sozialen Ordnung - den Feudalen und der Handels- und �Vucherbourgeoisie - gegen die l\Iehrheit des Volkes. Ueberall versucht der Imperialismus, die vorkapitalistischen Forn1en der Ausbeutung (insbesondere auf dem Lande), die die Grundlage für die Existenz seiner reaktionären Bundesgenossen bilden, zu erhalten und zu verewigen. Die Volksmassen dieser Länder werden gezwungen, gewaltige Sumn1en für die Erhaltung des Militärs, der Gendarmerie und des administrativen Apparates des kolonialen Rcgilnes zu zahlen." In diesen drei Sätzen bringen die „Thesen über die revolutionäre Bewegung in den Kolonien und Halbkolonien" des VI. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale* kurz und präzis das Verhältnis zwischen den I1nperialisten und den einheimischen reaktionären Kräften in den Kolonien und Halbkolonien zum Ausdruck. China ist ein klassisches Beispiel für ihre Richtigkeit. Wegen des begrenzten Umfanges unserer Abhandlung ist es unmöglich, die Frage des gegenseitigen Verhältnisses z,vischen den ehemaligen chinesischen Unterdrückern (z: B. zwischen der mandschurischen Dynastie, den Peyang-Militaristen) und den hnperialisten zu behandeln. '\Vir beginnen deshalb mit der Beschreibung dieses gegenseitigen Verhältnisses in .der letzten Zeit, d. h.

• Protokoll des VI. \Veltko.ngresses der Kom,nunislischen Internationale, IV. Band.

205

Kan Sin

seit Errichtung der sogenannten Nankinger Tschiang Kai Schek· Regierung. Nach dem Verrat Tschiang Kai Scheks an der nationalrevolutionärcn Bewegung im April 1927 haben die Imperialisten eine vollkommene Einheitsfront mit den Gutsbesitzern und der Bourgeoisie des Kuomintangregimes hergestellt, um die antiimperialistische Bewegung und die der Arbeiter und Bauern, mit der Kom- 1nunistischen Partei an der Spitze, zu unterdrücken. Diese Ein· heitsfront fand ihre Anwendung auf allen Gebieten der Unterdrückung und Verfolgung der revolutionären und antiimperialistischen Bewegung Chinas. Eine politische Polizei der ausländischen :Mächte oder der chinesischen Behörden gab es bis zum Jahre 1925 in China nichl Erst nach den :Massakern der britischen In1perialisten im �lai, Juni und Juli 1925 in Schanghai und Kanton, die den großen Ge. neralstreik in diesen Städten zur Folge halten, gingen die i1npcria· listischen Staaten dazu über, in China eine spezielle politische Polizei zu schaffen. Heute haben die I111pcrialistcn in allen Pachtgebieten und Konzessionen einen großen und gut ausgebauten politischen Polizeiapparat mit Geheimagenten, Betriebsspitzeln und besonders ausgebildeten Truppen gegen Demonstrationen und Aufstände etc. Die Arbeit der imperialistischen politischen Polizei beschränkt sich nicht auf die ausländischen Konzessionen und Pachtgebiete, sondern erfaßt alle wichtigen Städte Chinas, alle Häfen des Pazifik und sämtliche Handelsschiffe, Fracht- und Passagierdampfer der Fluß- und SeeschifTahrt. Jeder imperialistische Staat hat seinen eigenen Apparat. Gegen die revolutionäre und antiimperialistische Bewegung jedoch stehen alle in ständigem Kontakt miteinander. .. Die Kuomintang hat ebenfalls ihre politische Polizei. Sie ist mit Hilfe der Imperialisten organisiert und aufgebaut worden. Hunderte von englischen, amerikanischen, deutschen und ebenso japanischen Polizeibeamten arbeiten als Berater und Instrukteure in der Kuomintangpolizei. l\fit Hilfe dieser ausländischen Polizeiberater und Instrukteure konnte der Polizeiapparat der Kuomintang im· Oktober 1934 in den chinesischen Stadtvierteln Schanghais bereits mehrere Uebungen in der Unterdrückung von Straßenkämpfen, Aufständen, Meetings und in der Auflösung von Demonstrationen und Versnmmlungen veranst;iltcn. Die Einwohner wurden gezwungen, an die· sen Uebungen teilzunehmen. :Mit Hilfe der deutschen und japa-

. 206,

Du Terror der lmp:uialislcn und der Kuomintang in Cl1ina nischen Instrukteure wurde auch die Gendannerie der Kuomintang. in großem :Maßstab aufgebaut, ein umfangreicher Geheimund Betriebsdienst organisiert und Truppen zur besonderen Verwendung des Kuomintangbüros geschaffen. Der schlim1nste Typ der chinesischen politischen Polizei sind die von Tschiang Kai Schek organisierten „Blauhemden", rein terroristische Banden, deren Mordtaten sich riicht nur gegen die Kommunisten richten, sondern gegen alle Antiimperialisten, antijapanischen Kämpfer und gegen alle Gegner Tschiang Kai Scheks unter den Kuomintang- und Nicht-I{uomintangmilitaristen und .-Bürokraten, ja sogar gegen alle linksgerichteten und ehrlichen Schriftsteller, Redakteure, Schauspieler, Künstler us,v. (Auch der Kuomintangführer Ha I-Ian \,Ving. steht auf ihrer Liste.) Hunderte von Arbeitern und Kom1nunisten starben bereits durch die Hände der Blauhemden.. Sie ermordeten den bekannten ,?rofessor und linken Kuomintangführer Yang Ching Fu, der Generalsekretär der chinesischen Akademie der ,vissenschaften und Generalsekretär der von Sung Ching Lin (Fr.au von Sun Y at Sen). gegründeten „Vereinigung zur Verteidigung der Rechte des chinesischen Volkes" ,var; sie ermordeten den chinesischen Zeitungskönig Si Liang Tsai, der sich gegen die japanfreundliche Politik Tschiang Kai Scheks gewandt hatte; sie verübten ein Attentat auf den General Chi 1-Iung Tscha' ng, ·aer 1933 in Tschachaörl hartnäckig gegen Japan gckän1pft und näch seiner Niederlage die Antifaschistische Liga in Nordchina gegründet hatte. Die Blauhemden verüben nicht nur Meuchelmorde, sie verschleppen auch Tausende von antiin1perialistischen und antijapanischen Arbeitern, Studenten, Angestellten _und Schriftstellern. Die bekannte Schriftstellerin Ding Lin wurde von ihnen verschleppt und befindet sich jetzt im Gefängnis von Hang-chow. Sie verschleppten die beiden Schriftsteller Pan Tse Nien und Yen Schou Yin und prügelten sie zu Tode. Der bekannte Freidenker und antiimperialistische Schriftsteller Schi Ye, einer der aktivsten Organisatoren des Antikriegskongresses in Schanghai, ist ebenfalls von ihnen verschleppt und später in Nanking crsch�ssen ,vorden. Die ausländischen Instrukteure haben ein ganzes System von Polizeiprovokationen eingeführt. Sie geben Polizeizeitungen heraus, z.B. in Schanghai die Tageszeitung ,.Tsing Pao". in Schanghai und Peiping die zweimal wöchentlich erscheinende „She Hui Sin \Vun", in Hankau die „San Doi Tschin Lan" sowie �lonats- und Halbmonatsschriften, wie „Tsen Kun" (,,Vernichtung der Kom- 207

Kan Sirt 1nunisten''), ,,Han Sue" usw. l\1it diesen Zeitungen insze eren � sie il:lfame Hetzen und Gerüchte gegen die antiimperialistischen und antijapanischen Kämpfer und gegen die Funkl�onäre und FiihTer der Kommunistischen Partei. Nicht nur vor den re,·olutionäl'en Gedenktagen der l\Iassen, sondern zu jeder ihnen notwendig erscheinenden Zeit berichten sie über angebliche Demonstrations- und Streikvorbereitungen der Kommunisten, veranlassen sie St:ra ßenrazzien, l\Iassenverhaftungen und Erschießungen durch Sond.el'nberichte. Sie versuchen auch, in die revolutionären Orga· • msa honen einzudringen, um sie zu zersetzen und z u paralysieren • . kaufen sich T;rotzkisten, Chon-Du-Sin- und Lo-Tschang-lun-Ele· mente, und benutzen sie als Lockspitzel und Spione. z,vischcn der chinesischen und der auslündischen Polizei und ihren Geheimagenten besteht eine enge Zusammenarbeit. Bei d� Verhaftung von freidenkenden, antiimperin.listischcn und anti· japanischen Kämpfern, Kom1nunistcn un<l allen „verdächtigen·· Personen wirken die ausländische und die chinesische Polizei im· iner zusamn1en. \Venn die chinesische Geheimpolizei den cngli· sehen, amerikanischen, französischen und japanischen Behörden der auslänilischen Niederlassungen Angaben über politisch ,·erdächtige Personen macht, die in den Niederlassungen leben, so erhält sie von den Konsulaten ohne weiteres die Erlaubn is, die Betreffenden zu verhaften. \Venn es sich jedoch um kriminelle\ erbrecher , wie Banditen, Besucher von Opium- und Spielhöllen. Kokai nschm ugglcr usw. handelt, dann besteht diese Zusammen· arbeit bisweilen nicht. In Schanghai gibt es seit langem die von der ausländischen und c hinesische n Geheimpolizei gemeinsam gegründete antikommunistische Organisation „The Constitutional Defense League'\ Vor einiger Zeit wurde auch ein gemeinsamer antikommunistischer Fonds geschaffen. Für den Austausch von Nachrichten zwischen den chinesischen und den verschiedenen ausländischen Behörden besteht ein spezielles geheimes Informationsbüro, das �rtlich und über ganz Cl1ina und sogar in Verbindung mit Korea, Formosa und den Südseeinseln arbeitet. Ein klassisches Beispiel für die „Zusammenarbeit" ist die Verhaftung eines indonesischen Gewerkschaftsfunktionärs in Hong 4

kong im Jahre 1931. Die Briten folterten ihn und ve�langten Adressen aus Singapore und Birma und drohten mit der Auslieferung an <Jie Kan toner Henker. Dann kan1 die holländische Gebeitnpolizei. Sie wollte Adressen aus Indonesien und forderte seine Auslicfe- 208

Der Terror der Imperialisten und der l{uomintang in China

rung. Es kamen französische und amerikanische Geheimagenten, die ihrerseits Adressen und Angaben über seine Tätigkeit in Indochina und auf den P!1ilippinen erzwingen ,vollten, und schließlich stellte sich die chinesische Polizei aus Kanton und Schanghai ein und verlangte seine Auslieferung. Seither ist j ede Spur von dem ,; verhafteten indonesischen Gewerkschaftsführer verlorengegangen. Ein Teil der Zusan1n1enarbeit besteht in der gegenseitigen Auslieferung von Revolutionären und des Kon1munisrnus Verdächtigen. Der größte Teil der in Schanghai hingerichteten Arbeiter und Revolutionäre wurde von der Polizei der ausländischen Konzessionen an die chinesischen �Iilitärbehörden ausgeliefert. Zun1 Beispiel: 1927 Tschau Schi Nien, Organisator des dritten Schang-

t h'aier Arbeiteraufstandes, :Mitglied des Zentralkomitees der K�1n­ munislischen Partei Chinas, und Chen Yen Niens, Sekretär des Kwantung-l\\vangsi-Bezirkskomitees und Organisator des Kanton­ ) Hongkonger Generalstreiks im Jahre 1925/26; 1930 Sian Tsung Fa, Sekretär der Konununistischen Partei Chinas, und Yuen Dai Jen, der geliebte Führer der Jugend und l\1itglied des Zentralkomitees der KPCh; ferner eine Reihe bekannter Gewerkschaftler, Schriftsteller und Redakteure, darunter Li Cho,v Schi, Lin Yu Nan, Chu E Pin, Cho :Mon Siun usw. Sie wurden im Jahre 1931 von den l englischen und französischen Behörden in Schanghai an die chinesischen Behörden ausgeliefert. Sian Tschin Jui, eine hervorra- 1 gende Revolutionärin und feurige Rednerin, i\ilitglied des Zentral- / komitees der KPCh, wurde verhaftet und durch die französischen Behörden der französischen Konzession trotz schärfsten Protestes der breiten Oeffentlichkeit an die chinesischen l\Iachthaber in I-Iankau ausgeliefert, die die tapfere Frau hinrichteten. Im November I 1934 wurde auf die antijapanischen Generale Chi Hung Tschang und Shen Ji Tschi im französischen Viertel Tientsins durch Tschiang Kai Scheks Blauhemden ein Attentat verübt. Schwer venvundet lieferlen die französischen Behörden die beiden Gene• rale nach dem Attentat an die chinesischen Behörden aus, die sie dann in Peiping hinrichteten. Nach China geflüchtete Revolutionäre aus den Kolonien ,verden von den chinesischen Behörden an die in1perialistischen Staaten ausgeliefert. Hunderte von revolutionären Koreanern, Formosaern, lndoncsen, Indochinesen und Indern aus clcn1 Innern Chinas sind durch die Kuomintang den in1perialistische11 Behörden bereits ausgeliefert worden. Charakteristisch ist die Auslie­ J ferung eines Koreaners, der der Organisierung des Attentates ge- · a Weißer Tcrro1· 209

' ., t • 1 l , 1 t 1t ,1'

l Kan Si11

gen den japanjschen Oberkommandierenden und den japanischea Gesandten zur Zeit des japanischen Ueberfalls auf Schanghai�

1 schuldigt wurde. Es gibt kein Verbrechen, das die politische Polizei der imperialistischen Regierungen und die politische Polizei der Kuom�

1 tang in China nicht begehen würden.

II D e r w e i ß e T e r r o r v o r d e r He r rsc h a ft T s c h i a n g Ka i S c h e ks i n Na n k i n g

Der weiße Terror vor der Herrschaft Tschiang Kai Schcks utnfaßt die Zeit vom 4. Mai 1919 bis zum 12. April 1927. Der weilt Terror hatte in dieser Periode zwar bereits scharfe Formen anl!e­ nommen, aber so zügellos wie heule war er noch nicht. Die Studentenunruhen vom 4.. 11/ai 1919, die sich auf alle Universitäten und Schulen erstreckten, waren <lie erste antümperi:l­ listische, vor allem anlijapanische Bewegung in China, die Massenbasis hatte. Die Bewegung entstand unter dem Einfla der großen russischen Oktoberrevolution. die den unterdrücklal Völkern des ehemaligen zaristischen Reiches die nationale und soziale Befreiung gebracht hatte. Am 4. �Iai 1919 demoliert und verbrannten die Pekinger Studenten die Villen dreier Minister der Den Tschi-Tschuoy-Regierung, die den 21 japani chts! Forderungen zugestimmt und den Japanern die früheren Redttt der deutschen Imperialisten in Schanlung zugesprochen hatten. Zahlreiche Pekinger Studenten und \Vcrklätige wurden \'erhaft Sie mußten jedoch infolge der gigantischen, durch ganz Ch.im gehenden Streiks und Demonstrationen der Arbeiter, Studenten und Kaufleute wieder freigelassen werden. Die drei verantwortlichen Minister wurden abgesetzt und die Regierung mußte zurücktreten. Diese Ereignisse waren ein starker Anstoß für die Ent· Wicklung der revolutionären Bewegung in China. Die Erschießung der Eisenbahner am 7. Februar 192J durch den General Wu Pei Fu war das erste große Massaker, das dit chinesischen Militaristen im Auftrage der Imperialisten unter der Arbeiterschaft veranstalteten. Unter der Führung der Kommurustischen Partei wollten die Eisenbahner die einzelnen Eisenb:ihnergewerkschaften, die überall entstanden waren, zu einem , er, band im Reichsmaßstabe zusammenschließen. 210

/)er Terror der Imperialisten und der Kuomintang in China

Der qründungskongreß sollte in der Stadt Chenchon (Provinz I-Ionan), einer Station der Hankau-Pekinger Eisenbahnlinie, stattfinden. \iVu Pei Fu, ,der damals zum Agenten des britischen Imperialisn1us wurde, gab zuerst die Erlaubnis für die Durchführung des Kongresses, und darauf überfiel er die Versammlul}g, um die Teilnehn1er zu verhaften. Die Eisenbahner grifTen zum Streik und Hungerstreik. Am 4. Tage des Streiks, am 7. Februar, ging \:Vu Pei Fu gegen die Streikenden vor und richtete ein Nlassaker unter ihnen an. 39 Eisenbahner wurden erschossen oder hingerichtet, 300 verwundet, 27 ins Gefängnis geworfen und mehr als 500 von der Arbeit entlassen. Der Vorsitzende der I-Iankauer Eisenbahnergewerkschaft, Lin Tschang Tien, und der Rechtsanwalt und Justizberater der Roten Hilfo, Schi Yan, der sich für die Verhafteten eingesetzt hatte, wurden durch die Henker \,Vu Pei Fu's hingerichtet. Das I\lassaker und die Hinrichtungen wurden von den l\Iassen in ganz China mit riesigen Protestkundgebungen und Demonstrationen, die besonders großen Un1fang in Peking und Hankau an- nalunen, beantwortet. Das Blutbad der britischen /Jnperialisten im Jahre 1925 in Schanghai und Kanton steht mit einer Solidaritätsaktion der chinesischen Boten Hilfe im Zusmnmenhang. An1 15. l\1ai beginnt in einer jnpanischen Spinnerei in Schanghai ein Streik, weil der Unternehmer Versprechungen (Lohnerhöhung und Verbesserung der Behandlung), die er bei einem vorangegangenen Streik ge1nacht hatte, nicht einhielt. Als die Arbeiter die Arbeit niederlegten, erschießt ein japanischer Aufseher den kommunistischen Arbeiter Koo Tjin Hung und verwundet sieben andere Arbeiter durch l\1essersliche. Ueber diese Bluttat bricht eine maßlose Empörung unter der Schanghaier Bevölkerung aus. Die Hole Hilfe und die Arbeiterhilfe veranstalten Samn1lungen für die Angehörigen der Getöteten, für die Verwundeten und für die streikenden Spinner. Die imperialistische Polizei, insbesondere die englische, unterdrückt die San1melaktion. Eine große Bewegung gegen das britische Polizeiregime und gegen das Internationale Viertel Schanghais beginnt sich zu entwickeln. Am 30. :Mai organisierten die Schanghaier Studenten und Arbeiter Sti:aßen1neetings und Demonstrationen unter der Losung: ,,Nieder mit dem Imperialismus!" Trotz der Verhaftung zahlreicher Studenten und Arbeiter durch die britische Polizei dauerten die Meetings an. Schließlich zogen die �lassen vor dns Büro u• 211

Kan Sin

1 der britischen Polizei auf der Nanking-Road in Schanghai und verlangten die Freilassung der mehr als 200 Verhafteten. Die Polizei schoß in die l\Ienge; 50 :Menschen wurden verwundet 20 getötet. Die Antwort war ein Generalstreik gegen den britischen und internationalen Imperialismus, der sich rasch über ganz China ausdehnte. In Schanghai streikten 800 000 Arbeiter, Angestellte und Studenten. Alle Geschäfte waren geschlossen. Besonders heftige Formen nahm der Streik in Südchina an, wo damals die revolutionäre Kantonregierung herrschte. In Hongkong streikten Hun· derltausende chinesische Arbeiter, Handels- und Hausangest ellte. sie verließen die Stadt und überließen die Engländer sich selbst. Auch das Kantoner englische Viertel wurde stillgelegt. 1 Am 23. Juni wurde in Kanton unter Führung der Gewerkschaf·

i1 ten und der Kommunistischen Partei eine riesige Demon tration 1 abgehalten. Die Demonstration wolllc am ausländischen \·ier1d Shamen vorbeiziehen. Sowie die Demonstranten jedoch in die Nähe des Viertels kamen, schossen die Briten 1nil Maschinen!?e­ wehren in die Massen. Mehr als 70 :Menschen wurden getötel :I Diesem Massaker folgte eine breite und 1niichtige Entfaltllße der nationalrevolutioniiren Bewegung in ganz China und die Fortsetzung des Hongkonger und Kantoner Streiks gegen den britischen Imperialismus bis Herbst 1926. \Vährend dieses Kampfes hat die junge chinesische Rote Hilfe für die Verhafteten, Verwundeten und für die Angehörigen der Gefall.enen Großes geleistet und wuchs zu einer mächtigen Massenorganisation heran. Der Ueberfall der Tuan-SJte.:Sui-Regierung auf die Massendemonstration am 18. März 1926 in Peking fällt in die Zeit des großen Hongkong-Kantoner Streiks .gegen die Briten. Die in Südchina stürmisch wachsende revolutionäre Bewegung hatte auch auf Nordchina übergegriffen. Den unmittelbaren Anstoß zu der Demonstration vom 18. März in Pe�ing gab die Note der acht Mächte des Boxcrverlrages an die Tuan-She-Sui-Regierung. In der Note war die Regierung aufgefordert worden; gegen die Volksarmee, die mit der damaligen revolutionären Kantoner Regierun.l! sympathisierte, vorzugehen. Die Hauptlosungen der Demonstration, die einen gewaltigen Umfang angenommen haltf, waren: ,,Rücktritt der Tuan-She-Sui-Regierung", ,,Annullierung des ungleichen Vertrages über den Boxeraufstand", ,,Zurückziehung aller ausländischen Truppen und Kriegsschiffe aus Peking und Tien- 212

:per Terror der Imperialisten und der J(uomintang in China tsin", ,,Für die Volksar1nee". Die Tuan-She-Sui-Regierung ließ die Den1onstration vor dem Regierungsgebäude durch Truppen überfallen und mit l\1aschinengewehren beschießen. Es wurden nach Feststellungen der chinesischen Roten Hilfe 4 7 Menschen getötet und 132 verwundet; 40 Personen ,vurden vermißt. Die Demonstration ,var für ,die ,veitere Entwicklung der revolutionären Bewegung in Nordchina von großer Bedeutung. Die große Beschießung 1-Van-lisiens am 5. September 1926 durch britische Kriegsschiffe zeugt von dem scharfen Kampf z,vischen -dem chinesischen Volke und dem in Szetsch,van eindringenden britischen Imperialismus. Die nationalrevolutionäre Be,vegung war bereits bis nach ,vestchina, nach Szetschwan vorgedrungen. Eines Tages hatte ein britisches Handelsschiff eine chinesische �Iilitärdschunke geram1nt, wobei 58 Chinesen ertranken. Unter dem Drucke der Bevölkerung -beschlagnahmte der chinesische 1filitär- 1nachthaber ,,ran-Hsiens das britische Handelsschiff, ,vorauf die Engliinder am 5. September mit der Beschießung der Stadt durch eine Reihe von ·britischen Kriegsschiffen antworteten. Nach Angaben von „Guide \Veekly", des damaligen Zentralorgans der Kommunistischen Partei Chinas, von1 10. Oktober 1926 wurden bei dem Bombardement 1nehr als 5000 Einwohner getötet und verwundet und über 1000 Häuser zerstört.

III

A c h t Ja h r e K u o m i n t a n g tc r r o r l\Iit dem Staatsstreichversuch Tschiang Kai Scheks am 20. l\1ärz 1926 in I{anton isetzt der Terror der Kuomintang gegen die Arbeiter und antiin1perialistischen J{än1pfer ein. Tschiang Kai Schck versuchte, die Kantoner Arbeiter zu entwaffnen und gegen die Kommunistische Partei vorzugehen. Der Versuch 1nißlang damals. Anfang 1927 löste Tschiang -Kai Schek mit Hilfe der Im-­ perialisten die Gewerkschaften unter demagogischen Losungen auf und ließ den Vorsitzenden des Gewerkschaftsbundes von Nanchang (Provinz Kiangsi), Tschen Dshen Sian, erschießen. Das war der erste offene :Mord Tschian_g Kai Scheks an einem Arbeiterführer. Am 12. April 1927 wird die nationale Bourgeoisie Chinas n1il Tschiang Kai Schck an der Spitze offen zur Verräterin an der nationalen Revolution und zum J1undesgenosscn der Imperialisten 213

l

Kan Sin

und chines-ischen Gutsbesitzer. Mil seiner Soldateska und den Banditentruppen „Grµner und Roter Bund" 1nacht Tschiang Kai Schek an diesem Tage einen Ueberfall auf die Schanghaier Ar· beiterschafl. Ueber 1000 Arbeiter und der Vorsitzende der Schang· haier Gewerkschaften, Ho Sung Lin, werden getötet, Tausende verhaftet, die Gewerkschaften und andere niasscnorganisationen in die Illegalität getrieben. Der Kantoner Machthaber Li Dschi Schin folgt dem Beispiel Tschiang Kai Scheks, er löst das ruhmreiche Kanton-Hongkonger Streikkomitee auf und läßt Hunderte von Funktionären erschießen. Der kommunistische Funktionär, der. flammende Tribun Liau Tsu-Nü wird aus dem Krankenhaus herausgeschleppt und mit Bambusstöcken erschlagen. Im Juli desselben Jahres wird die linke Kuomintang, mit dem Henker '\:Vang Tin '\Vci an der Spitze, die bisher zusammen mit den Kommuni�tcn die \\"uhanregierung gebildet hatte, zur Verräterin. Als daraufbin die Arbeiter von '\Vuhan, Tschangscha, Pinschang, Kiu-kiang, Nantschang, \

11! Kanchow usw. und die Bauern von Hunan, Hupeh und Kian ' '\Viderstand leisten, wird auf Befehl der Kuomintanghenker ,·on '\Vuhan ein grausames Blutbad in den Stüdtcn und Dörfern angerichtet. Die Kuomintang erklärt die Kommunisten in ganz China für vogelfrei. Tschau Schi Nien, der Parteiorganisator Schanghais, ein talentierter Funktionär für :Massenarbeit, und 1 Chen Yan Nian, ein herYorragender Führer der Kommunistischen Partei, werden in Schanghai hingerichtet. Der im Norden Chinas herrschende reaktionäre General

• 1 Tschang Tso Lin läßt am 27. April 1927 in Peking über 20 Re,-o­ lutionäre hinrichten, darunter Li Ta Tschau, einen der Begründer der Kommnnislischen Partei Chinas und :Mitglied ihres Zentralkomitees.

l Die Rote Hilfe, damals bereits eine Massenorganisation, muß ebenfalls, wie alle anderen revolutionären Organisationen, in die

\ Illegalität gehen. Trotzdem verstand sie es, die Massen der Ver­

1 hafteten und die Angehörigen der Hingerichteten zu unterstütze? und Hunderten von Revolutionären, die von der Kuomintang rmt dem Tode bedroht wurden, zur Flucht ins Ausland :,.u YU• helfen. Die zweite Terrorwelle beginnt mit der Niederlage der Kantoner Kommune, die am 11. Dezember 1927 gebildet worden war. _ Die Kantoner Kommune halte die Etappe der Sowjetrevolution in China eröffnet. Die Imperialisten und die Kuomintang verstan- 214

Der Terror der Imperialisten und der Kuomintang in China

den das sehr wohl und antworteten damit, daU sie Kanton i n eine Totenstadt verwandelte1.:!. Ungefähr 7000 Arbeiter, Studenten, städtische Annut und Soldaten werden von ihnen innerhalb l\antons crn1ordet, darunter der Organisator des Kantoner Auf ­ standes und Sekretär des Kwangtunger Bezirkskomitees der Kommunistischen Partei, Tschang Ta Lui. Die Terrorwelle übertlu­ t�t ganz China und erfaßt .besonders das Gebiet des Jangtseflusses. Der weiße Terror konzentriert sich nicht nur, wie früher, auf die Städte, sondern greift auch auf das flache Land über. Die Kuomintang gibt ihre berüchtigte Parole „Lieber tausend Unschuldige erschießen, als einen Kommunisten am Leben lassen" heraus. Auch vor Bürgern der UdSSR macht der Terror nicht halt. In Kanton werden zwei Angestellte des Konsulats, darunter der Vizekonsul der UdSSR, erschossen, in Schanghai und Hankau Bürger und Diplon1aten der UdSSR verhaftet und ausge,viesen. Die Kuomintanghcnker wüten mit blindem I-Iaß gegen alles, ,vas mit „Sowjets" überhaupt dn irgendeinem Zusammenhang steht. Im Sommer 1928 ,vird auch der Sowjet von I-Iailufäng, der im Nove1nber 1927 unter Führung Peng Pais gebildet ,vorden war, durch eine große OITensive der Kuon1intangmilitaristen gestürzt. Zehntausende von Arbeitern und Bauern werden umgebracht, Hunderte von Dörfern vernichtet. Tausende von Arbeitern und Bauern mußten sich �n die Berge zurückziehen. Neben den vielen namenlosen Opfern fallen im Jahre 1929 Peng Pai, :Mitglied des Zentralko1nitees der Komn1unistischcn Partei und Organisatof des ersten Sowjets iin China (in Hailufäng) und Yan Yin, gleichfalls :Mitglied des Zentralkomitees und Leiter ihrer militärischen Abteilung. Beide wurden in Schanghai hingerichtet. Die Internationale Rote Hilfe organisierte gegen diesen bestialischen Terror der Imperialisten und der Kuomintang eine großzügige internationale Kampagne. In der ganzen Welt wurden Sammlungen zur Unterstützung der Angehörigen der ermordeten Komn1unarden von Kanton und der chinesischen politischen Gefangenen veranstaltet. Die unterdrückten Klassen und unterdrückten Völker aller Länder gedenken seitdem alljährlich der Helden der Kantoner Kommune. Die dritte Terrorwelle wird durch die Niederlage des Sowjets in Tschangscha (Provinz I-Iunan) im September 1930 eingeleitet. Die Sowjetbewegung, die sich nach dem Sturz der Kantoner Kommune hauptsächlich auf dem Lande, in Kwantung, Kiangsi, 216

Kan Sin

Hunan und Hupeh ausgedehn t hatte, fäng t an, wieder die großen Städte zu erfassen, in denen die revolutionäre Bewegung einen n euen Aufschwung nimmt. Die großen, von den Imperialisten unterstützten Feldzüge Tschiang Kai Scheks gege n die Sowjet• rayons beginnen; ihr Ziel ist die Ausrottun g der werktätigen Massen ganzer Gebiete durch den Terror der Kuomintang. 1931 wird Sian Tsung Fa, Sekretär des kommunistis� Zentralkomitees, i n Schanghai hingerichtet; Yuen Ta Yen, �litglied des ZK der KPCh und der beliebteste Führer der chinesischen Jugend, wird i n Nan king hin gerichtet, und Tsu Ho Sehen, Mitglied des Politischen Büros -der KPCh, einer der Begründer der chinesi schen Kommunistis chen Partei, in Kanton. Die britischen Imperiali sten hatten sie an Tschian g Kai Schek ausgeliefert Zu dieser Zeit wird die Rote Hilfe in den Sowjetgebieten l11

1l 1: einer Massenorganisation. Sie unterstützt die Revolutionäre in Kuomintangchina und organisiert die Emigration in die Sowjetrayons. Da der zentrale Regierungsapparat der Sowjets noch nicht ausgebaut ist, über nimmt die Rote Hilfe zeitweilig auch Ar• bciten des Rote n Kreuzes, un terstützt die Familienangehörigen 1 der gefallenen Rotarmiste n un d organ isiert Sanitätstruppen, Krankenhäuser etc. Die vierte Terrorwelle findet ihren An fang mit dem .Abschluß des Schanghaier J{rieges, März •1932. E s stehen sich in China bereits zwei "\Velten gegenüber: das Kuomintangchi na der feuda• len Gutsbesitzer und der Bourgeoisie - und Sowjetchi.na, das Chi na der demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern, das mit seiner ruhmreichen Röten Armee zum Hauplstüt.zpunkt der antiimperialistischen und der Agrarrevolution in ganz China geworden ist. Es wächst und erstarkt ständig, wogegen Kuomintangchina in einzelne Cliquengeb_iete (Nanki n ggebiet, Kantongebiet, Tschang-Hsue-Lianggebiet, Yen-Schi-Sangebiet usw.) zerrissen und in EinOußsphären unter den Imperialisten aufgeteilt ist. Die japanischen Imperfalisten haben die Mandschurei losgeri�en und „ Mandschukuo" proklamiert, sie ha ben Jehol besetzt und sind jetzt dabei, Nordchina loszureißen. Oie Briten haben , on Tibet 1

Besitz .ergriffen und dringen nach. Westszetschwan und Kolonor vor. Die antiimperialistische Bewegung der chinesischen Volksmassen nimmt unter der Führung der Kommunistischen Partei einen gewaltigen Aufschwung. Die Imperialisten unterstützen die Knomintan g mit verstärkten J{rfiften in ih rem Rampf geget\ 216

Der Terror der Imperialisten und der Kuomintang in China

die revolutionären und antiimperialistischen Massen. Gleichzeitig versuchen die hnperialisten und die Kuomintang in den Bezirken, die an die Sowjetgebiete grenzen, eine Basis für die Feldzüge Tschiang Kai Scheks gegen die So,vjets mit H-ilfe der Gutsbesitzer zu ..schaffen. Der Terror erreicht seinen Höhepunkt und nimnlt unerhörte Ausmaße an. Den Tsung Sia, :Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, Generalsekretär des Hongkong-Kantoner Streik-· komitees (1925-1927) und Norsitzender der Roten Hilfe Chinas, und Lo Dun Sehen, :i'viitglicd des Politischen Büros des kommunistischen Zentralkomitees, Organisator des antibritischen Hongkong-Kantoner Streiks und einer der Organisatoren· der antijapanischcn Partisanentruppen jn der :iVIandschurei, ,verden von den Henkern Tschiang Kai Scheks in Nanking hingerichtet. Die Role I-Iilfe entwickelt sich in dieser Zeit in Kuomintangchina trotz allen Terrors zu einer illegalen iiassenorganisation, sie gewinnt auch in bürgerlichen Kreisen Einfluß. Der Terror der Kuomintang geg·en die werläätigen 1lfassen der früheren Sowjetgebiete und der Gebiete, die an die So,vjets grenzen, verdient besonders erwähnt zu ,verden. In diesen Gebieten, vor allem aber in den von den Truppen Tschiang Kai Scheks genommenen Gebieten, in denen die Herrschaft der So,vjets bereits einmal bestanden hat, wütet der Terror der Kuomintang besonders vernichtend. ,vir haben dabei nicht den Terror gegen die bewaffneten Kräfte der Roten Armee und gegen die Sowjets selbst im Auge, sondern den Terror gegen die Zivilbevölkerung, gegen die friedlichen Arbeiter, Bauern und die übrigen ,verktätigen Massen ..,venn ein So,vjetgebiet von . Kuomintangtruppen genommen wird, so wird das ganze Gebiet mit Bombenflugzeugen und Artillerie, durch Feuer und \Vasser in eine Einöde verwandelt. Im Rayon I-Iunan-I-Iupeh-Anhui sind 1933 fast eine l\fillion l\Ienschen auf· diese ,veise umgebracht ,vorden (,,Sln�an Pao", Schanghai, vom 29. September 1933). In Anhui, ,vestlich des Flusses Peiho, brachten die Kuomintanghenker 10 076 Menschen um. Im Bezirk Tschang-Li (\Vest­ Hupeh- und Hunanrayon) ,vurde ein Drittel der Bevölkerung ausgerottet (Mitteilung der „Sin Kuo Min Pao", Singaporc). In Kiangsi sind 250 000 Häuser verbrannt und eine :\lillion Menschen umgebracht worden (,,Shuan Pno". Schanghai, 16. September 1934). Die Gebiete des Honan-Hupeh-Anhuirnyons, die Ende 1932 nach (lem Rückzug der 4. Abteilung der Roten Armee 217

]{an Sin • von den Kuomintangtruppen besetzt wurden, sind nach Augenzeugenberichten bürgerlicher Zeitungen noch heute 1ncnscben• leer. Die Kuomintanghenker sagen ganz oITen, daß sie der Bevölkerung, die einmal unter der Sowjetherrschaft gestanden ba� nien1als mehr Vertrauen schenken können. Ihre Schlußfolgerung ist daher: ausrotten! In den an Sowjetchina angrenzenden Randgebieten üben die Gutsbesitzer, 'Kulaken und die Soldateska Tschiang Kai Scheks den gleichen grausamen Terror geg�n die ,verktätigen !\lassen aus. Alle Gutsbesitzer und Kulaken sind he,vaffnet. Sie haben das Recht, �fenschen ungestraft zu töten. Die Kuon1intang hnt da System des „Guten Bürgerpasses" eingeführt, den nur derjenige bekomnit, der die Bürgschaft von fünf reichen Familien aufbringen und eine Gebühr von 2 bis 5 Dollar monatlich zahlen kann. eine für einen chinesischen Bauern unaufbringlichc Summe. \\' r einen solchen Paß nicht besitzt, wird als Kommunist verdächtigt und ist vogelfrei. l\Iit diesen :Methoden ,verden auch die Rand­ g�biete entvölkert. Drr Terror Tschiang Kni Scheks r,egen nntijnpanischt M­ tionalrevolutioncire l(iimpfer ist ein besonderes Kapitel des Kuomintangterrors. Soldaten und Offiziere der Kuon1intang, die einen Verteidigungskrieg gegen die japanischen Ueberfälle verlangen. werden auf Anordnung Tschiang Kai Scheks erschossen. Nach dem Verrat der Kuominta�g an Schanghai forderten viele Soldaten die Fortsetzung des Kampfes gegen Japan. Zur Abschreckung ließen die Generale der Kuon1intang 300 Soldaten hinrichten. Ah die 19. Arn1ee zum Kampf gegen die Roten an die Fukienfront abgeschoben wurde, weigerte . sie sich, dort zu kämpfen und verlangte, gegen die Japaner. eingesetzt zu werden. 60 Soldaten1wurden durch Maschinengewehrfeuer niedergemacht, mehrere tausend entwaffnet und zu V?egebauarbeiten verwendet. Im April 1933, als die Japaner einen -Ueberfall auf Jehol, Peiping und Tienlsin machten, forderten die Truppen Tschiang Kai Scheks an der Kiangsifront, wo gegen Sowjetchina gekämpft wurde, den Kampf gegen die Sowjetgebiete einzustellen, das antijapnnischr Einheitsfrontangebot der Roten Armee anzunehmen und gemeinsam mit der Roten Armee nach dem Norden gegen die Japaner m ziehen. Tschiang Kai Schek antwortete am 10. April mit folgender Drohung: ,,Bevor ,vir den Kampf gegen Japan durchführey, müssen wir die Roten schlagen. Ich habe bereits strengen Befehl an alle an der Front gegen die Roten stehenden Truppen gegeben,

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Drr Terror der Imperialisten und der Kuomintan9 in China

auch nicht ein ,,rort über den J{ampf gegen Japan zu äußern, solange die Roten nicht ausgerottet sind. \Ver dem zu,viderhandelt, wird mit der strengsten Strafe bedacht ,vcrden." (Aus der Rede Tschiang Kai Scheks in seinem I-Iauptquartier in I-I anchang, 10. April 1933.) Die Niederlage der antijapanisch eingestellten Generale Chi I-Iung Tschang und Fang Chen \Vu im I-Ierbst 1933 erfolgte, weil Tschiang J{ai Schek mit den Japanern zur Unterdrückung der japanfcindlichen Chinesen zusammenarbeitet. Gegen die von den Japanern unterdrückten chinesischen Staatsangehörigen in den besetzten Gebie�en und gegen alle, die den nationalrevolutionärcn J{ricg gegen Japan verlangen, führt Tschi�ng J{ai Schek einen rücksichtslosen, heimtückischen und verräterischen Kampf. \Vie bereits gesagt, wurde Lo Dun Sehen, der aus der Mandschurei nach Schanghai knm, um Unterstützung für die antijapanischen Partisanenldin1pfer zu bekommen, von Tschiang Kai Schek verhaftet und in Nanking hingerichtet. Jue Tsche Tzuen und "reitere 20 antijapanische IGimpfer, die am Schanghaicr und .Jeholkrieg beteiligt und Initiatoren der „be,vaffneten Selbstverteidigung gegen die japanische Aggressivität" waren, :wurden im Juli 1934 �n Schanghai von den englischen Behörden verhaftet und Tschiang Kai Schek ausgeliefert. Sie sitzen seitdem im Militärgefängnis von Nanking. Se Tzan Tan·g, der gegen die "\Viederaufnahme des Verkehrs auf der Peiping-l\1ukdcner Eisenbahnlinie ein Attentat begangen halte, wurde von Tschiang Kai Scheks Schergen gefangengenomn1en und in Peiping hingerichtet. Auch Meuchelmorde werden an antijapanischen Kämpfern begangen, am 11. Novcn1ber 1934 verübten Tschiang Kai Schcks Blauhemden im französischen Viertel von Tients.in ein Attentat gegen die beiden antifaschistischen und antijapan'ischen Generale Chi Hung Tschang und Yen Yen Tschi und gegen den Vertreter Hu Ifan l\fins: Liu Siau Ngan. Liu Siau Ngan ·wird getötet, Chi Hung T.schang und Yen Yen Tschi werden schwer verwundet; Chi Hung Tschang und Yen Yen Tschi wurden alsdann von den Franzosen unter Zustimmung der englischen Behörden an Tschiang Kai Schek ausgeliefert, der sie am 22. Noven1ber in Peiping hinrichten ließ. Die :Morde an antijapanischen Kfünpfem, die für die nationale Befreiung Chinas eintreten, nehmen von Tag zu Tag zu. Tschiang 219

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Kan Sin

J{ai Schek nennt diese antijapanischen Kämpfer „Reaktionäre" und hat eine Säuberungsaktion gegen sie in ganz Nordchina in Gang gesetzt (,,Sin ,ven Pao", 4. November 1934). Die Kuontlntang bezeichnet nicht nur die Kommunisten als ,�Reaktionäre", sondern auch alle antijapanisch.nationalrevolutionär gestimmten chinesischen Bürger. Der Terror gegen die nationalen 'Afinderheiten in China wird von der Kuomintang bis zur Dezimierung dieser Völker geführt. :Man sagt gewöhnlich, daß die Bevölkerung Chinas sich aus fünf Völkern zusammensetzt: Chinesen, Mandschus, 1\fongolen und Tibetanern. in ,virklichkeit gibt es in China jedoch Dutzende von nationalen 1'Iinderheiten. Von den acht 1\fi11ion()n Einwoh ­ nern der Provinz Kuichow sind z. B. nur ein Viertel Chinesen. Die Kuomintnngregierung geht über -diese nationalen �finderheiten mit Stillschweigen hinweg und ge,vährt ihnen keinrrlei Rechte. Sie betrachtet sie als riickständigc:> und "·ilde Stämme. Tm Bündnis mit den feudalcn Oberschichten dieser �linderheiten untcrdriickt sie jede Befreiungsbewegung der i\{asscn dieser Yölker, die dreifach ausgebeutet werden: von den einheimischen Fürsten, Priestern und Lamas, von den chinesischen �tilitaristen. Beamten, Kaufleuten, ,vucherern und Gutsbc:>sitzem und Yon den europäischen, amerikanischen oder japanischen Imperialisten. Die ::\fcthoden, mit denen die Kuomintang die Befreiungsbewegung der nationalen :Minderheiten bekämpft, sind genau so grausam, wie die der :Mandschudynastic in der �fitte des 19. Jahrhunderts. Nach Angaben der Londoner „Times" hat die Kuominbn° während der Aufstände der �fohammedancr im .Jahre 1928 mehr als 200 000 l\fenschen niederge1nelzelt. Bei der Nieder- . schlagung der �fohammedaneraufsllinde im Jahre 1930 sind von den Truppen Tschiang Kai Scheks \viederum mehrere Zehntausende von �fenschen in Konsu, Schensi und Ninsia umgebracht worden. Die Kwangtung- und Kiangsigenerale führen ,jn ihrem Herr• schaftsbereich dieselben blutigen Strafexpeditionen gegen die nationalen �finderheiten. Der Liminstamm auf der HainaninseL der sich mit der chinesischen Sowjetbewegung solidarisiert hatt� wurde dorfweise ausgerottet. Bei den Aufständen der �liautse an der Hunan.Kwangsigrenze, Anfang 1933, wurden von der Kuomin� tang nicht weniger als 50 000 Menschen getötet. 220

lJer 'l'error der lntferialistert und der Kuomintang in China

VI

Te r r o r d e r j a p a n i s c h e n I m p e r i a l i s t e n 1n d e r Ma n d s c h u r e i

Der Terror der japanischen Imperialisten in der l\ilandschurei trägt einen besonders scharfen Charakter. Die chinesische Bevölkerung ,vJrd radikal ausgerottet und statt ihrer japanische „Ueberbevölkerung" angesiedelt. Das Land wird fieb.erhaft für einen Krieg gegen die Sowjetunion vorbereitet. In der 1\-Iandschurei ,verden Eisenbahnen, Autostraßen, Flugzeughäfen und Festungsanlagen gebaut. Zu diesen Bauten werden die chinesischen ,verktätigen 1Iassen zur z,vangsarbeit herangezogen. Gleichzeitig ,verden die werktätigen �fassen zum Kriegsdienst gezwungen. Jede noch so kleine Aeußerung der Unzufriedenheit über die projapanische Politik, der Sympathie für die Partisanenkämpfer, jede Stinunung gegen einen Krieg mit der Sowjetunion und gegen das Vordringen des japanischen Imperialismus im Innern Chinas "�ird unterdrückt und aufs grausamste bestraft. \,Ver den Japanern keine lluldigung erweist, wird auch bestraft. ,, Tschun Kuo Pao", ein antiimperialistisches und anlijapanisches Blatt der Auslandschinesen, veröITentlicht im Januar einen Brief aus Tsitsihaörl: ,,\Vcnn jemand cinen Japaner trifft und ihn nicht grüßt, so ,vird er verprügelt. An Stelle Japan müssen die Chinesen sagen ,das große Japan'. \Venn japanische Truppen durch einen Ort marschieren, so müssen japanische und mandschurische Flaggen gehißt werden."

Der Boden nnd das Eigentum der chinesischen Bauern, alles, was geeignet erscheint, wird entschädigungslos beschlagnahmt. Hunderttausende bewaffnete japanische Kolonisten "·erden. auf dem Boden und in den Häusern der chinesischen Bauern angesiedelt, insbesondere in den fruchtbaren Gebieten, an den Flüssen und entlang der Eisenbahnlinien. Im Janur 1935 gab der General• stab der K,vantungarn1ce einen Erlaß heraus, wonach rnehrerc Kreise in Oslkirin, Hulin, Mishan, Parkou und andere, mit einer Einwohnerschaft von über einer l\ilillion �lenschen, von der chinesischen Bevölkerung zwecks Ansiedlung japanischer bewaffneter Kolonisten geräumt werden n1üssen. Den chinesischen Bauern wird verboten, ihr Hauptnahrungsmittel, l{auliang, anzubauen, statt dessen werden sie gezwungen, Opiun1, Bau1n,volle, Sojabohnen und andere den Jupunern not- 221

Kan Sirt . wendige landwirtschaftliche Produkte anzupflanzen. Die von den japanischen Imperialisten in der :Mandschurei angerichteten Ver· wüstungen haben den Handel zugrunde gerichtet. Opium- und Kokainhandel stehen dagegen in hoher Blüte. Für das Jahr 1933 schätzen die chinesischen Zeitungen den Umsatz an Rauschgiften auf n1ehr als hundert l\lillionen Yuean. Für das Jahr 1935 v.-urden in der :Mandschurei und in Jehol 80 Kreise bestimmt, in denen :Mohn angepflanzt werden muß. Fast jede Bauernfamilie in der 1Iandschurci besaß irgendeine \Vaffc zu1n Schulze gegen die Räuberbanden Hung Fu Tses. �lit · dem Eindringen des japanischen hnperialismus in die �landschurei begannen die Bauern sich zu Partisanentruppen zusammenzu• schließen und die räuberischen Ueberfüllc der Japaner auf ihren Hof und ihr Eigentum mit Hilfe der in ihre111 Besitz befindlichen vVaffen abzuwehren. Dieses Vorgehen der bedrohten einhcimi· sehen Bevölkerung veranlaßte die Japaner, Razzien und Kampagnen zur Bcschlagnahn1e der \Va.ffen zu veranstalten, wobei sie nicht nur die eigentlichen Waffen, sondern sogar die Küchenmesser beschlagnahmten. Heute gibt es in der i\:landschurei Dörfer, in denen auf 5 Familien nur ein Küchenmesser ko1nmt. Gegen die Arbeiter, vor allein gegen Streikende, gehen· die Ja• paner tierisch vor. In der Provinz Kirin wurden mehrere Tau.send streikende Holzfäller niedergen1elzelt. 1U32 ertränkten die japanischen Okkupationstruppcn 2000 streikende Bergarbeiter in den Schächten der Fushungruben. Die Fushuner Kumpels ließen sich aber dadurch nicht einschüchtern. Sie spielen eine führende Rolle in den Partisanenkämpfen in den Provinzen �lukden und Kirin und führten Ende 1934 wieder einen großen Streik durch. dein die Japaner mit Hilfe von Maschinengewehren ein Ende bereiteten, wobei 86 Arbeiter getötet, 66 verwundet und 600 verhaftet wurden. Auf einzelne Arbeiter, die irgendwelchen Unn1ut äußern, hetzen die Japaner Bluthunde und lassen sie von diesen zer- fleischen. • Gegen die aufständischen Volksmassen ,verden Flugzeuge eingesetzt und ganze Gebiete durch Flugzeugbomben und durch Artillerie verwüstet. So wurden Anfang 1934 bei der Unterdrückung der aufständischen Bauern von Sanschin, mn Suangarifluß durch Bombenflugzeuge und Artillerie 26 Dörfer mit 20 000 Einwohnern verwüstet, ohne Rücksicht auf Greise, Frauen, Kinder und Invaliden. \Venn ein Mitglied einer Familie einer Partisanentruppe angehört, so wird der ganzen Fan1ilie von den Japanern an� 222

Der Terror der Imperialisten und der Kuomintang in China

droht, sie auszurotten, ,venn innerhalb einer bestimmten Frist der Betreffende nicht zurückl'-ehrt. In der Nähe von Charbin ,vurde auf diese "\Veise eine 12köpfige Familie umgebracht. Besondere Unterdrückungsmaßnahmen gegen die chinesische 1 Bevölkerung ,vurden auch auf kulturellem Gebiet getroffen. In der Volksschule nimmt der Unterricht in japanischer Sprache ebenso viele Stunden ein, wie der in chinesischer Sprache. In die Hoch- und 1\'Iittelschulen wird nur aufgenommen, wer die japanische Sprache beherrscht. Auch die übrige Bevölkerung ,vird gezwungen, japanisch zu erlernen, indem man den Personen, die Japanisch können, besondere Vergünstigungen gewährt. Schulbücher und Geschichtsbücher, die vor dem Jahre 1931 erschienen sind, ,vurden konfisziert und verbrannt. In den neuen Büchern wird erkHirt, daß Japan und die l\1andschurci eng zusa1n1nengehören. Uni unter diesen harten Bedingungen mit seiner Familie einer Vernichtung durch die Japaner zu entgehen, hat es der heute bekannte Partisanenführer Se Wen Dung im :März 1934 vorgezogen, .seine Frau und Kinder zu töten und selbst den Kampf gegen die Japaner aufzunehmen. Er rief seine ganze Dorfgemeinde auf, sich in einer Partisanentruppe zu organisieren. Wie tapfer sich sogar die Kinder benehmen, zeigt folgende Episode: In Charbin ,vurden -10 Antijapaner auf den Richtplatz geführt, darunter mehrere Kinder unter 15 Jahren. Die Kinper zeigten durchaus keine Furcht und riefen bei der Hinrichtung: ,,Nieder mit dem japanischen Imperialismus, es lebe die chinesische Nation!"

V

Da s A u s n1a ß u n d d i e B e s t i a l i t ät d e s Te r r o r s

Im llinblick auf die Zuspitzung des Klassenkampfes und des nationalrevolutionären Kampfes des chinesischen Volkes haben die Imperialisten, die Gutsbesitzer und die chinesische Bourgeoisie sich offensichtlich das Ziel gestellt, alle Revolutionäre und alle antiimperialistischcn Freihcitskiitnpfcr physisch auszurotten. Nach Angaben der Roten Hilfe Chinas wurden im Jahre 1928 583 000 �enschen durch die Kuo1nintang hingemor<let. In der zweiten Hälfte des Jahres 1930 - nach der Niederlage <lcr Sowjets in Tschangscha und dein Rückzug der Roten Ar1ncc aus Tschang- 223

kan S'11

scha - zählte die Rote 1-Iilfc 140 000 Opfer. Nach der Besetzung der :Mandschurei durch die Japaner (September 1931) ist der Terror noch ve�schärft worden. 1932 steigt die Zahl der· Opfer auf 600 000. Gegen die :Massen werden Bombenflugzeuge, l\Iaschinenge- ·wehre und Geschütze eingesetzt; Flußdämme ,verden gesprengt und das Land meilenweit unter \Vasser gesetzt, so daß alles zugrunde geht; Dörfer werden niedergebrannt und die \Välder in Brand gesteckt. So ließ Tschiang Kai Schek 1931 den Flu8- damm am Jangtse in der Provinz Hupch sprengen, ·wobei zahlreiche Dörfer überschwen1mt und vernichtet "·1uden. · Der �tilitär· machthaber von Kanton, Chen Schi Tang, ließ 1933 die \Välder des Südberges in Ostkwangtung, in die sich über 40 000 Bauern aus dem Haifengsowjetgebiet zurückgezogen halten, in Brand stecken. Einzelne Revolutionäre werden aufs furchtbarste gefoltert und mit einer Bestialität ern1ordet, die alle Vorstellungen über teigt. Erschießen, Hinrichten und Aufhängen - das sind .. Gnadenakte u der Kuomintanghenker. Oft dient ihnen die Ennordung von Revolutionären zur Belustigung, und zwar nicht nur auf dem flachen Lande, sondern auch in den großen Stiidtcn ";e Schanghai und Kanton. Einige Arten. ,vie diese Bestien Revolutionäre umbringen, sind: 1. Lebend begraben. Es ist allgemein bekannt, daß 1931 eine Gruppe linksgerichteter SchriftsteHer und Gewerkschaftler, unter ihnen Li Chow Schi und Lin Yu Nan in Schanghai verhaftet und von dem Schanghaier Garnisonkommandeur zum Tode durch lebendiges Begraben verurteilt warden. 2. Lebend verbrennen. Nach der Niederlage der Kantoner Kommune wurde am 16. Dezen1ber 1927 eine Anzahl �lädchen mit kurzgeschnittenen Haaren verhaftet. Das genügte, um sie mit petroleumgetränkter Baumwolle zu un1wickcln und lebend zu ,·erbrcnnen (,,Eastern Times", Schanghai, 19. Dezen1ber 1927). 3. n1asserjagd. Bei der Niederschlagung der Kantoncr Kommune sind gefangene Arbeiter und Rikschakulis ins \Vasser gejagt und vom Ufer aus erschossen worden (,,Hsiden Chang Pao'· Hongkong, 21. Dezernber 1934). 4. Tod durch Lanzen- und Dolchstechen. Die Zeitungen berichten oft �iber die �Icthodc der Kuon1intangsoldateska und der Gutsbesitzer, die Gefangenen durch Lanzen- und Dolchstechen zu töten. 224

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Der 1'error der imperialisien und der Kuomintang in Clilnä

6. Zerstückelung. Oft ,verden Revolutionäre von den ,veißen ßanden und Gutsbesitzern zerstückelt, gezweiteilt und gevierteilt. �leist wird zuerst die Zunge herausgeschnitten, um den Opfern das Schreien un1nöglich zu machen, den Frauen ,verden häufig die Brüste, den l\fännern die Geschlechtsteile abgeschnitten. ,,Sin \Ven Pao" brachte hn Dezember eine Meldung aus Hankau, ,vonach in l\Iatscheng der Vorsitzende des Dorfsowjets- auf Veranlassung der Kuomintangoffiziere und Gutsbesitzer von den Kulaken und Soldaten lebend zerstückelt und aufgefressen wurde. Bei den Kuomintangoffizieren, Gutsbesitzern und Kulaken igt es keine Seltenheit, daß sie das Blut, Herz und Gehirn der Revolutionäre braten und auffressen. Die Vernichtungswut der Kuomintanghenker richtet sich nicht nur gegen Erwachsene und Jugendliche, sondern auch gegen Kinder, Greise und Invaliden. \Vegen der aktiven Teilnahme der Frauen an der Agrarrevolution haben die Kuontlntanggenerale auf die Frauen eine besondere vVut. Dasselbe trifft auf die Kinder zu, die sich durch ihre Aktivität für die• revolutionäre Bewegung den Haß der Kuomintanghenker zugezogen haben. Ein Kind I aus den Sowjetgebieten oder den Randgebieten, das in die Hände der Kuomintangbehörden fällt, wird ausnahmslos umgebracht. Infolge dieses blindwütigen Terrors ziehen sämtliche Frauen undKinder, wenn ein bisher von den Sowjets beherrschtes Gebiet von den Kuomintangtruppen besetzt wird, mit der Roten Armee davon. Als sich im Herbst H)32 die 4. Rote Annee aus einigen Gebieten des Hupeh-Honan-Anhuirayons zurückzog und die Kuomintangtruppen den Kreis Huan-An besetzten, konnten nur 6 Kinder von den Kuomintanglruppen gefangengenon1men werden (,,Ta Kung Pao", Tientsin). Nach dem Bericht der Zeitung spielte sich fol­ { gende Unterredung zwischen den Kindern und dem Militärgericht ab: Der Vorsitzende: ,,Habt ihr n�ch gegen die Gutsbesitzer und Gentlemen gekämpft?" Die Kinder (einstimmig) : ,,Ja." t Der Vorsitzende: ,,Dann werden wir euch töten. Habt ihr Angst?" Die Kinder: ,,Wir haben keine Angst. Da wir in eure Hünde gefallen sind, könnt ihr mit uns machen, was ihr wollt." Alle sechs Kinder ,vurden zum Tode verurteilt und umgebracht. In dem von Tschiang Kai Schck verfaßten 1niliHirischen Ta- 15 Weißer Terror • 225

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K-an Siri

schenkalender „Hegeln im Kampf gegen die Kommunisten" gibt er folgende Anweisung: ,,Wenn wir im Sowjetgebiet oder am Rande desselben Bettler, Blinde, oder Lahme treffen, so müssen wir besonders achtgeben, denn es sind meist Spione der Roten oder verkleidete Partisanen." Tschiang Kai Scheks Offiziere und Soldaten halten sich an diese Anweisung und bringen alle Invaliden aus den Sowjetgebieten und aus den Randgebieten der Sowjets, sobald sie ihnen in die Hände fallen, um. ,,Lieber tausend Unschuldige erschießen, als einen Kommunisten am Leben lassen", erklärte \Vang Ching \Vei nnch der Niederschlagung der Kantoner Kommune. Prompt wurden Tausende und aber Tausende von Bekannten, Verwandten, Wirtsleuten, Arbeitskollegen, :Mitschülern von Kommunisten usw. umgebracht. \Vurde in einer Schule jemand verhaftet, weil er politisch verdächtig war, so verhaftete man mit 1ihm die ganze Schult� wurde in einer Kompanie ein Soldat entdeckt, der Kommunist war, so erschoß man ihn zusammen mit der ganzen Kompanie. Die Verwandten und Bekannten von Kommunisten, die �­ glieder der überparteilichen Organisationen, der revolutionären Gewerkschaften, der Antiimperialislischcn Liga, der R�ten Hilft usw., alle werden als „echte Kommunisten" hingerichtel

l In dem von einem Amerikaner herausgegebenen Buch „Fin years of Kuomintang Reaction" wird angegeben, wer alles ah ii 1 11 f kommunistenverdächtig gilt: 1. \Ver von persönlichen Feinden oder Spitzeln als solcbtr l \ beschuldigt wird. 2. Zuschauer bei einer Arbeiterdemonstration. 1 3. \Ver in einem Gespräch die \\Torte „Kommunistische Partei oder „Sowjetrepublik" gebraucht. 4. \Ver auf der Straße leise Gespräche führt. 5. \Ver schnell geht, als ob er verfolgt würde. 6. \Ver der Hinr-ichtung eines Kommunisten beiwohnl 7. \\7er allein, ohne Familie lebt. 8. \Ver keine Zuverlässigkeit.sgarantie eines Geschäftsmannes aufweisen kann. 9. Wer nicht die Garantie von fünf Familien aufweisen� 10. Frauen mit kurzgeschnittenem Haar. 11. ,,Slrcikhelzcr". 12. Teilnehmer an Streiks. Das war vor 1932. Heule ist man bereits weit „fortschrittlicher. Es werden Leute verhaftet, die eine Arbeit mit roter Tinte geschrit- 226

Der 1'crror cler imperlalis{cn und cler Kuomintang in China

ben oder etwas mit .roter Tinte unter.strichen haben, Schriftsteller, in deren Arbeiten das vVort „Proletariat" vorko1nmt. Ein Redakteur aus der I-Iauptstadt l(iangsis, Kingkiang, wurde verhaftet und als Kommunist erschossen, weil er eine Novelle über eine Bauernrebellion durchgelassen hatte. Die Ausländer genießen gewöhnlich eine außerordentliche ,,Achtung" in China. Sie können sogar Chinesen niederschießen, ohne zur Verantwortung gezogen zu werden. Krümmt aber ein Chinese einem Ausländer auch nur ein Haar, so ,vird er hart bestraft und mit ihm die zuständige chinesische Behörde. Gegen revolutionäre ausländische Arbeiter wird jedoch ebenso brutal vorgegangen wie gegen Chinesen. Der Schweizer Paul Ruegg, Sekretär der Pazifischen Gewerkschaften, wurde, nur weil er Ge,verkschaftler ist, zusammen mit seiner Frau verhaftet und sollte hingerichtet werden. Lediglich der Protest der chinesischen ,verktätigen l\Iassen und des internationalen Proletariats verhinderte diese Hinrichtung und zwang die Regierung, das Todesurteil i n lebenslängliches Zuchthaus umzuwandeln. In China gibt es keirien festen Strafkodex. Der Richter kann das Urteil nach Gutdünken fällen. \Ver viel Geld hat, kann a m Leben bleiben, wer keines hat, muß sterben. Oft ·wird gegen diejenigen, die kein Geld besitzen, überhaupt kein Prozeß angestrengt. Sie werden ohne Urteil hingerichtet oder eingekerkert. Die Korruption ist außerordentlich groß. Fast jeder Richter ist beste chlich. Frau Chen Yu Hsu, eine bekannte Juristin, hat z. B. als Vorsitzende des „rein chinesischen Gerichtshofes" in Schanghai über 200 000 Dollar Bestechungsgelder angenomn1en. Moderne Gerichtshöfe mit geschulten Richtern, vor denen Rechtsanwälte auftreten dürfen, gibt es in China etwa nur 150. Sie sind insgesamt mit ungefähr 1200 Richtern und Staatsan,välten neuzeitlicher Schulung besetzt. Auf dem flachen Lande und in den 1neisten Städten der Provinzen wird noch nach dem alten System gerichtet. Das Richteramt ist ein Nebenberuf des Bezirksoder Kreisvorsitzenden, der es als fette Einnahmequelle oder als Werkzeug gegen seine Gegner und persönlichen Feinde benutzt. Rechtsanwülle dürfen vor diesen „Gerichten'' nicht auftreten. In den Randgebieten der Sowjetrayons, in den okkupierten Sowjetgebieten- und in den Gebieten der nationalen �linderheiten gibt es fast nur :Militärgerichte. Die Offiziere dieser Militärgerichte nützen ihr Amt so we.it als irgend möglich zu Raub und Erpressungen aus. 1s• 227

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Kan ·Sin .. VI D ie Folte r meth o de n u n<l<las Gef ä ngn is­ r egi me de r Kuom i n ta ng

In dem Buche „FiYe Years of Kuomintang Reaclion" bringt der Verfasser an Hand von Briefen aus den Gefängnissen eine Reihe von Beispielen darüber, wie gefoltert wird. Er macht folgende Zusammenstellung: 1. Allgemeine :Methode des Prügclns. 2. Dem Opfer wird durch die :\'ase Petroleum, Urin, Kot und Paprika in den �lagen gegossen, worauf die Henker dem Opfer ihre Knie in den Magen bohren, bis die Flüssigkeit "icder herauskommt. Dann fangen �ie wieder von t"orne an. 3. Bei der Exekution der „Elektrischen Strafe" werden die Gefangenen an Stühle festgebunden und bekommen in ge-­ "issen Zeitabständen elektrische Schläge. Dies ist eine ,-oo den Imperialisten eingeführte .. zi,·ilisierte „ MeU1ode. -1. Zwischen die Finger des Opfers werden runde Bambus-- stöcke gelegt und die Finger zerbrochen und zerquet.schl 5. Brennen des Körpers mit glühenden Eisen. 6. Ausrenken der Knochengelenke in Zeitabständen. , . Die „Tigerb::rnk·', eine alte chinesische Foltermethode. Dir Sehnen werden unter dem Knie herausgezogen. 8. Ein.kerkerung in Käfige, die so klt'in sind. daß das Opfer weder aufstehen noch sich niederlegen oder sich ans,. strecken kann. Der Gefangene muß wocben- oder monatelang darin sitzen. 9. Einfache oder doppelte Fesselpaa.re werden um Beine, .\r­ me und Hals des Gefangenen gelegt. Um die Leiden da Opfers zu erhöhen, werden �e Fes.sein oft quer angelegt 10. Die Brüste der Frauen werden zusammengequetscht und Yor der Hinrichtw1s meist abgeschnitten. 11. Die Geschlechtsorgane der �la.nner werden zus.ammf!llgt,­ quelscht und sd1ließlkh abgeschnitten. 12. Die Gefangenen werden an den Händen oder an den Fü, 8en aufgehängt. Der Autor des Buches bemerkt noch, daß diese Foltermethoden kein Monopol der chinesischen Henker sind, sondern auch m

Der Terror der Imperialisten und der Kuomintang in Cl1ina

von der imperialistischen Polizei angewandt werden. Die Imperialisten treten sogar offen in den Zeitungen für die Folterung von Revolutionären ein. Der Autor stellt dabei fest: ,,Schanghai bekam die bittere Pille dieser brutalen Propaganda im Dezemder 1930 und Januar Hl:CH zu sch,lucken, als die imperi. alistischen Ileamten in Schanghai der Schanghaicr Presse Interviews gaben und dabei offen für das Auspeitschen bei den Gerichten eintraten. Diese Kampagne wurde von einem englischen Polizeibeamten namens Gest, Hongkong, begonnen, der Yon den ständigen Auspeitschungen chinesischer Gefangener in den Gefängnissen von Ilrilisch-Hongkong •Crz:ihlte. Er beschrieb und verteidigte die ganze damit verlmndenc Vcrticrtheit. Zur Unterstützung seiner Stellungnahme folgte ein Presseinterview mit Mr. Stirling Fcssendcn, einem Amerikaner, Generaldirektor des Schanghn.ier l\Iunizipalrates. Der berüchtigte reaktionäre englische Sudelschriftstcller, H. H. \V. \Voodhcad folgte mit einer Verherrlichung des Auspeitschens in <ler amerikanischen Nachmittagszeitung ,Shanghni Evcning Post". Es ist jccloch charakteristisch, daß alle diese Herren das Auspeitschen nur für Chinesen verlangten, nicht nbcr für Menschen ihres eigc>­ nen Schlages." Anfang 1934 wurden wieder konkrete Beispiele dafür geliefert, wie die Briten unschuldige Chinesen foltern. Ein chinesischer Koch eines chinesischen Geschäfts im Internationalen Viertel von Schanghai wurde des Diebstahls verdächtigt und der englischen Polizei ausgeliefert. Die englische Polizei folterte ihn aufs grausamste und unterzog ihn mehrmals der „elektrischen Strafe". Da es sich herausstellte, daß er unschuldig ,var,. wurde er schließlich entlassen; er ,var jedoch zu einem unheilbar kranken l\Iann geworden. Der Bevölkerung bemächtigte sich eine große En1pörung. Einige bekannte chinesische Rechtsanwälte stellten sich dem Koch zur ·Verfügung und klagten den chinesischen Polizisten an, der auf Befehl der englischen Polizeioffiziere die Folterungen durchgeführt hatte. Unter dem Schutze der britischen Exterritorialität lehnte der Polizist es aber ab, sich dem Gericht zu stellen. Ein anderer Fall prangert die Zustände in den Gefängnissen der Polizei des Internationalen Viertels von Schanghai noch deutlicher an. Ein Bandit, der zum Tode verurteilt worden ,var, äußerte auf Befragen des Richters folgende letzte Bitte: ,,Die Folterungen und die Behandlung der Gefangenen im Polizeigefängnis sind unerträglich. Meine letzte Bitte ist, hier Reformen vorzunehmen." In den Gefängnissen sind keine Pritschen vorhanden. Die Gerangenen liegen auf der Erde auf Stroh. Die Gefängnisse sind feucht und dunkel. Kranke und Gesunde sind in cine1n Raum zusammengepfercht. Es wim1nclt von Wanzen und Läusen. Das ,vasser und das Essen sind schn1utzig und schlecht, so daß 229

Kan Sin

fast allen Gefangenen der Seuchentod sicher ist. Oft ist das Essen mit Sand vermischt, so daß _es nicht zu genießen ist. Die Versorgwig ist außerordentlich schlecht. Die Regierung gewährt für jeden Gefangenen höchstens 10 chinesische Cents pro Tag. Aber selbst diese minimalen Beträge lassen ·wegen der Finanzschwierigkeiten, in der sich die Regierung befindet, auf sich warten und werden oft überhaupt nicht gezahlt. Sogar die sogenannten :Mustergefängnisse von Tientsin und Soochow waren eine Zeitlang gezwungen, die Kosten für das Essen der Gefange• nen durch Sami;nlungen aufzubringen. Ueber das 2. �Iustergefäng• nis in Schanghai berichtet die „l\lanchou Pao" am 13. �lai 1933, daß dort täglich mehrere Gefangene vor Hunger gestorben sind, weil keine Lebensmittel vorhanden "·aren. Die Gefangenen ,·er• hungern auch oft, weil die Gefängnisdirektoren das Geld, das für die Gefangenen bestimmt ist, in die eigene Tasche stecken. Nach dem Direktor kommen die ,värter, die ehenfalls aus den Gefan• genen soviel wie möglich herausschlagen ,vollen. Sie haben Inter• esse daran, daß die Gefangenen sich eigenes Essen zubereiten lassen, um daran zu verdienen. ,,rer genügend Geld besitzt, kann im Gefängnis nicht nur gutes Essen, sondern auch einen guten Schlafplatz haben. Er kann sogar Opium rauchen. Sobald sich bci der Leitung der -sogenannten Mustergerang• nisse Exkursionen anmelden, werden von ihr große Vorbereitungen getroffen. Die Zellen werden gesäubert, das Essen ·wird ,-er. bessert, die Kranken und Verhungernden ,verden in besondere Räume gebracht, Lese- und Unterrichtszimmer und sogar Sportplätze ,verden eingerichtet. Aber alles das existiert nur für 2 bis 3 Tage, so lange, ,vie die Besichtigwig dauert. Ist der Besuch wieder weg, dann werden die Zustände noch schlimmer als sie früher waren, denn die Kosten, die diese Täuschungen verursacht haben, müssen ,vieder eingespart ,verden. Die Gefangenen ,verden in den Gefängnissen in Ketten gelegt und von den \Värtern grausan1 gequält und geschlagen. Völlig willkürlich wird ihnen das Essen entzogen. Die Lage der proleta• rischen Gefangenen, die den Wärtern keine Geschenke machen können, ist am schlimmsten. Die Wärter betrachten solche Gefangcne als einen Verlust und als Ballast. Sie versuchen sie oft einfach totzuschlagen. Die erst seit einiger Zeit eingerüchteten „Erziehungsanstalten" - so nennt die Kuomintang sie, . in Wirklichkeit sind es Konzen trationslager - haben weiter keinen Zweck, als die politischen 230

Der Terror der Imperialisten und der Kuomintang in China

Gefangenen, die dorthin gebracht werden, elend zugrunde gehen zu lassen. Diese „Erziehungsanstalten" sind nur für Kommunisten, kommunistenverdächtige, antiimperialistische und antijapanische Kämpfer und für die Bevölkerung früherer So,vjetgebiete, die nahe bei den Sowjetgebieten liegen, besthnmt. Sie befinden sich in der Nähe der Sowjetgebiete. Der Berichterstatter der „Ta Kun Pao" aus. Huangan, Provinz Hupeh, berichtete ain 20. Juni 1934 über die Erziehungsanstalt, welche sich dort, nahe der Stadt, befindet: .,\Vcnn mnn nus <lcr Stadt in <las Lager kommt, so fällt einem die �fogcrkeit der Gefangenen und ihre Schmutzigkeit auf. Man bekommt es sogar mit Zwrifcln zu tun, oh mnn Menschen vor sich hnt. Unter den Gefangenen herrschen Seuchen und Hnutkrankhciten; die Sterhlichkeit ist sehr groß." * Trotz des bestialischen Terrors der Kuomintang und der Imperialisten führen die werktätigen Massen Chinas unter Führung der Ko1nn1unislischen Partei ihren heroischen Kampf um die nationale und soziale Befreiung des chinesischen Volkes ,veiter. Sie haben in diesen1 Kainpf eine unbesiegbare und ruhmreiche Rote Armee geschaffen und in eine1n Sechstel Chinas die Herrschaft der Arbeiter und Bauern errichtet. Dort, wo die chinesischen Sowjets herrschen, ist der grausamen Unterdrückung und Ausbeutung der werktätigen :Massen durch die Imperialisten, die chinesischen Kapitalisten und Gutsbesitzer ein Ende bereitet. Diese Tatsache ist von größter geschichtlicher Bedeutung. Den· l\Iassen der chinesischen Arbeiter und Bauern in den Gebieten der Kuomintang gibt dieses Beispiel die Kraft, ihren schweren Kampf weiterzukämpfen. Sie wissen heute, daß ihre Herrschaft, die Herrschaft der chinesischen Arbeiter und Bauern, die Herrschaft des Volkes, ohne Imperialisten und Generale, ver,virklicht ,verdcn kann. Ein Volk von 400 Millionen beginnt, sich intensiv zum Kampf für seine Befreiung zu erheben. Es gibt keine Kraft in der Welt, die die große chinesische Revolution besiegen könnte.

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231

DER WEISSE TERROR IN SÜDAl\IERIKA UND DEN KARIBISCHEN LÄNDERN

Von l\I. Ca st i 11 o

Das ganze Territorium der 21 sogenannten „unabhängigen Republiken" Südamerikas und der karibischen Li1nder mit einer Gesamtbevölkerung von 120 l\fillionen hat mit seinen ungeheuren Schätzen an Rohstoffen und Agrarprodukten, mit seinen billigen Arbeitskräften und durch seine geographische Lage eine große Bedeutung für die imperialistischen l\Iächtc. Das Ziel der Imperialisten, vor allem der amerikanischen und englischen, ist, das �lonopol über die Schätze. dieser Länder an Oel, Gold, Silber, Zinn, Nitraten, Kupfer, Zucker, Bananen und Kaff ce, über die Ausbeutung der einheimischen billigen Arbeitskräfte und über die Bauernschaft an sich zu reißen, sich l\färkte für die eigenen Industrieprodukte zu schaffen und Kapital in Form von Anleihen dorthin zu exportieren. Die reaktionären Regierungen der „unabhängigen Republiken", Lakaien des Imperialismus, leisten ihnen dabei Helfershelferdienste. Um ihr Ziel zu erreichen und die Völker dieser Länder völlig unter ihr� Herrschaft zu bringen, scheuen die Imperialisten kein l\fitlel, sei es noch so grausam und gemein. Alle l\1iltel sind recht, angefangen von der politischen Korruption, über die Fjnanzierung von Staatsstreichen und „Bürgerkriegen" bis zur Entsendung von Strafexpeditionen und zu bewaffneten Interventionen (bewaffnete Intervention der Vereinigten Staaten von Nordamerika in �fexiko 1914, in Haiti 1914 und 1915, in Nicaragua 1926 usw.), von l\fassakern in den lndianersiedlungen etc . bis zur Entfesselung und Unterstützung von offenen Kriegen (Krieg zwischen Peru und Columbia um Leticia 1932, z"1 ischen P�raguay tuncl Bolivien, Vorbereitung zum Krieg z,vischen Columbia und Vcnezuela etc.). Die �{ethod� der Strafexpcditioncn und be"·affneten Interventionen ,vird von den imperialistischen . l\fächten nur in den äußersten Fällen angewandt, nämlich dann, ,venn die Kämpfe der 232

Der weiße Terror in S1idamcrilm und den Karibi.�cl1en Lcinclern

l\{assen ein derartiges Ausmaß annehmen, daß eine unmittelbare Gefahr für die Interessen der Imperialisten besteht. Sonst halten die Imperialisten es für ratsam, möglichst hinter den Kulissen zu arbeiten und durch die bürgerlich-großgrundherrlichen einheimischen Regierungen, die sich an den Imperialismus verkauft haben, zu wirken. Die ausländischen Räuber ,vissen sehr gut, wie tief der Haß· und wie stark di� antiimperialistische Kampfstimmung bei den einheimischen :Massen gegen sie ver,vurzelt sind. In den Fällen, wo die einheimischen Regierungen die imperialistischen Interessen nicht genügend ,vahrnehmen oder sichern, greifen die Imperialisten zur ,virtschaftsblockade oder „weigern sich, die betreffende Regierung anzuerkennen: z. B. 1926 die liberale f Regierung Sacas:: s in Nicaragua und 1933 die Grau San �-Iartin­ Regierung in Kuba. Dabei nützen sie die verschiedenen Konflikte und Streitigkeiten zwischen den einzelnen bürgerlich-feudalen Gruppen der nationalen herrschenden Klassen aus. Die imperialistischen Gegensätze zwischen den USA und Großbritannien waren in den vergangenen .Jalu:.zehnten die Hauptursache für die endlose Kette von Konflikten und Blutbädern, die unter den Völkern Südamerikas und der karibischen Länder angerichtet ,vurden. Die zahlreichen Bürgerkriege, die sich in diesen Halbkolonien abspielten, und in denen die Kräfte der Opposition entweder von den britischen oder amerikanischen Interessen aufgehetzt und bewaffnet waren, hatten ausnahmslos das Ziel, entweder pro-britische oder pro-amerikanische R egien1ngen einzusetzen. Der britische Imperialismus, ocr bis in ·die 90er Jahre in Südamerika praktisch keinen Gegner neben sich sah. verlor in den letzten zwei Jahrzehnten seine führende Stellung zugunsten des amerikanischen Finanzkapitn]s. 75 Prozent der Oclfelder vpn Columbia gehören heute Gesellschaften der USA; in Kuba sind 80 Prozent der gesamten Zuckerindustrie in den Händen der • Amerikaner. Venezuela, das einer der größten Oelproduzenten der Welt ist, wurde 1908 der britischen Kontrolle mit Hilfe von USA-Dollars und USA-Kanonen entzogen. Die britischen Oclinteressenten hatten sich erst etwas über 25 Prozent der Oelfelder Venezuelas -gesichert, als die USA-Kapitalisten mit größeren Geldmitteln und mit mehr Aggressivität auf den Plan traten. In Chile, das ein Bollwerk Großbritanniens war, nimmt der britische Einfluß ständig ab; das USA-Kapital ist bereits um 100 Millionen Dollar stärker vertreten nls das britische. Der größte Teil des • 233

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M. Castillo

amerikanischen Kapitals ist in Nitraten investiert, ,vobei zu bemerken ist, daß 90. Prozent der ,veltproduktion an Nitraten auf Chile entfallen. In den letzten Jahren haben strategische Gründe im Kampf um die Oberherrschaft über die Gebiete des Stillen Ozeans das Ringen zwischen den USA und Großbritannien in Südamerika und den karibischen Ländern verschärft und Japan als neuen 1u1d gefährlichen Rh:alen in die Arena gebracht. Der Krieg zwischen Bolivien und Paraguay, der seit 3 .Jahren im Chaco ,vütet, ist ein hervorstechendes Beispiel des skrupellosen Kampfes zwischen dem amerikanischen und britischen Finanzkapital in Südamerika und den karibischen Länden1. Dieser Krieg zielt nicht nur darauf ab, die reichen Oelquellen des Chacogebietes zu erobern und Bolivien einen Zugang zum Atlantischen Ozean zu verschafTen. Er ist gleichzeitig ein Entscheidungskampf zwischen den beiden imperialistischen Rivalen um das Monopol auf die 1-{ohsloffquellen ganz Südamerikas wtd um das l\Ionopol auf die Ausbeutung der :Millionen von ,,1erktätigen dieser Länder. Die ,verktätigen l\Iassen Paraguays und Boliviens haben bereits über 130 000 ihrer Söhne auf den Schlachtfeldern des Chaco verloren. Skrupellos werden sie für die Interessen der Imperialisten und der Grundbesitzer und der Bourgeoisie dieser Länder auf die Schlachtbank geschleppt. l\fiit dem Blut der ?\lassen der indianischen Landarbeiter und Bauern Paraguays und Boliviens, l denen von den einheimischen und ausländischen Ausbeutern ihr Land geraubt, ihre nationale Kultur \'ernichtet wurde, und die der schlimmsten Ausbeutung unterworfen sind, tragen die 101- perualisten ihre Interessengegensätze aus. Grauenhafte Leiden und die Dezimierung der Jugend beider Länder sind die Folgen. Außer den l\Ienschen, die auf den Schlachtfeldern des Chaco hingeschlachtet wurden, fallen Tausende der Pest und anderen Seuchen zum Opfer, weil in der Kriegszone Hunger und grauenhafte unhygienische Zustände herrschen. Verwundete und kranke Soldaten sterben massenhaft aus :Mangel an ärztlicher Behandlung. Essen, ,vasser und Kleidung sind rar, die 1neisten Soldaten gehen barfuß. Die Erschießung von Soldaten, oft ,vegen einfacher Besch,verden, ist eine alltägliche Erscheinung. 1n Paraguay sind hn Februar 1934 129 Soldaten erschossen worden, weil sie sich ge. • weigert hatten, an die Front zu gehen. Die kriegs gefangenen Sol• 23.J

Der weiße 1'.crror ·;n S!1dm11crika u11d den Karibischen Ländern

daten werden noch unbannherziger als die eigenen Soldaten behandelt. Anfang 1935 führte Bolivrien eine Generalmobilmachung durch, u1n die Armee auf 100 000-150 000 niiann zu bringen. Paraguay hat unter der Losung der „Landesverteidigung" im ganzen Lande die Z"r angsarbeit eingeführt. Frauen, Kinder über 10 Jahre und alle ,vaffenunfähigen l\Iänner werden gezwungen, ,vöchentlich 4 Tage auf den Feldern und den großen Haciendas der einheimischen und ausländischen Grundbesitzer ohne Lohn zu arbeiten. Der Arbeitstag dauert 12 bis 14 Stunden. Die Produkte dieser Z,vangsarbcit werden von den „patriotischen" Grundbesitzern gegen hohe Bezahlung an den Staat zum Unterhalt der .Armee geliefert. Die Tatsache, daß alle südamerikanischen und karibischen Länder RohslofTe und Agrarprodukte _produzieren, und daß die Preise für diese Produkte durch die '\Veltwirtschaftskrise stark gefallen sind, hat die ohnedies unerträgliche Armut der Arbeiter und armen Bauern noch weiter verschlimm�rt. 1933 fielen die Getreidepreise in Argentinien so tief, daß mit dem Verkauf des Getreides kaum die Transportspesen gedeckt ,verden konnten. Die Einschränkung der Kaffee- und Zuckerproduktion und des Bergbaus hat zu einer derartigen Enverbslosigkeit und Verarmung der Arbeiter und Bauern geführt, daß in Brasilien, Chile usw. ganze Armeen hungernder "\,Verktätiger ziellos durch das Land streifen, um Arbeit und Brot zu suchen. Versuchen sie, die Städte zu betreten, so werden sie erbarmungslos niedergeschossen. In Columbia schlafen die Landarbeiter der Bananenpflanzungen an den Ufern der Flüsse, weil ihre Löhne es ihnen nicht erlauben, auch nur den billigsten Schuppen zu mieten. In Peru, Brasilien, Bolivien usw. rauben die iinperialistisch�n Gesellschaften in ihrer Gier nach allen Quellen des Reichtums, von den Behörden unterstützt, ganzen lndianersiedlungen den Boden. Wenn die Indianer sich zur Wehr setzen, richtet man blutige Massaker unter ihnen an. In Brasilien ,vurden Ende 1930, Anfang 1931 einige tausend Indianer von der Scholle gejagt und getötet, weil sie der Enteignung ihres Gemeindelandes durch den amerikanischen Automobilkönig Ford, der von der brnsilianischen Regierung ausgedehnte Konzessionen für Gun1mibaumpflanzungen erhalten hatte, W,id':rstand leisteten. · Die wirtschaftliche Lage der werktätigen 1'1assen· in Porto Rico ist ·noch schlimmer, als die der �fassen in den anderen karibi- 236

J.f. Ca!tillo

sehen Ländern. Porto Rico ist eine Kolonie der USA. Der Gouverneur ,vird vom amerikanischen Weißen I-Iaus in "rashington eingesetzt. Die ,verktätigen l\iassen unterliegen nicht nur der kolonialen Ausbeutung durch die einheimische Bourgeoisie und Grundbesitzer. Die Bevölkerung von Porto Rico unterliegt auch den Aus,virkungen des New-Deal-Programms und der Inflationspolitik Roosevelts, da das Land als ein Teil der USA behandelt wird. Diese Politik ließ die Preise für Gebrauchsgegenstände um 35 Prozent heraufschnellen. Das Ergebnis sind Hunger und Elend der werktätigen l\iassen in einem nie dage,vesenen Ausmaß. Fälle, ,vo Leute vor Hunger erschöpft niedersinken, und daß Leichen von Kindern gefunden werden, die in den Straßen der Städte und auf den Landstraßen verhungert zusammengebrochen sind, werden immer häufiger. Die Kämpfe der ar�en indianischen Bauern und Landarbeiter gegen die feudale Ausbeutung und gegen den Raub ihres Bodens durch die einheimischen und ausHindischen Grundbesitzer durchziehen ,vie ein roter Faden die Geschichte der Klnssenkämpfe der ,verktätigen l\fussen 1\fexikos. Die armen Bauern und versklavten Landarbeiter ·waren in der ReYolution, die l\{c.�iko von 1910 bis 1920 erschütterte, -die treibende Kraft. Thrc Losung war „Land und Freiheit!" Etwa eine halbe Million Bauern und Arbeiter kam dabei ums Leben. Seither haben die Kämpfe der armen Bauern 1\fexikos kein Ende gefunden. Trotz aller demagogischen Versprechungen und einiger kleiner Reformen der Regierungen ist ·es der Bourgeoisie und den Grundbesitzern nicht gelungen, die große Masse der Bauern f iir sich zu ge,vinnen. Die armen Bauern und Landarbeiter 1\fexikos sind nicht nur dem Terror der Zentralregierung . ausgeliefert, die beim geringsten Anzeichen von Bauernunruhen Truppen einsetzt, sie sind auch der Skrupellosigkeit der Ortsbehörden, die die Bauern ständig im Interesse der einen oder der anderen politischen Partei oder Gruppierung ausnutzen, und den bewaffneten terroristischen Banden der Grundbesitzer, die das flache Land mit ihren Gewaltakten venvüsten,. preisgegeben. Erst kürzlich stellte ein Abgeordneter des Staates Pucbla (�[exiko) fest, daß über 100 Bauern, die seine Anhänger ,varcn, auf Befehl der Ortsbehörden, die ini Auftrage einer anderen politischen Gruppierung gehandelt hatten, getötet wurden. 236

Da weiße 1'error in Siidamerilm uncl clen J{aribisclren Lcinclcrn

Eine alltägliche- Erscheinung ist die Erschießung von armen Bauern und Landarbeitern durch die Banden der Grundbesitzer. An den Bäun1en auf den mexikanischen Feldern sind nicht selten die Leichen gehängter Bauern zu sehen. In allen karibischen und südamerikanischen Ländern besteht noch auf vielen Gütern der einheimischen und ausländischen Grundbesitzer die Leibeigenschaft, obwohl sie in keinem der Länder gesetzlich festgelegt ist. In Brasilien befinden sich 95 Prozent des Bodens in den Händen der Großgrundbesitzer. In Argentinien gibt es Latifundien bis zu 75 000 Hektar. Guatemala, dessen Be­ ,;ölkerung zu 80 Prozent aus Indianern besteht, zeigt von allen karibischen Ländern die typischsten Beispiele der Leibeigenschaft und Zwangsarbeit. Leibeigenschaft und Zwangsarbeit treten in Guatemala ganz offen in Erscheinung. Der arme Bauer wird durch ein kompliziertes System von Steuern, Pachtgeldern, Verkaufsmonopolen für landwirtschaftliche Produkte us,v. in der J{nechtschaft der Grundbesitzer gehalten. Das System der Versklavung der „Peonen" (Landarbeiter) ist derart, daß es ihnen un1nöglich ist, die Hacienda zu verlassen. Wenn ein Peon den Versuch n1acht, von der Hacienda zu fliehen, machen die Behörden Jagd auf ihn und bringen ihn zurück; weigert er sich aber (als Protest gegen die Versklavung) zu arbeiten, so wird er eingekerkert, bis er „zur Vernunft gekommen" ist. In Venezuela, :Mexiko, San Domingo usw. werden Arbeitslose unter der Beschuldigung der „Landstreicherei" zu Stro.ßcnbauten und zu Erntearbeiten auf den Plantagen gezwungen. z,vangsarbeit ist in weitem Un1fange auch für' die politischen Gefangenen eingeführt. In Peru ging der Polizeichef von Cuzco sogar so ,veit, 25 eingekerkerte Kommunisten mit Zustin1mung der zentralen Regierung an den Besitzer einer großen Plantage für 2000 Soles (peruanische Währung) zu verkaufen.

... •I•

In dem 1{aße, wie sich in den letzten Jahren der Kampf zwischen den Imperialisten um das �lonopol über die Rohstoffc und die Märkte verschärfte, verstärkte sich auch die Ausbeutung und Unterdrückung breitester Bevölkerungsschichten. In diesen Jahren sind machtvolle antiimperialistische Be,vegungen zustande gekom1nen, die in großen �fasscnaktioncn zum Aus- 237

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M. Castillo

druck kamen. In <lcn Städten, Bergwerken, .auf den Planlagtn folgt {'in Streik der Arhcitcr dem anderen. Die Kämpfe erfassen nicht nur die Arbeiter, sondern auch immer breitere Massen der verarmten 1'Uttelschichten in Stadt und Land. Auf dem Lande reißen die Aufstände und Revolten der landlosen und armen Bauern, der unterdrückten Indianergemeinden und der Xegerbevölkerung nicht ab. Des ,vartens auf die Erfüllung der demagogischen Versprechungen korrupter Politiker müde, gehen die Bauern dazu über, sich eigenmächtig den Boden zu nehmen. Im Cbaco häufen sich Revolten und Verbrüderungen bolivianischer und paraguayischer Soldaten. Die antiimperialistischen und revolutionären Kämpfe der ·werktätigen :\fassen Zentral- und Südamerikas steigerten sich bereits verschiedentlich bis zur Bildung von selbständigen revolutionären Volksregierungen. In Mexiko organisierte die Rote Hilfe am 29. Juni 1930 in Matamoros Laguna eine riesige Ver!)ammlung unter freiem Himmel, um der Forderung nach Freilassung der in �lexiko in �lassen verhafteten Revolutionäre stärksten Nachdruck zu verleihen. Bauern aus allen benachbarten Gebieten halten sich zu dieser Versammlung in Matamoros eingefunden. Ein riesiges Polizeiaufgebot unter persönlicher Führung des Polizeichefs Anicato Sifuentes sprengte die Versammlung und eröffnete das Feuer auf die Tausende von versammelten :\fönnern, Frauen und Kindern. 21 arme Bauern und Landarbeiter wurden getötet, Dutzende verwundet und eine noch größere Menge verhaftet. Im Dezember 1934 streikten in Tampico (Mexiko) 16 000 Ar· heiter auf den Oelfeldern der britischen „.Aguila"- und „Pierce '-­ Oelgescllschaften wegen Nichteinhaltens der Arheits,·erträge durch die Unternehmer. Der Streik griff auch auf andere Industrien über, wodurch sich die Gesamtzahl der Streikenden auf 25 000 erhöhte. Drei ,vochen später traten 10 000 Textilarbeiter in Hidalgo, einem der Textilzentren Mexikos, in den Streik und forderten Lohnerhöhung. Die \Velle der Bauernr�volten stieg Ende 1934 in den meisten Staaten Mexikos wieder stark an. Die Revolten werden \"'On den Regierungstruppen rücksichtslos niedergeschlagen. In einem Dorfe des Staates Veracruz wurden im Januar 1935 40 Bauern getötet und über 100 verwundet. Aehnlichc Zusammenstöße fan• den in mehreren Dörfern anderer mexikanischer Stunten zwischen aufständischen Bauern und den Regierungstruppen slatl 238

Dt'T weiße Terror in Siitlrm,aika und dl'n Karihisch,·11 l.iimfrrrt

In Argentinien löste in den letzten Jahren ein -l{ampf der Arbeiter und Bauern den anderen ab. 1922 erhoben sich die Bauern und Landarbeiter von Santa Cruz mit der ,vaffe in det Hand. Sie bemächtigten sich der Haciendas der Grundbesitzer und errichteten - unter dem Einfluß der Ideen der großen russischen Revolution - eine Sowjetregierung. Die argentinische Regierung entsandte l\1ilitär, ließ das ganze von Bauern besetzte Territorium einkreisen, die Farmen niederbrennen und über 400 Bauern verhaften. Die Verhafteten ,vurden gezwungen, ihre eigenen Grüber zu graben, und wurden dann einzeln neben den Gräbern erschossen; unter den so hingeschlachteten Opfern ,varen auch Frauen und Kinder. Das barbarische Gemetzel löste im ganzen Laride eine 1nach tvolle Protestwelle aus. 1922 ist in den argentinischen Häfen die Autorität der Gewerkschaften so groß, daß in der Praxis sie es sind, die das letzte \Vort über Laden und Löschen der Schiffe zu sprechen haben. ßehn Streik der Eisenbahner 1922 zeigt die Regierung ihre Ergebenheit gegenüber den britischen Besitzern der Transporlinduslrie und läßt auf die friedlichen Versammlungen und Demonstrationen der Streikenden das Feuer eröffnen. Dutzende von Streikenden fanden den Tod. Es folgte die große Bewegung gegen das „Gesetz für Sozialversicherung", mit dem die argentinische Regierung einen 8prozentigen Lohnabzug für den Sozialversicherungsfonds bez,veckte. Alle Arbeiterorganisationen setzten diesem versuchten Raub eine geschlossene Front entgegen. Der Kampf dauerte 2 Jahre und war von zahllosen Teil- und Generalstreiks begleitet, die Hunderten von Arbeitern das Leben kosteten. Schließlich ,var die Regierung gezwungen, auf die Durchführung ihres Projektes zu verzichten. Die Jahre 1925-1927 sind in Argentinien durch eine breite Massenbewegung charakterisiert, die von der Internationalen Roten Hilfe für die Befreiung von Sacco und Vanzetti geführt wurde. In diesem Kampf, den die Werktätigen Argentiniens als ihre ureigenste Sache empfanden, wurden bei Protestdemonstrationen Dutzende von Arbeitern ermordet. Die Polizei schoß mit :Maschinengewehren auf die Teilnehmer an zwei großen Saccound Vanzetti-Demonstrationen und tötete und verwundete n1ehrcrc Werktätige. Anfang 1930 streikten in Buenos Aires und Rosnrio 12 000 239

M. Castillo Arbeiter der Holzindustrie. Die Regierung entfesselte einen rücksichtslosen Terror gegen die Streikenden. IIunderte ,vurden in die Kerker geworfen, über 20 bei den Angriffen der Polizei ge• gen die Streik.enden schwer verwundet. Aus der ununterbrochenen Kette der Kämpfe z,vische n Ausgebeuteten und Ausbeutern in den südan1erikanischen und kari• bischen Ländern hebt sich auch der Generalstreik der 32 000 Landarbeiter auf den Bananenplantagen in Columbia im November 1928 hervor. Der Kampfgeist und die Entschlossenheit der Streikenden erfüllten die Plantagenbesilzer und die Regierung mit einem solchen Schrecken, daß die blutigsten �laßnahmen zur Niederschlagung des Slreiks ergriffen "·urden. Etwa 1500 Streikende, darunter zahlreiche Frauen und Kinder, wurden von den Truppen gelötet, mehr als 3000 Arbeiter verwundet In Chile wurde 1929 die verhaßte lbanezdiktatu_r von den ,verktätigen 11assen durch einen 1nachlvollen :Massenkampf gestürzt. 1931 brach auf fast der gesamten chilenischen Kriegsflotte ,vegen Soldforderungen ein Aufstand der �Iatrosen aus, der schnell politische Formen annahm und zur Bildung von 11:atrosen- und Arbeiterräten führte. Die englische und amerikanische Regierung schickten Kriegsschiffe in die chilenischen Ifäfen. Der Aufstand ,vurde durch ein schonungsloses Flugzeugbom• bardement niedergeschlagen. Fast 2500 aufständische �fatrosen und revolutionäre Arbeiter fanden dabei den Tod. Hunderte von Arbeitern und :Matrosen wurden in die Strafkolonien von El Aysen und auf die Insel �las Afuera verbannt, 11 Führer des Aufstandes zum Tode verurteilt, 2 zu lebenslänglicher Haf� 4 zu 15 und 2 zu 10 Jahren. Eine machtvolle internationalr ?\Iassenkampagne der IRH zwang die Regierung jedoch, die elf Todesurteile in lebenslängfichc Haft un1zu,vandeln und die Verurteilten schließlich freizulassen. Im Jahre 1934 kam es in Lonquimay, im Süden von Chile, zu einem bewaffneten Kampf der Bauern, an dem sich die Arbeiter beteiligten. Die Bauern bemächtigten sich der großen Güter und erklärten sich in einer Arbeiter- und Bauernversammlung als revolutionäre Volksregierung. Die chilenische Regierung entsandte eine 1nilitürischc Strafexpedition, die die Bauern niederschlug und über 400 Arbeiter und Bauern ermordete. Einem Teil der aufständischen Bauern gelang .es, die Grenze 240

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Der weiße Terror in Südamerika und den Karibischen Ländern

nach Argentinien zu überschreiten. Die argentinische Polizei lieferte sie jedoch an Chile aus. Im Januar 1935 brach in Chile ein großer Eisenbahnerstreik :1us, der 18 000 Arbeiter erfaßte. Die Tatsache, daß die Regierung in den ersten Streik.tagen allein in Santiago de Chile über {>00 Streik.ende verhaften ließ, gibt ein Bild von dem Terror, mit dem sie gegen die Streik.enden vorging. Selbst die bürgerlichen Parlamentsabgeordneten sahen sich schließlich gez,vungen, gegen den wilden Terror der Regierung zu protestieren. Auf den Kriegsschiffen und in den Armeen der südan1erikanischen und karibischen Länder kommt es infolge der schlechten Bedingungen und der Ausbeutung, denen die Soldaten und lfatrosen ausgesetzt sind, oft zu Revolten. Für Peru allein könnte eine ganze Reihe von l\1eutcreien und Revolten der Soldaten und Matrosen angeführt werden. Eine der größten davon ,var die �feuterei nuf den beiden peruanischen Kriegsschiffen „Grau" und „Bolognesi" am 7. Mai 1932. Sie begann, weil die l\Iatroa;en lange Zeit keinen Sold bekommen hatten. Die 1Ieuterei richtete sich schließlich offen gegen die Terrorregierung Sanchez Cerros, die gerade zu jener Zeit eine Welle der grausamsten Verfolgungen und Repressalien gegen die Werktätigen und ihre revolutionären Organisationen in Peru entfesselt hatte. Gegen 8 Seeleute fällte das Kriegsgericht Todesurteile, die am 11. Mai 1932 vollstreckt wurden. 26 Seeleute wurden zu 12 bis 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Hunderte · von Arbeitern, •darunter die aufopferndsten :Mitglieder der peruanischen Ko1n­ munistischen Partei, wurden ini Gefängnis geworfen und furchtbar gefoltert. Der bewafYnete Aufstand der armen Bauern und Landarbeiter von El Salvador im Januar 1932 ist ebenfalls ein hervorstechendes Beispiel für den Kampfwillen und die Kampfentschlossenheit der werktätigen :Massen in Zentral- und Südamerika. �Iehrere Tage lang konnten die Aufständischen die !\facht in fünf Provinzen halten. Das ganze flache Land flmnmte und sie.­ dete im Aufruhr. Die Regierung von El Salvador ,var anfangs außerstande, den Lauf des Aufstandes aufzuhalten. Erst nach­ -dem sie alle ihr zur Verfügung stehenden bewaffneten ·Kräfte mobilisiert und alle bürgerlichen Elemente in Stadt und Land bewaffnet halle, gelang es ihr, den Aufstand niederzuwerfen. Die kanadische Regierung sandte Kriegsschiffe nach El Sulva- u Weißer Terror

,\f. Ca 1 t i II o

clor. Die blutige und unbarmherzige Nieclerschlagung dieses Auf• �tancles ist eines der schwärzesten Blätter in der Geschichte der bürgerlich-fcudalcn Regierungen der karibischen Länder. 20 000 aufständische Bauern und Landarbeiter "·urden nach dem Auf- - �land ermordet, ganze Dörfer wurden niedergebrannt, und wenn keine Gefangenen gemacht ,vurden, so ist das darauf zurückzu­ f ührcn, daß die Regierung offiziell den Befehl erteilt hatte, ,,alle­ Roten niederzuschießen". Vier Führer des Aufstandes, unter ihnen August �larti, einer der aktivsten und mutigsten Führer der Kommunistischen Partei und der antiimperialistischen Be,vegung in den karibischen Ländern, kamen vor ein Kriegsgericht und "·urdcn hingerichtet. Der Aufstand von El Salvador fand einen ,viderhall in al· lcn benachbarten Ländern. Die erschreckten Regierungen von Honduras, Guatemala us,v. entfesselten einen bestialischen Terror und eine grausame Verfolgung der revolut ionären Bewegung. Besonders unbarmherzig war der Terror in Guatemala. �lehrett Revolutionäre wurden hingerichtet, darunter Paul \Vainrigb� ein Führer der Kommunistischen Partei Guatemalas; er war es, der in der Nacht vor der Hinrichtung mit seinem eigenen Blut an die ,vand seiner Zelle schrieb: ,,Es lebe die Komnnmistische Internationale!" Auf Kuba n1anifestierte sich die revolutionäre Kampfkraft der kubanischen Arbeiter, Bauern und der revolutionären Stu· dentcn in einer Welle von Streiks und Kämpfen. Einer der bedeutendsten Streiks war der Proteststreik gegen den Terror Machados am 20. l\lärz 1930. An dem Streik, der zu einer Zeit stattfand, als alle Organisationen der ,verktätigen streng illegal waren, nahn1en über 200 000 Arbeiter teil. Die größte Bewegung in Kuba ,var der Auguststreik 1933„ der zum Sturz l\lachados führte. Der Streik hatte sich in wenigen Stunden in eine Volksrevolution gegen die Machadodiltatur verwandelt. Die Erbitterung und der }-laß der kubanischen �tudenten gegen das Terrorregime �lachados waren so groß daß es spontan zu einer Reihe von Vergeltungsakten ka1n. Die Studenten machten Jagd auf die „Porristas", Banditen und Berufs- 111örder, die im Dienste der l\Iachudoregierung gestanden ball� töteten oder lynchten sie und brannten ihre \Vohnungeu nieder. Die Regierung der USA schickte während der dem Sturze Machados folgenden revolutionären Kün1pfe 30 KricgsschifTe in die :.142

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Der weiße Terror in Sridamerika und den Karibiuhen Ländern • kubanischen Gewässer, ließ die Insel einkreisen und drohte mit Intervention. Die Kriegsschiffe sind bis heute nicht zurückgezogen worden. Am 29. September 1933 fand in 1-Iavanna anläßlich der Beisetzung der Asche .Julio Antonio :Mellas, des Führers der Kommunistischen Partei Kubas, ein l\Iassentreffen der revolutionären Organisationen statt. (Julio Antonio :Mella war auf direkte An,veisung i\1achados am 10. Januar 1929 ermordet ,vorden.) Auf Befehl der Regierung überfiel :Militär die �lassen. 4- A rheite-r wurden durch das Feuer der Truppen getötet, Dutzende von Demonstranten schwer verwundet. Gleichzeitig ,vurden Hunderte von Arbeitern und Studenten verhaftet, und die erst kurz vorher wieder eröffneten Büros der verschiedenen Arbeiterorganisationen geplündert und demoliert. Bis zum Sturz l\'Iachados waren alle Arbeiterorganisationen streng illegal gewesen. Die Asche 1Icllas, dessen Name zu einem Kampfsymbol der versklavten ,verktätigen 1fassen aller karibischen und südamerikanischen Länder geworden ist, wurde in Sicherheit gebracht, und die Arbeiter Kubas sind überzeugt, daß der Tag nicht mehr fern ist, wo sie, von der Ausbeutung der einheimischen und im- pcrialislischen Unterdrücker befreit, sie bestatten können. Im l\Iärz und Oktober 1934 streikten die kubanischen Arbeiter gegen die faschistischen Dekrete der Regierung �fendieta. Am Oktoberstreik nahmen 150 000 Arbeiter teil. Im April 1934 streikten die Arbeiter Havannas, der kubanischen Hauptstadt, für die Freilassung dP.r revolutionären politischen Gefangenen, die in den Hungerstreik getreten waren. Diese Solidaritätsaktion für die hungerstreikenden politischen Gefangenen hatte vollen Erfolg. Die Regierung ,vurde gezwungen, die in den Kerkern der Hauptstadt inhaftierten politischen Gefangenen freizulassen. Im Juli 1934 erzwangen die Arbeiter in Havanna wiederum durch einen Streik die Freilassung von 132 verhafteten Arbeitern, Bauern und Studenten. Wie diese Streiks zeigen, sind die Ideen der Internationalen Roten Hilfe tief in· das Bewußtsein der kubanischen Massen eingedrungen. Im November 193-1 kiin1pften in Rcalengo 3800 Bauernfamilien mit insgesamt 30 000 Köpfen heroisch gegen den Versuch einer imperialistischen Gesellschaft, das Land, auf dem die ßau­ .em 30 Jahre lang gelebt und gearbeitet hatten, zu enteignen. Militär mit Kriegsflugzeugen, Tanks und Kanonen war bereits 16* 243

M. Castillo • zur Brechung des "\Viderstan de s mobilisiert. Die Regierung Men- dieta schreckte aber vor der Durchführung der Aktion zurück. als sie sah, daß die Bauern entschlossen ,varen; eher zu sterben, als ihre Scholle zu verlassen, und daß die Rebellen sich mit Unterstützung der revolutionären Organisationen Kubas und der Bauern aus den Nachbargebieten anschickten, Sowjets zu errichten. l\lendieta 1nußte seinen Rachefeldzug auf einen gunstigeren Zeitpunkt verschieben. · Im Jahre 193! erfaßte die ,vcllc der l\fassenkämpfc auch • 1 Brasilien. Der mächtige Kmnpfwille der brasilianischen werklä­ -tigen �iHssen, der seit Ende 1930 von der Regierung Getulio \ ar· gas durch brutalsten Terror eingedäinn1t ,var, brach sich wie ein reißender Sturzbach Bahn. Eine sich ständig steigernde Streik,velle setzte ein, die im Januar 1935 in dein Streik der 400 000 Wassertransportarbeiter und 300 000 Post- und Telegraphenangestellten, dem größten Streik, den die Geschichte Südamerikas bis heute kennt, ihren bi5herigcn 1-Iöhepunkt fnnd­ Nicht nur die Arbeiter und Angestellten, sondern auch bedeutende Schichten des Kleinbürgertums, der Intellektuellen und der Bauernschaft wurden von der Streikbe"·egung erfaßl So fand z. B. im September 1934 ein Aerztestrcik statt, der sich über das ganze Land erstreckte. Sämtliche Streiks ,varen- von ?\1assenverhaftungen und einem wüsten Terror der Regierung begleitet. Die Streikenden wurden dadurch jedoch alles andere als entmutigt. Im Gegenteil. sie machten de• Kampf gegen den Terror der Regierung zu einem Bestandteil ihrer Streikforderungen. Die Hafenarbeiter hatten z. B. während ihrer beiden Generalstreiks im Februar und April ·1934 die Forderung der Freilassung der politischen Gefangenen zu einer ihrer direkten Kampflosungen gemacht, ebenso die Te legraphenangestellten bei ihrem Streik im Juli 1934. Der Generalstreik der Arbeiter und Angestellten von Rio de Janeiro im Aügust 1934 war sogar eine unmittelbare Kampfaktion der �lassen gegen den weißen Terror der Regierung. Der Anlaß dazu war ein Ueberfall der Polizei auf eine antifaschistische und Antikriegskundgebung, bei dem 5 Werktätige getötet w1d 4,5 verwundet wurden. 50 000 Arbeiter und Angestellte nahmen an die­ l s-em Generalstreik . teil. Ihre Forderungen waren u. a.: ,,Legaität für die· Kommunisti�che Partei und die revolutionären Mas� se·norganisationen!" ,,Freilassung ftllcr politischen Gefangenent ;.?H

Du weiße Terror in Sii<lamcri ka und .den Karibischen Ländern

Seitdem ist der Kampf gegen den weißen Terror zu einem festen Bestandteil des Befreiungskampf es der brasilianischen 1\i�ssen geworden. Im Nove1nber 1934, als die Polizei den Studenten Tobias ,varschawski verschleppte und ermordete, und die Rote 1-Iilfe diesen Fall zum Anlaß nahn1, um in Rio de Janeiro ein juristlsches Volkskomitee zur Untersuchung p.es Falles Warscha,vski zu organisieren, nahm der Kan1pf gegen den weißen Terror einen noch stärkeren Aufsclnvung. Hunderte von Rechtsanwälten und anderen Intellektuellen und Dutzende von Gewerkschafts- und sonstigen l\iassenorganisationen schlossen sich dem Komitee an: In allen größeren Städten Brasiliens entstanden ähnliche Komi-· tces. Ein von der Regierung zu dieser Zeit im Parlament einge-· brachtcs Staatsschutzgesetz, mit dem sie sich die gesetzliche Unterlage für einen verschärften Kampf gegen die antiimperialistische revolutionäre Bewegung schaffen wollte, führte zu einer weiteren Vertiefung und Verstärkung des Kampfes gegen den weißen Terror. Der Kampf nahn1 einen ,vahren �fasscncharakter an und trug in erhebliche1n l\,faße zur Bildung der „Allianza Nacional Li.: bertadore" bei, der sich zum Kampf gegen Imperialismus und Reaktion bekanntlich auch die nationalrevolutionären Parteien, Parteien des Kleinbürgertums und die linken Gruppen der Liberalen Partei Brasiliens anschlossen. Die Regierung ,vandte alle Terrormittel gegen die juristischen Komitees an und versuchte, sie durch Verhaftung und Verschleppung der führenden �Iitglieder zu zer6chlagen. Die arn1en Bauern und die Indianergcn1cinden Brasiliens erheben sich iinrner häufiger gegen ihre Unterdrücker. Bei der Niederwerfung dieser Aufstände geht die brasilianische Regierung mit aller Brutalitiit vor. 1934 war Brasilien der Schauplatz einer Reihe von blutigen l\Iassakern unter den arn1en Bauern und Indianern. U1n zwei dieser Bauernaufstände iin Jahre 1934 in Corumba und Cuyala (Staat l\Iutto Grosso) niederzuschlagen, 1nußte die brasilianische Regierung ihre gesamten bewaffneten Kräfte mobilisieren. In Costarica traten im Oktober 1934 auf den Kaffeeplantagen von Turrialba die Landarbeiter in den Streik. Auf Porto Rico streikten Ende 1934 10 000 Zuckerarbeiter. In den letzten l\ilonaten des Jahres 1934 ging überhaupt iiber sän1tliche Antillcninscln eine Welle von wirtschaftlichen Kiin1pfen und Streiks. 246

M. C a l ti II o· \Velchen Druck die Bewegung der �iassen auf die lmperiali• sten schon jetzt ausübt, beweist die Tatsache, daß die amerika• nischen Imperialisten auf der panamerikanischen Konferenz in Montevideo im Januar 1934 erklären 1nußten, daß Amerika, ob• wohl es Kriegsschiffe nach Kuba geschickt habe, doch keine be• waffnete Intervention in den südamerikanischen und karibischen Ländern durchführen werde.

Die Regierungen der zentral- und südamerikanischen Län• der stützen sich auf den grausamsten weißen Terror. In Venezuela herrscht seit vielen Jahren ununterbrochen Belagerungs• zustand. In Kuba, Argentinien, Columbien, Ecuador etc. wird der Belagerungszustand mit Unterbrechungen bei dem gering• sten Vorwand entweder für das ganze Land oder dislriklsweise ständig von neuem verhängt. Der berüchtigte Präsident von Venc=uela, \ iccnte Gon1ez, übt auf diese \Veise bereits 26 Jahre lang eine der blutigsten Diktaturen aus, die die Geschichte der i\euzeit kennt. In Venezuela sind nicht nur alle revolutionären Organisationen, sondern auch alle bürgerlichen Oppositionsparteien verboten. Ende 1934 ,,·ar G01nez· Stellw1g stark erschüttert. Um seine Position wirdrr zu stärken und uni die BcYölkcrung für seme Krit•gsYorbrrl'itungen gcgrn Colun1bia zu gewinnen. begann er die polilisclwn Gefangenen freizulassen. .-\.der ,'\·ährend alle, die Wl'gcn reYolulioniirer Täligkt•il eingesperrt wordt'n waren. in dem Aut,:t•nblirk. wo sit• das Gefängnis Yl'rliclll'll. de Landes ver\\"ie• st.•n wurdl·n. durfkn die �litglil'Ut'r der vcrschit'dt>nen politischen Cliqut·n dl•r biirr:l'rlidtl'll Opposition in ,·enl'Zut�I:t bldben. \\1e sid1 abt.•r pükr lwrausskllk. war tll'r grüllh.' T-.•il der re,·oluliooä• ren l,t.'fane:l'lll'll iih�rhaupt nicht l'ntbsSt·n ,vordm. Durch die•

l sen Akt und durd1 l'ini�l' Privih.•�it•n. dil' Go1uez den ,·erschiede-. nt•u lirupJX'll th.•r biir�t•rlicht.•n Opposition f!:lb. versuchte er, seine t•�d,ütkrk l\\Sition 1u sl�rkl'l\. un, l'itw noch nick.sichtslosere Offt•nsin• �t'r!l'l\ tlh• unh'nlrikkkn \\\•rkt:tli�t'n Y�n�zuelas füh­ n'tl LU klltuh'lL St'it l'ini�t•n Jahn'u �t"h.l dit" C10mezregierung �•.i�• für tlit' \\•rlmOun� , m Knmn,unish.'u :,u: für einen Füh­ N':r' �bt �t• SOU U ,lh·an'S ,u1�,,frthr :?�l l�,thu·\. für � einfsches ��.fit.'<! dt-r Kon1nn1nistisdwn P:trti'i �)()O ßolh. � In Kuba t'\'�' rtt' �h,chmln. dn tn•Ut'r Kt"tl�h\md des ameribniscl,m hlll)("ri:tli ~n,u :.d,t J:thl'\.' ,tur-ch \"cf'bn"cllffl und Ter-- NI

Der weiße Terror in Südamerika und den Karibischen Ländern

ror. Er füllte die kubanischen Gefängnisse zum Bersten voll mit revolutionären Arbeitern und antiimperialistischen Studenten, und wandte die brutalsten Repressalien gegen die revolutionären Organisationen an. Auf- die Präsidentschaftsperiode �fachados folgten eine Reihe von Regierungen, die sich nur deshalb an der :Macht halten konnten, ,veil sie von den Ne,v-Yorker vVallstreetbankiers unterstützt wurden. Seit dein !\·Iachtanlritt Menclietas, der gleichfalls nach Instruktionen \Vashingtons zu handeln hat, wurde eine Anzahl neuer Gesetze und Del�relc gegen die revolutionären Organisationen erlassen. ,,Dekret Nr. 3" verbietet jeden Generalstreik sowie jeden Streik in den als lebens,vichtig bezeichneten Betrieben (Elektrizität, Telephon, Transport). Die ,,Dekrete Nr. 51" und „Nr. 52" \'erbieten die Durchführung eines jeden öffentlichen Aktes von sozialem, politischem oder Rasseninhalt (ein großer Teil der Bevölkerung Kubas besteht aus Negern), sie verbieten ferner jede schriftliche oder mündliche Propaganda im Zusammenhang mit diesen Fragen. Zur Ergänzung wurden die „Dekrete Nr. 63" und „Nr. 82" erlassen, die alle Abn1achungen und Verträge zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern aufhoben. Viele Arbeiter hatten für diese jetzt für null und nichtig erklärten Abmachungen und Verträge in heroischen Kämpfen ihr Leben geopfert. Auch die Ausweisung aller ausländischen Arbeiter wurde verfügt. Sie ,verden seitdem in �fassen ausgewiesen. Verstöße gegen die Dekrete werden mit Gefiingnis von 2 bis 6 Jahren bestraft. Die Dekrete sind so formuliert, daß jeder, der in einer Versa1nmlung spricht, schon mindestens fünf „Verbrechen" begeht. Im Januar 1935 ,vurde hn Zusammenhang mit der Zuckererntesaison ein neues Dekret erlassen, das allem die Krone auf­ -setzt. Durch dieses Dekret wird die Todesstrafe für alle verhängt, die auf den Zuckerplantagen oder in den Zuckerraffinerien an cine1n Streik wi-ihrcnd der Erntesaison teilnclunen. Da z.uck, r <lie Hauptquelle des Profits der an1crikanischen hnperialisten und der einheimischen grundbesitzenden Bourgeoisie in Kuba darstellt, zittern die Ausbeuter bei dem Gedanken, daß ein Streik der Zukkernrbeiter ausbrechen könnte. ,,Es muß Zucker geben, sonst gibt es Blut!" - drohte der Oberste Führer der kubanischen Armee, Batisla, den Zuckerarbeitern während der Zuckeremle 1934. Aber auch· die Ausführung dieser Drohung durch schleunige Entsendung von Truppen auf die Zuckerfelder konnte den Kampfgeist 2-&7

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und den ,viderstand der kubanischen Zuckerarbeiter nicht brechen. Sie streikten doch. Die argentinische Regierung organisierte im Jahre 1919 einen wahren Pogrom gegen die Arbeiterorganisationen, um die Bewe• gun� der Arbeiter und Bauern aufzuhalten. Im Januar 1919 �:ib die Polizei von Buenos .Aires den Arbeiterorgani .ationen die Erlaubnis, für vier Arbeiter, die bei einem Streik erschossen worden waren, eine Trauerdemonstration abzuhalten. Ueber 100 000 Arbeiter nal1men an der Demonstration teil. Als die Demonstran· 1 tcn jedoch den Friedhof erreicht hallen - c "·ar abends und dunkel -, un1zingelle die Polizei die �lassen und beschoß ie mehrere Stunden mit �Iaschinengewehren. Am näch\len �lorgcn verhängte die Regierung über ganz Argentinien den Belagerungszustand und besetzte die wichtigsten Städte mit :\lilitnr. Die Büro und Drukkereien der Arbeiterorganisationen wurden niedergebrannt und alle verdächtig aussehenden Personen kurzerhand auf der Straße niedergeschossen. ,vieviel tausend Arbeiter "·ährend die er �lassenschlächlerei, die über eine \Voche dauerte, ermordet wurden� konnte niemals genau festgestellt werden. Die systematische Unterdrückung der reYolutionärcn Organisationen in Argentinien begann nach der �Iachtcrgreifung Uriburus (Ende 1930). In 1 ½ Jahren warf die Regierung Uriburu über 10 000 politische Gefangene in die Kerker. Hunderte ,·on revolutionären ausländischen Arbeitern wurden deportiert und Hunderte von einheimischen Revolutionären im düsteren Zuchthaus Ushuaia eingekerkert. Uriburu verhängte "r ührend der ganzen Dauer seiner Regierung den Belagerungszustand und führte die Todesstrafe für Revolutionäre ein. Sechs hervorragende Führer, der anarchistischen Bewegung Argentiniens ließ er vom �lilitärgericht zum Tode verurteilen und hinrichten. \Vähreud der Regierungsperiode des Generals Justo, der der Regierung Uriburu folgte, steigerten sich die Kämpfe der werk­

l • tätigen !\fassen. Deshalb verstärkte die Regierung des Generals Justo den weißen Terror. Auf Initiative des Innenministers Melo wurde eine Spezialkommission zur Bekämpfung des Kommunis• 011=1s gcschaffen, die direkt der Polizei unterstellt ist. Die Aufgabe dieser K01nn1ission, an deren Spitze der russische \Veißgardist \Vorontzow \Velian1imow steht, ist es, die Verfolgwig der rcvolu� tioniiren Verbiinde zu organisieren und die Folterungen in den Gt'­ fängnisscn von Buenos Aires und anderen Orten zu leiten. · 1933 erließ der urgentinische Senat ein Gesetz, das für Verbreitung re-- 248

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Der weiße Terror in Südamerika und den Karibischen Ländern

Yolutionärer Flugblätter oder für Zugehörigkeit zu einer revolutionären Organisation eine Strafe von 4 bis 8 Jahren Gefängnis und für „Aufhetzung zu1n Sturz des bestehenden Systems" die Todesstrafe vorsieht. Uruguay hat 193•! seine Verfassung vollständig geändert. Die neue Verfassung sieht unter anderen strengen l\faßnahmen Gefängnisstrafen bis zu 6 Jahren für jeden vor, der die „Ehre" eines ausländischen Staatsoberhauptes oder eines diplomatischen Vertreters verletzt. Für Verbreitung von Flugblättern einer revolutionären Organisation sind 6 l\Ionate und für Teilnahme an einen'! Streik 2 Jahre Gefängnis vorgesehen. In Brasilien geht zur Zeit ein großer Kampf gegen die Einführung d_es Landesschulzgcsetzes, eines· Monstregesetzes, vor sich. Mit diesem Gesetz sollen die Organisationen der Werktätigen in ihrer gcsamtcri Tätigkeit gebunden ,verden. Das Gesetz geht so weit, z,vischcn den Führern �•nd den einfachen l\litgliedern einer Organisation -strafgesetzliche Unterschiede zu machen. I:ür einfache l\Htglieder einer Organisation, die den Sturz der bestehenden Regierung zum Ziel hat, 'sieht das Gesetz 5 bis 10 Jahre Gefängnis vor, für die Führer 10 bis 15 Jahre. Porto Rico ist augenblicklich dabei, die Todesstrafe einzuführen. Als Grund ,vird „das An,vachsen der Kriminalität in den letzten Jahren und die Nohvendigkeit, sie mit fester Hand zu bPkämpfen", angegeben. Der ,virkliche Grund ist jedoch kein anderer, als die Furcht vor der ,vachsenden revolutionären �Iasscnbe- wegung. Im April 1934 unterzeichneten die zentralamerikanischen Regierungen von Guatemala, Costa Rica, Panama, El Salvador und Nicaragua ein Abkommen, das die ge111einsame Verfolgung der revolutionären Organisationen und ihrer �Iitglieder vorsieht. ,,ln1 Falle von Rebellion oder Anarchie - heißt es in diesem Abkon1- men - müssen die Polizeikräfte aller zentralan1erikanischcn Na-· lionen gemeinsam an der Wiederherstellung der Ordnung arbeiten." l\tit Unterstützung der Imperialisten schreiten alle Regierungen der südamerikanischen und karibischen Länder dazu, den Unterdrückungsapparat zu erweitern und zu vervollkon_ln1nen. '\Vir sehen also, daß mit sehr ,venigen Ausnahn1en alle bürgerlich-grundherrlichen Regierungen der süda1neriknnischen und karibischen Länder dein Beispiel der Faschisten in Europa folgen und die demokratischen Rechte einschränken. Uebernll ,verdcn

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faschistische Regierungsmethoden, den halbkolonialen Bedingungen angepaßt, eingeführt. Um sich eine 1fassenbasis zum Kan1pf gegen die revolutionäre Be,vegung zu schaffen, bilden die herrschenden Klassen Organisationen patriotisch-faschistischen Charakters, die sich meist aus der Jugend des Bürgertums und des 11ittelstandcs zusammensetzen (in Argentinien die Legion Civica, in Chile die Liga Nazista, in �lexiko die Camisas Doradas und Camisas Rojas, in Kuba die A.B.C., in Brasilien die lntegralisten, in Costarica dit Antikommunistische Liga usw.). Die Aufgabe dieser faschistischen, halbmilitärischen Gruppen und Organisationen besteht darin, die Regierungen bei ihren Aktionen gegen die revolutionären Organisationen zu unterstützen. In Sanliago, Chile, drangen diese faschistischen Banden in eine Versam1nlung streikender Arbeiter ein, ,varfen Tränengasbomben und versuchten, die versammelten Arbeiter auseinanderzutreiben. Die Arbeiter "'ehrten sich, verjagten die Faschisten und schlossen .den Saal, um eine Rückkehr der Banditen zu verhindern. Damit ,var der Polizei ein au reichender Vorwand gegeben, um mit einem starken Aufgebot zu erscheinen, die Türen einzuschlagen und blind auf die �lassen zu feuern, so daß nach dem 1Iassaker der Fußhoden von Toten und Verwundeten bedeckt war. 17 Arbeiter wurden getötet, iibcr 100 ver,vundet. Die verbrecherische Aktivität, die die deutschen Faschisten in den südamerikanischen Ländern entfallen, muß besonders hervorgehoben "'erden. Ueberallhin, ,vo es deutsche Aus\\·anderer gibt, ,verden vom deutschen Faschismus besondere Agenten geschickt, mit der Aufgabe, faschistische Banden zu organisieren. Unter Leitung des 1Iajors Buch, der in Deutschland aktiv an den �iassenhinrichtungen am 30. Juni 1934 beteiligt ,var, ,vurden in Argentinien Bombenattentate auf die Lokale der Sozialistischen

l Partei verübt, Arbeiterführer ermordet und das Gebäude einer 1

seit über 30 .JahrPn existierenden deutschen Zeitung, des „Argentinischen Tageblattes", in Buenos Aires angezündet. Auch in Chile und Brasilien sind deutscl1e Faschisten Organisatoren von fasrhi­ 1 stischen Banden. * Alle Republiken Südamerikas und der Karibischen See rühmen sich zynisch, moderne „zivilisierte" Vcrfassungen, eine „humane" Justiz und „humane" Straf gesetzbiicher zu haben. Die 250

Der weiße Terror in Sl1dumerika und den Karibischen Lrmclern

Praxis der Justiz, die Schrecken des Gefängnis regimes u�d der Foltern in den südamerikanischen und karibischen Ländern können jedoch nur mit den Zuständen in den fernöstlichen l{olonien und Halbkolonien, wie China und Indochina, verglichen werden. Die Polizeibehörden nehmen sich nicht einmal die l\1ühe, Untersuchungen anzustellen und die Anklagen gegen die verhafteten revolutionären Arbeiter und Bauern juristisch zu beweisen. Fälle. wo Bauern, Arbeiter oder antiimperialistische Studenten lange Jahre hn Gefängnis verbringen, weil sie auf eine Verdächtigung hin oder einfach irrtümlich eingesperrt wurden, sind keine Seltenheit. ln Venezuela z. B. werden die Gefangenen vo1n Polizeichef selbst verhört und gefoltert . Er hat dabei gar nicht die Absicht, die „Schuld" oder „Unschuld" des Gefolterten festzustellen. Die Folter ist ihn1 lediglich ein :Mittel, Nan1en und Informationen 1.u erpressen und seinen sadistischen Neigungen zu frönen. :Mit Ausnahme von militärischen „Verbrechern", die vor das Kriegsgericht kom1nen, werden revolutionäre Arbeiter,· Bauern und Studenten in Venezuela, Argentinien, Peru, Guatemala, Brasilien usw. einfach ins Gefängnis geworfen, um sie dort umkommen zu lassen. Ein gerichtliches Verfahren wird gegen sie überhaupt nicht eingeleitet. Jeder Besuch und der Empfang von Briefen und Paketen ist streng verboten. Die Gefangenen sind vollkommen von der Außenwelt abgeschnit.ten. Die Gefängniswärter rekrutieren sich ausnahmslos aus dem Abschaum der menschlichen Gesellschaft, aus Berufsmördern, Schwer verbrechern und andere.r;i deklassierten Elementen. Sie behandeln die politischen Gefangenen schlim1ner als Tiere. An den Folterungen und l\Iißhan<llungen der gefangenen Revolutionäre finden sie ein sadistisches Vergnügen. Ihre Aufgabe und ihr Ziel ist, die politischen Gefangenen physisch zu vernichten. Die wenigen, die das Glück haben, Zuchthäuser wie Colonia Penal del Fronton, Casas 11/atas, Penitenciaria de Linw in Peru und Colonia Penal de Aysen in Cl1ile, wie das Zuchthaus Ushuair auf der Insel Feuerland dn Argentinien, La Rotunda und das Castillo de Puerto Cabello in Venezuela, die Isla de Deportacion Cle,,elandia in Brasilien usw. usw. jemals lebend zu verlassen, sind für den Rest ihres Lebens physisch ruiniert. Am schlimmsten ist das Gefängnisregin1e in Venezuela. Im Jahre 1931 starben infolge der Foltern, des Hungers und des :\f angels an ärztlicher Behandlung in dem Schreckenskerker La Rotunda 18 politische Gefangene. In den Gefängnissen Venezue- 251

M. Castilto '

las gibt es eine große Auswahl von Folterinstrumenten. Ihre An­ ,vendung gehörl zu1n gewöhnlichen täglichen Gefängnisleben. Von dem Augenblick an, ,vo die Gefangenen in die Kerkerhöllen von Venezuela ge,Yorfen ,ver.den, müssen sie Ketten von 45, 50 und 60 Pfund tragen. Diese Ketten werden erst nbgeno1nmen, ,venn der Gefangene stirbt, oder - ,vas allerdings zu den Seltenheiten gehört - freigelassen wird. Da keine Prozesse stattfinden, ist die Haftzeit unbegrenzt. ,ver in ein Gefängnis Venezuelas kommt. 1nuß alle Illusionen fallen lassen. Seine einzige Hoffnung, noch einmal die Freiheit wiederzuerlangen, ist der Druck der �lassen und der Sturz der Gomezdiktatur. Aus dem Castillo de Puerto Cabello in V cnezuela schmuggelte ein junger politischer Gefangener folgenden Brief heraus: „In jeder Zelle sind 32 Personen untergebracht. "7ir werden um 5.30 t;hr nachmittags in die Zellen eingeschlossen. Die schmutzigen Hängematten hängen dicht gedrängt eine an .der anderen an provisorischen Haken, die die Gefangenen selbst eingeschlagen haben. Die schmutzigen Matten und Holzbetten sind Brutstätten von \Yanzen. Beim Liegen atmen wir uns gegenseitig ins Gesicht. Es herrscht eine unerträgliche Hitze, es stinkt von den Kübeln, die nachts von den Gefangenen, die wegen des schlechten ,vnsscrs usw. nn Dysenterie und anderen l\lngcnkrn.nkheitcn leiden, h:iufig benutzt werden. Zu allem kommen noch die Schwierigkeiten, die die in .Ketten gelegten Gefnngenen beim Gehen zwischen den Hiingematten bis zum Kübel haben, das Klirren der Kellen und .der aufgeregte Zustand aller Gefangenen, was ein Schlnfcn fast unmöglich macht. Der Arzl kommt nie zu UQs, man gibt uns auch keine Medizin, manchmal allerdings verkaufen sie uns die ,�fodizin, die uns unsere Familien geschickt haben. Sie verkaufen uns auch andere Dinge, die uns unsere Familien schicken. Es gibt keine Bleistifte, Bücher, Zeitschriften - nichts. \Vir sind ganz abgeschnitten. Kriminalgefangene werden aus Strafe für sie (1 - die Red.) Z\\i­ schen uns gesetzt. Vor kurzem wurde ein politischer Gefangener, der im Straßenbau arbeitete, von l\lacheteschnitten und Yon Schlägen blutend auf den Hof zurückgebracht. Uebcr 100 von uns politischen Gefangenen arbeiten an Eisenkugeln f:C­ schmicdel am Bau von Pri,1atstraßen, die dem Gouverneur gehören. \Vir sind im letzten Stadium des ,v.iderst:mdes. Zwei von unseren Leuten starben vor kurzem. Ihre Eisenketten wurden ihnen erst abgenommen, als sie tot wa.ren."

Ein anderer politischer Gefang�ner schreibt aus dem venezuelischen Kerker La Rotunda: ,,Im November 1034 beging eine politische Gefangene namens Antonia de, Gonzales im Zuchthaus La Rotunda Selb!tmord, sie erhängte sich an einem Strick an den Fenstergittern. Die Genossin war von den Polizeibehörden von Caracas im April 1934 vcrschloppt w1d seitdem in ihrer Zelle ohne jedt.' \'erbindung mit der Außenwelt gehalten worden. Ihr Selbstmord, der eine Folge der fürchterlichen Leiden war, die sie .erdulden mußte, wurde selbst im Ge fängnis geheimgehalten, wir erfuhren nur zufällig von einer Gefängniswärterin davon. Die Genossin war Mutter zweier Kinder, die die vener:uelische Rt>gie- 252

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Der weiße Terror in Südamerika und den Haribisclzen Ländern I .rm1g gleich�e!tig mit ihrer Verhaftung festnahm, aber wir wi�en nicht, wo die Kinder eingesperrt wur<len." Unbeschreiblich sind die Schrecken und Folterungen in den peruanisclien Kerkern. Ein Führer der Kommunistischen Partei Perus, der 1933 verhaftet ,vurde und durch eine breite internationale Protestbe,vegung der Internationalen Roten Hilfe einige Monate �päter ,vicder freigelassen ,verden mußte, berichtete über seine Erlebnisse: „Ich wurde nnch meiner Verhaftung bis zum Gürtel nackt ausgezogen, in Fesseln gekettet und in eine völlig dunkle Zelle geworfen Die Folterknechte brachten dann riesenhafte Ratten in mcine Zelle, damit die Tiere mich anfressen."

Das Prügeln der Gefangenen in Peru beginnt mit dem Augenblick, ,vo -sie -das Gefängnis betreten. Einer der bestialischen Oberwächter in Colonia Penal del Fronton nannte das erste Prügeln „An,vänncn der Neuankömmlinge". In Peru und :;tuch in Chile sind Vergiftungen von revolutionären Gefangenen etwas Bekanntes. Das Getränk, ·das die politischen Gefangenen zum Frühstück bekommen, enthält stets eine Kampfermischung. Langsam wirkendes Gift enthält auch die Nfüttagssuppe. Zu den anderen Mahlzeiten ,vird das Essen mit See,vasser oder mit gemahlenem Glas gekocht. In Chile ,vird den politischen Gefangenen tagelang das Trinkwasser entzogen. Die Gefangenen ,verden vor Durst fast wahnsinnig. Dann ,verden sie so lange geschlagen, bis sie menschliche Exkremente und Urin schlucken. In Peru werden vdele revolutionäre Gefangene in die furchtbare Strafkolonie Madre de Dios geschickt. Diese Strafkolonie liegt in der Nähe des Amazonasstromes und ist von undurchdringlichem Ur,vald umgeben. Alle Gefangenen, die in diese Kolonie gebracht ,verden, müssen Holz fällen. Allein die Reise dorthin ist eine Höllenqual. Viele sterben schon auf dem Wege. Der Weg kann nur zu Fuß zurückgelegt werden, da keine Fahrstraßen vorbanden !Sind. Zwei Monate lang müssen die Gefangenen täglich 40 Kilometer zurücklegen. Mit Peitschenhieben ,verden sie, die ohnehin schon von den :Mißhandlungen in den Gefängnissen schwach und zermürbt sind, von den Wärtern vor,värtsgetrieben. Nach einigen Tagesmärschen beginnen die Beine der gequälten Opfer unförmig anzwchwellen. Oft fallen die Unglücklichen in Tölliger Erschöpfung nieder. Aber die Angst, in dem dichten Urwald allein gelassen zu werden, wo sie nachts Beute der wilden 253

M. Castillo

Tiere ,vürden, dst stärker als ihre Erschöpfung. Unter über- 1nenschlichen Anstrengungen versuchen sie inuner ,v-:ieder, der .tragischen Karawane zu folgen. In Argentinien ,verden die politischen Gefangenen im Gefängnis den barbarischsten Foltern unterworfen. Die Gefangenen werden mit elektrischem Strom gefoltert, durch eine spezielle Chemikalie betäubt und mißhandelt, den Opfern ,verden Nadeln unter die Fingernägel gejagt etc. Versengen mit brennenden Zigaretten und IIerunterschluckenlassen ganzer Bälle von Papier sind andere Variationen des Foltersystcn1s. Die Polizei von Buenos Aircs h::,t einen Boxer als Folterknecht engagiert. Er schlägt so, daß nach außenhin keine Spuren zurückbleiben, während die Geschlagenen die sclnversten inneren Verletzungen davontragen. In einem Brief schildert Jose Peter, ein führender Gewerkschaftler der revolutionären Gewerkschaften Argentiniens, wie in der Sonderkommission gegen den l{ommunis1nus in Buenos Aires gefoltert ,vird: „Sie umwickelten mich mit Stricken - heißt es in diesem Brief - und die ganze Zeil über schlugen sie mich ins Gesicht, auf die Geschlechtsorgane usw. Als sie mich richtig festgemacht hntten, legten sie mir einen Lappen :rnf die Nase, der in eine Fliissigkeit \'Oll ganz eigenartigem Geruch getaucht ,...-ar ... Dann stachen sie mich mit einer Nadel oder einem anderen spitzen Gegenstand in die linke Ferse. Das war furchtbar schmerzhaft. Ich halte da.s Gefühl, daß sie mir die ganze Fußsohle mit einem Messer abschneiden. Die ganze Zeit über schlug man mich ... Dann gaben sie mir elektrischen Strom und f rngtt-n wieder: ,\Virst Du nun sprechen?' Ich halte gerade Kraft genug, um zu nicken. Sie nahmen mir den Lappen aus dem ,Mund und ich sagte: ,Die Arbeiter und das ganze Proletariat werden mich rächen!'" Die Rote I-Iilfe Argentiniens übergab diesen Brief im August 1934 in einem l\lemorandu1n dem argentinischen Parlament. Unter dem Drucke der :Massen und der Oeffenllichkeit mußte die argentinische Regierung Jose Peter schließJich freilassen. Das System der „socueslro" (Verschleppung von Leuten) ist in allen zentral- und südamerikanischen Ländern eine ge,vöhnliche Erscheinung. Das Opfer, gewöhnlich ein revolutionärer Arbeiter, Streikführer, Student oder ein l\fitglied einer oppositionellen Partei, wird einfach verschleppt und entweder ins Gefängnis geworfen oder deportiert oder ermordet. Wochen und l\fonate vergehen, bis festgestellt werden kann, was aus einem Versch]cppten geworden ist. ,, Die wichtigsten Faktoren, die die Befreiungskämpfe der ,verk- lätigcn l\fassen in den zentral- und südamerikanischen Ländern auf ein inuncr höheres Niveau heben, sind: die Folgen der chro- 254

Der weiße Terror in SiidameriJ.:a uncl den J{aribiscllen Ländern

ruschen Agrarlu,ise in diesen Agrarländern, der jahrhundertealte Landhunger der armen Bauernschaft, der 1mmer brutaler werdende Angriff der einheimischen und der imperialistischen Ausbeuter und Unterdrücker auf die Organisationen der Arbeiter und die Rechte der \,Verktätigen; hinzu kom1nt das anfeuernde Vorbild der So,vjetunion. Außerdem w.irkt die Verschärfung der Gegensätze der d1nperialistischen :Mächte, vor allem des englischen, amerikanischen und japanischen Imperialismus, die die Länder Zentral- und Südmnerikas in verstärkte1n n'laße zum Schauplatz von kriegerischen Auseinandersetzungen machen und die Ausbeutung und Unterdrückung ins Unerträgliche steigern, außerordentlich revolutionierend auf die :Massen. In J(uba und Brasilien nehmen die Kämpfe der 1'1assen bereits den Charakter .von Volkskä1npfen für die nationale Befreiung vom h11perialisn1us an. An -den Kämpfen beteiligen sich nicht nur die revolutionären Arbeiter und Bauern unter der Führung der I{omn1unistischen Parteien, sondern auch die bürgerlichen· nalionalrevolutionären Parteien und Gruppen des I{leinbürgertmns und teilweise des Bürgertums. Die Allian=n 1\Tacional Libertadora in Brasilien, die unter den Losungen des gemeinsamen Kampfes für die nationale Befreiung und gegen die halbfeudale und halbkoloniale Ausbeutung und Unterdrückung gebildet ,vurde, �owie der heldenhafte Kampf -der Massen gegen den Terror und rlic Reaktion der brasilianischen Regierung, die ein Lakai des mnerikanischen Imperialismus ist, 1Sind ein Beispiel für alle Völker der süda1nerikanischen und karibischen Länder. Den l\Iassen dieser Länder ist damit -der \Veg für ihre Kämpfe in der gegenwärtigen Periode gezeigt, deren Ziel zuerst einmal die nationale Befreiung vom Joch des ln1perialisnu1s und die .Beseitigung der halbfeudalen und halbkolonialen Ausbeutung sein muß.

DER TERROR DER L'.\IPERIALISTEN IN DEN KOLONIEN

„Von dem christlichen Kolonialsystem sagt ein Mann, der aus dem Chl'istentum eine Spezialität macht, \V. Hiwill: ,Die Barbar<>irn und ruchlosen Greueltaten der sogenannten christlichen Rassen, in jeder Gegend der \\"eil und gegen jedes Volk, das sie unterjochen konnten, fj.nden nicht ihresgleichen in irgendeinem Zeitalter der \V cltgcschichtc, bei irgcndeiner Rasse. ob noch so wild und ungebildet, mitleidslos und schamlos.' " Karl Marx: Das Kapital, 1.

Die Bourgeoisie der imperialistischen Staaten, deren Bevölkerung 342 l\fillionen zählt, hält die Völker einer Reihe von Kolonialund Halbkolonialländern, die mit 1176 1Iillionen l\Ienschen die 1'fehrheit der l\fenschheit ausmachen, unter ihrem Joch. :Mit Ge­ ·walt und Terror sind die Massen dieser Völker einem Systen1 der rücksiclltslosesten Ausbeutung und Unterdrückung unterworfen. Die indischen Massen zahlen der englischen Bourgeoi�ie jälulich einen Tribut von 167 l\fillionen Pfund Sterling. Mehr ·als 50 l\Ulliarden Golddollar hat die englische Bourgeoisie in den letzten 150 Jahren aus Indien herausgepreßt. Niederländisch-Indien produziert ca. 34 Prozent der \\Teltgummiproduktion und führt jährlich 2 l\fillionen Tonnen Zucker aus. Sein Erdöl hat den Reichtum des Oelkönigs Deterding begrün­ -det. Etwa 540 M:illionen Gulden zieht die holländische Bourgeoisie jährlich aus ihren Kolonialgebieten. Die Aktien der Indochincsischen Bank in Paris (,,Banque de l'lndochine") hatten vor dem Kriege einen Wert von 125 Francs; ihr ,vert schwankt heute zwischen 14 ooo· und 15 000 Francs. Einige französische Baumwollgesellschaften in Indochina konnten 1931 ihr Kapital von 5 auf 60 Millionen erhöhen, die Gumn1igesellschaflen von 300 auf 900 :Millionen. Eine französische 1-Iolzfirma in Sanga Un:bangi, Zentralafrika. hatte 1026 einen Reingewinn von 11 Millionen Francs. Die „Cont- 250

\ 1 Der 'l'crror der lmperi.alisten in clen Kolonien

pagnie miniere Equatoriale" (französische Bergbaugesellschaft in Zentralafrika) konnte ihr Kapital in 5 Jahren (von 1920 bis 1925) von 6,5 lvlillionen Francs auf 20 Millionen Francs erhöhen. Die englische „Roof Tin Ltd. of Nigeria" zahlte ihren Aktienbesitzern _von 1913 bis 1928 im Jahre durchschnittlich 800 Prozent Dividende. Die Unilever Co., die l\fargarine. aus afrikanischen Produkten erzeugt, hatte 1930 einen Reinge,vinn von 4 304 2l 7 Pfund Sterling. Landraub, Vernichtung der Hausindustrie, Geld- und Natural- steuern, Fron- und Z,vangsarbeit, Sklaverei, Terror, grausame Unterdrückung und 1\'Ictzeleien, die Ausrottung ganzer Völker, Hungersnöte und Epiden1ien, 1'1assenelend und l\lassensterben, das sind die Kennzeichen der alle ß'laße übersteigenden imperialistischen Ausbeutung und Unterdrückung in den Kolonien. „Durch das Schwert haben ,vir Indien er,vorben, durch das Schwert ,verden ,vir Indien behalten", sagte der ehemalige Innenminister Joynson I-Iicks in einer vVählerversammlung 1933, in der er über die Round-Table-Konferenz und über die neue Verfassung für Indien sprach. Die in Indochina erscheinende französische Zeitung „La Depeche d'Indochine" deckte das ,vescn der iinperialistischen Kolonialpolitik noch unzweideutiger auf: „Bevor die \Vaffcn sprcch('n - schrieb sie - gibt. es noch ein anderes Mittel, um Furcht einzujagen. \:Vir sprechen es aus: den Terror. Züchtigungen, Foltern, brutale Methoden werden <len meist ohnehin feigen Rüdelsf_ührcrn beibringen, daU wir in der Unterdrückung furchtbar sein können ..."*

Die erdrückende Mehrheit der Bevölkerun� in den Kolonlen - nahezu 90 Prozent - lebt auf dem Lande. Auf ihr lastet vor allem die ganze Sclnvere der feudalen, halbfeudalen und imperialistischen Ausbeutung und Knechtung. In Niederländisch-Indien befinden sich 7 5 Proz�nt des gesamten Plantagenbodens in dem Besitz von europäischen Aktiengesellschaften. In Britisch-Indien gehören 35 Prozent des Bodens den feudalen Fürsten nnd den großen und kleinen Gutsb.esitzern, 40 Prozent sind Eigentun1 <les anglo-indischen Staates. 80 Prozent der indischen Bauern u_nd 50 Prozent der indochinesischen Bauetn besitzen kein Land.

I Aehnlich ist es in allen anderen Kolonien. Die Kolonialherren haben den Bauern das Land gewaltsan1 geraubt, sie zu kleirien Pächtern, Zwergbauern und Kulis ge1nacht und sie völlig der Willkür der Kolonialbehörden, Konzessioniirc • Zitiert naclt der Kolonialbdluijc der „Cahiers du Bolchcvisme" . 17 Weißer Terror

* ünci I(apitalisten, der einheimischen Ausbeuter und \Vucherer ausgeliefert. In Ost- und Südafrika sind ganze Negerstämme mit bc­ ,vaffneter Hand und durch heimtückische Versprechungen von ihrem Land verdrängt und in T:leservale, die in den unfruchtbarsten Gegenden liegen, zurückgedrängt worden. Ein indischer Pächter muß 50-70 Prozent seiner Ernte dem Gutsbesitzer als Pachtzins abgeben. Oft muß er auch das Land des Gutsbesitzers pflügen, unentgeltlich Heu und Zuckerrohrstroh liefern, Arbeitsvieh zur Verfügung stellen etc. und bei verschiedenen Gelegenheiten Geschenke bringen. Die Abgaben, Frondienste und Steuern si.ürzen die Bauern in Schulden. 75 Prozent der indischen Bauern haben "\\7 ucherschulden, deren Gesamthöhe laut Feststellungen <lcr indischen Bankenkomn1ission im Jahre 1930 9 ?\Iilliarden H.upien betrug. 6 �lillionen indischer Bauern sind Schuldsklaven, weil sie die Schulden nicht bezahlen können; sie müssen jede .Arbeil für den Gläubiger verrichten, bekon1men nur die Hälfte des üblichen Lohnes und verlieren das Recht der _Freizügigkeit. In Südafrika verlangt die „Contract Service Bill", daß jeder Eingeborene 180 Tage im Jahr kostenlos auf den Feldern der weißen Gutsbesitzer arbeitel l\1aßlose Steuern, die nüt unerhörter Grausa111keit eingetrieben werden, machen der werktätigen Kolonialbevölkerung das Leben· völlig unerträglich. Zur Eintreibung der Steuern brechen Strafexpeditionen in die Dörfer ein, die die Frauen und Kinder der Bauern gefangennehmen und so lange festhalten und mißhandeln, bis die Steuerp und Abgaben entrichtet sind. Steuern werden nur von den werktätigen l\Iassen verlangt. Es gibt Landsteuern, Kopfsteuern, Einkom1nensleuern, Steuern für das Flechten von Strohmatten und Hütten, Steuern für das Recht zum Fischen, für den Viehbesitz, für das \Veiden des Viehs, für die Benützun� von Werkzeugen etc. Die Höhe der Steue�n ,vird vom Steuereintreiber willkürlich festgesetzt. In Französisch-Zenlralafr.ika betrugen z. B. die Steuern, die die einheimische Bevölkerung nach amtlichen Angaben aufzubringen halle, im Jahre 1914 4,6 Millionen Francs und im Jahre 1928 25,1 Millionen Francs. In \Virklichkeit muß die einheimische Bevölkerung Französisch-Zentralafrikas jedoch jährlich nahezu 100 �1illionen Francs an verschie-­ denen Steuern aufbringen. ,,Besteuerung", sagte ein Goun�r­ neur von .J{enya, ,,ist die einzige l\Iethode, um die Eingeborcn�n zu zwingen, ihre Reservate zu verlassen und Arbeit zu suchen:· Der Großteil der Steuern wird zur Aufrechterhaltung des Unter- 258

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Der 'l'error der lmperiallstcn in den Kolonie1L

drückungsapparates, der Armee, Polizei, Venvaltung etc. ver,vendet; ein Teil geht als Tribut in die Mutterländer. Diese Zustände .geben die Grundlage für die ständigen Hungersnöte und Epidemien in den Kolonien. In Indien sind in den letzten hundert Jahren 32 nfillionen l\Ienschen den regelmäßig ,vie ­ derkehrenden I-Iungersnöten zu1n Opfer gefallen. „Zwischen 1769 und 1770 fabrizierten die En gländer eine Hungersnot durch Aufkauf von allem Heis und \Vcigcrung des \Viedervcrkaufs, außer zu fabel haften Preisen... Im Jahre 1866 starben in der einzigen Provinz Orissa mehr als eine :Million Hindus am Hungertod. Nichtsdestoweniger suchte man die indische Staatskasse zu bereichern durch die Preise, wozn man den Verhungernden Lebensmittrl abließ."*

Das ,var damals. I-Ieute ist es nicht anders. Im Sommer 1934 wollten die indischen Bauern in der Gegend des Pir-Shao-Kanals wegen der Dürre die Dä1nme öITnen. :Massenverhaftungen ,varen die Antwort der englischen Kolonialregierung. Im Chapradistrikt wollten indische Bauern iin September 1934 durch Graben von Abzugskanälen ihre Felder vor Iiochwasser bewahren. l\Iilitär beschoß die Bauern und trieb sie auseinander. In Indonesien gehen ständig ganze Dörfer durch I-Iunger zugrunde. Drei Viertel der indochinesischen Bevölkerung ist unterernährt. ,,In einem Umkreis von 40 km", schrieb die bürgerliche Zeitung „La Tribune Indochinoise'• anfangs 1934 über den Hunger in einem der indochinesischen Bezirke, ,,verhungerten 10 000 n'.lenschen ... es gibt Dörfer, die buchstäblich nichts haben." In Französisch-Zentralafrika sank die Bevölkerungszahl von 1914-1927, also im Laufe von 13 Jahren, um 33 Prozent, in der f!rovinz Gabun sogar um 46 Prozent in derselben Zeitspanne. „Das Anwachsen des Hu,ngers und der Epidemie, i nsbesondere unter der pa·upcrisierten Bauernschaft; die Massenexpropriation des Bodens der einheimischen Bevölkerung; die unmenschlichen Arbeitsbedingungen {in den Plantagen, Bergwerken der weißen Kapitalisten usw.), die mitunter schlimmer sind als direkte Sklaverei, all dies hat überall eine Yerheerende \Virkung auf die Bevölkerung der Kolonien und führte nicht selten zum Aussterben ganzer Völkerschaften. Die ,kulturelle erzieherische Rolle' der imperialistischen Staaten in den Kolonien .ist in \Virklichkeit die Rolle des Henkers."**

In den Betrieben und den Bergwerken der Kolonien, auf den Plantagen etc. her-rscht Zwangsarbeit im übelsten Sinne des -Wor-

• Karl Marx: Das .Ka pital. • •• Protokoll des VI. \Veltkongresses der Kommunistischen Internationale, IV. Band. Th esen über die revolutiouüre Bewegung in den Kolonien und Hnlbkolonicn , S. 161. 17* 259

* * *

tes. Die Arbeit:si.eit ist meist willkürlich, sie beträgt 12, 16, 18 und sogar 20 Stunden im Tag. Kinderarbeit ist selbstverständlich. Die Arbeiter ,verden durch private Agenten, durch sogenannte staatliche Arbeitsämter oder einfach durch rohe_ Ge,valt „angeworben'· und zu langjährigen Verträgen gez,vungen, deren Inhalt sie meist nicht kennen und die sie zu wahren Sklaven der Unternehmer 1nachen. In Südafrika macht die Polizei z. B. von Zeit zu Zeit Razzien in den Negervierteln der Städte, ni:qunt Tausenden von Negern die Pässe ab und verschickt sie zur z,vangsarbeit auf die Plantagen, Bergwerke etc. Polizei, Gendarmerie und bewaffnete '\Vächter der Unternehmer sorgen dafür, daß die „Verträge" eingehalten ,verden. Die einheimischen Arbeiter der Goldbergwerke Südafrikas werden in Lagern, den sogenannten Compounds, geholten, die sie während der ganzen Kontraktzeit nicht ohne besondere Erlaubnis verlassen dürfen. Sie haben kein Streikrecht. ,ver streikt, wird mit Gefängnis und Zwangsarbeit bestraft. Als einheimische Arbeiter der Goldminen von ,vihvatersrand 1922 in den Streik traten.. wurden sie zu Zwangsarbeit verurteilt. I1n Urteil des Gericht hieß es: „Sie sollen von einer mit Speeren bewaffneten Zuluwache und ,·on nul Schußwaffen versehenen \Veißen bewacht werden. Versuchen sie zu tDl· fl:iehen, so sind sie niederzuschießen. \Vcigern sie sich zu arbeiten, so .sind sie so lat1ße zu iprügl!ln, bis sie gehorchen."

Ueber die Lage der indischen Arbeiter sagt sogar der Bericht einer Regierungskomn1ission vom Jahre 1931: ,,Am schwersten leiden die Arbßiter auf den Plantagen, in den \Verften, Häfen und bei der Eisenbahn. Der Arbeitstag beträgt 12 bis 16 Stunden. Die überwiegende Mehrheit der Arbeiter arbeitet 7 Tage in der \Voche und hat keinerlei Hube- oder Feiertage. In manchen Textilfabriken wird das \\' eg ­ bleibcn von der Arbeit an einem Tage mit dem Abzug eines Zweiwochenlohnes bestraft. Furchtbar si'nd die Arbeitsbedingungen der Frauen und Kinder. Wir konnten 10jährige Ju�en beobachten, die 365 Tage im Jahre arociten und unter einer mit leichtem Schutzdach versehenen Scheune essen und schWm. In den Glasfabriken arbeiten 6jührige Jungen ununterbrochen 12 Stundtn ohne Mittagspause." . Der indische Arbeiter in Kalkutta und Bon1bay haust in schmutzstarrenden, überfüllten und ungesunden Mietskasernen. In Bombay sind es meist drei- bis vierstöckige Gebäude, die an offenen Kanälen mit stinkenden .Abwässern liegen. Die Wohnungen in diesen Ifasernen bestehen aus einzelnen kleinen Räumen, die feucht sind und nur ein winziges Fenster besitzen. Die Höfe, unglaublich eng, starren vor Schmutz. Die :Mieten sind unverhiiltnis- 260 •

• Der Terror der lmperiblisten in den Kolonien

mäßig hoch. U·m die Miete erschwingen zu können, nimmt jede Familie Kostgänger und Schlafgäste auf, so daß oft 6-12 Menschen in einem Raum von etwa 10 Quadratmeter leben. In Bombay ,vohnt so über eine viertel l\fillion· :Menschen. Diese vVohnverhältnisse und die grausame Ausbeutung haben eine geradezu unglaubliche Sterblichkeit zur Folge. In Indochina finden die vom Hunger in die Städtl und Industriegebiete getriebenen Bauern Beschäftigung als Rikschakulis, , Lastträger oder Industriearbeiter. 14-20 Stunden arbeiten die Rikschakulis für einige Francs im Tag. Ihre Not ist so groß, daß oft ganze Gruppen Selbstmord begehen. Das Los der Lastträger ist dasselbe. In. den Fabriken und Berg:werken gibt es während der Arbeit keine Ruhe- oder Mittagspause. Der Knüppel des Aufsehers und Geldstrafen steigern das Hetztempo ins Unerträgliche. In den Preßkohlefabriken bedienen fast nur. Frauen die sclnverfiilligen, a1tertü1nlichen Maschinen. In den Kohlengruben und Salzbergwerken fördern ganze Familien, Vater, l\{utter und Kinder, notdürftig mit Fetzen bekleidet, die Kohle und das Salz mit der I-Iand. Verfallen� Baracken auf dem Fabrikgelände oder Strohhütten in der Umgebung der Stadt, die bei Entlassung oder Erkrankung sofort. geräumt werden müssen, dienen als Wohnräume. In allen Kolonien betragen die Löhne der einheimischen Arbeiter einen Bruchteil von dem, ,vas ein weißer Arbeiter in den Kolonien oder in ,den imperialistischen Mutterländern verdient, die Abzüge von Strafgeldern etc. nicht gerechnet. In Südafrika erhält ein einheimischer Ar.heiter durchschnittlich ein Zehntel dessen, was ein ,veißer Arbeiter bekommt, in Holländisch-Indien sogar nur ein Fünfzehntel. Ein qualifizierter indischer Textilarbeiter verdient ein Drittel des Lohnes eines Textilarbeiters in England, ein indischer Bergarbeiter ein Elftel des Lohnes eines Bergarbeiters in Südwales. Die Arbeiter in den indischen Goldbergwerken erhalten bei unbegrenzter Arbeitszeit 2 Anna (12 Pf.) im Tag, die Arbeiteririnen in den Reisfabriken bei einer zwölfstündigen Arbeitszeit 4 Anna (24 Pf.). Mit der Wirtschaftskrise hat sich die ohnehin schon schwere Lage der Werktätigen in den Kolonien noch mehr verschlechtert. Die Imperialisten und die einheimische Bourgeoisie wälzten die verheere nden Folgen der Krise restlos nuf,die breiten Volksmassen ab. Der Unterschied zwischen den Löhnen der Arbeiter der �lutterländc r und .denen der Kolonien hat -sich noch weiter vergrö- 261

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ßert. Bei Entlassungen werden in erster Reihe die einheimi"chen Arbeiter auf die Straße geworfen. Die Arbeitsz•eit wurde verlängert und eine Reihe von neuen Strafen und Abzügen eingeführt. Erzwungene Spareinlagen, Verzögerung der Lohnauszahlungen und Erhöhung der Steuern und Abgaben, unter denen vor allem die Bauerschaft leidet, die ruiniert und pauperisiert wird, ,·erschärfen dif wirtschaftliche Ausbeutung. * 1. Die schrankenlose und erbarmungslose Unt'erdrückung und Ausbeutung der werktätigen Bevölkerung der Kolonialländer durch die Imperialisten und die einheimischen Oberschichten, Bourgeoisie, Gutsbesitzer, vVucherer, Fürsten und Priester aller Sorten, der Einfluß der großen Oktoberrevolution der russischen Arbeiter und Bauern, die Auswirkung der chinesischen Revolution und die ,·on der allgemeinen Krise des Kapitalismus überschattete Agrarkrise haben die Massen in allen Kolonien und Halbkolonien in ('incn Zustand revolutionärer Gärung versetzt. Streiks, Aufständ(', Bo�·kott­ . ' bewegungen und Hungerrevolten häufen sich und folgen einan• l 1 der. Der Kampf zwischen den Imperialisten und der unterdrückten einheimischen Bevölkerung nimmt revolutionären Charakter an. Das Beispiel der UdSSR, des Landes, in dem Dutzende Völker

1 , , in einem freien brüderlichen Bunde den Sozialismus aufbauen, übt auf diesen Kampf einen tiefgehenden Einfluß aus. Bisher gelang es den Imperialisten aber noch fast jedesmal, der nationalrevolutionären Befreiungsbewegung Herr zu werden, auch wenn sie einen noch so großen Umfang angenommen hatte. Sie schlugen sie mit '\Vaffen nieder. Aber es waren nicht die \Vaffen allein, die den Imperialisten die Herrschaft immer wieder sicherten. Die Herrschaft der Imperialisten stützt sich auch auf die feudalen Gutsbesitzer und auf die einheimische Bourgeoisie der kolonialen Länder. Die einheimische Bourgeoisie nimmt wohl bis zu einem bestimmten Entwicklungsstadium an der national. revolutionären Freiheitsbewegung <ler Massen teil, sie macht sie aber in den entscheidenden Augenblicken zu einem Objekt ihrer Kompromißpolitik oder des Verrates und beschreitet. erschreckt iiber die revolutionäre Kraft der Massen, und aus Furcht. die eigene privilegierte Stellung zu verlieren, offen den '\\Teg der Kapitulation vor den Imperialisten. Der indische Nationalkongreß mit den Gandhisten an der Spitze, die Nationalisten von Irak, die \\Tafdistcn AcgypleJVi,. die syrischen 262

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Der Terror der Imperialisten in den Kolonien

Nationalreformistcn, die nationale Verfassungspartei in Indochina, die verschiedenen Parteien der indonesischen Bourgeoisie us,v. gingen, früher oder später, nacheinander diesen vVeg. Durch einen scheinoppositionellen Kampf gegen den Imperialismus und durch nationalistische Propaganda versuchen die Nationalreformisten, die zum Kampf erwachten Massen ,veiter zu beeinflussen. Die Nationalreforn1isten :bilden gege�,värtig das Haupthindernis für die siegreiche Entwicklung des revolutionären Freiheitskampfes der kolonialen i\fassen. ,vesentliche ilfittcl der Imperialisten zur Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft sind auch die Schürung -des Rassenhasses. die Ausspielung der religiösen Gegensätze und die nationale ,rerhetzung. Die indische Verfassung ist z. B. geradezu dazu gemacht, um Kaste gegen Kaste, Volksstamm gegen Volksstamm und Reli­ �ionsgemeinschnft gegen Religionsgemeinschaft aufzuhetzen.· Die Engländer organisieren in Indien regelmäßig Pogrome der Hindus unter den �1ohnm1nedanern und umgekehrt. In Afrika hetzen die Imperialisten und die Buren weiße Arbeiter gegen die einheimische Bevölkerung des Landes und· einen Stamm gegen den anderen. In Palästina inszenieren die EngHinder systematische Zusammenstöße zwischen Arabern und Juden, in Algier organisieren die fran� zösischen Imperialisten Judenpogrome. Alle diese Ablenkungsmanöver der Imperialisten aber halten c1ie werktätigen 1{assen der Kolonien ebenso,venig von ihrem Kampf gegeh ,die doppelte Ausbeuh1ng und Unterdrückung ab, wie die Demagogie der nationalreformistischen Führer. In Nordafrika. 1\farokko und in Syrien begannen 1925 ge,valtige Aufstände. Der Aufstand der Rifkab!1len in J.larokko nahm die Form eines regelrechten Krieges an und erst nach einem mehrere Jahre dauernden Krieg gelang es dem französischen und spanischen Imperialismus, der Situation einigermaßen Herr zu werden. Abdul Krim, der Führer des Aufstandes, wurde gefangengenommen und deportiert. Die spanischen und französischen Kriegsgerichte arbeiten unausgesetzt. In Syrien hatte der Aufstand der Drusenstämmc zur Bildung einer revolutionären Regierung der Aufständischen in Djcbeli­ Druse geführt. Der Aufstand erfaßte ganz Syrien. Im August 1925 griffcn die Dntsen Damaskus an und setzten sich im Maidanvicrtel fest. Tagelang bombardierten die französischen Truppen die Stadt, zerstörten ganze Stadtviertel und töteten bei dem Bombardement T:n1sc1Hle YOJJ Kind<'rn, Grcis<'n und Fn\lH'n. Als 263

* * * . die Franzosen das l\faidanviertcl einnahmen, ,var es ein Triimmer- haufen. · Die Drusen leisteten den französischen Truppen jedoch unter der Führung ihrer revolutionären Regierung noch bis Ende 1926 ,viderstand. Die französischen Truppen ,vüteten bei der Niederschlagung des Aufstandes der Drusen mit_ einer grenzenlosen Grausamkeit unter der einheimischen Bevölkerung. Tausende von Drusen wurden erschossen oder gehängt und ihre Leichen zur Abschreckung wochenlang auf den 11arktplätzen der Städte und Dörfer ausgestellt. Einige Zeit nach der Niederwerfung des Aufstandes entstanden in Syden die Kommunistische Partei und revolutionäre Gewerkschaften. · In Aegypten brachen unmittelbar nach dem \Vcltkrieg, �lärz 1919, ·erbitterte nationale Befreiungskämpfe aus. England hatte durch den Versailler Friedensvertrag das Protektorat über Aegyp- 1cn bekommen. Die ägyptischen NationalistC'n. geführt von der ,vafdpartei, weigerten sich jedoch, das Protektorat anzuerkennen. Im ganzen· Lande fanden große Demonstrationen und Kämpfe statt.- Die Telegraphen- und Eisenbahnlinien ,vurden zerstört. Ein allgemeiner Beamtenstreik legte den Stau lsnpparat still. Mit ?\fassenverhaftungen, 11assenerschießungen und einem zügellosen Terror schlug die englische Regierung den Aufstand nieder. Die an ·den Eisenbahnlinien liegenden Dörfer wurden von den englischen Truppen angezündet und dem Erdboden gleichgemacht. Ueber 1000 Nationalrevolutionäre wurden erschossen oder gehängt. Im November 1919 kam es in Kairo zu einem erneuten Aufstand, verbunden mit einer allgemeinen Boykottbewegung gegen die Engländer. Januar 1920 standen die �fassen in Britisch­ Sudan auf. 1fitte 1920 begann die Wafdpartei unter der Führung Zailouls, mit den Engländern zu verhandeln. Zagloul wagte es jedoch nicht, das von den ·Engländern vorgeschlagene Abkommen anzunehmen, da es eine allgemeine Empörung bei den Massen hervorgerufen hatte. Um den ,viderstand des ägyptischen Volkes iu ·brechen, nützten die Engländer die 1921 ausgebrochene Baumwollkrise zum wirtschaftlichen Druck auf die ägyptische Bourgeoi- -sie aus. Unter diesem Drucke spalteten sich Ende 1921 die Gruppen der ägyptischen Gutsbesitzer und der Handelsbourgeoisie von der Vvafdpartei ab und verbündeten sich mit den E ngländern. Durch die Spaltung der ,vafdpartei ermutigt, forderten die Engländer das Verbot, der nationalrevolutionären Organisationen un<t · 264

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verhafteten und versch�,ckten Zagloul und eine Gruppe seiner Anhänger. Riesendemonstrationen und die Ausrufung des Generalstreiks ,varen die Folge. Unter Einsatz von Truppen ,varfen die Engländer die Be,vegung blutig nieder. Durch die schw·nnkende I-Ialtung der Wafdpartei enttäuscht schritt der fortgeschrittene Teil der werktätigen Massen Aegyptens 1921 zur Bildung von revolutionären Ge,verkschaften und 1922. zur Griindung der Konnnunistischen Partei. In den Jahren 1923 und 1924· ging eine große Streik,velle durch Aegypten. ,vährend der Streiks fanden Massenverhaftungen statt. Die Verhaftungen richteten .sich vor allem gegen die Führer und Funktioniire der jun·gen · Kommunistischen Partei. Ihren I-Iöhepunkt fand die Streilnvelle im Juni 1924 än der Besetzung der Betriebe in Alexandrien durch die streikenden Arbeiter, die die Betriebe zw·ei Tage in Händen hielten. Zagloul, der 1923 nus der Verbannung zurückgekehrt und Anfang 1924, nachdem die ,vafdpartei vor den Engländern kapituliert hatte, Ministerpräsident ge"1orden "rar, schlug die Streikbe,vegung durch List unq Gew·alt nieder. Er ließ die Fiihrer der Kommunistischen Par- . tei vor Gericht stellen, versch1ckte llunderte von Arbeitern und löste. die Kommunistische Partei und die revolutionären . Gewerkschaften auf. Nach der Ermordung des Oberstkommandieren- den der britischen Besatzungstruppen des _Sudan in Kairo brach im November 1924 im Sudan ein Aufstand ·aus-. Der Aufstand �urde von den englischen Truppen mit unerhörter Grausamkeit niedergescl1lagen. Tausende von Werktätigen wurden getötet. �fit der Verschärfung der _Klassengegensätze und der steigenden Aktivität der ,verktätigen �.fassen im Gefolge der Baumwollkrise 1926/27 schlug die ägyptische Bourgeoisie einen immer r eaktionäreren Kurs ein, und ihre verschiedenen Gruppen wurden von der englischen Reg.ierung immer raffinierter ausge11ützt. Im Sommer 1928 w urde auf Veranlassung der engHs�hen Regierung das Parlament aufgelöst und ausgeschaltet. Der Terror der Diktaturregierung richtete sich in seiner . ganzen Wucht gegen die nationalrevolutionären Massen und gegen die Kommunistische Partei. Im Juli ·1930 wurde Aegypten abermals der Schauplatz erbitterter Kämpfe. In einer Reihe von Städten fanden im Zusammenhang mit einem Steuerstreik blutige Aufstände 'und Straßenkiimpfe .statt. Die Aufständischen bemächtigten sich vielfach der Polizeikasernen und zerstörten . Regierungsgebäude. Besonders heftige �ämpfe tobten än Alexandricn und Kairo. Die für den englischen 2R5

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bnperialismus strategisch äußerst ,vichtige Stadt Suez am Sue'Z­ kanal befand sich tagelang in den Händen von Aufständischen. Der Kampf wurde von den Truppen des englischen Imperialismus, die ,vie immer •ein grauenhaftes Blutbad anrichteten, niedergeschlagen. In Niederländisch-Indien führten die Arbeiter der Zuckerrohrplantagen und Buchdruckereien in den Jahren 1920 und 1921 einen erbitterten Kampf gegen den Abbau cler Löhne durch die imperialistischen und einheimischen Ausbeuter. 1n23 streikten die Transportarbeiter, vor allem die Eisenbahnarbeiter und "1erftarbeiter. Der Streik, der auf ökonomischer Grundlage begann, schlug rasch in einen politischen Streikkampf um. Die Regierung antwortete mit einem Gesetz, das den Streik als kriminelles Verbrechen erklärte und der Polizei freie I-Iand bei der Untcrdrükkung des Streiks gab. In Batavia streikten 1925 die Buchdruckcreiarbeiter. in Semarang die Seeleute. Beide Streiks "r aren von revolutionären Kundgebungen begleitet. · Die Buchdrucker stellten -in einer illegalen Druckerei revolutionäre :Massenliteratur und Flugblätter her. Die TransportaTbeiter hatten ein Reihe von blutigen Zusammenstößen mit der Polizei. Obwohl die Regierung ihren Gewaltapparat einsetzte und die Führer der Kommunistischen Partei verhaftete. wurde der Streik so lange fortgesetzt, bis die Unternehmer die Forderungen der Streik.enden annahmen. Ein Jahr später, _1926, brach in dem ,vesllichen Teil Javas ein nationalrevolutionärer Aufstand aus. Gutshöfe und Gouverneurpaläste gingen in Flammen auf, und Telegraphen- und Eisenbahnlinien wurden zerstört. Der bewaffnete Kampf der aufständischen Massen dauerte beinahe vier Monate, und die holländische Regierung "rar gezwungen, fast ihre gesamte Truppenmacht in das Aufstandsgebiet zu werfen, um den Widerstand der Aufständischen zu brechen. Unmittelbar nach der Niederschlagung des Aufstandes in Java folgte 1927 ein Aufstand der einheimischen Massen Sumatras. ·Beiden Aufständen folgte ein erbarmungsloser Terror. Die Kommunistische Partei wurde verboten, und alle Mitglieder, deren die Kolonialbehörden habhaft werden konnten, ,vtuden eingekerkert, ermordet oder in die ·Konzentrationslager von Digoel auf Neu-Guinea geschickt, wo die Mehrzahl an Tropenfieber und �{n­ laria zugrunde ging. Die Kämpfe gingen trotzdem ,veiter. Bei den Arbeitern folgte ein St reik dem anderen, "1ährend die Bauern .sich in die Berge und in die Urwälder zurückzogen und Partisa- 206

Der Terror der Imperialisten in den Kolonien

nentrupps organisierten. Borneo, Celebes und Sumatra ·waren nach der Nieder,verfung des Aufstandes noch lange Zeit Schau- .. platz heftiger Partisanenkämpfe. Seit dieser Zeit hat .die holländische Regierung den Großteil :ihrer FloHe in den Ge,vässern von Niederländisch-Indien stationiert. Im Jahre 1932 begann auch die niederländische Flotte von der revolutionären Bewegung crfaßt zu ,verden. 420 indonesische und holländische 11Iatrosen des Panzerkreuzers ,,Java" und der Torpedobootzerstörer ,,Pict I-Iein" und ,,Ewertsen" ver,veigerten in diesem Jahre den Dienst, weil der Sold gekürzt ,verden sollte. Angesichts dieser Dienstverweigerung zog die holländische Regierung ,vohl die angesagte Soldkürzung zurück, stellte jedoch gleichzeitig eine Anzahl der Dienstverweigerer vor Gericht und ließ 166 indonesische und 69 holländische 11:atrosen zu Kerkerstrafen von 4-6 l\fonalen verurteilen. Im darauffolgenden Jahre, im Februar 1933, hielt die holländische Regierung den Augenblick für gekommen, um die Solclkiirzungen doch durchzuführen. Trotz der vorjährigen Verhaftungen und Verurteilungen griffen die Matrosen des Panzerkreuzers .,Java" abermals zur Dienstverweigerung. Entschlossen den Soldabbau dies1nal unbedingt durchzuführen, antwortete die Admiralität mit umfangreichen Massenverhaftungen und verhaftete 235 Matrosen des Kreuzers „Java", darunter 166 indonesische, und mehrere hundert Matrosen der Torpedobootzerstörer-Flottille. Die Wirkung ,var aber eine andere, als die Admiralität erwartet hatte. Die Be,vegung der Matrosen breitete sich ,veiter aus und griff auch auf die Flugzeugstation von Surabaya und auf Teile der Landtruppen über. Die den Dienst verweigernden Matrosen und Soldaten veranstalteten Versammlungen in den Hafenstädten und zogen demonstrierend durch die Straßen, die Freilassung der Verhafteten und die Rückgängigmachung des Soldabbaus fordernd. · Als die Admiralität die Verhaftungen fortsetzte und mit der Entwaffnung der Matrosen, die den Dienst verweigerten, bfgann, brach auf dem Panzerkreuzer „De Zeven Provincien" eine offene Meuterei aus. Die ]\fannschaften der „De Zeven Provincien" setzten die an Bord befindlichen Offiziere gefangen. hißten die rote Fahne und stachen �n See. Ihr Vorgehen blieb jedoch vereinzelt. Nachdem sie 5 V2 Tnge auf dem Indischen OzC'an gekreuzt hatten. verfolgt von einem Geschwader von Krieasschiffcn und von Kriegsflugzeugen, die Brandbomben auf die .,De Zeven Provincien" abwarfen, ergaben sie sich. 267

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An der l\{euterei auf „De Zeven Proviricien" hatten 240 Matrosen, 184 indonesische und 9 holländische, und drei indonesische Unteroffiziere teilgenommen. Durch das Flugzeugbombardement ,varen 18 l\{atrosen getötet und 15 venvundet ,vorden. Die Aburteilung der l\Ieuterer der „De Zeven Provincien" und der Dienstverweigerer der anderen Schiffe erfolgte in drei Gruppen. 184 indonesische und 45 holländische l\fatrosen der ersten Gruppe wurden auf die Insel Onruse -deportiert, 19 zu 194 Jahren Gefängnis verurteilt; acht :Matrosen und Unteroffiziere der z"r eiten Gruppe erhielten 60½ Jahre und 82 l\1atrosen der dritten Gruppe einige hundert Jahre Gefängnis. In Indochina kam es 1m Jahre 1929 wegen Lohnabbau z u großen Streiks, ,die das ganze Land erschütterten. Die Streiks ,vurden vom französischen ImperJalismus brutal niedergeschlagen. 76 „Rädelsführer" kamen vor das Kriminalgericht in 1-Ianoi und ,vurden zu 365 Jahren Gefängnis und Zwangsarbeit verurteilt. Tausende von Streikenden wurden auf öde Inseln Yerbannt und Hunderte zu lebenslänglicher· Zwangsarbeit oder zum Tode verurteilt. ,,Der ,vachsende Einfluß der kommunistischen Propaganda", erklärte der Gouverneur Pascier zur Rechtfertigung dieser Terrorurteile, ,,hat mich gezwungen, im Einverstündnis niit den örtlichen Verwaltungsbehörden l\Iaßnahmen zu ergreifen, die diese Propaganda zunichte machen werden." Gewissermaßen als Antwort auf die grausame Niederschlagung der Streikbewegung und den unerhörten Terror brach Anfang Februar 1930 der Aufstand von Yen-Bay aus. In der Nacht vom 9. zum 10. Februar hatten sich 200 einheimische Soldaten eines Tonkinger Schützenregiments erhoben und gemeinsam mit 600 Nationalrevolutionären die Kaserne von Yen-Bay besetzt, sich der Waffen- und :Munitionslager bemächtigt und eine Anzahl von französischen Offizieren und Unteroffizieren niedergemacht. Nachdem der-Versuch der Aufständischen, auch die umliegenden französisc11en Posten zu nehmen, mißlungen war, wurde der Auf stand am 10. Februar 1930 von herbeigeeilten französischen Truppenteilen niedergeschlagen. 30 000 Indochinesen wurden dabei von den französis<ihen Truppen umgebracht. So wurde z. B. das Dorf Korn-Sing, in das sich ein Teil der Aufständischen geflüchtet hatte, so lange durch Flugzeuge mit Bomben belegt, bis es völlig zers1ört war. D.ie am Leben gebliebenen Einwohner des Dorfes, ganz gleich ob �{änner, Frauen oder Kinder, wurden nach dem Bombardement ausnahmslos getötet. 26R

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l.Jer 1'error der imperialisten in den Kolonierl

In einer Reihe von Prozessen gegen die überlebenden Teilnehmer des Yen-Bayer Auf.!itandes ,vurden insgesamt 91 Todesurteile gefällt. Die Angeklagten verhielten sich vor dem Gericht heldenhaft. Der zum Tode verurteilte Trong-Yan-Tran nahm, um ein Beispiel zu nennen„ sein Todesurteil mit dem Gesang der „Interna- . tionale'' auf. Das Massengen1etzel der französischen Imperialisten in Yen­ Bay löste eine Reihe neuer Kämpfe aus. Im ganzen Lande setz·­ ten Streiks, De1nonstrationen, Bauernunruhen und terroristische Akte der ,indochinesischen l\1assen gegen die französischen l{olonialbehördcn ein. Am 1. August 1930 zerstörten indochinesische Nationalrevolutionäre die I-Iaupttelegraphenlinien. Die Bauern forderten die Ver-leilung des Grund und Bodens der Gutsbesitzer und gin gen gemeinsam mit den streikenden Arbeitern vor, ,vobei sie ihnen oft zum Siege verhalfen (Streik in Vinh etc.). Auch die einhein1ischen Soldaten ,vurden von der Se,vegung ergriffen. Die Soldaten weigerten sich vielfach, auf die demonstrierenden nfassen zu schießen und sangen mit den Demonstranten die „Internationa 1e" Der Oberresident von Tonking, Rene Robin, setzte die Luft- flotte ein und bcvolln1ächtigte die Truppen, Gefangene nach eigenem Ermessen zu töten. Die Bevölkerung ganzer Dörfer ,vurde niedergemacht, und Tausende und aber Tausende von :indochine­ • sischen Arbeitern und Bauern ,vurden eingekerkert. In Vinh ,vurden zwei I{om1nunisten nach „alter Sitte" hingerichtet, d. h. der Henker sägte ihnen langsa1n mit dem Sc1nvert den Kopf ab. l\lehr als tausend indochinesische A1,beiter und Bauern kan1en auf die Inseln Poulo Condore und Inini. Ein Prozeß, der einige Jahre später gegen einige Legionäre geführt ,vurde, die an der Nieder,verf ung des Aufstandes in Yen� Bay beteiligt ge,vesen ,varen, zeigte, mit ,velcher Bestialität die Truppen des französischen Imperialismus bei der Bekämpfung der nationalrevolutionären Be,vegung m Indochina vorgehen. In diesem Prozeß, der im Juni 1933 in Hanoi stattfand, mußten die angeklagten Legionäre auf Befragen des Vorsitzenden des Gerichtes bestätigen, daß ihnen der Oberresident von Tonking, Rene Robin, den Befeh l gegeben hatte, die Gefangenen niederzumachen. ,,Jawohl" antwo rtete· d er Legionär P1nvlo,vski auf die Frage des Vorsit;enden, ob er Gefangene getötet habe, ,,auf Befehl des llerrn Robin, der uns beglückwünschte und zurief: ,Sehr gut, fahrt nur fort'." 269

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B·is auf den heutigen Tag wütet der frapzösische in1perialismus in der gleichen Weise unter den werktätigen nfassen Indochinas. Auf streikende oder demonstrierende Arbeiter wird rücksichtslos geschossen und auf dem Lande rotten Strafexpeditionen die Bevölkerung ganzer Dörfer aus. Für die Handlung eines einzeln.en wird auf Grund eines 100 Jahre alten Gesetzes das ganze Dorf '\!'eranhvortlich gemacht. Es genügt den französischen Imperialisten, in einem indochinesischen Dorf ein revolutionäres Flugblatt zu finden, um das Dorf zu zerstören und seine Ein,vohner. l\1änner, Frauen, Kinder und Greise, ausnahmslos zu töten. In Indien setzte unmittelbar hn Anschluß an .den imperialistischen Weltkrieg eine Reihe von großen Kämp/en gegen den britischen Imperialismus ein. Bei diesen Kfünpfen spielte die nationale Bewegung der indischen Bourgeoisie unter der Führung Gandhis eine große Rolle. Es ist di� Zeit von 1918-t'922, in der Gandhi und der unter seiner Führung stehende Nationalkongreß den passiven vViderstand gegen die EngHindcr verkünden, dir Rückkehr zu den reaktionären Lebensformen des Feudalismus predigen, die Gewaltlosigkeit und die Respektierung des Privateigentums propagieren, und den Steuerstreik und den Boykott von Zwangsversteigerungen dn den Städten organisieren. · Die von Gandhi und dem Nationalkongreß organisierte Steuerstreik- und Boykottbewegung ging jedoch rasch über die Städte hinaus, ergriff auch das Dorf und nahm revolutionäre Formen an. 1919 führte die Bewegung zur Proklamierung des I-Iartal (Nationalstreik), der einen mächtigen revolutionären Ausbruch der :Massen zur Folge hatte. Es kam zu großen Streiks der Arbeiter· in den Städten, zu blutigen Zusammenstößen im ganzen Lande, und zu Bauernaufständen, die 1919 besonders in der Provinz Pandschap einen großen Umfang annahmen. Die Aufstände wur-den mit tierischer Grausamkeit niedergeworfen. So wurden z. B. in der Provinz :Madras 70 Bauernführer in hermetisch geschlossene Eisenbahnwaggons gesteckt und darin gefangengehalten, bis sie erstickten, und in der Nordprovinz, wn der Nähe von Lucknow, wurden über 400 verhaftete Bauern lebend begraben. Den großen Bauernaufständen von Pandschap folgte 1921 der Aufstand der Moplah. Die :Moplah legten den Eisenbahn- und Telegraphen verkehr still, steckten die Gutshöfe in Brand, verjagten die englischen Truppen und proklamierten die Unabhängigkeit. Die englische Regierung bot eine Armee von 100 000 Mann auf, um 270

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Der Terror der lmpetialislen in cl�n Koloniell

den Aufstand niederzuwerfen, und ließ die Dörfer des Aufstandsgebietes durch Flieger bombardieren. Der Aufstand wurde mit unerhörter Grausamkeit niedergescl�lagen. l\tlehr als 50 000 lVloplah wurden getötet, über 10 000 verhaftet und Tausende zu Z,vangsarbeit auf den Andaman-Inseln verurteilt. Noch heute gibt es I-Iunderte von Teilnehmern des nfoplah-Aufätandes in den Zuchthäusern Indiens, gegen die auch nicht einmal zum Schein ein Gerichtsverfahren eingeleitet ,vurde. Kennzeichnend für den Terror und für den Geist, von dem die englischen Imperialisten in Indien getragen ,ver,den, ist besonders das Blutbad von A1nnitsar. Der Fall \Yar folgen<lennaßen. Im April 1919 hatte sich eine Delegation der Einwohner der Stadt zum Regierungsgebäude· begeben, u1n die Freilassung von zwei indischen Aerzten zu fordern, die verhaftet ,vordcn ,varcn, ,veil sie nationale Agitation getrieben hatten. Die Delegation wurde jedoch nicht empfangen, sondern mit �iaschinengewehren beschossen, ,vodurch 20 �Inder getötet ,vurden. Die l\Iassen, die darüber in eine außerordentliche Erregung gerieten, stürnlten das Regüerungsgebäude, ,vobei eiri englischer Regierungsbeamter getötet ,vurde_. Ein schreckenerregendes Blutbad ,va r die Anl\vort der Engländer. Der kommandierende General Dycr ließ den Stadtpark, in dem sich el\va 20 000 Personen, darunter viele Frauen und Kinder, zu einer Protestkundgebung versammelt hatten, von seinen Truppen umzingeln und in ununterbro chener Reihenfolge 1650 Salven auf die versammelte 1\ienge abgeben .. Das Resultat war grauenvoll. Ueber 1200 :rvienschen ,varen tot und etwa 3600 verwundet. Die auf einem l-Iaufen liegende :rvienge von hHflosen und hilferufenden Verwundeten mußte auf Befehl Dyers dhrem Schicksal überlassen ,verden, ,vährend die Ueberlebenden von den Truppen ,vie ,vilde Tiere zusammengetrieben und auf dein l-Iauptplatz von Amritsar öffentlich ausgepeitscht ,vurden. Danach wurden sie gez,vungen, auf allen vieren den gleichen vVeg zurückzulegen, den die Delegation gegangen war, als sie sich zum Regierungsgebäude begeben hatte. Ein sofort eingesetztes Feldgericht verurteilte 581 Inder teils �u1n Tode und teils zu lebenslänglichem Zuchthaus. Das englische Offizierkorps in Indien besaß die unglaubliche Schamlosigkeit, Dyer für ,diese „I-Ieldentat" eine Ehrengabe von 26 000 Pfund ' Sterling zu überreichen. Nach der ersten vVelle der nationalrevolutionären Be,vegung und ihrem Zusammenbruch im Jahre 1922 folgte_ eine Periode der 271

* l{lärung der Klassenfronten. Der Nationalkongreß spaltete sich; • Teile der indischen Bourgeoisie, vor allem die Vertreter des Industriekapitals, wandten sich von Gandhi ab. Andererseits setzte jllller den fortgeschrittensten Teilen der indischen Arbeiter, die von Gandhi enttäuscht waren, eine Linksorientierung ein. Diese Linksorientierung des fortgeschrittensten Teiles der indischen Arbeiterschaft führte im Zusammenhang mit den Te1Tormaßnahmen der britischen Labourregierung und mit den wieder aufflan1menden Streik.kämpfen -im Jahre 1924 zur Bildung von roten Gewerkschaften und vereinzelt zur Bildung von kleinen, losen kommunistischen Organisationen. In diesem Jahr kam es auch zu dem ersten Prozeß gegen l\fitglieder von illegalen k.01nn1unistischen Organisationen. Während dieses Prozesses offenbarte sich die ganze panische Furcht der anglo-jndischen Regierung vor dem Bolschewismus. 1925 wurde eine Arbeiter- und Bauernpartei gegründet, um die sich alle linken und revolutionären Kräfte gruppierten. Die Jahre 1927 und 1928 brachten ein neuerliches Ansteigen der revolutionären Arbeiterbewegung in Indien. In der zweiten Ifälfte · des Jahres 1928 betrug z. B. die Zahl der Streiktage mehr als fünfmal soviel wie iin ganzen Jahr 1921. In Bombay slrciktcn 1928 150 000 Textilarbeiter nahezu sechs :Monate. Der Streik der Bombayer Textilarbeiter konnte bis zum Generalstreik gesteigert werden. Die Führer des Streiks, 21 an der Zahl, wurden des Hochverrats angeklagt und von den englischen Behörden nach l\feerut, einer kleinen Provinzstadt im Inneren Indiens, ,gebracht, wo sie drei Jahre und neun Monate m Untersuchungshaft gehalten wurden. Die Angeklagten wurden in l\1eerut unmenschlich gefoltert. Die Gerichtsverhandlung war eine echte Justizkomödie. Der Staatsanwalt James Langfort hatte seine Anklage auf ordinäre Lügen und Verleu1ndungen aufgebaut und nutzte sie zi..t einer plun1pcn Hetze gegen die Sowjetunion aus. Die Angeklagten benu.tzten den Gerichtssaal als revolutionäre Tribüne. 20 von ihnen ,vurden zu 127 Jaluen strengen Kerker und Zwangsar�eit verurteilt. �{usafar Achmet erhielt lebenslängliche Zwangsarbeit. Unter dem Druck einer jahrelai1gen internationalen Protestkampagne der Internationalen Roten Hilfe sah sich die englische Regierung jedoch schließlich gezwungen, die l\feerutgefangenen dm Jahre 1934 frei- \ zulassen. Gleichzeitig mit den Streikkäinpfen der Arbeiter hatten erneut große Bauernaufstände stattgefunden. 1927 waren nacheinander ·272

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Der Terror der Imperialisten in den Kolonien

drei Bauernaufstände ausgebrochen. Besonders bedrohliche Formen hatte der Aufstand <ln der Umgebung von Bombay, ,vo die Bauern die· Behörden durch Bauernkomitees ersetzten, für den englischen Imperialismus angenom1nen. In den Jahren H)28, 1929 und 1930 standen die BauerO: in verschiedenen Gebieten trotz allen Terrors abermals auf. Die Bauernaufstände dieser ,Jahre unterschieden sich von den früheren dadurch, daß die Bauern überall konkrete Forderungen aufstellten, ,vie „Land und Boden den Bauern", ,,Abschaffung der Steuern und der feudalen Lasten" etc., und daß die Auf.stände fast überall von selbständigen Bauernkomitees geführt ,vurden. 1930 versuchte Gandhi, die infolge der Auswirkungen der ,velt­ ·wirtschaftskrise ,vachsende revolutionäre Be,vegung der Massen neuerdings zu leiten. i\iit mehr als 10 000 Anhängern zog er anit :\leer, um unter Verletzung des englischen Salzmonopols Salz zu gewinnen, ,vobei er den l\1assen ,vieder Gewaltlosigkeit predigte. In den Städten proklamierten seine Anhänger gleichzeitig den · • friedlichen Boykott englischer Textilwaren. · Die Be,vegung entglitt jedoch rasch seinen Händen. In den • Städten kam es zu riesigen revolutionären Demonstrat_ionen und Streiks, die von blutigen Zusammenstößen mit der Polizei beglei­ .tet waren. In dem Textilzentrum Sholapur verjagten die Arbeiter die Behörden und blie'ben vier Tage lang Herren der Stadt. In Pesha,var hielten sich die Aufätändischen zwei vVochen. Bewaffnete Bauernhaufen grillen diie Gutshöfe an, setzten sie in Brand und bemächtigten sich des Bodens. Die Be,vegung in Pesha,var ·war so stark, -daß auch die Truppen von ihr erfaßt ,vurden; einige Truppenteile gingen zu den Aufständischen über, andere weigerten sich, gegen sie zu kämpfen. In Bengalen stürmten die Bauern die Häuser der vVucherer und vernichteten Tausende von Schulddokumenten. In Birma kam es zu ·bewaffneten Kämpfen_ z,vischen Bauern und Regierungstruppen, die ,vochenlang andauerten. An der Nord,vestgrenze Indiens erreichte die Aufstandsbewegung -0er Afridenstämme einen noch nie dagewesenen Umfang. Der englische Imperialismus antwortete mit einem beispiellosen Terror und mit der Einsetzung aller verfügbaren bewaffneten Kräfte. Die Luftstreitkräfte unternahmen allein auf die Aufstandsgebiete der Nord,vestgren ze 1153 Luftangriffe und warfen an verschiedenen Tagen mehr als 3000 Brandbomben auf die Dörfe r der Aufständischen. Weit über 70 000 indische Arbeiter und Bau- 18 Weißer Terror 273

ern wurden verhaftet, Zehntausende venvundet und Tausende erschossen, gehängt oder zu Tode gemartert. Die Jahre 1932 und 1933 waren durch einen neuen gewaltigen Aufsclnvung der revolutionären Bewegun g in Indien gekennzeichnet: in Kaschmir, Birma, :Madras fanden Bauernaufstände statt; auf allen wichtigen Eisenbahnstrecken wurden Streiks geführt; in Bo111bay streikten die Transportarbeiter, bei denen l\loha mmedaner und Hindus gemeinsam kämpften ; in Kalkutta und in Bomhav führten die TextilarbeHer Streiks, die von opferreichen Straße�kämpfen begleitet waren etc. Die anglo-indische Regierung verstärkte die Garnisonen und Polizeikräfte jn den Aufstands- und Streikgebieten und griff in erhöhtem �Iaßc zu1n "'eißen Terror: zu �I�ssenverhaftungen, zur Ermordung Yon Revolutionären, zu Erschießungen, Luftbombardements und Strafexpeditionen. In dieser Periode schloß Gandhi von1 Gefii n gnis aus seinen Friede� mit dem englischen Imperialismus. Vertreter des Kation:1)­ kongresses ginge n nach L ondo n, u1n an der Round-Table-Ko nfe­ .re�z teilzunehm en, die Indien angeblich eine „neue Verfassung" geben �ollte. I1n November 1934 verkündete die britische Regie- . • run g den „n euen Verfassungsentwurf" für In dien, der Gandhi und sein e Bewegung zu einem konstitution ellen Faktor des englischen ·Imperialismus 1.in Indien machte. In Südafrika gab es scho n lange vor dem Kriege 1914-1918 Gewerkschaften und eine La�our Party. Aber so\\·ohl die Gewerkschaften als auch die LalJour Party vertraten nur die Interessen der weißen Arbeiteraristokratie un d leh n ten es ab, Neger auf­ �unchmen; ihre Politik bewegte sich völlig i in Rahn1en des en�­ hschen I1n perialismus und der Bourgeoisie der Buren. Einige Zeil nach Ausbruch des Krie t:,0es' irn Jahre 1915 ' e n tstand die Intcma- • hlonale Liga, eine lin ke Gruppe, die sich iin Kampfe gegen die re- !0rm�slische Politik der Labour Party herausgebildet hatte. Aus ihr ging 1921 die Kommunistische Partei Südafrikas hervor. Die erste Gewerkschaft für einheimische Arbeiter ,vurde 1920 in Gestalt des Verbandes der Handels- und Industriearbeiter gegründet.. Der Verband der Han dels- und Industriearbeiter nahm jedoch ·nur Neger auf. Die Führer dieses Verbandes. ebenfalls einheimische Neger, waren Reformisten reinsten ,v assers. Erst in den Jahren 1928/29 gelang es den planmäßigen tu1d konsequenten Beinübungen der Kommunistiscl1en Partei Südafrikas gegen den erbitterten Vliderstand der Regierung, der Unternehn1er und der· Führer der weißen Arncitcraristokratie, revolutionäre Gewerk- 274

Der Terror der Imperialisten in den Kolonien

schaften, die ,veiße und einheimische Arbeiter geme!nsam organisieren, zu schaffen. 1929 führte die •einheimische ,verktätige Bevölkerung von Durban einen Boykott gegen die städtischen Brauereien und gegen die verschiedenen l\iIonopohvaren durch, ,veil die Regierung das Brauen von Bier in den Einzelhaushaltungen verboten hatte. Der Boykott breitete sich über das ganze Land aus und ,vurde von c>ine1n Steuerstreik. und Yon Kundgebungen gegen die Paßgesetze begleitet (der einheimische Arbeiter braucht ehva 12 verschiedene Pässe, um sich einigermaßen be,vegen zu können). An den Kundgebungen nahn1en Zehntausende von Negern teil. Die Regierung organisierte als Anhvort auf den Boykott mit I-Iilfe von kombinierten I�on1mandos, die aus Polizei, l\iiilitär und faschistischen Banden bestanden, Ueberfällc auf die Arbeiterviertel von Durban, Johannesburg und von anderen Städten. Dje j\Jordkolonnen drangen in die Arbeiter,vohnungen, zers.törten die armseligen Behausungen und feuerten rücksichtslos auf l\fänner, Frauen und Kinder. Die :Massen leisteten jedoch vViderstand und antworteten mit einer ,vellc von De1nonstralionen. Gleichzeitig fanden Streiks der Goldminenarbeiter, Landarbeiter etc. statt. Im darauffolgenden Jahr, 1930, nahm der von der Kommuni• stischen Partei Südafrikas geführte Kampf gegen die Paßgesctze einen großen Umfang an. Zur Organisierung dieser Be,vegung war in .Johannesburg ein Kongreß einberufen ,vorden, der von 400 Delegierten beschickt ,var. Es k�m in allen Städten Südafrikas zu großen Demonstrationen und Kundgebungen, bei denen .von den l\lassen Tausende von Pässen öffentlich verbrannt ,vurden. In Durban ,vurde bei einer dieser Kundgebungen der Sekretär der Komn1unistischen Partei, N'Kos�, von der Polizei totgeschlagen; in der Nähe von Capeto,vn, in vVorcester, überfielen Polizei und Faschisten die \Vohnvdertel der Neger, wobei 10 ATbeiter getötet und 70 ver,vundet ,vurden. Der Führer der einheimischen Arbeiter von vVorcester, Abe S:impi, und 13 andere Neger ,vurden vor Gericht gestellt und zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt, weil sie sich gegen den Ueberfall zur \Vehr gesetzt hatten. Im Verlauf desselben Jahres fanden auch große Streiks der .Eisenbahnarbeiter, Haridelsangeslelltcn, Bauarbeiter und Landarbeiter statt, wobei die Streiks der Landarbeiter zu einem erbitterten, ,vochenlang andauernden Kleinkrieg z,vischen Gruppen von LandarbL•i­ tern einerseits und der Polizei und dem l\filitär andererseits führten. Hunderte von Landarbeitern wurden nach der Niederschla- 275

gung der Kämpfe erschossen oder zu Zwangsarbeit und Zuchthaus verurteilt. An1 16. Dezen1ber 1930 veranstalieten die roten Ge,verkschaften in Durban eine Demonstration gegen die Dingaan-Feier der Engländer und Buren. Der 16. Dezember ist der Jahrestag, an dem die Buren und die englischen In1perialisten die aufständischen Zuluneger unter der Führung ihres Häuptlings Dingaan besiegt hatten. Die Demonstration endele mit blutigen Zusnm111enstößen mit der Polizei und den von ihr aufgebotenen Schwarze-I-Iundert-Banden. Trotzdem demonstrierten die !\fassen auch in den folgenden Jahrrn gegen den Dingaan-Tag. Die Bewegung gegen die unerträglichen Paßgesetze setzte in <len folgenden Jahren •ebenfalls nicht mehr aus, obwohl die H<·­ gierung alle Kräfte aufbot, u1n sie durch l\Iassenterror niederzuschlagen. Bei den zu einer alltäglichen Erscheinung ge,vordenen Razzien hi den Negervierteln und bei den Ueberfällcn auf die Arbeiterwohnungen und Arbeiterversmnmlungcn ,vurden alljährlich hunderttausende Neger wegen sogenannter Verletzung der Paßgesetze verhaftet und abgeurteilt. 1934 wurden z. B. nach Regierungsangaben 330 000 Neger wegen Paßvergehen verhaftet. 1933 schuf die Regierung eine besondere faschistische Polizeitruppe zur Bekämpfung der revolutionären 1\1:assenbewegung, das ,,Special Service Battalion". In diesem Jahre enhvickelte sich unter dem Einfluß des deutschen Nationalsozialismus auch die fa­ �chistische Grauhemdenbewegung, die von Hitler finanziert wird. Diese antisen1itische und hauptsächlich gegen die Neger gerichtete ultrachauvinistische Bewegung scheut vor keiner Gewalttat zu. rück, um die Organisationen der Werk.tätigen zu zerschlagen. Die Ikaka La Basabenzi (südafrikanische Sektion der Interna­ \ionalen Roten Hilfe), die über 3000 :Mitglieder umfaßt nnd einen großen Einfluß auf die ,verktätigen und die einheiinische Bevölkerung Südafrikas ausübt, führt einen systematischen Kampf gegen den Faschismus. Im November 1934 fand auf Initiative der Ikaka in Sophiatown eine antifaschistische Einheitskonferenz statt, an der eine Reihe von :Massenorganisationen der Werktätigen teilnaluuen. Auf der Konferenz wurde ein Kampfprogramm gegen den Faschismus angenommen. Im !\1ärz 1935 folgte, ebenfalls in Sophiatown, eine zweite antifaschistische Konferenz, bc� der auch Vertreter reformistischer Gewerkschaftsorganisationen anwrsend waren. Die in der Einheitsfront vereinigten Werktätigen Südafrikas 276

Der Terror der Imperialisten in den J(olonicn

leisten den faschistischen Angriffen erfolgreichen Wtlderstand und brechen dn vielen Fällen den Terror der Grauhemden und Regierungsfasch:isten durch ,vohlorganisierte Gegenaktionen. * Die Kriegsrüstungen der :hnperdalistischcn Staaten in den l{olonien gelten nicht nur den imperialistischen Konkurrenten, dem ,,äußeren Feind", sondern ·auch dem inneren Feind, der einheimischen Bevölkerung. l\Ht einem riesigen Gewaltapparat ,verden die ungeheuren !\lassen der unterdrückten Kolonialvölker in Schach gehnlten. Zu diesen1 Z,veck ,vurde ein Netz von Garnisonen und ein umfangreicher Polizeiapparat geschaffen. Militär, Polizei und die Territorialtruppen der unter dem Protektorat der verschiedenen imJ?erialistischcn I\1:ächte stehenden „Fürsten" und „Könige" sind für den Kampf gegen die revolutionären 1'Iassen der einheimischen Bevölkerung geschult und gedrillt und mit allen erforderlichen Klein- und Großkampfmitteln ausgerüstet. An allen ,vichtigen Punkten sind Flugzeuggeschwader untergebracht. In den Hiifen ist eine ständige Flotte stationiert, und die ,vichtigsten Häfen sind zu Kriegshäfen ausgebaut. Die Soldaten der Kolonialarmeen und der Polizeitruppen ,verden -in der I\iehrzahl aus der einheimischen Bevölkerung der Kolonien rekrutiert. Die Ko1nmandoposten und alle technisch und militärisch bedeutenden Funktionen sind jedoch von Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten der I\iutterländer besetzt; sie bilden die entscheidenden Kader. Die aus einheimischen Truppen bestehenden Regimenter und Polizeikorps sind so verteilt, daß sie möglichst nicht in die Lage kommen, gegen Angehörige des eige. ncn Slam1nes oder des eigenen Volkes zu kämpfen. England verwendet ?;. B. indische Truppen und Polizisten mit Vorliebe außerhalb Indiens, in Aegypten und in seinen afrikanischen Kolonien: in • Indien selbst nutzen die Engländer die Gegensätze der verschienen Stäm1ne und die religiösen Gegensätze bei der Venvendung von einheimischen Truppenteilen aus. In Südafdka geben die englischen Imperialiisten der cinhefmischen Bevölkerung keine Waffen in die Hand, die Truppen und die Polizei setzen sich hier aus_ \Vcißen und Indern zusam1ncn. Der französische Imperialismus ,vjederum ver,vendet in I\iarokko, Algüer und Indochina vorzugsweise zentralafrikanische Neger als Truppen und Polizisten, und in Afrika und Syrien Indochinesen; in Syrien benutzt Frank­ 1

reich auch russische Weißgardisten. Ein besonderes Instrument 277

des französischen und des spanischen Impel'ialismus sind die berüchtigten Fxemdenlcgionen, die sich aus dein menschlichen Abschaum aller Länder zusammensetzen. Neben der Polizei und der Armee bestehen Freiwilligenverbände und Schützenkorps der in den Kolonien lebenden \Veißen und reaktionäre Kan1pforganisationen der einhein1ischen Bourgeoisie. In Syrien hat sich z. B. ein Teil der nationalistischen Jugend als reaktionäre Liga der nationalen Tat organisiert, die die Regierungsn1ethoden Hitlers propagiert. Die konterrevolutionäre Daschnak.enpartei in Syrien wendet offen terroristische :Methoden an, ermordet Führer der Ko1n1nunistischen Partei und der nationalrevolulionüren Bewegung, überfüllt Arbeiterhäuser, sprengt Arbeiterversam1nlungen etc. Der bekannte syrische revolutionäre Schrjftsteller Aga Sarjan wurde 1933 von einem Terrortq1pp der Daschnaken ermordet. In Niederländisch-Indien besteht seit 1924 die aus der einheinuschen Bourgeoisie gebildete Organisation Sa- rekat Gischan, die eine ähnliche Rolle spielt. Die in1perialistischen Regierungen verfügen in den Kolonien über einen ausgedehnten politischen Polizeiapparat, dessen �·Iachtvollkon1menheit außerordentlich ist. In allen französischen Kolonien untersteht z. B. die unifonnierte Polizei und die Gendarmerie nicht nur den Verwaltungsbehörden, sondern auch der politischen Gcheiinpolizei, der Surete Generale. Die politische Poli ­ zei der Kolonien verfügt über riesige �1itlel. Sie beschäftigt ein Heer von Spitzeln und Provokateuren, organisiert Bunden und läßt nichts unversucht, um rin die Orgnnisationcn der revolutionären Arbeiter und Bnuern einzudringen. In Acgyplcn gründete die englische Geheimpolizei z. B. Gewcrk.schaf ten. Die Tätigkeit der politischen Polizei erstreckt sich nicht nur auf das eigene Kolonialgebiet, sondern auch auf alle Häfen un<l Schiffe und auf • alle wichtigen Städte der benachbarten Länder und Kolonialgebiete. Die Kolonialgesetzgebung des Impcrialisn1us ist vor allem darauf gerJchtet, <lic wirtschaftliche, persönliche und politische ,,�linderwertigkeil" der Eingeborenen gesetzlich zu verankern. Sie legalisiert die Enteignung der einheimischen Bauern, den Raub von Naturschätzen und die Vertreibung ganzer Völker von ihren \Vohnsitzen. Sie legalisiert die Zwangsarbeit und erklärt das Verlassen des Arbeitsplatzes als Verbrechen, das mit Kerker bis zu fünf Jahren bestraft wird (Indien, Niederländisch-Indien, Indochina, Südafrika, Ostafrika, Zentralafrika usw.). Unter der Bezeichnung 278

Der Terror der Imp_crifllistcn in den Kolonien .,,Colour bar" (Farbcnschranke) oder „Racial bar" (-Rassenschranke) gibt es ein System von gesetzlichen Bestimmungen, die es dein einheiinischen Arbeiter unmöglich. machen, Vorarbeiter, Techniker oder Ingenieur zu ,vcrden, - die ihm verbieten, in beslimn1 ten Gebieten oder Stadtvierteln zu ,vohnen und Restaurants oder I·Iotcls, in denen vVeiße verkehren, zu besuchen, - die seine Freizügigkeit beschriinken und das Leben außerhalll des Arbeitsvcrhältnis5es regeln. In Südafrika braucht der einheimische Arbeiter z. B. einen ganzen Haufen von Pässen, um ü berhaupt seiner Arbeit nachgehen zu können (Persönlichkeitspaß; .Eisenbahnpaß, Arbeitspuß; Paß für das Recht, Arbeit zu suchen; Tagespaß; Nachlpaß; \Vochenpaß; Stcuerpaß; etc.). Aehnliche Paßbestim­ n1ungen gibt es in nllen englischen Koloni�- Afrikas,_ in Indochina und in NiederHin<lisch-Indiien. In allen I�olonie.n äst das As�ozia,tions-, Koalitions- und Versau1mlungsrecht für den einheimischen Arbeiter und Bauern fak� tisch aufgehoben, ebenso die Presse- und Redefreiheit und das Streikrecht. In den französischen Kolonien Afrikas gilt der ·sogenannte Emgeborerienkodex, eine Verschmelzung von gerJchtlicher und adn1inistrativer Gerichtsbarkeit. Er verbietet den Arbeitern. u. a., revolutionären· und nationalrevolutionären Organisationen anzugehören. Im indischen Sh·afgcsetz gibt es einE:u Artikel, der lebenslängliche Verbannung oder Kerker bis zu 10 Jahren für jeden vorsieht, der beabsichtigt, ,,in- oder außerhalb Britisch-Incliens dem König die Oberge,valt über Britisch-Indien oder einen Teil von Jnd!ien zu entziehen". Diese Absicht ,vird von den indischen Gerichten bei jeder revolutionären Streikaktion oder Kundgebung. als gegeben angesehen. Ein Gesetz .in Niederländisch-Indien besagt, daß jeder, der in äer Oeffentlichkeit „Gefühle von Haß gegen die Regierung manifestiert" mit 7½ Jahren Kerker bestraft ,vird. Außerdem kann jeder einheimische Werktätige auf Grund des „Exorbitantenrechts" deportiert ,verden, ,venn er nach Ansicht der Kolonialbehörden die ,,Ruhe und Sicherheit" gefährdet. In fast allen Kolonien ist das Lesen von revolutionären und liberalen Zeitungen, Büchern und Broschüren aus den �Iutterliindern verboten. Pre.,seartikel, die Arbeitsverhältnisse besprechen, gelten als „Auf,viegelung" (Niederländisch-Indien), die das Kolonialregime behandeln, als „Aufhetzung gegen die Autorität des :Staates" (Indochina), etc. 279

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j Dje beratenden und gesetzgebenden Körperschaften sind ausnahmslos Vertretungen der herrschenden ,veißen ?vlinderheit. Wfrd Eingeborenen das Sliinmrecht gewährt, so nur den begüterten Schichten, und nur in einer Form, die jeden Einfluß auf den Gang der Dinge ausschließt. In Indien haben z. B. von den ungefähr 300 11illionen Einwohnern nur 5,5 �Hllionen Stimmrecht für die \Vahlen zu den gesetzgebenden Räten. Ueber allen Gesetzen steht der_ vo1n :Mutterland ernannte Vizekönig, Generalresident oder Gouverneur. Er hat das Recht, die Gesetze oder die Verfassung aufzuheben oder vorübergehend außer Kraft zu setzen, sobald er es für notwendig hält. In Indochina kann der Gouverneur von diesem Recht bei „unruhjgen Zeilen" Gebrauch machen, in Niedcr.­ ländisch-Indien bei „zwingenden Verhällnissen". Sogar der als ,,Autonomie mit Vorbehalten" bezeichnete neue indische Verfas• sungsenhvurf sieht ausdrücklich vor, daß der Vizekönig Indiens und Generalgouverneur Britisch-Indiens „in Fällen der Bedrohung des Friedens oder der Ruhe" auf eigene Jnithtivc handeln kann. Aehnlich ist es in allen anderen Kolonien. Die richterliche Gewalt ist vollständig in der Hand der in1pcria• listischen J{olonialbehörden. Die höheren Richter sind höher� Verwaltungsbeamte, die vom Gouverneur ernannt und abgesetzt werden. Sie haben in ihrem Bereich die oberste Strafgewalt, können Strafen verhängen, züchtigen lassen, ex1nilliercn etc. Die höheren Gerichte sind vielfach „ge1nischte Gerichte", deren Vorsitzender ein hoher Verwallungsbeamter ist und deren Beisitzer ,veiße undi Einheilnische sind. Die einhein1ischen Beisitzer haben jedoch meistens kein Stimmrecht. Die Vorsitzenden der sogenannten Residenzgerichte in Indochina sind Richter, Untersuchungsrichter und Staatsanwalt in einer Person. In Indien gibt es in einigen Provinzen „Oberste Gerichtshöfe", in einer Reihe. anderer Provinzen wird das· Richteramt von eine1n Bevolhnäch­ .. tigten ausgeübt. In Südafrika sind besondere ·.,Eingeborenenkommissare" n1.il ihren Angestellten als Richter tätig. Bei den unteren Gerichten figurieren oft durch Privilegien, Orden und Posten ge• kaufte Einheimische als Richter. Außerde1n gibt es auch geistliche und fürstliche Gerichtsinstanzen. In Niederländisch-Indien ist z. B. der Stan1mcshäuptling die erste :richterliche Instanz. Das Gerichtsverfahren ist in allen Kolonien durch „Wegfall aller Formalitäten" vereinfacht; sowohl die Untersuchung als. auch die Gerichtsverhandlung sind in der Regel von Folterungen 280

- Der Terror der Imperialisten in den Kolonien

begleitet. Bei Prozessen gegen Revolutionäre ist die Oeffentlichkeit fast imn1er ausgeschlossen. Die ,veißen Imperialisten unterstehen diesen Gerüchten nicht. Sie genießen praktisch für jede Schandtat und jedes Verbrechen, die sie an Einhei1nischen begehen, Straffreiheit. Für besondere Fälle und für Streitigkeiten und Verbrechen untereinander unterstehen sie besonderen Gerichten. , Der Strafvollzug ist in allen Kolonien unvorstellbar grausam. Er ist von vornherein darauf angelegt, die Gefangenen physisch zu vernichten. Die Ausbeutung und Behandlung der Gefangenen übersteigt alle Vorstellungen. Folterungen, Auspeitschungen und Ermordungen von Gefangenen gehören zum ·Gefängnisregime. Die Verbannungsorte liegen in öden, sumpfigen und verseuchte n Gegenden, und die hygienischen und baulichen Verhältnisse der Zuchthäuser und Gefängnisse spotten jeder Beschreibung. Das Gefängnispersonal rekrutiert sich meist aus ausgedienten Soldaten und Unteroffizieren der Kolonialarmeen, die jedes Verbrechens und jeder Barbarei fähig sind. Die Zahl der politischen Gefangenen, die in den l{olonia.lkerkern einem fürchterlichen Los ausgesetzt sind, ist auch nicht annähernd abzuschätzen. Sie geht jedoch ohne z,veifel in die I-Iunderttausende. In Indien gibt es außer den großen Zentralgefängnissen in den Hauptstädten 270 Distriktgefängnisse und mehrere hundert Provinzgefängnisse. Die Zellen der Untersuchungsgefängnisse sind dunkle und feuchte Löcher ohne Fenster und ohne Kübel für die Kotdurft der Gefangenen. Nahrung erhält der Gefangene in der Regel nur jeden z,veiten oder dritten Tag. Oft bekon1nlt er überhaupt keine, er verhungert dann einfach. Verurteilte Gefangene bekommen eine Kenn-Numn1er, die um den flals geschmiedet wird. Es gibt drei Kategorien im Strafvollzug, die Kategorien ,,A", ,,B" und „C". Die schlimmste ist die Kategorie „C". In allen Gefängnissen sind AuspeiLschungen der politischen Gefangenen gang und gäbe. „Die Auspeitschung", schreibt „Dombay Chronicle'', ,,wurde Yon einem kräftigen Polizisten durchgeführt, der für jeden gelungenen Hieb eine kleine Münze als Belohnung bekam. Jeder Gefangene erhielt 30 Hiebe. Im bewußtlosen Zustand wurden sie dann ins Gefängniskrankenhaus gebracht.''

Ueber die Kategorie „C" schrieb einer der im Mecrutprozeß verurteilten Bombayer Streikführer: „Ich befinde mich in einem kleinen Käfig, .zusammen mit einem Mörder und einem Räuber, die als Lockspitzel fungieren. Meine Arbeit bestelit im 281

Heinigen ,·on \Volle. Diese Arbeit schädigt meine Gesundheit. :Meine Lung�n • sind angegriffen. Mehr als ein halbes Jahr schon fühle ich Schmerzen in der Herz- und Brustgegend. In der Nacht habe ich Ffober. Trotz meiner Bitten c:rhalte ich keine ärztliche Hilfe." Es ist den Gefangenen verboten, sich zu ,vaschen, z u rasieren und ihre ,väsche zu reinigen. Selbstverständlich ist !ihnen auch das Lesen irgendwelcher Bücher oder Zeitungen verboten. Briefe dürfen sie nur alle drei :Monate einn1al erhalten oder absenden. Die Gefangenen tragen 8 Kilo schwere Fußeisen. Strai\veise ,verden sie oft zu 10 l\Iann an eine· Kette gefesselt, so daß sie jeden Schrill und jede Bewegung gemeinsam machen und selbst die Notdurft ge1neinsam verrichten müssen. Ein andere Strafe ist, die Gefangenen 7-8 Tage mit hocherhobenen und gefesselten Händen an die Wand zu stellen. Als leichte Strafe gilt die sogenannte Strafkost, bei der die Gefangenen wochenlang nichb anderes bekom­ n1en als Reiswasser. ,venn ein Gefangener seine Arbcil.snorm nicht erfüllt, so wird er mit 30 Peitschenhieben bestraft.. Die verschiedenen Strafen werden auch kombiniert angewand t. Das berüchtigtste indische Gefängnis ist Port Dlair, ein Einzelzellengefängnis, das auf einer der Andanu1nsinscln in einer vo n Malaria und gelbe1n Fieber Yerseuchten Gegend liegt. Die Gefangenen müssen in Port Blair die schwersten Zwangsarbeiten ve r­ rJchlen. Als Tagesarbeit gilt z. B. das Auspressen von 30 Pfund Kokosnußöl mit Hilfe einer Handölpresse, ein Pensum, das fast keiner der Gefangenen erfüllen kann. Die Folge sind �Iasscnauspeitschungen. Viele Gefangene legen in ihrer Vcrz,veiflung Hand .an sich, andere werden wahnsinnig, und einige versuchen, in die umliegenden Dschungeln zu flüchten, wo sie elend zugrunde gehen. Die Londoner Zeilun" Evenin(T Standard" besaß den Zynismus, die Andamansinseln, auf denen Port Blair liegt, in einem t, " t,

A �fsatz vom 22. August 1934 als „ein Paradies auf Erden" zu bezeichnen. In Südafrika_ gibt es außer 10 Zuchthäusern 177 Gefängnisse, 6 Besserung sanstalten, 3 Straßenlager, 3 Farmkolonien, 9 Arbeitsstationen und 2 Gefängnisfarmen. Gegenwärtig läßt die Regierung 4 neue große Gefängnisse bauen. In den kleinen Zellen der Gefängnisse werden 50 und mehr Gefangene zusammengepfercht, wobei die Angehörigen der ver­ • schiedenen Stämme zusammengelegt werden, um die Staminesgegensätze besser ausnutzen zu können. Die Gefangenen werden entsetzlich mißhandelt und gefoltert, selbst minderjährjge Gefangene werden ausgepeitscht. 282

Der Terror der Imperialisten in den Rolonicn „Kinder männlichen Geschlechts", sagt ein amtlicher Erfaß, ,,sind zur Auspeitschung zu vc_rurtcilen. Die Strafe darf 15 Hiebe .nicht überschreiten unU muß _auf den Tci� des Körper� und mit dem "7-c_rkzeug vorgenommen werden, wie es das Gericht vorschreibt. Der Vater und der Gefängniswärter dürfen der Auspeitschung ,beiwohnen." Das Reghne in den südafrikanischen Gefängnissen ist so furchtbar, daß die Zahl der Gefangenen, die geisteskrank ,vcrden, erschreckend hoch dst. D.ie von den Gefangenen er.zeugten Produkte werden zuu1 großen Teil nach England exportiert und bilden einen Teil des Extraprofits des englischen In1perialis1nus. In l\Tiederländiscli-lnclien "'erden 50--60 politische Gefangene in einer Zelle untergebracht. Der Fassungsraum der Zellen ist für eine solche Zahl von Aicnschcn so klein, daß den Gefangenen jede Bcwegungsn1öglichkc.it geno1111nen ist. Die Nahrung besteht aus vcrschi1nmclte1n Heis und stinkenden Fischen. Die Gefangen_en unterliegen stündig sclnYeren i\,fißhandlungcn und Folterungen und müssen die sclnversten z"�angsarbeiten n1achen. Biin Bericht, den der holländische Abgeordnete Kramer 1931 an das holländische Parlament gab, stellt fest, daß täglich Todesfälle wegen unzureichender Ernührung, unn1enschlicher Z,vangsarbeit und ,vegen Mißhandlungen und Epiden1,ien in den Gefängnissen, Zuchthäusern und den Vcrhannungslagern N1iederländisch-Indiens zu verzeich� ncn sind. Die politischen Gefangenen ,vehren sich gegen dieses Regime. So traten z. B. hn Jahre 1929 die politischen Gefangenen der Zuchthäuser Glodok (Batavia) und Pan1ekassan {:�1Iadura) in den Hungerstreik, um eine Verbesserung der Kost und des politischen Regimes zu erkäinpfen. Die Gefangenen ,vurden auf Befehl der Zuchthausver,valtungen so lange mißhandelt, bis sie den Hungerstreik abbrachen. Gef�ngene, die den Gefängnisverwaltungen durch Proteste und 1nannhaftes Verhalten unbequem ,verden, ,verden „aus ·der Gefangenenliste gestrichen'', wie der Fachausdruck der holländischen GefängnisdJirektoren für die plann1äßige Ermordung · von Gefangenen durch Krumn1schließen, Folterungen und l\fißhandlungen lautet. Der Kommunist Subakat ,vurde z. B. auf diese "\\7eise im Jahre 1931 aus der Gefangenenliste „gestrichen". In Indochina ,vird jeder Untersuchungshäftling systematisch .. �efoltert. Die Verhöre werden von der politischen Polizei geleitet. Die üblichen Foltermethoden sind: 1. Dje Bastonade: Stundenlanges Schlagen mit einem spanischen Rohr auf die Fußsohlen, bis das Fleisch platzt. 2. Lon �Ie Ga, was �ngefähr „den Hiihnermagcn umdrehen" 283

heißt: Der Gefangene wird bei dieser Follern1ethode mit dem Gesicht nach unten auf den Boden gelegt, wobei ihm die Hände auf dem Rücken zusammengebunden ,verden. Einer der Folterknechte stellt sich auf den Rücken des Opfers, ,vährend ein anderer die zusain�engebundenen I-Iände in die Richtung des Kopfes zieht und dem Unglücklichen auf diese ,veise die Schultern ausrenkt, die Brustmuskeln verzerrt und zerreißt und die Brust so zusammenpreßt, da� das Atmen unn1öglich ,vird. 3. l\lit dem Rasiermesser wird dein Opfer eine ,vade der Länge nach aufgeschnitten und \Vatte, die mit Spiritus getränkt ist, in die ,vunde gelegt. Die \Vatte wirdJ nach einiger Zeit angezündet. 4. Zerfleischung durch Tenniten: · Der Kopf des Gefangenen ,vird mit Honig bestrichen und mit dem Gesicht nach unten in einen Termitenbau gelegt. Die ein Zentimeter großen Insekten dringen in die Ohren, in l\fund und Nase ein und zerfleischen all- 1nählich das Gesicht ihres unglücklichen Opfers, clas die furchbarsten Qualen erdulden muß. 5. Das „trockene Regime": Die Gefangenen erhalten stark gesalzene Fische, aber tagelang kein Trinkwnss�r. Die Durstqualen treiben die Gefangenen schließlich in den \Vahnsinn. Diese Foltermethoden werden nicht nur in den Untersuchungsgefängnissen zur Erpressung von Geständnissen angewandt, sondern zur Aufrechterhaltung der „Ruhe und Ordnung" auch in den Strafgefängnissen. :Manche Strafgefängnisse haben ihre eigenen ,,Spezialitäten". Im Gefängnis von Cholom wird z. B. ein Automobilmagnet zu Folterzwecken ausgenützt, inden1 die Finger oder Zehen des Opfers mit den Polen des :Magnets verbunden ,Yerden. Sowie der Anker gedreht wird, geht eine \Velle von elektrischen Schlägen, die etwa 130 Volt stark sind, durch den Körper. Eine Frau wurde dn diesem Gefängnis durch Einführen eines elektrisch geladenen Drahtes in die Scheide gefoltert. Die politischen Gefangenen müssen die schwersten· Arbeiten leisten, Straßen bauen, Felsen sprengen, Bäume fällen etc. Sinkt ein Gefangener vor Erschöpfung nieder, dann ,vird er mit Stockhieben hochgebracht. Die ·zellen sind schmutzig und ohne jede Lüftung. !{übel, die tagelang nicht geleert ,verden dürfen, verpesten die Luft. Die Gefangenen schlafen eng zusammengepfercht auf dem nackten Zementboden. Aerztliche Hilfe gibt es nur bei Todesgefahr, aber auch dann dauert der Besuch des Arztes bestenfalls eine :Minute. Das Essen ist völlig ungenügend und besteht meist aus verdorbenen Nahrungsmitteln. Im Gefängnis Poulo Con- 284

Der Terror der Imperialisten in den Kolonien

<lore z. B·. sterben die I-Iäftlinge massenhaft an verfaulten Rischen, Khomue genannt, die die tägliche Gefängniskost bilden. \Verden die Gefangenen in ein anderes Gefängnis gebracht, so müssen sie den \Veg zu Fuß zurücklegen, oft Hunderte von ·Kilometern. Bei einem Transport nach dem Gefängnis Son-La, der · 11 Tage dauerte, starben von 150 politischen Gefangenen 30. Das geringste Vergehen ,vird mit Karzer bis zu 90 Tagen beitraft. Der I�arzer ist ein z,vei ivleter breites Steinloch. Der Gefangene n1uß die ganze Zeit in diesem Loch, die Füße in ein mlt Eisenringen versehenes Brett gespannt, an die Stein1nauer· gelehnt, sitzen. Lälunungen der Beine, innere Erkrankungen und ge- 6chwächtes Sehvermögen sind die Folg_en. Proteste de! Gefangenen gegen das Regi-m-e ,verden mit neuen Mißhandlungen und Folterungen beanhY.ortet. Treten die Gefangenen in den Hungerstreik, dann ,verden sie in den Karzer ge,vorfen und täglich systematisch geschlagen. Am 20. November 1931 111orgens veranstalteten die Gefangenen des Gefängndsses von Saigon anläßlich der Hinrichtung des Kommunisten I-Iuy eine Kundgebung �nd riefen: ,,Nieder mit der Todesstrafe 1 Nieder mit dem Impedalis1nus l" Auf Befehl des a1nvescnden Generaldirektors der politischen Polizei trieben die Wärter die Gefangenen in die Ecke des Gefängnissaales und pumpten mit einer Feuer,vehrspritze vVasserstrahlen gegen die ausgemergelten Häftlinge, bis diese erschöpft auf dem Zementboden niedersanken. Mit l{.nüppeln und Peitschen ,vurden die .am Boden Liegenden dann zu einer einzdgen blutüberströ1nten Masse geschlagen.

* Die l{olonien sind die reichsten und fruchtbarsten Länder der Welt. Sie umfassen 55,9 �1illionen Quadratkilometer. Fast drei Viertel davon oder beinahe ein Drittel des gesamten Erdbodens befindet sich unter der I-Ierrschaft des britischen Imperialismus und ehva ein Fünftel unter der Herrschaft des französ.ischen bnperialismus. Der restliche Teil gehört Amerika, Japan, Holland, Belgien etc. Diese kolossalen Gebiete haben die Imperialisten zu Stätten des • Hungers, der Qual und des Elends gemacht, um den Sch,veiß und das Blut der nach Hunderten von l\fillionen zählenden ,verktätigcn Massen der kolonialen Länder in Goldl und kling<'ndc l\lünze umzuwerten. 285

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,,Der Imperialismus ist die schamloseste Ausbeutung und die unmenschlichste Unterdrückung der nach Hunderten von �Iillionen ziihlenden Bevölkerung der großen Kolonien und der abh�ingigen Länder. -Das Herauspressen Yon Extraprofil ist Ziel und Zweck dieser Ausbeutung und Unterdrückung."* Die Imperialisten haben in den Kolonien ein Schreckensregiment errichtet, das beispiellos in der Geschichte dasteht. Sie scheuen vor keiner Infamie und Scheußlichkeit, vor keiner Greueltat und keinem J\fassenn1ord zurück, um ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten und der revolutionären Bewegung Herr zu werden. Die Blutbilanz des weißen Terrors der Imperialisten in den Kolonien "·eist in der Zeitspanne seit dem ,veltkrieg l\Iillionen von Opfern auf. Der weiße Terror vern1ochte jedoch trotz seines l.;n1fanges und seiner Bestialität den Kampfwillen der kolonialen i\-Iassen nicht zu brechen. Die l\.fassen erheben sich immer drohender gegen die Herrschaft ihrer in1perialistischen Unterdrücker. Die große russische Oktoberrevolution und die Tatsache, daß in China Arbeiter und Bauern in großen Teilen des Landes die I-Ierrschaft der einheimischen und iinperialistischen Ausbeuter zu brechen vern10chten, hat das Selbstbewußtsein· der kolonialen !\lassen und ihre Kampfkraft außerordentlich gesteigert. Die Kolonien s·ind ständig Schauplatz machtvoller revolutionärer l\fussenbewegungen. Diese Bewegungen sind angesich ls der allgemeinen Krise des Kapitalismus und der gesteigerten Vorbereitungen der iimperialistischen Staaten zu Kriegen um die Neuaufteilung der v\7elt deshalb so gefährlich für den ,velthnperialismus, weil ein erfolgreicher Befreiungskampf der J\Iassei-t in den Kolonien der Herrschaft des Imperialismus für in1mer ein Ende machen ,vürde. Die Imperialisten werden deshalb den weißen Terror nlit den fortschreitenden Kän1pfen der kolonialen :Massen bis zu1 Raserei steigern. Die Schaffung einer machtvollen Solidaritätsfront der Werktätigen aller Länder, insbesondere der der imperialistischen �{utterländer, für die kämpfenden lllassen der Kolonien ist also eine der dringendsten politischen Aufgaben der Gegenwart.

* Stalin, ,,Probleme des Leninismus'', Bd. I.

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286

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DIE INTERNATION.ALE ROTE HILFE 11\1 KAMPFE GEGEN DEN vVEISSEN TERROR Von Geil e1·

Vom Kampfe der Internationalen Roten ·Hilfe (IRH) gegen den "·cißen Terror sprechen, heißt soviel, ,vie .von der Gesamtheit ihrer Arbeit ·sprechen, vom Inhalt ihrer tagtäglichen Tätigkeit als einer l\lasscnorganisation der ,v erktätigen. Es heißt, vom gesamten Kan1pf der i\fillionenma-ssen der Arbeiter, Bauem und der werküitigen Intelligenz sprechen, die, vereint unter dem Banner der IRH, gegen Faschis1nus ·und bürgerliche Reaktion kämpfen. �1an darf geradeheraus behaupten, daß es in der ganzen Geschichte der IRH keine bedeutende n'laßnahme gab, die nicht in dieser oder jener Fonn 111it der l\fobilisierung der i\Iassen gegen die Herrschaft des "·eißen Terrors verbunden gewesen ,väre. In diescn1 Kampfe haben <liie Brudersektio nen und Organisationen der IHH. große politische und organisatorische Erfahrungen gesammelt, die noch lange nicht alle verarbeitet und durchstudiert sind. Es muß übrigens darauf hinge,viesen ,verden, daß der Kapitalismus.unseren Organisationen nicht viel Zeit läßt, die Bilanz aus den Ergebnissen der Vergangenheit zu ziehen ... In den Bergen Astu• riens und! in ganz Spanien wütet der Terror der L�rrou.x und Gil Robles. Ernst Thäln1ann, der Führer des deutschen Proletariats, schmachtet in Ketten. Der mutige l{änipfer der ungarischen Räterepublik, �Iatthias Rakosi, ist nach 8 1/:? Jahren Kerker erneut vor Gericht gestellt und zu lebenslänglichc1n Zuchthaus verurteilt ,vordcn. Den Scotlsboro-Jungen droht hn1ner noch ständig der elektrische Stuhl. Die besten l{ä1npfer des italienischen revolutioniiren Proletariats siechen in den Kasen1atten �Iussolinis dahin. In China fließen Ströme von Blut, rast mit gesteigerter Kraft der Terror der Kuo1nintang und der In1perialisten. Zehntausende der besten Söhne der Arbeiter und Dauern gehen in den Kerkern, Kellern und Konzentrationslagern des Faschisn1us zugrunde. Jeder Tag ruft unsere Organisation zum Kampf gegen den Feind, und dieser l{an1pf wird von Tag zu Tag erbitterter. 287

. f .,

Geiler

In diesem Kampf hat die IRH das hJstorische Erbe der besten ·solidaritätsh·adilionen der I. Internationale, jener Periode der internationalen Arbeiterbewegung übernommen, ,vo Karl I\farx die Unterstützung für die Opfer der Reaktion von 1848 und des entfesselten "reißen Terrors der Vcrsailler im Jahre 1871, nach der Zertrümmerung der großen Pariser Kommune, organisierte. Die IRI-I übernahm auch die großen Erfahrungen des politischen „Roten Kreuzes", jener Organisation, der die 1nalerielle Unterstützung der zahllosen Opfer des Zarisn1us oblag. Doch Yon diesen ihren historischen Vorläufern, ,vie auch von den proletarischen I-Iilfsorganisationen, die i. n den einzelnen Ländern 1920/21 entstanden (Deutschland, Polen, Bulgarien), unterscheidet sich die IRH vor allem dadurch, daß sie die i\Iillionenmassen der vVcrktäligen ge­ _gen den ,veißen Terror ins Treffen führt, daß sie 11/asscnkampforganisationen ins Leben ruft, während die VorUiufer der IRH auf der Basis von „I-Iilfsausschüssen" arbeiteten. J([ara Zetldn, die unvergeßliche Vorsitzende des E.xekutivkomitees der IIU-I, hatte vollkommen recht, als sie am Vorabend der Zehnjahresfeier der IRH­ Organisation schrieb: ,, D ie alten Formen der internationalen Solidarilüt führten zur "Zersplitterung, zur Schwächung der Hilfe selbst. Die Kräfte, <lic der inlcmationalrn Solidarität zugrunde lagen, bedurften des internationalen Zusammenschlusses ·und der Leitung, der festen Zentralisation. Die Gründung einer weltumfassenden Massenhilfsorganisation für alle jene, die sich in den Kelten der Bourgeoisie befinden, ist zum Gebot der Stunde geworden."

Durch diesen internationalen �fassencharakter zeichnen sich .eben die Aktionen der IRH aus, darin liegt ihre Besonderheit. Die IRH-Orgarusation gibt sich volle Rechenschaft darüber, daß ein erfolgreicher Kampf gegen den weißen Terror und die bürgerliche Klassenjustiz, ein Kampf um die Verbesserung der Lage der politischen Gefangenen, um das Asylrecht der proletarischen Revolutionäre, für Leben und Freiheit der Gefangenen, nur auf einer 1'fassengrundlage, nur dann möglich ist, wenn die Losungen und Forderungen der IRH von den l\:fillionen der Werktätigen ohne Rücksicht auf ihre Partei- und Gewerkschaftszugehörigkeit aktiv unterstützt werden. Die IRH, die während ihres ganzen Bestehens diese Linie in die Tat umsetzte, schmiedete eine Reihe von Kampfformen und -met hoden, die ihre \Vfrksamkeit �n der praktischen Arbeit bewie• sen haben. Diese Formen laufen im wesentlichen auf folgendes hinaus:

Der Kampf der lntcrnatio11J1len Roten Hilfe gegen den weißen Terror

Durchführung internationaler Protest- und Hilfskampagnen gegen besonders hervorstechende I-Iandlungen des "r eißen Terrors von internallionaler Bedeutung. Durchführung von Landeska1npagnen gegen einzelne Tatsachen des ,veißen Terrors oder für diese oder jene Forderung der IRH innerhalb der Grenzen des betreffenden Landes. Organisierung von I-Jilfsausscliüssen unter Anwendung der Ein­ l1eitsfront, mit Vertretern der verschiedenen Organisationen der \Vcrklätigen (Ge,verkschaften, Genossenschaften, kulturellen Organisationen etc.). Durchführung von 11/ assenkonferenzen• zum Schutz und zur Befreiung von revolulionären Kä1npfern, z. B. die Einberufung des ,J{ampfkongresses zur Befreiung Tom �1:ooneys" in Chikago 1933. Entsendung von Delegationen zum Protest gegen den weißen Terror und zur Untersuchung der Lage der politischen Gefangenen und der Opfer des Terrors in den einzelnen kapitalistischen Ländern, z. B. die Entsendung der Delegatiionen in die Balkanländer unter der Führung von I-Ienri Barbusse 1926, oder die Entsendung der Delegation der französischen Sektion der IRH 1934 nach Indochina. Entsendung von Delegationen zu den Gesandtschaften, Konsulaten und RegJerungen - um bestimmte Forderungen zu stellen und um gegen die Einkerkerungen dieses oder jenes Revolutionärs zu protestieren. Organisierung von Petitionen, die von Tausenden von vVerklätigen unterschrieben sind, und die die Freilassung der politischen Gefangenen oder einzelner politischer Gefangener verlangen, z. B. 1932 in I{anada, ,vo in 814 Städten 200 000 Unterschriften, oder 1928 in Deutschland, ,vo über eine l\Iillion Unterschrfften für die Freilassung der politischen Gefangenen gesammelt wurden. Veröffentlicliung von Tatsachen aus dem Leben gc(angener Revolutionäre und aus dem Leben ihrer Familien in der internationalen Presse, Entlarvung des Systems des ,veißen Terrors der Bourgeoisie vor der breiten Oeffentlichkeit. Heranziehung von 1,Vissenschaftlern, Schriftstellern, Künstlern etc., ,vie Ro1nain Rolland, Andre Gide, Langcvin, John <los Passos, Thomas �fann, Heinrich �lann, Lion Feuchhvangcr, Theodore Dreiser, vValdo Frank us,v. zur Verteidigung der gefangenen Revolutionäre und zum Kampf gegen die faschistische Reaktion. Popularisierung der flilfe, die die IRH den Opfern des ,veißen Terrors gibt, um· im1ner breitere Massen für diese Hilfe zu 1nobilisieren. 19 Weißer Terror 289

Geil e r

Diese grundlegenden Fonnen des Kampfes der IRR geg�n den weißen Terror werden nicht nur in Anwendung gebracht, ,venn „ehvas passiert" ist, im Gegenteil, sie gehören zu der täglichen Arbeit. Ständige Aufgaben, die nie von der Tagesordnung versclnvinden, und die ru1abhängig von dieser odier jener interna tionalen Kampagne oder von diesen1 oder jenem Fall und den einzelnen Ereignissen sind, verbinden die luufende Arbeit der IRH. Diese Aufgaben sind: Kan1pf u1n das Asylrecht; Kampf um die Freilassung der politischen Gefangenen; Kan1pf um die Verbesserung des Gefängnisregimes; Kmripf gegen die bürgerliche Klassenjustiz; Kampf gegen die Ausweisung auslänc.hlschcr Arbeiter ,vegcn. ihrer revolutionären Tätigkeit; Kampf gegen die nalionale und koloniale Unterdrückung und gegen die Unterjochung der na tionalcn :Minderheiten; Kainpf gegen Faschis1nus und Krieg; Verleidigung der Sowjetunion. Aufgabe jeder Sekti01i der IRH ist es, die verschiedenen internationalen Kan1pagnen in richtiger \Veisc mit den Tagesforderungen und Tagesfragen in den einzelnen Liindern zu verbinden und den Klassencharakter der einzelnen Fälle des ,veißen Terrors den. �fassen täglich und politisch richtig aufzuz.eigcn. Die IRH deckt ständig auf, daß jede einzelne Tatsache bürgerlicher Gewaltanwendung eine Klassenkampferscheinung ist, ru1d daß die 1-Iilfe für die Opfer des weißen Terrors einen Akt der Klassensolidarität der werktätigen �fassen darstellt. Nicht aus Erwägungen der bürgerlichen Moral und ,,Humanität", nicht aus „philanthropischen" Gefühlen, sondern aus der festen Erkenntnis ihrer Klassenpflicht gegenüber den Kämpfern der Revolution organisiert die IRH die :Millionenmassen der \Verktätigen zum Schulz für die Opfer des weißen Terrors. „Dadu�cli wird die lRH im .Prozeß der Entfaltung ihrer Arheit zu einem der wichtigsten �litte! der Verwirklichung der Einheitsfronttaktik, indem sie anhand konkreter Beispiele der Bekundung internationaler Solidaritüt immer neue Kräfte organisiert, die am revolutionären Kampf des Proletariats unmittelbar teilnehmen können:'* In den vergangenen Jahren äst die Bedeutung der IRH als Einheitsfrontorganisation der werktätigen :Massen im Kainpfe gegen weißen Terror und Faschismus bedeutend gestiegen. Der Ucbergang der Bourgeoisie zu faschistischen Regierungsn1cthodcn in

* Thesen und Hcsolutionen des V. \Vcltkongresses der Kommunistischen lnternntionule, Hamburg 192-1. 290

Der Kampf der Internationalen Roten Hilfe gegen den weißen Terror

einer ganzen Reihe von Ländern, der :M:achtantritt der Faschisten in Deutschland, das Erstarken der faschistischen Tendenzen in Frankreich, das ,vüten des ,veißen Terrors in den Ländern Westeuropas und An1erikas, die Niederschlagung des be,vaffneten Kampfes der Arbeiter in Oesterreich und des heroischen Aufstandes des Proletariats in Spanien durch die Bourgeoisie haben die demokratischen Illusionen bei den Massen erheblich untergraben und unterminiert. Der Drang zur Einheit und zu1n solidarischen Kampf gegen den "'eißen Terror hat sich bei 'den !\•fassen ver- . stärkt. Dieser ,vachsende Drang zur Einheit ist es, aus dem die IRH die I�raft für ihre Aktionen schöpft, und der auch ihre ständig ,vachsende Rolle als Organisatorin der Einheitsfront der kiimpfendcn I\Iassen erklärt. Die Yon der IRI-I und den einz,elnen Sektionen entfaltete Arbeit findet :ihren Ausdruck vor allein in der großen Zahl der internationalen und nationalen Kampagnen, die sie geführt haben. Die Zahlen sprechen für sich. In der Zeit von 1925 bis 1934 sind insgesamt 251 internationale Krunpngnen und 1185 nationale Kampagnen geführt ,vorden. Die verstärkte Arbeit der IRH und ihrer Sektionen im Zusa1nmenhang 111it dem An,vachsen des weißen Terrors und des Faschis1nus bringt die steigende Zahl der geführten .Kampagnen zum Ausdruck: Intcrnatio- Nationale nalc Kampagnen: Insgesamt: K:tmpagnen: 1025 6 40 55 H)2G 9 70 79 1927 16 95 111 1928 1a 80 102 1929 26 97 123 1930 27 143 170 1931 �1 186 227 1932 32 129 161 1933 34 138 172 1934 47 189 236 . • Insgesamt: 251 1185 1436

Aber nicht nur die Zahl der l{nmpagnen wurde gesteigert, und nicht nur der Un1fang vergrößert - es vertiefte sich auch ihr Inhalt, und es ,vuchs auch mit der Erfassung imn1er größerer Kreise und l\:lassen das gesellschaftlich-politische Gewicht der IRH und ihre Kraft, mit der sie auf die herrschenden Klassen wirken konnte. Beispiele d-afür sind die Kan1pagne für die Scottsboro­ Jungen, die nur dank dem Kan1pf der IRH bisher nicht hingcrich- 19* 291

•

Geiler

tet wurden, die Befreiung Hofrnaiers aus den Fängen des italienischen Faschis1nus, die Befreiung des kanadischen Revolutionärs Tom Buck, die Befreiung der �Ieerulgefangenen und schließlich auch c1ie Kmnpagnc für die Verteidigung und Rettung DimilrofTs und seiner Iüuneraden. Bei dieser Kmnpngne stand die !RH nicht an letzter Stelle. Eine richtige Einschätzung der positiYen Seiten und der :\fängel der geführten Kan1pngnen ist von größter Bedeutung für dh• konunenden Kä1npfe der werktätigen ::\lassen gegen den Faschis.: 1nus. ,vir befassen uns deshalb eingehender 1nil den wichtigsten. dieser I{ampagnen. Ge g e n l < e n i t a l i e n i s c h e n F a s c h i s n1 u s Italien ist der erste der europäischen Staaten, der noch in der frühen Nachkriegsperiode von dem Parlmnentaris1nus zur ofTenen bürgerlichen Diktatur, dem Faschisn1us, überging. Nach der Niederlage des revolutionären italienischen ProlclariuLs iln Jahre 1920 (Besetzung der Betriebe) setzte in Italien der blutige faschistische Terror ein. 'Am 28. Oktober 1922 wurde die faschistische Partei in Italien Regierungspartei. Es isl klar, daß die IHH schon vom ersten Tage ihres Bestehe,ns an den Ka1npf gegen den italienischen Faschismus als ihre Hauptaufgabe betrachten n1ußte. Anfang 1923 wurde das ganze Zentralkmnitce der Kommunistischen Partei Italiens verhaftet, und es begann der erste große Kommunislenprozeß. Die Anklage lautete auf „Versclnvörung". Seit diesem Prozeß bis zur Verteidigung von Gramsci in unseren Tagen haben das Exekutivkon1itee und die Sektionen der IRH die ganzen verflossenen 12 Jahre hindurch unermüdlich die we1�ktätige Oeffentlichkeit der ganzen "\Velt zur Verteidigung der Opfer des italienischen Faschismus aufgerüttelt. Das ungeheuerliche mittelalterliche Gefängnisregime, die Zuchthausurteile in Höhe von zwei bis • drei Jahrzehnten, die Ermordung der besten Söhne des italienischen Proletariats, das langsame Hinsterben von Gramsci, Terracini u. a. in den italienischen Gefängnissen fordert jedes Jahr von der IRH die Führung der einen oder der anderen Massenprotestkampagne. \V.ir erinnern an die hauptsächlichsten Daten dieses Kampfes: die beiden Kampagnen für die Verteidigung der Mitglieder des Zentralkon1itees der Kommunistischen Partei Italiens 1923 und 1928; die Kan1pagne gegen den :Mord an dem heldenhaften italienischen Jungkommunisten Ga s tone Sozzi (1928); die Kan1- pagne f iir die Befreiung Hofmaiers, der 1934 freigelassen ,vurde; 292

Der Kampf der Internationalen Roten Hilfe gegen den weißen Terror

die Kan1pagne für Gra1nsci 1934, die Kampagne gegen das Regime auf den Verbannungsinseln, die von 1927 bis heute läuft. Die ständige Aufdeckung der Greuel des ,veißen Terrors im faschistischen Italien ist nach ,vie vor von außerordentlicher prinzipieller Bedeutung. Italien, dem Lande des „klassischen" Faschismus, sind inz,vischen in der Errichtung der faschistischen Diktatur eine- Reihe anderer kapitalistischer Länder gefolgt. Ueberall, wo -die revolutionäre Be,vegung der l\fassen die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft bedrohte, griff die Bourgeoisie zur Aufrichtung des faschi sltischen Regimes. Es jst �ine der bedeutendsten .Aufgaben der IRI-I als der Organisation der Einheitsfront der Solidarität, das ,,resen des Faschis1nus den breiten nlassen aufzudecken und zu zeigen, ,vas er der Arbeiterklasse und Bauernschaft bringt. G e g e n d c n ,v e i ß e n T e r r o r a u f d! e m B a 1 k a n Die Jahre 1918-1923 ,varen für .die Balkanländer, vor allem für Bulgauien und Hun1änien, Jahre bedeutender revolutionärer .Aktionen (Aufstand von I-Iotin und Tatar Bunar, Generalstreik Oktober 1920 in Rtnnänien, Septemberaufstand 1923 in Bulgarien). Die Regierungen Bulgariens, Jugosla,viens, Ru1näniens und Griechenlands verhängten - dem Befehl ihrer imperialistischen 1-Ierren, Italien, Frankreich und England gehorchend - über die Arbeiter und ,verktätigen Bauern die ,vildeste Terrorherrschaft, vor deren Schrecken selbst die Zeiten der zaristischen Reaktion von 1907-1911 verblaßten. In Bulgarien ,vurden in den Jahren 1919-1924 ehva 30 000 Personen ermordet, in Bessarabien in der gleichen Periode 15 000. Die Schrecken der Folterungen tln dem ru1nänischen Zuchthaus ,,Doftana", in der Belgrader „Gla,vnjatscha" und den anderen Balkangefängnissen riefen die größte Empörung unter den ,vcrktätigen aller Länder hervor. Die IRfl führte mehrere Jahre hindurch eine zähe Kampagne gegen diesen ,veißen Terror und hat sie bis heute nicht eingestellt. Es sei an die wichtigsten l\Iomenlc dieses Kampfes erinnert. Der Kampf der IRfl setzte mit der Kampagne gegen den Kischenewer „Prozeß der 500" ein. In diesem Prozeß wurden die Teilnehmer des Aufstandes von Tatar Bunnr (Seplcn1bcr 1927) abgeurteilt. Die Kampagne der IRI-I enthüllte die unbeschreiblich sch,vere Lage der bessarabischen Bauernschaft, sie lüftete den Schleier von den Scheußlichkeiten der ru1niinischcn ,,Sigurnnza" 203

Geiler

und verhinderte, daß die Bojaren mit ihren Gefangenen so abrechneten, ,Yie sie es vorgehabt hatten. Zum Prozeß ,vurde eine Delegation unter der Führung von I-Ienri Barbusse entsandt, die vorher Bulgarien besucht hatte. ,,Die Henker" von Barbusse, ein Buch, das er nach dein Prozeß herausgab, ist ein schwerwiegendes Dokument und eine Anklageschrift. gegen den ,veißen Terror auf dem Balkan, vor allem gegen den "�eißcn Terror in Bulgarien .und Rumänien. Das Blutbad der run1änischen Regierung vom 16. Februar 1933 war das andere große_ Ereignis in Rrnnänien, das die IRI-I veranlaßte, eine breite internationale Kampagne zu organisieren. Im Auftrage der Regierung LSchoß �filitär und Polizei auf die streikenden Arbeiter der Eisenbahnwerkslällen. Vicrhundcrl .Arbeiter ,vurden getötet. Die rumänischen 1-Ienker begnügten sich nicht mit diesem 1'iassenn1ord und zogen in Bukarest gegen 103 revolutionäre Eisenbahnarbeiter einen Prozeß auf. Der Prozeß dauerte 32 Tage. Auf Initiative der IRH wurden in Frankreich, England, in der Tschechoslowakei, in Oesterreich und in den Vereinigten Staaten von A1nerika Proleslversmnn1lungen veranstaltet. Die rumänischen Arbcileremigranten sanunelten 4000 Francs, die es der französischen Sektion der IRH cnnöglichten, den Rechtsainvall Pitard zum Prozeß zu schicken. In Ru1niinien selbst entfaltete die Sektion der Roten Hilfe eine große Arbeit für die Angeklagten; s1e organisierte Demonstrationen der Angehörigen vor dem Gefängnis in Schilawa, vor dem Gerichtsgebäude, verbreitete Flugblätter, ließ Sa1nmellislen jn den Betrieben zirkulieren, etc. Von den internationalen l(ampagnen gegen den "'eißen Terror auf dem Balkan ist noch die bulgarische /(ampagne hervorz uheben. Diese Kampagne nahm besonders nach der Explosion in der Sofioter Kathedrale einen mächtigen Aufschwung. \Vie bekannt, nützte die bulgarische Regierung Zankoff diese Explosion zur Einleitung eines neuen Feldzuges gegen die Kommunisten aus. Die IRI-I entfaltete eine breite Kampagne zur Verteidigung der proletarischen Kämpfer Bulgariens, deckle die Schrecken des Zankoffterrors vor aller \Velt auf und zeigte, daß die revolutionäre Bewegung Bulgariens nichts mit terroristischen Anschlägen gemein hat. Im Laufe dieser Kampagne reisten Dutzende von Delegationen, Verteidiger und Parlamentsabgeordnete nach Bulgarien. Zum Prozeß gegen die �fitglieder des Zentralko1nilees der Kon1n1unistischen Partei Bulgariens wurde der Rechtsanwalt Fournier entsandt. Erwähnt werden 1nuß auch die Kmnpagne gegen die Ern1or- 294

. Der Kampf der 'Internationalen Roten Hilfe gegen den weißen Terror

<iung von D jako,vitschu und I-Iezhnowitsch durch die Polizei in Jugoshnvien und die K::unpagne anläßlich der Prozesse der bul­ ;garischen Soldaten und 1Vlatrosen i n Varna, Plowd1iw, Chaskovo .etc. im Jahre 1934.

F ü r d i e R e t t u n g S a c c o s u 11 d V a n z e t t i s, T o n1 1\1 o o n e y s u n d d e r n e u 11 G e f a n g e n e n vo n S c o tts b o r o Diese drei I�an1pagnen sind deshalb von größter Bedeutung, ·weil sie die Auf1nerksa1nkeit des internationalen Proletariats auf die Klassenjustiz und den "reißen Terror in den Vereinigten Staaten lenkten, wo es noch bis heute Lynchmorde gibt, wo �fillionen Neger sich i n einein Zustand absoluter Rechtlosigkeit befinden und ,vo die Justiz 111it der größten Grausamkeit gegen die revolutionären Arbeiter wület. Die ,veitere besondere Bedeutung dieser Kan1pagnen, vor allen1 der Scottsboro-Ka1npagnc, besteht darin, daß es der IRI-I dabei gelungen ist, eine enge Verbindung mit der Befreiungsbewegung der Neger herzustellen. Die Kan1pagnen gehören ebenso \\'ic die Ka111pagnc gegen den deutschen Faschismus zu den grüßten, die von der IRI-I jcn1als geführt wurden. Der Fall Sacco und Vanzetti ist der ganzen \Veit bekannt. Die Kampagne für das Leben und die Befreiung Saccos und Vanzettis riß derartige ß'lassen mit, brachte Niillionen von :Menschen aller Länder so in Erregung, daß die a1nerikanische „Justiz" die Vollstreckung der Todesurteile an diesen beiden Arbeitern wiederholt verschieben n1ußte. Nach oITenbar z u niedrig gegriITenen Zahle n der „International Labor Defense", der Sektion der IRH in den Vereinigten Staaten, betrug die Zahl der von den verschiedenen Organisationen erhobenen Proteste bis zum �fai 1927 über 110 000. Die Zahl der individuellen oder kollektiv protestierenden Personen aber überstieg 50 11illionen. Die IRH spielte in dieser Kampagne, von der die :Massen in allen Ländern der \Vcll erfaßt wurden, eine hervorragende Rolle. Dje !RH hatte besondere „Hilfsausschüsse" ins Leben gerufen und l\Iillionen Unterschriften für die Protesterklärungen gesanunelt. Es fanden �Iassenversanuulungen und De1nonstrationen dn den größten Städten der \Veit statt, Hunderte von Aufrufen ·wurden herausgegeben, die hervorragendsten Vertreter der radikalen Intelligenz herangezogen etc. Nach der Hinrichtung fanden l\fassende1nonstralionen i� Paris, Berlin, London und New York statt, die von Zusmn menstößen mit der Polizei 295

Geiler.

begleitet ,varen. Die Hinrichtung von Sacco und Vanzetti ,var eine 1-Ierausforderung der ,verktätigen der ganzen ,velt. Sie enthüllte das ,virkliche Antlitz der amerikanischen „De1nokratie". Sie sclnveißte aber ,. auch die l\Iassen der ,verklätigen für den Kampf gegen die Klassenjustiz zusammen. - Für Tom 1llooney, den Gefangenen von Sant-Quentin, der sich bereits seit 19 Jahren im Gefängnis befindet, führte und führt die IRI-I eine ständige Kampagne. Diese Kampagne hatte in den Vereinigten Staaten die größte Kraft erlangt und ,vies in den Jahren 1923-1934 eine Reihe von Formen auf, die prinzipielle Bedeutung für die Organisierung der Einheitsfront der ri·lassen gegen den weißen Terror haben. 1933 rief die IRl-I in Chikago einen Kongreß gegen die Einkerkerung Tom �Iooneys und Billings' und gegen das Urteil von Scottsboro ein. An diesen1 Kongreß beteiligten sich 1073 Delegierte von 723 verschiedenen Organisationen, darunter 118 Delegierte von reformistischen Ge,verkschaftsorganisationen. Der Kongreß rief die ,verktätigen der Vereinigten Staaten auf, in allen Staaten „Aktionsausschüsse" aus Vertretern aller Organisationen zu bilden, die wohl „auf verschiedenen Standpunkten stehen, jedoch in dem Bestreben einig sind, l\looney und Billings z u befreien". Im :März 1933 fanden in San Franzisko und anderen Städten gleichartige Konferenzen statt. 1932 halte in New York eine „Kampfkonferenz zur Befreiung Ton1 l\Iooneys" getagt. Der l{ampf der IRI-J um die Ge/angenen von Scottsboro geht seit 1931. Er steht im l\Iittelpunkt der Aufmerksamkeit aller Organisationen der IRH. 1932 unternahm Ada \Vright, die l\iutter z,vcier der Jungen von Scottsboro, zusammen mit Louis Engdahl, dem inzwischen verstorbenen Leiter der amerikanischen Sektion der Roten Hilfe, eine·Reise durch Europa. Nach der Verurteilung. des einen der Gefangenen von Scottsboro, Patterson, wurde in I-Iarlem, dein Negerviertel von New York, eine „Scoltsboro-Konferenz·' abgehalten, an der 214 Delegierte teilnahmen. Diese Konferenz ,vurde der Anstoß zum ,,:Marsch nach \Vashington" am 8. �Iai 1933, an dem sich 4000 Delegierte beteiligten. Die Teilnehmer der ,,Scottsboro-Konferenz" n1arschierten vollzählig mit und veranstalteten vor dem ,,\Veißen Haus" eine Demonstration. Der erste Erfolg ,var, daß das ursprüngliche Urteil durch einen Beschluß des Obersten Gerichtshofes aufgehoben wurde. Die Organisationen der IRH beherzigen bei der Scoltsboro-Kampagne die Lehren aus den Fehlern, die sie während des Kampfes um Sacco und Vanzelli gemacht hallen. Damals hatte die amerikanische JustiL 296

Der ](ampf der Internationalen Roten Hilfe gegen den weißen Terror

die Wachsamkeit der breiten 11assen durch mehrmalige Verschiebung der I-Iinrichtung eingeschläfert und auf diese \Veise die Protestbe,vegung abgesclnvächt. Bei Scottsboro greift die amerikanische Justiz neben der Verschleppungstaktik auch zu der l\1Iethode, daß sie den Fall in Raten behandelt, und das Urteil gegen die Angeklagten in Raten fällt. Zur Zeit sind zwei Angeklagte - Norris und Pattcrson - ztun Tode verurteilt. Unter dem Druck der internationalen Kan1pagnc ,vurde das Todesurteil aufgehoben und am 1. April 1935 die Berufung vom Obersten Gerichtshof angenommen, ,veil in allen Verhandlungen keine Negerschöffen zugelassen worden ,varen. Die Jungen ,vurden jedoch nicht freigelassen und befinden sich nach ,vic vor in Lebensgefahr. Von den anderen, mit der revolutionären Be,vegung in den Vereinigten Staaten verbundenen internationalen Kampagnen sind hervorzuheben: die Kampagne fi.ir die Verteidigung der Gastoner Textilarbeiter und die l{an1pagne für die Befreiung des Führers clcr cr,vcrbslosen Neger und ,veißen vVerktätigen, Angelo Herndon. Diese I{ampagne verband die IRI-I, ebenso wie die Kampagnen für die Scoltsboro-Jungen, mit dem Kampf gegen die „Lynchgerichte" und mit dem Kampf für die Gleichberechtigung der unterdrückten Rassen.

G ege n d e n deuts c h e n F a s c hismu s , f ür d i e Rettu n g Diin1i tr offs u n d Th ä l m ann s Der l\tlachtantritt der Faschisten in Deutschland schuf eine neue und überaus komplizierte Lage für die Internationale Rote Hilfe. Die große deutsche Sektion der IRH wurde in die Illegalität getrieben. Ein ,veißer Terror von beispielloser Grausa1nkeit und Ausdehnung begann unter den ,verktätigen �lassen Deutschlands zu ,vüten. Zehntausende von revolutioniiren Arbeitern, Komn1unisten, Sozialdemokraten und Parteilose, unzählige Abgeordnete, Schriftsteller, Aerzte, l(ünstler und vVissenschaftler ,vurden in Konzentrationslager gesperrt. Hinrichtungen uncl Ermordungen von Arbeitern und Funlüionären der Arbeiterorganisationen, von politischen PcrsönLichkeilen und Persönlichkeiten cles öffcntlichcn Lebens ,vurclen zu· einer täglichen Erscheinung in Deutschland. Um einen Vor,vand für die blutige Abrechnung mit der Arbeiterklasse und ihrer Avantgarde, der Kommunistischen Partei, zu ha- 207

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ben, hatten die deutschen Nationalsozialisten das Reichstagsgebäude in Brand gesteckt. Von den ersten Tagen an läutete die IRH Sturm. Sie rief alle Sektionen zu einer breiten Kampagne gegen den deutschen Faschisn1us auf und n1obilisierte die internationalen :Massen für die Unterstützung der Opfer des faschistischen Terrors in Deutschland. Vom 17. bis 25. Juni 1933 wurde eine „Internationale Hilfswoche" veranstaltet. Ge1neinsa1n mit anderen Organisationen der antifaschistischen Front beteiligte sich die IRH an der Vorbereitung und Durchführung des Gcgenpro=esses =um Leip=iaer Reiclzstagsbrcmdprozeß in London. Für die juristische Verteidigung der Ange_k.lagten wurden alle Anstrengungen gemacht. 22 ausländische Rechtsanwälte erklärten sich bereit, am Prozeß in Leipzig teilzunehn1en. Sieben daYon reisten nach Deutschland uncl fünf beteiligten sich am Prozeß. Im. August 1933 trat unter der Führung der IRI-I e_ine internationale Delegation hu I-Iaag zusanuncn, die die Einreisebewilligung von der deutschen Regierung forderte, und • die Lage in den deutschen Konzentrationslagern feststellen wollte. Eine Reise der Schwester Dimitroffs in mehrere Lündcr wurde für die Kampagne organisiert. In England, in den Vereinigten Staaten Norda1nerikas, in der Tschechoslowakei, in Oeslerreich, in Belgien und Frankreich fanden ?\Ias.sendemonstralionen und �Ieetings statt. Eine Kette von Delegationen protestierte in den verschiedenen Ländern bei den deutschen Gesandtschaften; Flugschriften und Sanunelbogcn, besondere :Marken und Ansichtskarten etc. wurden herausgegeben. Die griechische Sektion der Internationalen Roten Hilfe forderte von der griechischen Regierung die Einreiseerlaubnis für 1000 deutsche politische Em..igranten und ihre Versorgung mit Arbeit. Zur Unterstützung dieser Forderung führte die griechische Sektion eine breite Solidaritätskmnpagne unter den }.fassen. Die kubanische Sektion organisierte in Havanna und anderen Städten Straßendemonstrationen. Die politischen Gefangenen in Italien riefen in -einem Brief, den sie unter den größten Schwierigkeiten verfaßt und herausgebracht hatten, die deutschen Kan1eraden auf, den "t,1ut nicht zu verlieren und den Kampf fortzusetzen. Die politischen Gefangenen des Gefängnisses „Oronos" (Griechenland) sammelten 300 Drachmen für die deutschen politischen Gefangenen, die Soldaten zweier griechischer Regin1enler über 200 Drachmen. Die glänzende Selbstverteidigung Dimitroffs und die breite Solidaritätskampagne, in der die IRH alle ihr� Kräfte eingesetzt 298

Der l(ampf der Internationalen Roten Hilfe gegen den weißen Terror

hatte , z,vangen die Richter in Leipzig, Dimitroff und seiI\e Kameraden freizusprechen. Die Verteidigung und der Kan1pf um Ernst Tlziilmann stellen die IRH vor· eine noch schwerere Aufgabe. Nach der Niederlage iin Leipziger Prozeß gehen die deutschen Faschisten im Fall Thäln1ann offensichtlich andere \Vege. Der Prozeß gegen Thälmann, der bereits 1nehnnals stattfinden sollte, ist bisher immer wieder Yerschoben ,vorclen. Die TakLik der deutschen Faschisten geht darauf hinaus, die Auf111erksainkeit der ]\fassen vo1n Fall Thälmann abzulenken, tun in cinen1 geeigneten Augenblick überraschend1 handeln zu können. Der Kmnpf um Thälmann erfordert deshalb die größte \Yachsan1keit der IRI-I. Einzelne Episoden aus der Schlacht um Thäln1ann sind bisher die Arbeit des Internationalen Kampfkomitees zur Befreiung Thälinanns, l\tlassenversammlungen und 1\Ieetings in ebva 40 Ländern, Entsendung von Delegationen nach Deutschland und die Organisierung des Besuches der Saardelegation bei Thälmann. Ob"r ohl die IRII und ihre Sektionen die Verteidigung DimitrofTis und Thähnanns in den Vordergrund rückten, führten sie trotzdem gleichzeitig ununterbrochen den Ka1npf tun die Befreiung aller politischen Gefangenen aus den Kerkern des deutschen Faschismus und um. die Unterstützung all der zahlreichen Opfer im Lande selbst, ,vie der aus Deutschland geflüchteten politischen Emigranten. Die deutschen politischen En1igranten in Frankreich, in der Tschechoslo,vakei, in Dänemark, in der Schweiz und in anderen Ländern zählen nach Tausenden. Der Kampf um das Asylrecht und die I-Iilfe für diese E111igranten sind ständige und umfangreiche Aufgaben der IRI-I und ihrer Sektionen. Die französische Sektion samn1elte �- B. für die Opfer dies deutschen Faschismus 300 000 Francs. San1nllungen fanden in fast allen Ländern statt: in den Vereinigten Staaten, in der Schweiz, in England, in den skandinavischen Ländern, ja selbst in China etc. Die Arbeit der IRI-1 zur Unterstützung der Opfer des deutschen Faschis1nus ist bereits über den Rahmen einer gewöhnlichen Kan1- pagne hinausgegangen. Sie ist zu einer ständigen Arbeit �cworden. um die sich eine starke Einheitsfrontbewegung cntfaltet. Die II. Internationale 111achte iln �1ai 1933 den Versuch, die Solidaritätseinheitsfront der �lass en für die Opfer des deutschen Faschismus zu spalten, indcn1 sie den berüchtigten �1alleollifonds wieder ins Leben rief. Der Amsterdamer Gewerkschaftsbund beschloß außerden1 die Schaffung eines „Hilfsfonds der politischen

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Emigranten". Auf diese Spaltungsversuche antwortete das Exekutivkomitee der IRI-I mit eine1n besonderen Aufruf an alle l\1itglieder der Amsterdan1er Gewerkschaflcn (1GB) und an <lie werktätigen l\Htgliedcr der sozialistischen Parteien. In diesen1 Aufruf heißt es: ,,Dem 1GB uncl der II. Internationale ist es bekannt, daß die IRH gegenwärtig ein� breite Hilfsaktion für c.lie Opfer des Hillerlerrors durchfiihrl und für diese Aklion die :\lassen, ohne Unlerschiecl ihrer Parlci -oder gewerkschaftlichen Zugehörigkeit, mobilisierl. Die Schaffung separater Unlerstiitzungsfon<ls bedeutet daher nicht Slürkung, nichl Förderung der proletarischen Solidarität, sondern Zersplitterung uncl Schwächung der proletarischen Krüflc, es be<leutcl Spaltung der inlcrnalionalen Solidariläl der \Ycrkliiligcn. Der Aufruf des �lallcollifonds soll die volle Ycrnnl\Yorlung der SPD nn der Entwicklung in Dculschland, ihren Verrat an den Arbeitern, die jetzt Opfer des blutigen Terrors wurden, die Hilfe der \Ycls uncl Konsorten für Hitler, und das Ueberlaufcn Lciparts und anderer SPD- und Gewerkschaftsführer zum Faschismus vertuschen." An dieser Politik hielten die Führer der II. Internationale konsequent fest. Als die Konununislische Internationale die II. Internationale nach dem Aufstand des spanischen Proletariats iin Oktober 1934 aufforderte, eine gen1cinsame Aktion für die spanischen Arbeiter zu organisieren, lehnten Vandervelde und Adler das ab und setzten ihre Spaltungspolitik fort. Genau so lehnten die II. Internationale und der Internationale Ge,verkschaftsbund den Vorschlag des Exck.utivkon1itees der IRH vom 29. Dezember 1934 ab, eine geineinsame internationale Solidaritätsaktion für die Opfer des weißen Terrors in Spanien, Deutschland, Oesterreich, Italien und allen anderen Ländern, "'O der ,veiße Terror herrscht, zu organisieren. Gleichzeitig beschlossen sie, den �fatteottifonds zu einer besonderen internationalen IIilfsorganisation auszubauen.

D a s Hi l f.s w c r k f ü r d i e ö s t e r r e i c h i s c h e n Fe b r u a r k ä n1 p f e r u n d f ü r d a s s p a n i s c h e Proletariat Das Jahr 1934 brachte vor allein zwei historische Ereignisse: die be,vaffnelcn IGin1pfe der österreichischen Schutzbündler im Februar 1934 und den ·11eldenn1üligen Aufstand der spanischen Proletarier, vor allen1 ihres Vortrupps, der Bergarbeiter von Asturien, hn Oktober 1934. Sofort nach der Niederschlagung der österreichischen Arbeiter durch die Regierung Dollfuß-Starhemberg organisierte die IRH eine breite Solidaritätskmnpagne. In Paris wurde aus drei 300

Der l{ampf der Internationalen Roten Hilfe gegen den weißen Terror

greisen Teilnelunern der Pariser Ko1n1nune, der Frau des im Konzentrationslager Dachau ermordeten deutschen Reichstagsabgeordneten Stenzer, der Frau des standrechtlich in Oesterreich hingerichteten Schutzbiindlers l\,Jiinichreitcr und dem Vertreter des Europäischen Büros der IHH, Blache, ein Ausschuß gebildet. Eine Frauendelegation, bestehend aus der bekannten französischen Journalistin Andree Violis, der Frau des bekannten französischen Rechlsmnyalls Villarcl und i\hne. Lahy-I:Iollebeque, fuhr nach Oeslcrreich, 11111 sich 111it der Lage an Ort und Stelle bekannt zu machen und die erste I-Iilfe zu organisieren. Die „Internationale Juristische Vereinigung" delegierte zur Verteidigung der angeklagten Arbeiter Rechtsanwälte nach Oesterreich. In Spanien, Holland, Belgien, Frankreich, England, in den USA, in Kanada, in den süda1nerikanischen Ländern, in der Schweiz, in den skandinavischen Ländern und in der Tschechoslo,vakei ,vurden Sammlungen für die Opfer des faschistischen Terrors h1 Oesterreich vorgenom1nen, Den1onstrationen vor den österreichischen Konsulaten und Gesandtschaften veranstaltet und „ Verteidigungsausschüsse" gemeinsam mit sozialdemokratischen Arbeitern organisiert. Die Arbeiter der So,vjetunion organisierten eine breite Kampagne zur Unterstützung der österreichischen Arbeiter und sammelten einen Betrag von einer I\1illion österreichischer Schilling. 704 Schutzbündler und 106 Kinder von gefallenen und eingekerkerten Schutzbündlern fanden in der Sowjetunion -eine neue Heimat. Die Hilfe der IRI1 für die Opfer des weißen Terrors in Spanien setzte bereits ein, als der Kampf noch im Gange ,var. Die Rote Hilfe Spaniens "randte sich mit einem Aufruf an sämtliche Sektionen der IRH. ,,Die spanische Sektion der Internationalen Roten Hilfe", heißt es in diese1n Aufruf, ,,ist vom -ersten Augenblick an auf ihre1n Posten gestanden. vVir ,vissen, daß es unsere Pflicht ist, rasche Hilfe zu schaffen für diese Tausende von Verhafteten, die Fan1ilien und Kinder der toten Revolutionäre. vVir strengen alle unsere Kräfte an, ,vir haben alle Werktätigen aufgerufen, uns in der gewaltigen Aufgabe zu unterstützen, yor der wjr stehen, aber sie zu erfüllen, geht über unsere Kraft. Im Namen der heldenn1ütigen spanischen Arbeiter und Bauern, die ihr Leben im Kan1pf gegen den Faschismus gelassen haben, wenden wir uns an die \Verktütigen der ganzen Welt, uns bei der Durchführung dieser Aufgabe zu unterstützen: ,vir fordern alle Sektionen der Internationalen Roten 1-Iilfe auf, die im Geiste herrlicher internationaler Solidaritüt herange'f\r achsen sind, 301

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uns tatkräftig zu unterstützen. ,·vir brauchen eure moralische Unterstützung und "'ir brauchen Geldn1iltel, um die Gefangenen, ihre Angehörigen und die ,vaisen unterstützen zu können." Die Exekutive der IRI-I rief alle Sektionen auf, überall Hilfsausschüsse auf der Grundlage der Einheitsfront zu bilden und )litte! für die Eingekerkerten, Verwundeten und für die Familien der Gefallenen zu smnn1eln. Die Rote Hilfe Frankreichs san1meltc 100 000 französische Francs, die SclnYeizcr Sektion 40i5 sclnveizer Francs, die englische 670 engl. Pfund, die belgische 28 000 belgische Francs. Auch illegale Sektionen eilten zu Hilfe. Die Rote I-Iilfe Deutschlands san1n1elte 1155 Reichs1nark, die österreichische 1775 österr. Schilling, die italienische 230 Lire etc. In Paris pr.otestierten 30 000 ,verkliitige hn Stadion BufTalo gegen die Grausainkeit der Lerroux und Gil Rohlcs. An die \Verklüligcn der Sowjetunion wandte sich die spanische Sektion mit cinc1n besonderen Aufruf. Unter der Führung der Roten Hilfe erhob sich in der Sowjetunion eine \Vcllc von V crsmnmlungen und �Ieelings. In Tausenden von Resolutionen brachten die russischen Arbeiter und Bauern ihre Solidarität mit den spanischen Arbeitern zum Ausdruck. Im ganzen Landie liefen Sain111lungen für die Opfer des faschistischen Terrors in Spanien. Die Sektion der Roten Hilfe der UdSSR war auf Grund dieser Smnmlungen in1stande, für die Opfer des "r eißen. Terrors in Spanien 1 1/2 �lillionen Pesetas aufzubringen und zu überweisen. Delegationen aus England, Frankreich, der Schweiz etc. reisten zur Untersuchung der Lage der politischen Gefangenen und der Hinterbliebenen der getöteten re-. volulionären \Verktätigen nach Spa'nien.

G eg e n d en . w e i ß e n T e r r o r In Polen Der Kan1pf der IRH gegen den weißen Terror in Polen wurde während der ganzen Jahre unablässig geführt. \Vir bri, ngen die wichtigsten l\1omentc in Erinnerung: die Kainpagne gegen die Ern1ordung von Baginski und \Viotschorkewilsch 1925; die Kampagne zur Verteidigung Lanczuczkis 1925/26; die Delegi,crung der französischen Schriftsteller Duhamel und Lecache nach Polen; die Kampagnen für die 1918 hn weißrussischen Hromadaprozeß Verurteilten; die l{an1pagne gegen die Gleichstellung der poli• tischcn Gefangenen mit den kriminelle n Gefangenen, die seit 1931 läuft, und die Ka1npagne zum Luzkc r Prozeß, die drei Jahret von 1931 bis 1934, dauerte. 302

Der Kampf der Internationalen Roten Hilfe gegen den weißen Terror

Die Luzker l(ampagne hat te einen besonders starken Schwung. :Mehrere Jahre nach der sogenannten „Befriedung" der vVestukraine begann die polnische Regierung den L uzker Prozeß zu inszenieren, um ihr Schreckensregime in der Westukraine vor der öffentlichen �Ieinung zu rechtfertigen. Nach dreicinhalbjähdger Untersuchungshaft "'urdcn 56 Bauern, Arbeiter und Intellektuelle im l\:lärz 1934 auf die Anklagebank gesetzt. Sie wurden des Hochverrat s angeklagt. Die helden1nütige Selbstverteidigung der �Iehrheit der Angeklagten und die von der IRH organisierte Solidaritätskampagne führten jedoch dazu, daß das Gericht zu einer Tribüne gegen den polnischen Faschismus wurde. Durch eine große ·Massenkampagne erreichte die französische Sektion der Roten Hilfe, daß die polnische Regierung der Entsendung des französischen Rechtsan,valts Vienne zum Prozeß zustimmte. Ron1ain Rolland und andere hervorragende Vertreter der fortschrittlichen französischen Intelligenz :setzten sich für die Angeklagten ein. In den Vereinigten Staaten "'urde im Februar 1934 auf der Erwerbslosenkonferenz in vVashingLon eine Del�gation von 37 Personen aus Vertretern ukrainischer, polnischer, jüd.'ischer und anderer Arbeiterorganisationen gewählt, die gegen die Folterungen in Luzk bei der polnischen Gesandtschaft protestierte. In einer Reihe von Städten der Vereinigten Staaten und Kanadas ,vurden Dutzende von Protestversamn1lungen abgehalten. Das Gericht sah sich schließlich gez,vungen, Zugeständnisse zu machen und sich mit Strafen von drei bis acht Jahren zu begnügen. Von großer Bedeutung ist der Kampf, den die polnische Sektion, eine der besten illegalen Sektionen der IRH, zur Zeit gegen die polnischen _Konzentrationslager führt. Dieser Kan1pf der polnischen Sektion wird vo1n Exekutivkomitee der IRH mit dein Kampf gegen die Konzentrationslager überhaupt verbunden.· Die Konzentrationslager stellen ein neues System des weißen Terrors dar und finden eine innuer größere Verbreitung (Deutschland, Polen, Rumänien, China etc.).

G c g e n d e n ,v e i ß e n T e r r o r i n C h i n a, i n d e n K o l o n i e n u n d h a l b k o l o n i a l e n Län der n

China nim1nt, was die Zahl der Opfer des weißon Terrors anbelangt, den ersten Platz in der Welt ein. Die Grausan1keit der Kuomintang spottet jeder Beschreibung. Die Enllnrvull-{:$ der Scheußlichkeiten des weißen Terrors in China, die Verteidigung

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der chinesischen Revolution und die l\Iobilisierung der :Massen zur Unterstützung der Opfer des Kuomintangterrors sind VOI]. größter Bedeutung für die Eingliederung der :t\Iassen der kolonhllen und halbkolonialen Länder in den Kampf der IRH. Die chinesische Sektion der IRH hat trotz großer Sclnvierigkeiten eine erstaunliche Arbeit in dieser Hinsicht geleistet. Die Sektion wurde im Septe1nber 1925 in Schanghai unter dem Namen �,Gesellschaft zur Unterslülzung <lcr Opfer der Befreiu�gsbewegung" gegründet. Bis zum Verrat <ler chinesischen Bourgeoisie an der nationalrevolutionären Bewegung im .Jahre 1927 konnte die Sektion in den Städten der südliche n Provinzen Kanton, Kuangsi, I-Iunan, Hupch, Kiautschou usw. große Organisationen aufbauen und die Zahl ihrer :Mitglieder auf etwa 800 000 bringen. Sie führte während dieser Zeit trotz großer organisatorischer �län­ ·g el Kampagnen und gab in erheblichc1n U1nfang Literatur heraus. Nach 1927 kam für die Sektion eine Periode der ernstesten Krise. In den Kuomintanggebieten mußte sie in die Illegalität gehen und eine äußerst bewegliche Taktik entwickeln. In den Sowjetgebieten dagegen wurde sie vor ganz andere, neuartige Aufgaben gestellt, wie sie bisher noch vor keiner Organisation der IRR gestanden haben. • 1931/32 konnte die Sektion in deh Kuomintanggebieten bereits ,vieder eine Reihe von Kampagnen durchführen: eine Kampagne für die Gefangenen von Scottsboro; eine Kan1pagne für Paul und Gertrud Ruegg, die seit A ugust 1932 in den Gefängnissen der Kuomintang schn1achten; eine Protestbewegung gegen die Beschießung der Studentendemonstrationen in Nanking im Jahre 1932 und verschiedene Protestdemonstrationen gegen den weißen Terror. In den letzten Jahren nimmt auch die Rote Hilfe in den Sowjetbezirken an den verschiedenen internationalen Kampagnen aktiv teil. Sie führte Kampagnen gegen den weißen Terror in Japan, für die Befreiung der Gefangenen von Scottsboro, gegen den Faschismus in Deutschland, für die Befreiung Th!lmanns. Im Juli 1934 wurde in den zentralen Sowjetbezirken eine Protestkonferenz gegen die Brutalitäten des deutschen Faschismus einberufen. Nach der Konferenz wurden in den Dörfern mit großen1 Erfolg Samn1lungen für die deutschen revolutionären Arbeiter durchgeführt. Seit 1928 organisiert das Exekutivkon1itee der IRH durch seine Sektionen jedes Jahr am 12. Deze1nber den internationalen Tag 304

Der Kampf der Internationalen Roten Hilf c gegen den weißen Terror

der Kantoner llo1nmune. Der Tag der l{antoner l{ommune hat den Zweck, die Solidarität z,vischen den \,Verktätigen der imperialistischen Länder und den \,Verktätigen der l{olonien und Halb- , kolonien zu vertiefen und die A1ifmerksamkeit der Massen in den imperialistischen Ländern auf den ,veißen Terror dn den Kolonien und Halbkolonien und auf die Unterstützung der revolutionären ßefreiungsbe,vegung ,der unterdrückten Völker und der nationalen Minderheiten zu lenken. In dieser Beziehung sind folgende Kampagnen der IRI-I hervorzuheben: die l{a1npagne zur Verteidigung der Gefangenen. von :tvleerut und dde von Erfolg gekrönte l{ampagnc zu ihrer Befreiung; die l{a1npagne für die Rueggs; die Kampagne für· die Entsendung einer internationalen Delegation zur Untersuchung der Greuel des l{uo1nintangterrors; die l{ampagne gegen den ,veißen Terror in Indien; die Ka1npagne für"die Meuterer der „De Zeven P.rov.incien"; die Entsendung einer Delegation nach Indochina durch die französische Sektion der IRH. Die wich tigsle Voraussetzung für einen ,virksamen Kampf gegen den ,veißen Terror in den l(olonien und lI.albkolonien ist die Bildung von Rote-I-Iilfe-Sektionen in diesen Ländern. Das ·ist keine so leichte Aufgabe. Trotzdem konnten bereits auf dem vVeltkongreß der IRH, November 1932, gute Erfolge bei der Erfüllung dieser Aufgabe festgestellt ,verden. Auf den Philippinen, in Syrien, auf lVIadagaskar und in· Südafrika enhvickeln Sektionen der Roten Hilfe ihre Arbeit. 1931 gründete das "Exekutivkomitee das Kariliische Sekretariat mit dem Erfolg, daß die jungen Sektionen Argentiniens, Kubas und Mexikos die revolutionären l{ämpfe der werktätigen Massen dieser Länder durch ihre Arbeit unterstützen können. Um dem Kampf gegen den ,veißen Terror in den Kolonien · und Halbkolonien einen größere� N achp.ruck zu geben, ,var die IRH auch 1929 auf dem II. Antii1nperialistischen Kongreß in Frankfurt am Main durch eine Delegation vertreten. Zur Verstärkung der Rote-Hilfe-Arbeit unter den Negern beteiligte sie sich 1930 aktiv �n dem Ersten Internationalen ·Kongreß der Negerarbeiter in Hamburg.

Wir haben die Kampagnen als ,virksamste und erfolgreichste Methode bei der l\1obilisierung der l\1assen in den Vordergrund gerückt. Der Kampf der IRH und ihrer Sektionen gegen den ,veißen Terror und gegen den Faschismus beschränkt sich aber selbstver- . ständlich nicht nur auf Kan1pngnen. Die Arbeit der IRH und ihrer 20 Weißer Terror

L z.o

Geiler Sektionen zeigt das aufs anschaulichste. "\Vir brauchen nur an die tägliche praktische Hilfe und Unterslützung der politischen Gefangenen und ihrer Familien und an die Unterstützung der Familien der Gefallenen und Ermordeten, sowie an die imn1er umfangreichere Arb.eit unter den politischen E111igranten zu erinnern. Auf eine breite Bewegung der proletarischen Solidarität gestützt, h at es die IRH Yerstanden, :Millionen Yon Arbeitern, Bauern und Intellektuellen zur praktischen Hilfeleistung für die Opfer des revolutionären Kampfes zu mobilisieren. In der Zeit von 1923 bis 1933, also im Verlaufe von 10 Jahren, haben die Organisationen der IRII rund 300 Jlillionen fran;ösisclie Francs für die Unterstützung der politischen Gefangenen, für die juristische Verteidigung der angeklagten Revolutionäre, für die Kinder und Familien der gefallenen oder eingekerkerten revolutionären IGimpfcr und für die politischen Emigranten aufgebracht und verausgabt. Durch 1\1:itgliedsbeiträge, durch Samn1lungen und Spenden der ,verktätigen 1\-fassen ist diese Summe zusammengetragen ,vorden. Die Praxis der Sammelarbeit der Roten Hilfe zeigt die vielfältigsten Formen: die Organisierung von „Hilfskomitees': zur Aufbringung von l\fitteln f(ir den einen oder anderen Fall; die jährliche Führung von ,,\Vinterhilfskampagnen" für die politischen Gefangenen; die Sanunlung von Lebensmitteln und Sachen für die Familien der Verhafteten; die I-Ierausgabe von Sammellisten bei den einzelnen l{ampagnen; Sammlungen bei Veranstaltungen, Versammlungen, Kundgebungen und Demonstrationen der l\Iassen; die Herausgabe von Postkarten und speziellen :Marken etc. Den konkreten Verhältnissen entsprechend, werden in den einzelnen Ländern die verschiedensten Forn1en angewandt. Eine große Bedeutung bei der Unterstützung der politischen Gefangenen haben die sogenannten Patenschaften bekommen. Die Paten (Arbeiter einer bestimmten Fabrik, eine bestimmte Gruppe etc.) überneluµen die Obhut über einzelne politische Gefa_ngene, schicken ihnen regelmäßig Briefe, :Bücher, Lebensmittel oder Sachen, kümmern sich um ihre Familien und Angehörigen und helfen auf diese \\Teise moralisch und materiell den Gefangenen. Der Gefangene schöpft aus dieser Hilfe ständig große moralische Kräfte, während die Paten fest mit der Arbeit der Roten Hilfe verbunden werden. Es gibt Fälle, wie in Polen, wo die Bauern den Boden der Verhafteten für ihre Fmnilien bearbeiten. Die IRH entwickelt diese Art der proletarischen Hilfe und Solida- 306

Der l{ampf der Internationalen Roten 1-Iilfc !J<'!J<'ll dc11 11ll'i{Jcn Trrror

rität mit allen Kräften. Die Patenschn ftcn l,;;ind vor allem j n dc11 illegalen Ländern von große1n ,vert. Von großer Bedeutung für die Arbeit der Holen I-Iilfo hl d ie Patronatibewcgzzng (Lands1nannschaften), die sich in einer Rci]ie von Ländern (Frankreich, Belgien, USA, Kanada, Argen Linien u. a.) entwickelte. Diese Landsn1annschaftcn erfassen die wirtschaftlichen Emigranten, die gez,vungen "raren, auf der Suche nach Arbeit ihr Land zu verlassen. Sie san1meln Geld für die politischen Gefangenen ihres flein1atlandes und übernehmen die Sorge für die Gefangenen bcstin1mte1-- Gefängnisse. Am besten arbeiten die polnischen Patronati in Frankreich, die in den Jahren 1933/34 über 60 000 Francs für die polnischen politischen Gefangenen sammelten. Die italienischen Patronati sammelten in derselben Zeil 50 000 Francs us,v. Die Patronati führen außer der m�teriellen Hilfe für ihre gefangenen Landsleute eine breite Aufklärungsarbeit; sie ·geben Flugblätter über die Lage der politischen Gefangenen ihrer Heimatländer heraus, orgarns1eren Versammlungen, Veranstaltungen us,v. Den italienischen Patronati in Frankreich gelang es, eine Delegation nach Italien zu schicken , um die Lage der Gefangenen des italienfachen Faschismus zu untersuchen. Bei richtiger Führung der Arbeit können die Patronati den RH-Sektionen bei der Ivlobilisierung der breitesten Schichten der \Virtschaftsemigranten zum Kampf gegen den ·weißen Terror eine große Hilfe leisten. In einer Reihe von Ländern, wie z. B. in dc-n USA, umfaßt die Wirtschaftsemigration Millionen von \Verkfütigen. Die praktische Hilfe der IRH ist -stets mit dem Kampf gegen den Faschismus und den ,veißen Terror und mit einer breit�n Aufklärung über die prinzipiellen Aufgaben u.nd Ziele der IRl-I vc.r­ bunden. Die zunehmende Auslieferung und Ausweisung von politischen Emigranten und die Aus,veisung ausländ1!Schcr Arbeiter als .,liistige Ausländer" durch die Regierungen der vcrschicdc-nc-n kapitalistischen Länder erfordert einen verstärkten I{:nnpf Ull\ tlns Asylrecht für die politischen Emigranten und gegen dit• Zwnngs­ �\bschiebungen ausländischer Arbeiter. Die Lage <lt•r jmliHsclwn Emigranten im neuzeitlichen kapitalistisc hen Europa wirtl u1wrträglich. • Die IRH hat in dieser Hinsicht eine Reihe l\l' nßnnhnw n t'r- grifTen. In Frankreich ist ein Ko1nitcc für die Vt-rkitlignng tl,•r 307

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Emigranten gegründet ,vorden, in der Tschechoslo,vakei haben tschechoslowakische Arbeiter Patenschaften über politische Emigranten übernomn1en, in den Vereinigten Staaten ,verden Kampagnen gegen die Ausweisung von ausländischen Arbeitern geführt etc. Die Rote Hilfe <lcr Sowjetunion, des einzigen Landes, das ,virklich Asylrecht gewährt, führt eine ständige Arbeit für die politischen Emigranten. Sie verschafft den politischen Emigranten Arbeit, sorgt für ihre ärztliche Behandlung, schickt sie in Sanatorien, unterstülzt sie -dauernd in jeder Hinsicht und heiniiht sich, jeden politischen Emigranten zu1n aktiven gesellschaftlichen und politischen Leben des Landes heranzuziehen. Bis Ende 1934 haben 8408 politische Emigranten durch. die Rote Hilfe Aufnahn1e in der So"' jetunion gefunden. Die bürgerliche Klassenjustiz hat sich seit dein VI. Kongreß der Ko1nn1unislischen Internationale außerorden l lich versch:irft. Eine unendliche Kelle von Sondergesetzen und Gesclzl'n sind Yon den herrschenden bürgerlichen Klassen erlassen worden. In vielen Ländern herrscht der offene Faschismus. Die Zahl der Verhaftungen und der poliLischen Prozesse; der Todesurteile und der langjährigen Zuchthausstrafen ist ins Riesenhafte gestiegen. Die Verteidigung der von der Bourgeoisie in den einzelnen Ländern angeklagten Revolutionäre ist zu einer Frage yon großer politischer Bedeutung geworden. Es ist heute klarer denn je, daß die Verteidigung von Revolutionären vor den bürgerlichen Gerichten alles andere als eine juristische Angelegenheit ist. In faschistischen Ländern, ,vi·e Deutschland und Italien, kann nicht ein1nal mehr von der ?\föglichkeit einer jurrstischen Verteidigung gesprochen werden; die Verteidigung von revolutionären Angeklagten ist in diesen Lündern zu einer offenen politischen Kampffrage geworden. In den kapitalistischen Ländern, wo noch besli1nmle demokratische Voraussct- . zungen für das Auftreten von Rechtsanwälten vor den bürgerlichen Klassengerichten zugunsten proletasisch-polilischer Angeklagter gegeben sind, spielt die juristische Verteidigung wohl no�h eine gewisse Rolle. Eine erfolgreiche Verteidigung hängt aber auch hier vor a·llem von dem revolutionären Auftreten der Angeklag!. ten selbst und von der Solidarität ab, mit der die l\fassen außerhalb des Gerichtes für die Angeklagten eiii treten. Die IRH legt deshalb bei allen politischen Prozessen das größte Gewicht auf die Selbstverteidigung der Angel,·layll'n und auf die 308

Der Kampf der Inte rnationalen Roten Hilfe gegen den weißen Terror

l\:fobilisierung der ,verktätigen Mas_sen und der breiten· Oeffentlichkeit. Sie klärt die Massen über das Wesen der bürgerlichen Justiz, über den Klass enchara kter der bürgerlichen Gerichte und der bürgerlichen Gesetzgebung_ auf, schult und erzieht zur revolutionären Selbstverteidigung und führt einen unnachgiebigen ideologischen Kampf gegen die demokratischen Illusionen der Massen in diesen Fragen. Rechtsan,vältc sind den politischen Angeklagten in den verschiedenen Ländern von der IRH und ihren Sektionen bei allen größeren Prozessen. gestellt worden. Die Zahl der Prozesse, in denen Rechtsanwälte der Roten flilfe auftraten, geht in die Tausende.

,venn ,vir die Erfolge des Kampfes der IRH gegen den ·weißen Terror hervorheben, so 1nüssen ,vir gleichzeitig feststellen, daß die einzelnen Sektionen die großartige Be,vegung der .internationalen Solidarität der Jvfassen noch lange nicht genügend organisatorisch auszuwerten verstehen. Die organisatorische Entwicklung der Sektionen bleibt auffallend hinter den objektiven l\'[öglichkeiten zurück. "\Vährend 1llil­ /ionen \Verktätige ihre Solidarität demonstrieren und aktiv an den verschiedenen Massenkampagnen der IRH teilnelunen, ge,v.innen die Sektionen immer nur einige I-Iundert oder einige Tausend neuer .Mitglieder. Das Unver111ögen, die Erfolge der Massenarbeit organisatorisch zu festigen, Jst immer noch der ,vesentlichste Mangel in der Arbeit der Sektionen. Die Arbeit unter den sozialdemokratischen Arbeitern, unter den Mitgliedern der reformistischen, syndikalistischen, anarchistischen und christlichen Ge,verkschaften, unter den Frauen und unter der Jugend n1.uß bedeutend verstärkt werden. Die erschöpfenden Hinweise, die der Weltkongreß der IRH im November 1932 in diesen Fragen gab, sind noch bei ,veitem nicht verwirklicht worden. Die Presse und die Literatur der 1neisten Sektionen leiden daran, daß das Material den werktätigen Massen nicht so gebracht wird, daß es packt, fesselt und nicht ermüdet. Der reichhaltig zur Verfügung stehende Stoff wird nicht genügend abw�chslungsreich verarbeitet. Der Stab von lVIilarbeitern und Autoren ist zu sehr auf die leitenden Funktionäre der Organ isa1ionen beschränkt, und· es werden zu ,vcnig Arbeiterkorrespondenten für die Pressearbeit herangezogen. Die Sektionen haben es auch nicht verstande' n, den 309

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großen mit der IRI-I sympathisierenden Kreis von Schriftstellern zur praktischen �fitarbeit an der Rote-Hilfe-LHeratur heranzuziehen und das Interesse der sympathisierenden Schriftsteller für die literarische Behandlung der Rote-Hilfe-Fragen zu ,vecken und zu fördern. Der Vertrieb der Literatur und der Presse unter den breiten ,verktätigen l\Iassen, unter den sozialde1nokratischen Arbeitern, den l\fi lgliedern der reformistischen Gewerkschaften und Genossenschaften und anderer i\Iassenorganisationen zeigt ebenfalls noch große :rvHingel. Die Sektionen schenken dem Vertrieb viel zu ,venig Aufmerksamkeit und betrachten ihn oft als eine technischgeschäftliche Angelegenheit. Die Bedeutung und die Rolle der Presse im Kainpf der IRH ist noch nicht in vollcn1 U1nfange erkannt ,vorden. • Ein empfindlicher :rviangel ist auch, daß die Presse der Kom- 1nunistischen Parteien, der revolutionüren Ge,vcrkschaften, des Ko1nn1unistischen Jugendverbandes und der verschiedenen revolutionären l\1assenorganisationen die Rote Hilfe nicht so unterstützt, ,vie es notwendig wäre. Dieser i\Iangel wirk! sich stnrk bei der Propagierung der Ideen und Aufgaben der IHH, bei ihren Kampagnen und ihren1 Kampf für die Opfer des weif3en Terrors aus. Ende 1933 hatten die 71 Sektionen der IRH verschiedene Presseorgane in 28 Sprachen mit einer Auflage Yon 8 64 7 899 Exemplaren. Nur 53 von diesen Organen erschienen legal. :Massenorgane sind die „Defense", die die französische Sektion ,vöchentlich in einer Auflage von 40 000 Excn1plaren herausbringt, und der „Labor Defender", das Organ der mnerikanischen Sektion. Die Auflage der Broschüren des Exekutivkomitees betrug von 1928 bis 1933 633 000 Exemplare. Sie wurden in den verschiedensten Sprachen herausgegeben, vor allem englisch, französisch und ,

1, deutsch. Die Auflage der von den Sektionen herausgegebenen Broschüren betrug von 1928 bis 1933 insgesmnt 3 461 725 Exemplare ( die Sektion der Sowjetunion nicht eingerechnet). Das Funktionärorgan des Exekutivkomitees der IRii, die :MOPR-Zeitschrift, erscheint n1onatlich in deutscher und französischer Sprache. Der Pressedienst des Exekutivkmnitees der IRH kommt regelmäßig deutsch, französisch und englisch heraus. * Der Kampf für die proletarische Solidarität fordert selbst große Opfer. Tausende von Aktivisten d�r IRH sind auf ihrem Kampf-. 310

Der Kampf der Internationalen Roten Hilfe gegen den weißen Terror

posten gefallen oder in die Kerker ge·worf en worden. 1920 ,vurde d er Sekretär der Roten I-Iilfe Jugosla-wiens, Nicolas I-IezimO",vitsch, von der jugoslawischen Polizei getötet. Ralph Gray, den Organisator der ersten RH-Gruppe in Camp 1-Iill, Alaba1na, hat 1931 der Ku-Klux-Klan ern1ordet. Der Sekretär der Roten I-Iilfe Chinas, Deng Tsung Sian, und das l\Iitgliecl des Zentralk.0111.itees der Roten Hilfe Chinas, Huang Li, '\Vurden von den Kuo1nintanghenkern ermordet. Lo Sardo, einer der aktivsten und mutigsten Anwälte der RH Italiens, starb 1933 als ein Opfer des faschistischen Gefängnisregimes l\ilussolinis im Gefängnis Turi di Bori. Die deutschen Faschisten ermordeten Anfang Februar 1934 Eugen Schönhaar, der führender Funktionär der IRI-I seit ihrer Gründung ·war, und Erich Steinfurth, Mitglied des Vorstandes der Roten Hilfe Deutschlands. Der Sekretär des D ombro·waer Kreiskomiitees der Roten I-Iilfe Polens, Bartosiak, · wurde bei einer De1non:stration streikender Arbeiter getötet. Die Zahl der ermordeten und eingekerkerten nan1enlosen I-Ielclen der internationalen Solidarität geht in die Tausende. Sie alle erfüllten ihre Pflicht gegenüber dem revolutionären internationalen Proletariat im Be,vußtsein der historischen Aufgabe der IRH, so lange unerschütterlich auf dem Posten auszuharren, bis die Türen und Tore der bürger1ichen Bastillen sich für iinmer öffnen und -die Stunde des '\Veltokto'der schlägt. Die Arbeit der Roten Hilfe hat in allen Ländern der Welt eine Millionenbewegung der Massen gegen den ·weißen Terror entfacht. Die IRI-I hat bei der Formierung der Einheitsfront im Kan1pfe gegen weißen Terror und Faschismus, im Kampfe gegen Krieg und zur Verteidigung der So,vjetunion eine große organisierende Rolle gespielt und spielt diese Rolle von Tag zu Tag mehr. Es kann eine bedeutende Festigung -der proletarischep. Solidarität der Massen festgestellt werden, trotz der verräterischen Rolle der Führer der II. Internationale und des Internationalen Ge,verks.chaftsbundes. Doch der Kampf ist nicht beendet. Im Gegenteil, er erfordert immer stärkere Kräfte. Die Aufgaben ·werden mit dem v\:achsen der revolutionären Bewegung -der Massen, der zunehmenden Faschisierung der kapitalistischen Sta•aten und der sich steigernden Kriegsgefahr größer, komplizierter und sch,vieriger. Damit ,v ächs t und erhöht sich die Rolle der IRI-I als einer internationalen l\fassenorganisation im l{a1npf gegen weißen Terror und Fa sc his ­ mus. � Gestützt auf die breiten Massen aller Länder ,vird die IRH ihre 311

Geiler

Aui\gaben so lange unbeirrbar durchführen, bis die Herrschaft der Bourgeoisie endgültig in allen Ländern beseitigt ist und mit dieser Herrschaft auch die grausamste ihrer "Taffen: der ,veiße Terror. Für uns alle gilt, was Klara Zetkin im Juni 1933, kurz vor ihrem Tode sagte: ,, "\Vir alle dürfcn nicht rasten und ruhen, bis der Faschismus, der blutige Unterdrückung, Terror, Hunger und Krieg im Gefolge hat, =erschmettert am Boden liegen wird."

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