A rbeiter Karl Peters zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt.
Bauernführer CI aus Heim zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Leutnant Scheringer unbefristet im Gefängnis zurückbehalten.
Preis 10 Pfs. ·
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Arbeiter, Bauern, Soldaten hinter &mern Deutschland 1932. Durch die Arbeiterstraßen rasen Polizeiflitzer, traben berittene Patrouillen. Vor den Betrieben stehen Abteilungen der Grünen und in den Gerichtssälen wechseln sich die Richter in Schichten ab, die „Verbrecher", die es gewagt haben, in ihren Betrieben und auf ihre_n Schiffen zu streiken, zu verurteilen. Der Klassenkampf tobt. Die Bourgeoisie macht „Gefangene". Sie hat ihre Ausnahmegesetze, ihre Notverordnungen und Sondergerichte geschaffen. Sechs Millionen Erwerbslose stehen auf der Straße, sie hungern. Denen in der Fabrik, in den Werkstätten und Büros ,vird der Lohn aus den Taschen gestohlen, sie beginnen sich zu wehren. Streik, Demonstrationen, Kampf ist die Losung der hungernden Massen. Die Bourgeoisie zittert. Straßen und Fabriktore sind durch Polizei und Schupo besetzt. Die Herrschenden bilden ihre faschistische Front. Die rote Massenfront wächst. 15 Jahre Zuchthaus und Lebenslänglich. Im Landesgericht zu Braunschweig sitzt ein Landesgerichtsrat vor einem Bündel von Akten. Die Akten handeln über einen zu lebenslänglichem Zuchthaus plus 15 Jahre Zuchthaus verurteilten revolutionären Arbeiter. Der Raum, in dem der Landesgerichtsrat sitzt, ist gut abgedichtet. Trotzdem dringt in diese muffige Atmosphäre von verstaubten Akten und Paragraphen in den _letzten Monaten immer mehr Lärm vom Kampf, der sich da draußen ab- spielt. Die Situation ist ernst. ,,Karl Peters", li_e st der Herr Landesgerichtsrat am Akten- deckel. ,,Karl Peters, Arbeiter, Kommunist - und dann „ideale Motive. liehe, das kennen wir schon. Ne, der sitzt weiter .. -~' Und so fällt ,veiter Staub auf die Aktenmappe, die das Zeichen trägt „Karl Peters". Wer ist Karl Peters? Karl Peters ist der Sohn eines pommerschen Landarbeiters und seine Kindheit ist dementsprechend: frühe Arbeit auf dem Felde, wenig Schulunterricht, statt froher Kindheit Arbeit und Darben. Mit 17 Jahren kommt er nach Spandau und lernt das Schlosserhand- werk. Seit 1914 Kriegsfront. Im Frühjahr 1918 kommt Karl Peters mit T.eilnehmern am Munitionsarbeiterstreik zusammen, die man an die front strafversetzt hat. Streik, trotz Kriegsgesetzen, das im- poniert dem energischen entschlußkräftigen karl Peters. Er horcht auf und lernt von den Kameraden. Sein Klassenbewußtsein wird geweckt. Aus dem Lernenden wird ein Agitator. Er kämpft gegen den Krieg für dessen Beendigung durch die proletarische Revolution. Im August 1918 ist ihm sein Batterieführer auf der Spur. I:r muß desertieren. Doch die flucht ist ihm nicht ein Mittel, sich 1
vom Kampfe zu drücken, sondern er beteiligt sich an den Kämpfen der revolutionären Arbeiter in Spandau. Immer in vorderster Front, ,vird er von Noskitcn gefangen genommen. Wie tausend andere soll auch er an die Wand gestellt ,verden. Sind doch Spartakisten vogelfrei und stehen außerhalb des Gesetzes. Kühne flucht rettet ihn abermals vor sicherem Tode. Peters schuftet ,vieder in der f abrik. Diesmal bei Siemens. Er verunglückt und verliert drei Finger der linken Hand. Im Krankenhaus .studiert er marxistische Literatur. Wieder gesund. vollzieht er seinen Eintritt in die Allgemeine Arbeiterunion und kurze Zeit darauf auch in die KAPD. Karl Peters ist ein feuriger Revolutionär, aber noch kein geschulter Marxist. Es geht ihtn alles zu langsam. Seine revolutionäre Ungeduld führt ihn zur Plättnergruppe. Die Plättnerbe,vegung hatte sich nach der Niederschlagung I • des mitteldeutschen Aufstandes aus Angehörigen der KAPO. gebildet. Sie stellte sich zur Aufgabe, bestimmte Aktionen durchzuführen, um der revolutionären Be,vegung Mittel zu verschaffen. Plättner selbst und ein großer Teil seiner Mitkämpfer ,vurde 1921 verhaftet und zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt. Ein .Teil der Plättnergruppe nahm 1923 seine Arbeit ,vieder auf. Der revolutionäre Aufsch,vung. 1923: Völlige Zerrüttung der Wirtschaft, Inflation, ,vachsende Not und Unzufriedenheit, wirtschaftlicher Ruin des Mittelstandes, die Bourgeoisie unsicher, der Machtapparat teilweise aufgelöst und was das Wichtigste ist, das Proletariat steht bereit, die Entschei- • dungskämpfe auszutragen. Im ganzen Land beginnt das Proletariat sich zu be,vaffnen, in Hamburg schlägt es los; die Augen der ganzen Welt sind auf Deutschland gerichtet. In dieser Zeit revolutionärer Massenaktionen bildet Karl Peters neue Plättnergruppen. Auch Karl Nachtigall, einer aus der alten Garde der Kieler Matrosen, stößt zu dieser Gruppe. Der Bürgerkrieg wütet. In Hamburg, in Mitteldeutschland, in Sachsen werden revolutionäre Proletarier erschossen, viele Tausende Arbeiter werden von der Klassenjustiz in die Zuchthäuser und Gefängnisse geschickt. Die Plättnergruppen enteignen cie ,Bnteigner in der Absicht, mit den dadurch gewonnenen Mitteln die Revolution vorwärts treiben zu können. In Hebronn-Damitz wird dfe Gruppe verhaftet. Karl Peters wird schwer verwundet ins Polizei-Krankenhaus eingeliefert. Wiederum gelingt es ihm zu fliehen. Die Gruppe. ,vird , mit neuen Kräften aufiefrischt. Kobitsch-Meyer, der früher aktiv in der KAPD. mitgearbeitet hat, gibt seine Arbeit in der Vulkan- werft in Hamburg auf und reiht sich in die Gruppe ein. In ttötens- leben kommt es zu einem Zusammenstoß mit der Polizei. Es entwickelt sich eine Schießerei, wobei auch ein Polizist getroffen ,vird. Nach weiteren Polizeiaktionen werden Nachtigall und Kobitsch- Meyer verhaftet, kurze Zeit darauf in Berlin auch Karl Peters. 2
Das Urteil. 'Die Grundfesten des Kapitalismus sind in Gefahr. Deshalb Belagerungszustand, Ermächtigungsgesetze, Beseitigung des Acht- stundentages und der letzten Errungenschaften der November- R.evolution. Die gesamte vollziehende Macht ist auf die Militärbefehlshaber übergegangen. Alle sogenannten Grundsätze der Verfassung sind aufgehoben, Terror ,vütet gegen die Arbeiterklasse, die Kerker sind überfüllt, Tag für Tag werden durch die Sondergerichte massenhaft Arbeiter abgeurteilt. Die Urteile sollen durch drakonisches Vorgehen abschreckend wirken. Das ,var das Prinzip der Klassenjustiz nach der Niederlage des Proletariats im Jahre 1923. Im Urteil der Strafkammer des Landger.ichtes II in Berlin heißt es: ,, ..•. sie (die Angeklagten) haben ferner durch die Art ihrer Verteidigung zu erkennen gegeben, daß sie nicht die geringste Reue empfinden, vielmehr die Straftaten, soweit sie sie nicht eingestehen, als berechtigten Ausdruck ihrer staats- und gesellschaftsfeindlichen Ueber- zeuJ!un,:: ansehen, soweit sie sie bestreiten, Jedenfalls nicht reproblere_n (mißbilligen, zuriickweisen). - . Unter diesen Umständen erschien eine strenge Bestrafung nicht nur zur Siihnc im Verhältnis zur Schwere der Tat, sondern .auch zur Erziehung einer Wirkung auf die Angeklagten erforderlich." Peters und Nachtigall erkannten bei ihrer Verteidigung, die zur Anklage gegen die Gesellschaftsordnung ·wurde, das bürgerliche Klassengericht nicht an. Sie hoben hervor, daß sie sich nur dem revolutionären Proletariat gegenüber für ihre politischen Taten verantwortlich fiihlten. Die bürgerlichen Klassenrichter reagierten darauf in ihrem Urteil mit folgender Feststellung: „Als Beweggrund ihrer Tat geben die Angeklagten an, daß sie die Absicht gehabt hätten, die Expropri iertengelder für die Hinterbliebenen der bei Demonstrationen gefallenen Arbeiter und für die Parteikasse der kommunistischen Arbeiterpartei zu verwenden." An einer anderen Stelle der Urteilsbegründung heißt es aus- · drücklich: ,,Auch mag den Angeklagten geglaubt ,verden, daß sie die Straftaten nicht ausschließlich aus niedrigen Be,veggründen ausgeführt haben." · Trotzdem selbst die Klassenrichter Karl Peters keine unehren- haften Motive unterschieben konnten, wurde er ,vie ein gemeiner . Verbrecher von Gericht zu Gericht geschleppt. Vom Schwurgericht ·' Braunschweig vor das Schwurgericht· Magdeburg, von hier vor das Schöffengericht Berlin-Schöneberg und jedes dieser Gerichte setzte ein paar Jahre Zuchthaus dazu. Das Schwurgericht Magdeburg diktierte für Karl Peters die lebenslängliche Zuchthausstrafe, das Landesgericht Magdeburg summierte zuletzt die verschiedenen Strafen und rundete sie selbstverständlich nach oben ab. Für Karl Peters: lebenslänglich Zuchthaus und 15 Jahre Zuchthaus dazu. Eine Amnestie zieht vorbei. Es liegt im Wesen der kapitaÜstischen Klassenjustiz, daß sie genötigt ist, in bestimmten politischen Situationen ihren Charakter zu verschleiern. Bei der Fülle von politischen Morden, Attentaten und anderen Verbrechen von Faschisten und nationalistischen Put- 3
schisten ließ es sich nicht venneiden, emige dieser fememörder und nationalistischen Helden abzuurteilen. Die Bourgeoisie gewährte ihren Klassengenossen während der Strafzeit die allergrößten Vergünstigungen. Sie entschied sich sehr bald, sie möglichst schnell freizulassen. Unter dem Druck der Massenaktionen der Roten Hilfe war die Bourgeoisie gez,vungen, auch einige proletarische, poJitische Gefangene zu amnestieren. Das Amnestiegesetz von 1928 enthielt die Bestimmung, daß Verbrechen ,vider das Leben von der völligen Straffreiheit ausgeschlossen bleiben sollen. Trotzdem wurde der Oberleutnant Schulz, der 27 seiner Leute meuchlings ermorden ließ, und der der Ansti.ftung der Ermordung von 7 Menschen überführt ,var, als deutscher tteld freigelassen. Heute zählt er zur Führergarnitur des dritten Reiches. Die Nazipresse kündigt ihn, ,venn er in öffentlichen Versammlungen spricht, zynisch als femerichter an. Mit Schulz ,vurden freigelassen die Fememördcr Klapproth, Schirrmann, Stein, Aschenkamp und Benn. Karl Peters und Nachtigall blieben auch diesmal im Zuchthaus. Der mehrfache fememörder Klapproth, der es bei seinen hinterhältigen Meuchelmorden zu einer eigenen Methode gebracht hatte - zwei Schuß in den Hinterkopf - ,vurde für ,vürdig befunden, amnestiert zu werden. Bei der Behandlung des Falles Peters aber fügte die Klassenjustiz zu der Schmach noch den offenen Hohn: Sie gewährte Karl Peters eine „Teilamnestie". . Ihm ,vurden von der Zuchthausstrafe 5 Jahre 88 Tage gestrichen. Karl Peters braucht also nach dem Willen der bürgerlichen Klassenjustiz a~f Grund dieser Teilamnestie nicht mehr 15 Jahre und leb·enslänglich, sondern nur 9 Jahre, 276 Tage und dann noch lebenslänglich im Zuchthaus sitzen. Das ist ein·e ungeheuerliche Verhöhnung eines proletarischen politischer? Gefangenen und ein Schlag in das Gesicht der hunderttausende von Arbeitern, die in ihren Massenkundgebungen die freilassung von Karl Peters gefordert haben. Trotzdem den Behörden durch den Zentralvorstand der Roten Hilfe und dem · Landtagsabgeordneten Steiniurth nachgewiesen wurde, daß sämtliche Verurteilungen von Peters und NachtigaII ,vegen ihrer ·politischen Tätigkeit erfolgten, hintertreiben das preußische und das braunschweigische Justizministerium weiter die f reilassung der Eingekerkerten. Die braunsch,veigische Naziregierung und die sozialdemokratische Preußenregierung verstehen es in diesem falle, ,vo es sich um revolutionäre Arbeiter handelt, meisterhaft, sich gegenseitig die Bälle zuzuwerfen und die Amnestierung der beiden proletarischen politischen Gefangenen zu hintertreiben. Wenn eine dieser Regierun.g en durch die Wucht des von der Roten Hilfe herbeigeschafften Be,veis- materials und der immer stärkeren Forderung der ,verktätigen Bevölkerung zur Prüfung sich bereit erklärten, so kommt die andere 4
Regierung sofort zur Hilie und erhebt immer wieder neue Bedenken und Einwe_ndungen. Ein geschicktes raffiniertes Spiel mit verteilten Rollen. Eine zweite Amnestie zieht vorüber. Bereits am 11. Oktober 1929 brachte die kommunistische Reichstagsfraktion einen neuen Amnestieenhvurf ein, wonach die Amnestie vom Tage ihres Erlasses an auf alle Straftaten aus politischen Gründen - unter ausdrücklichem Ausschluß der fememörder usw. - ausgedehnt ,verden sollte. Die einzige Partei; die sich rundweg gegen jegliche .Amnestie aussprach, war die Sozialdemokratie, weil sie dadurch eine ,,Erschütterung des (verwilderten?) Rechtsgefühls 11 befürchtete. Die bürgerlichen Parteien dagegen waren nur für eine Amnestie rückläufig bis zum 1. September 1924, die Hauptzeit der f ememorde. Darunter fielen aber dann auch eine Reihe Tötungsdelikte, die von revolutionären Arbeitern im Kampf gegen den weißen Terror begangen ,vurden, die bei der Sch,vindelamnestie 1928 betrogen worden ,varen. Als daher eine Erweiterung der Amnestie auf Grund der parlamentarischen Lage nicht zu erreichen ,var, da stimmte die kommunistische Reichstagsfraktion bei der Schlußabstimmung für die Teilamnestie, die z,völf tapfere Klassenkämpfer nach jahrelanger Kerkerqual dem Kampf ,viedergab. Von proletarischer Seite kamen 12 Klassenkämpfer herau~. K a r 1 P e t e r s und N a c h t i g a 11 blieben auch diesmal ,vieder im Zuchthaus. Um die Amnestie betrogen ,vurde auch der Arbeiter Ernst Peters e n, der im Juli 1919 an den revolutionären Kämpfen gegen die ,veißen Truppen in Hamburg teilnahm. Erst als er im Zuchthaus zum Wahnsinn getrieben und in die Irrenanstalt überführt werden mußte, wurde er „großzügig" amnestiert. Der fall Petersen ruft in der Arbeiterschaft die Erinnerung an den Justizmord der Klassenjustiz gegenüber dem proletarlschen politischen Gefangenen K o b i t s c h - M e y e r wach. Kobitsch-Meyer gehörte zu denen, die durch jahrelange Kerkerhaft zugrunde gerichtet wurden. Im Gefängnis Moabit siechte er dahin. Alle Eingaben, die seine freilassung forderten, wurden seitens der Klassenjustiz und Klassen- medizin abgelehnt. Erst als er 41 Pfund an Körpergewicht verloren hatte, wurde er totkrank in das Lazarett des Untersuchungs- gefängnisses überführt. Noch wenige Tage vor seinem Tode stellte der verantwortliche Medikus, Medizinalrat Dr. Wok er, ein Gutachten aus, in dem er Kobitsch-Meyer auch weiterhin für haftiählg erklärte. So wurde der Antrag auf Haftentlassung "abge,viesen, ob\vohl er nur noch eine kurze Strafe zu verbiißen hatte. Am 31. Dezember 1929 ,vurde er mit 40 Grad Fieber als Sterbender ins Rudolf- · Vircl10,v-Krankenhaus in Berlin eingeliefert. Am nächsten Tage starb Kobitsch-Meyer als Opfer der Klassenjustiz und Klassen- medizin. Welche Ironie des Schicksals. Die gelahrten Vertrauens- 5
ärzte der Klas;enmedizin, die ihn wenige Tage vorher für haftfähig erklärt hatten mußten ihm nunmehr das Todesattest ausstellen. Selbstver;tändlich hat dieser Berufsunfall der Gefängnisärzte das in sie gesetzte Vertrauen bei der obersten ihr vorgesetzten Behörde nicht erschüttern können. Handelt es sich doch nur um ein Proletarierleben. , l(arl Peters von Zuchthaus zu Zuchthaus. Der um die Amnestie betrogene Karl Peters sitzt im Zuchthaus Gollno,v. Neben 'der Zuchthausanstalt befindet sich die festungs- haftanstalt. Sie ist infolge der emsigen Tätigkeit des Oberreichsanwalts überfüllt mit revolutionären Proletariern, die ,vegen „Zersetzung" und „literarischem Hochverrat" verurteilt sind. Nach langen Jahren vollkommener Isolierung hat Karl Peters endlich wieder Gelegenheit, Genossen die liand zu drücken. :Es gelingt den .Festungsgeiangenen, eine. Sprechstunde mit Karl Peters durchzusetzen. Es kommt der Moment der Zusammenkunft. Karl Peters steht Genossen gegenüöer, deren Strafen zeitlich begrenzt sinll. Doch seine Worte sind keine Klagen. Er ist ruhig, gefaßt, selbst- bewußt und ungebrochen. :Es ist die Ruhe des Revolutionärs, der trotz der Zuchthausgitter ,veiß, daß der Sieg der proletarischen Revolution unaufhaltsam ist. Karl Peters ,vird bekannt, daß er um die Amnestie betrogen ,vurde und nach dem Willen c.Ier deutschen Bourgeoisie und ihrer Klassenjustiz das Zuchthaus nicht lebend verlassen soll. Beherrscht nimmt er auch diese Nachricht auf. Zum Schluß sagt er den festungsgefangenen „Richtet denen da draußen aus: daß Ich vom Sieg der proletarischen Revolution überzeugt bin und nicht verzage, auch wenn ich noch so viel Jahre im Zuchthaus bleiben muß. .Der Direktor des Zuchthauses, der zugleich Direktor der festungs- anstalt ist, legt Peters nahe, sich von der kommunistischen Partei, zu der Peters ,vährend seiner Einkerkerung den Weg gefunden hat, zurückzuziehen und jede Vertindung mit den festungsgefangenen zu meiden. Thls ,vürde seine Aussichten verbessern. l(arl Peters lehnt dieses Ansinnen mit Entschiedenheit ab, und nach kurzer Zeit \vird er von GolJno,v nach dem Zuchthaus Brandenburg verlegt. Das andere Maaß. Ein ganz anderes Gesicht zeig·t der Straivollzug, zeigt die Justiz, ,venn es sich um Mitglieder der "besserenu Stände handelt. Der Verbrechermillionär Vicenz wurde im Zuchthaus von jeder Arbeit befreit, erhielt eine Sonderverpflegung, alle Annehtnlicn... keiten und sonstigen Vergünstigungen. Gegen Zahlung von 20 000 Mark \\'Urde er und seine Frau aus dem Zuchthause entlassen und erholt sich zur Zeit an der französischen Riviera. Wir erinnern ierner an die großen Korruptionsskandale Barmat, Kutisker, Phöbus, Sklarek, Skandal Stlnnes US\V. In all diesen fällen, wo die Schuldigen mit liilfe von bestechlichen Beamten und Abgeordneten Millionen auf Kosten· des Reiches, d. h. auf 6 / ..
Kosten der ,verktätigen Steuerzahler, ergaunerten, wurde die Sache solange verschoben, bis Gras darüber gewachsen war. Keinem dieser ,,geschäftstiichtige·n Kaufleute" ,vurde auch nur ein Haar gekrümmt. Brandenburg ist eine Anstalt für „Geförderte". Es wurden Karl Peters von den Organen des Strafvollzugs allerhand Versprechungen gemacht. Man sagte ihm, daß es ihm in Brandenburg besser gehen wird als in Gollnow. Und die Wirklichkeit? Kaum ist Peters nach Brandenburg überführt, da werden ihm die wenigen Vergünstigungen, die er sich in Gollnow erkämpft hatte, entzogen. · So sitzt nun Karl Peters jahraus jahrein im- Zuchthauskäfig, lebendig begraben. Doch ist es der -Klassenjustiz nicht möglich. ihn trotz aller Schikanen von seinen draußen kämpfenden Klassengenossen zu trennen. Anläßlich eines Karl-Peters-Aufgebotes schreibt die Rote Hilfe an ihn und nach einiger Zeit trifft die Antwort von Karl ein. Sie ist vom 8. Septe_m_q~r. 1931 adressiert und lautet: ,, ••.•• ich zweifle keinen Augenblick daran, daß alles getan wird, um uns wieder der „republikanischen Freiheit" zuzuführen. Es ist heute schwer von hier drinnen einen Briei an Euch zu schreiben, denn die vielen Notverordnungen machen sich in diesen Häusern besonders bemerkbar, in dem man die Briefzensur usw. verschärft. Ich werde mir aber trotzdem meinen revolutionären Glauben nicht rauben lassen und der alte bleiben." Das ist ganz Karl Peters. Trotz Zuchthaus, Isolierung und schikanöser Briefzensur, trotz der haushohen Mauern ist er mit den Massen des kämpfenden Proletariats unzertrennlich verbunden.
Scheringer -- der Soldat. ,.Jetzt geht durch die öffentlichen Blätter die bisher nicht widerlegte Nachricht, dae Sie sich der Kommunistischen Partei angeschlossen hätten. Eine Nachricht, die mich tief ergriffen hat. Ich denke daran, was Ihr Vater, der mit Gott, für König und Vaterland im Kampie stand, angesichts I11res Entschlusses empfinden würde. Eine Erklärung für Ihr jetziges Tun kann ich nur in Ihrer Gemütsverfassung finden, hervorgerufen aus der Psychose der Freiheitsberaubung." I D i e t e r i c h , Generalleutnant a. D. Der Träger des Befreiungskampfes gegen den Kapitalismus ist das revolutionäre Proletariat. Der Weg Peters zum Kommunismus ist ein Weg, der durch seine Klassenzugehörigkeit gegeben ist. Den Weg gehen Iiunderttausende und Millionen von Arbeitern in Deutschland, in ·der ganzen Welt. · Anders steht die frage mit Scheringer. Scheringer ist Soldat, Offizier,~Offizier einer Söldnerarmee. :Er entstammt einer Oiiiziers- familie . . Der Vater fiel „für K~iser und Vaterland", als Hauptmann 7
an der ' Westfront. Eine U1ngebung, die den jungen Scheringer zwangsläufig· zum Chauvinisten, zum Nationalsozialisten 1nachen mußte. Und so geschah es auch. Scheringer kämpit im besetzten Ruhrgebiet als 18jähriger in den Reihen der Schlagetter _gegen die Alli- ierten und gegen die Separatisten. Er ,vird verurteilt, sitzt im Gefängnis, ,vird nochn1als zu 10 Jahren z,vangsarbeit verurteilt, flieht ins Reich. liier führt ihn sein Weg nach Küstrin, zur Sch,varzeu Reichs,vehr. Zur selben Zeit, man schreibt das Jahr Dreiundz,vanzig, tritt Peters in die re_volutionäre Terror-Gruppe der KAPO. ein; Revolution und Konterrevolution. In Küstrin kommt es zum BuchrucR:er- Putsch und einer darauf folgenden durchsichtigen Justizkomödie. Die revolutionären Arbeiter jener Tage, die Iiamburger Barrikaden- kämpfer und die in Mitteldeutchland ,vandern auf Jahre ins Zuchthaus. Die Putschisten aus Küstrin, unter ihnen auch Scheringer. \Verden in die R,eichs,vehr aufgenommen. Scheringer gehört nicht zu den Söldnertypen. Er kommt aus dem Lager der kleinbürgerlichen nationalistischen Jugend, ·· die in der schwarzen R.eichs,vehr den Kampftrupp gegen Frankreich. gegen Versailles sieht.,Aus denselben Motiven tritt Scheringer nach Küstrin in die Reichs,vehr ein. Der Weg Scheringers führte ihn. ,vas zu er,varten ,var, in die Reihen der NSDAP. Die „deutsche Revolution". Scheringer begnügte sich nicht mit dem Mitgliedsbuch der neuen Partei. Als Aktivist ging er an die Organisierung der nationalsozialistischen „Offiziers-Zellen" in der Reichs,vehr über. Interessant ist hier eine Begebenheit, die das z,veifache Maß, mit dem gegen „Zersetzer" vqrgegangen ,vird, grell beleuchtet. Der Leutnant Ludin, der mit Scheringer und Wendt im ersten Stoßtrupp für die nationalsozialistischen Zellen der Reichs,vehr stand, bekam es eines Tages mit der Angst zu tun. Er meldete sich deswegen - das ,var in Stettin - seine1n R.egimentskommandanten, machte verschiedene Angaben über die Aktion, über Scheringer und grenzte sich von dieser Aktion ab.· Oer Regimentskommandeur ,vinkte mit der ttand ab. legte das Schriftstück zu Ludins Akten und läßt es dort liegen. Zuletzt,... kam es dann zur Verhaftung. Untersuchungsgefängnis Leipzig. Große Demonstration der Natio- . nalsozialisten, Adolf Hitler höchstpersönlich atnvesend. Ivlit aller Höflichkeit von den Iierren Richtern des Reichsgerichts behandelt. - Adolf tlitler besclnvört hier feierlich seine Legalität. Es ging nicht anders, erklärte man hinterher Scheringer, inan müsse auf die Legalität der Partei Rücksicht nehmen. Damals kamen· Scheringer die ersten Zweifel an der Ehrlichkeit Iiitlers, an dem revolutionären Charakter der NSDAP. Das heißt, die allerersten Zweifel ,vurden schon gelegentlich der ersten Besuche Scheringers 8
in München ausgelöst. liitler ging damals sehr zaghaft auf seine Vorschläge ein, man zögerte, man überlegte. Im Untersuchungsgefängnis liest Scheringer viel. ,,Kampf dem l\'larxismus"! Was ist eigentlich Marxismus? Scheringer hat Zeit, er will selbst beurteilen. .Er läßt sich Marx kommen, liest das ,.Kapital". Er liest, und nach jedem Kapitel streckt er die \Vaffen. Die Waffen? Er sieht sich etwas gedrückt im nationalsozialistischen
, Lager um und muß feststellen, daß es dort keine handfeste theoretische Waffe gibt. Es folgt Gollnow. liier kommt er mit verurteilten Kommunisten zusammen, die
' w~gen „literarischen liochverrats" sitzen. Alles ganz geschulte Köpfe, er hält sie iür führer der Kommunistischen Partei. Aber nein, ,vir sind kleine f unktionäre, sagt man ihm lächelnd. Scheringer gehen die Argumente aus. Die Politik der Hitler-Partei nä11ert sich immer mehr der Politik des internationalen Finanzkapitals an. liitler ist mit 107 Abgeordneten in den Reichstag gezogen. Und ,vas machen sie? Sie stimmen den kommunistischen Antrag auf Millionärsteuer nieder, sie verlassen den Reichstag, um nicht in die Lage zu kommen, gegen den kommunistischen Antrag auf 'Einstellung der Youngzahlungen zu stimmen, sie anerkennen die internationalen Schulden. So entschließt sich Scheringer. zu Hüler selbst zu fahren und kommt zunächs't nach Berlin. Iiier trifit er Goebbels. Man fährt zusammen nach München. Goebbels kommt gönnerhaft in die dritte Klasse - er reist als Abgeordneter erster - aber auch hier ist Goebbels scll\ver zu stellen. Er ,veicht. aus, er ,vird ei11, wenig zynisch: ,,Was heißt Brechung der Zinsknechtschaft? Brechen muß dabei nur der, der diesen Federsehen Unsinn lesen muß!" Wenn ich die Partei gegründet hätte, würde ich überhaupt kein Programm aufstellen."
1 München - Der braune Palast. Scheringer will Auskunft, will Klarheit. Auf seine frage nach der Politik der Partei bekommt er folgende Antworten. Hauptmann Weiß: ,,fehlt Ihnen was, Scheringer, wollen Sie eine Unterstützung haben?'" Oberleufüant Iiierl: ,,Ja, ja, die Politik, das is eine schmutzige G'schichte, das ist nix für Soldaten. Aber iiir Sie ist doch gesorgt. Scheringer!" Der Femeoberleutnant Schulz: ,,Nur Ruhe. mein Lieber:· • Frank II: .,Die Massen folgen uns blind und darauf kommt es in der Politik an." Dann endlich ,.er'·. 9
,,Vor dem prunkvollen Senatorensaal treffe ich Adolf Hitler," erzählt Scheringer. ,,In seiner Hand trägt er wirklich eine Hunde- peitsche mit silbernem Knopf. Er läßt mich gar nicht zu Wort kommen: ,Haben Sie unser braunes liaus angesehen, Scheringer, ha, diese Knirpse des \Veimarer Systems, sollen sie nur ruhig in ihren finsteren Biiros hocken, ,venn sie unser braunes ttaus sehen, dann müssen sie vor Neid platzen." Ein \Vink mit der Peitsche. Schluß. Scheringer hatte genug von der Hitlerei. In einem offenen Schreiben erklärt er seinen Uebertritt in die KPD., die Partei der Volksrevolution. Die Erklärung, vom Reichstagsabgeordneten Kippenberger im Reichstag verlesen, ,virkte ,vie eine Bombe. Scheringers Erklärung folgte die der dreizehn ehemaligen Offiziere, freikorpler und SA.-führer, die sich zur Rot:m Einheitsfront. der KPD. bekannten. Scheringers Schritt brachte eine neue Schicht des sch,vankenden Mittelstandes ins Rollen - nach links. Was soll erst geschehen, ,venn Scheringer in Freiheit gesetzt \Vird! Und das ist nicht mehr ferne, am 10. Sepfember ist er ireL Er ,vird von Stadt zu Stadt ziehen, seine Versammlungen ,verdcn von zehntausenden von SA.-Leuten, von Soldaten, von Neugierigen. z,veifelnden, von Unzufriedenen besucht werden. Nein! Diese Perspektive paßte liitler nicht, sie paßte der Regierung nicht, sie paßte der Bourgeoisie nicht. Ludin als Nationalsozialist ,vurde aus der Festungshaft vorzeitig entlassen. Begnadigt! Gegen Scberinger erhob der. Staatsainvalt eine neue Anklage auf Hochverrat. Hochverrat für die KPD. · Man legte ihm zur Last: I. Veröffentlichte Priva tbrieie an einen Nationalsozialisten. · , 2. Zeitungsartikel „Macht die Massen kampfbereit". 3. Artikel in der Zeitschrift „Der rote Student", auch als Flugblatt verbreitet. 4. Broschüre „Erwachendes Volk". Briefe an Leutnant Schcringcr. , 5. Druckschrift „Mein Bekenntnis zur roten front". . 6. Flugblatt „Herr Kamerad", beiliegend der im Reichstag ,terlesenen f:rklärung Scheringers vom 18. 3. 1931. 7. Flugblatt „SA-Mann höre"! 8. Artikel Rote Fahne Nr. 158: ,,Ein revolutionärer Weckrui 0 •
Die Artikel und die flugschriiten sind alle legal erschienen, vertrieben und verbreitet \\'Orden. Daß Privatbriefe als :Einzelakt zur Vorbereitung „hochverräterischer Unternehmen" ver\vandt ,verden, ist selbst bei der an und für sich schon reaktionären Rechtsprechung des Reichsgerichts et\vas Neues. Wegen „Verdunkelungsgefahr · und Fluchtverdacht" läßt inan nun Scheringer in das Untersuchungsgefängnis nach Moabit bringen. Die bürgerliche Presse machte ihre bekannten Ablenkungs- 1nanöver: Scheringer im Dienste Moskau, Scheringer organisiert die rote Armee in Deutschland. 10
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Es kam der sogenannte erste Fluchtversuch. Und dann folgt der sensationelle „zweite Fluchtversuch". Wie der verlaufen ist, berichtet in einem Schreiben an seinen Rechtsanwalt Scheringer selbst voll Galgenhumor. 12. 11. 31. Werter . Genosse Obuch! Ich erhielt Dein Schreiben verspätet, da ich inzwischen sieben Tage verschärften Arrest mit allen Schikanen abzubrummen habe. Soeben erst kehre ich - körperlich und geistig leicht ausgehungert - davon zurück. Die Strafe wurde am 5. l 1. gegen Abend verkündet und die Vollstreckung begann unmittelbar darauf. Ueber den Arrest hinaus ist es mir für die Dauer von sechs Wochen verboten, Biicher, Zeitungen, Lebensmittel, Besuch etc. zu empfangen und Briefe abzuschicken. Begründung der Strafe: Vorbereitung zum Aus: bruchversuch im vergangenen Monat. · Mit Recht stehst Du nun den Pressenotizen skeptisch gegenüber. nach denen ich neuerdings einen weiteren Befreiungsversuch unternommen haben soll. Ich- habe · tatsächlich· keinen derartigen Versuch gemacht. Es hat allerdings den Anschein, als ob man <laraui aus- ginge, mich nochmals wegen Vorbereitung zum Ausbruch zu bestrafen. Eine Begründung wird ofienbar zur Zeit gebaut, und davon hast Du wohl in der Zeitung gelesen. Gestern vor acht Tagen habe ich nämlich das Verbrechen begangen, in meiner .,schweren" Zelle mit dem Absatz ein Stiick Bewurf von der Wand zu treten, der an- .:>cheinend miirbc war und hinter dem sich eine hohle Stelle befand. Der Iierr Oberdirektor besichtigte die Wand am nächsten Tage höchst- selbst, und wie ich hörte, hat auch eine Konferenz über jene Erschütterung der Grundmauern von Alt-Moabit stattgeiunden. Ich bin nun sehr gespannt, was aus der Sache herauskommt. Bestraft man mich wirklich wegen des völlig harmlosen f ußtritts noch einmal, so ist das ein neuer Beweis dafür, daß meine Auffassung von der ganzen gegen mich eingeleiteten Zeremonie - sprich liochverratsverfahren -- ,.100prozentig" richtig ist. Du kennst ja diese Auffassung. Es tut mir leid, · daß Du Dich nun wieder mit den Herren herum- streiten mußt - diesmal als Sachverständiger für lioch- und Tieibau - aber ich kann es nicht ändern. Auf jeden Fall werde ich die Wände hier in Zukunft wie Glas behandeln.
Klaus Heim, der Bauer · Das Barometer der Verelendung der Arbeitermassen ist das Sinken des Reallohnes. Das Barometer der Verelendung der ,verktätigen Bauern ist das Ansteigen der Zwangsversteigerungen. Im Jahre 1927 . . . . 22 000 liektar 1928 . . . . 35 000 „ 1929 . • 79 000 1930 . . . . 118 000 " " Ein rapider Anstieg, ein rapider Verfall. Der Arbeiter in Stadt und Land weiß heute zum größten Teil, wer die Schuld an seiner Verelendung trägt. ,.Es ist der faulende Kapitalismus, die Bourgeoisie". Der Arbeiter weiß also, gegen ,ven er zu kämpfen hat. Er hat sich im Lauie eines Jahrhunderts iiber 11
die Theorie und die Praxis dieses Kampies klare und wissenschaftlich richtige Begriffe geschaffen. Sein Kampf wird also nicht allein ' durch seine Wünsche bestimmt, sondern nach Gesetzen geführt, die den Arbeitern durch den Marxismus bewußt ge,vorden sind. Anders der Bauer. Er ist heute mit einem Menschen zu vergleichen, der von allen Seiten Schläge empfängt, sich ,vehrt, aber weder seinen Gegner, noch den Aus,veg aus seinem Elend klar erkennt. So auch im Schleswig-Holsteinischen. Schon 1927 machte sich da eine dumpfe Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung, mit den Parteien und Verbänden geltend. Die Regierung, die Verbände, die Parteien, sie alle versprachen und versprachen es, aber es wurde von Tag zu Tag schlechter. An der Spitze dieser breiten Landvolkbewegung stand vom ersten Tage an Claus Heim, der Bauer. Dieser Mann, vorher noch niemals politisch tätig, sagte sich, es ist nötig, über die Köpfe der Organisationen, Parteien und Verbände hin,veg die Bauern aufzurufen. Und der Bauer von Schles,vig ,vurde aufgerufen, zu demonstrieren. 140 000 Bauern marschierten am 28. 1. 1928 in fünf Kreisstädten auf und stellten ihre Forderungen: Herabsetzung der Steuern, billige Kredite. Eine Abord- nung fuhr nach Berlin. Die Regierung gab schöne Versprechungen. Doch aus den Versprechungen ,vurde nichts. Die z,vangsversteige- rungen setzten in verschärftem Maße ein. Als Anhvort darauf wurden in Ballenfleet und Lunden die ersten ausgeprägten Abwehr- methoden ver,virklicht. Hunderte von Bauern erschienen bei der Zwangsversteigerung und kein einziger machte ein Angebot. , Mit Polizeige,valt wurde dann versucht, das Vieh auf einen anderen Markt zu bringen. Die Bauern banden an ihre Mistgabeln fackeln, begleiteten den Abtransport der Ochsen, machten das Vieh ,vild, sie rissen die Straßen auf, versperrten sämtliche Wege. 17mal ,vurde der Viehtransport nach Hamburg angehalten. In Hamburg selbst erschienen die Bauern rnit Knüppeln bewaffnet und ließen jeden wissen, dem es ehva einfallen sollte, ein Angebot zu machen, daß er ·.sich dann lieber in Schleswig nicht ~ sehen lassen soll. So ,vurden Z-wangsyersteigerungen verhindert. Das Nachspiel dieser Aktion vollzog sich im Gerichtssaal. 57 Bauern ,vurden zu Gefängnisstrafen von 3-7 Monaten verurteilt. Der Abmarsch der Verurteilten gestaltete sich ,vieder zu einer großen De1nonstration. 1000 Mann begleiteten die Verurteilten ins Gefängnis, enhvaffneten unterwegs die Polizei. 1700 bezichtigten sich am nächsten Tage schriftlich mit iolgendem Wortlaut beim Staatsanwalt, bei dieser Demonstration mitgewirkt zu haben: ,,Ich, Name, Vorname, zeige 12
,,
hiermit an, daß ich mich an der Demonstration in ttusum beteiligt habe, daß ich auch die Polizei überwältigt habe. Ich habe mich gegen §§§§ vergangen und beantrage Verurteilung." \
Die Regierungsgewalt stutzte. Mit einem Schlage stellte man sämtliche Zwangsversteigerungen ein und schritt nur noch zu Pfändungen. Der Kuckuck des Ge- richtsvollziehers, vom R.eichskunstwart nach ästhetischen Grund- regeln entworfen, wurde zu· einem der weitverzweigtesten Abzeichen in dieser Gegend. Die Bauern von St. Annen-Osterfeld ließen ihn an ihren Wagen schön säuberlich in Glas einrahmen. Aber dann setzten wieder die z,vangsversteigerungen ein. Claus Heim berief eine Besprechung der rührer ein und führt hier aus: ,,Wir haben alles getan, was wir konnten, ,vir haben verhandelt und demonstriert. Wir werden jetzt anfangen, lauter zu demonstrieren." Und man ging daran, lauter zu demonstrieren. V011 Mai bis September 1929 krachten die Bomben durch Schles,vig. In den Büros der Landräte, in den Kanzleien der Amtsvorsteher, Schlag auf Schlag. Man wollte keine Menschen töten, bloß demonstrieren. '" Im September ,vird Claus Heim und weitere 66 Bauern der Landvolkbewegung verhaftet. Untersuchungsgefängnis Moabit, Altona. Heims Ablehnung aller politischen Parteien, seine Ab- grenzung insbesondere gegen die Nationalsozialisten, läßt ihn zunächst isoliert. Im Gefängnis wurde er mit Komrqunisten bekannt, wenn auch nur flüchtig und oberflächlich. Als Menschen gefielen ihm die Kommunisten und die Tatsache, daß sie auch gegen die heutige Ordnung sind. Dazu kam die Legalitätspolitik der Nazis, die lieim noch ,veiter von sich abstieß. Als ihm die Nazis durch Gregor Strasser ein R.eichstagsmandat anboten, lehnte er es mit einer eiskalten Entschlossenheit ab: ,,Lieber 7 Jahre im Zuchthaus, als 1 . Jahr nationalsozialistischer Reichstagsabgeordneter im Reichstag". Zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt wurde Claus lieim in dem Landvolkprozeß. Draußen ging inzwischen der Prozeß der Radikalisierung der Landvolkbewegung weiter. Ein kleiner Teil rückte von Claus Heim ab, der entscheidende Teil unter Bruno Salomon rückte unter dem Eindruck des Bauernhilfsprogramms der KPD. nach links. Bauern-Aktions- Komitees wurden gebildet. 1
Bei Klaus Heim geht die :Entwicklung nicht in dem Tempo wie bei Scheringer. Das wird einerseits seine Gründe in den bäuerlichen Verhältnissen haben, andererseits in der Tatsache, daß Heim nicht in Festungshaft zwischen ein paar Dutzenden Kommunisten sitzt. Heim erkennt jedoch, daß die Kommunisten ein äußerst wich- threr Verbiindeter im Kampfe der ,verktfüigen Bauern gegen das herrschende System sind. 13
Im Juni 1931 trat die KPD. öffentlich für Heim ein. Aui_ der Sitzung des Preußischen Landtags vmn 15. 6. verliest Genosse Kerff einen Brief, den die ·KPD.-Landtagsfraktion an das Justizministerium richtete. Unter anderetn stand in diesem Brief folgendes: . „Die unter Ptihrung von Claus Heim erfolgten Bombenanschläge haben als Hintergrund die zunehmende Not der bäuerlichen Massen. die dem bestehenden volksmörderischen kapitalistischen System und , der volksfeindlichen Politik der herrschenden Klasse entspringen. Da die Masse der werktätigen Bauern noch nicht den Weg zum Bündnis mit der revolutionären Arbeiterschaft und damit zur breiten Massenaktion gegen das System der Auspliinderung und Unterdriickung der Massen gefunden hatte, waren die Ausdrucksform ihres politischc1! Kampfes jene Verzweiflungsakte, die Bombenanschläge, für die der mit ehrlichem Fanatismus iür die Bauernsache kämpfende Claus Heim zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Die Kommunistische Partei spricht all jenen, die als Träger und Verfechter des kapitalistischen Systems die Schuld an der Not und Ruinierung der Bauernschaft tragen, das Recht ab, iiber die Opier ihres Systems und ihrer Politik zu richten, zu urteilen. Deshalb unter- . stützt die Kommunistische Partei die vom Reichsbauernbund und vo11 der am 31. 1\\ai dieses Jahres sta ttgciundenen fuldaer Konferenz radikaler oppositioneller Bauernführer erhobene Forderung auf sofortige Freilassung von Claus Iieiin und ruft_ gleichzeitig die Arbeiter und werktätigen Bauern zum Kampf gegen das sie ruinierende System auf:·
Claus Heim sitzt heute' in Celle. Es ist ihm verboten, kommunistische Literatur zu empfangen. Bezeichnend für das Regime ist, daß der Direktor der Anstalt Celle, der Sozialdemokrat von Kleist. Claus lieim die Zustellung von Büchern ,vie: ,,Die Rede des Acker- bauministers Jakoblje,v über Enhvicklung der Weltland,virtschaft und der sozialistischen Land,virtschaft", liörnles Buch „Industrie- alisierung der Land,virtschaft" und das „Bauernhilfsprogramm der KPD." verboten hat. Claus Heims Ent\vicklung nach links soll mit allen Mitteln gehemmt \Verden.
Arbeiter, Bauern und Soldatet1 im l(erker; Während Karl Peters zweimal um die Amnestie betrogen ,veiter 1m Kerker schmachtet, versucht die herrschende Klasse mit allen Gewaltmitteln das kämpfende Proletariat niederzuhalten und es seiner weiteren Ausbeutung und Unterdrückung gefügig zu machen. 114 ermordete Arbeiter allein im Jahr 1931, 6500 proletarische politische Gefangene wanderten auf viele Jahre in die Gefängnisse und Zuchthäuser, 35 000 ,vurden vor die Klassengerichte, Sonder- und Schnellgerichte geschleppt und abgeurteilt, liunderttausende Opfer der liungerdiktatur und des § 218 sind in den amtlichen Statistiken der letzten Jahre verzeichnet, die zu schweren Strafen verurteilt ,,,urden. Mit abschreckenden Terrorurteilen versucht die Bourgeoisie gegen die revoltierende Menge, gegen Streikende, Demonstrierende und alle, die zum Kampf rufen, vorzugehen. 14
Während Claus Heim im Zuchthaus Celle als revolutionärer Kämpfer jede „Gnade" abweist und auf den Kampf der ,verktätigen Bauern- und Arbeitermassen, die seine Befreiung bringen, wartet. vollzieht sich in den Kreisen der Bauernbe,vegung eine Radikali- .sierung zum Kommunismus. Die Not pocht an die Türen der Kleinbauern, der Steuereintreiber ,veicht nicht mehr aus dem Dori und pfändet, ,vas ilim erreichbar ist. Der Bauer ,vehrt sich, die Staatsge,valt greift ein, er ,vandert ins Gefängnis. Während Richard Scheringer im Gefängnis in Moabit ,vegen seines Bekenntnisses zum Kommunismus einen neuen Hochverratsprozeß vor dern Reichsgericht er,,mrtet, ,virkt sein Beispiel und die konununistische Idee in den Schichten der Beamten und Intellektuellen, in den Machtorganen des bankrotten kapitalistischen Staats- syste1ns inuner ,veiter. Viele Soldaten ,vandern gleich ihm ins Gefängnis. Mit allen Mitteln sucht die herrschende Klasse ihre .t\'1:1.chtorgane zu festigen. Darum sch,verste Urteile gegen jeden, der an der Richtigkeit der bestehenden Gesellschaftsordnung und an seinen Pflichten als Beschützer µnd Hüter dieser Ordnung zu z,veifeln beginnt. So ,vie Karl Peters, Claus tteim und Richard Scheringer das gleiche Los, die Kerkerzelle, teilen, so teilt das Proletariat sein Los rnit den ,verktätigen Bauern und Beamten, das sie zusammen- f iihrt zuin gemeinsamen Kampf, zur großen Einheitsfront aller \.Verktätigen u111 ihre Befreiung. Aufstieg und Zerfall, Sieg und Niederlage sind aufs engste verknüpft mit dem Zusammen,virken der Arbeiter, Bauern und Soldaten. Alle großen Um,välzungen und Revolutionen haben nicht zuletzt ihren Sieg diesem Zusamrnen- \Virken zu verdanken.
Die Rote Hili~ als Einheitsorganisation in diesem Kampf schließt alle in ihren Reihen zusarnmen, die gewillt sind,. für die elementarsten Rechte, gegen Ausnahtnegesetze und Sondergerichte, gegen Faschismus, Polizei- und Justizterror. für die Befreiung aller eingekerkerten Arbeiter, Bauern und Sol- <laten zu kän1pfen. 320 000 Werktätige haben sich in ihr zu einer festen Kampf- und Hilfsorganisation zusammengeschlossen und weitere 500 000 Mitglieder schlossen sich kollektiv ihr an. Sie führen einen ununterbrochenen, zähen Kampf und üben praktische Soli~arität für die Opfer des Terrors und der Justiz.
Mehr als eine Million Mark, eine Fülle von Lebensnlitteln und Kleiderspenden konnte die Rote , Hilfe innerhalb eines Jahres an die Opfer des Terrors, an die politischen Gefangenen, ihre Frauen und Kinder und an die Hinterbliebenen der gen1ordeten Klassenkfünpfer verteilen. Trotz ,virt- schaftlicher Notlage, trotz größter Sch,vierigkeiten konnte dieser Be,veis der großen Solidarität der \.Verktätigen erbracht ,,·erden. 15
Aber jeder Tag erfordert Kampf und Hilfe, jeder Tag bringt neue Verurteilungen, jeden Tag fallen neue Opfer · im großen Befreiungskampf. Allen, ohne Unterschied ihrer politischen Zugehörigkeit, ge,vährt die Rote Hilfe ihre Unterstützung. Von den Tausenden von Prozessen, die die Rote Hilfe im letzten · Jahre führte, ,vurden allein in 32 Prozessen angeklagten Reichsbannerarbeitern Rechtsan,välte gestellt. Tausende ,varten auf ihre Aburteilung. Tausende Frauen und Kinder ,varten auf Unterstüfzung. Gehetzte und verfolgte Flüchtlinge aus den Ländern des faschistischen Terrors brauchen Hilfe: Darum ist es Pflicht eines jeden ehrlichen Werktätigen, sich kampf- und hilfsbereit der Roten• Iiilfe anzuschließen, ihr beizutreten. Wiederum versucht die Bourgeoisie mit Hilfe sozialdemokratischer Führer, eine „eiserne Durchhalte-frone• zur Rettung ihres verkrachten kapitalistischen Systems, zur Ausplünderung und Niederknüpplung der Werktätigen zu erreichen. Nur der Kampi und die Solidarität der Massen ,vird Not und Ketten brechen und den Faschismus besiegen. Die Rote Hilfe erhebt ihre f orderungen: Aufhebung aller Diktaturverordnungen, Ausnahmegesetze, Sonder- und Schnellgerichte. Freilassung aller revolutionären Arbeiter, Bauern und Soldaten, aller Opfer der Hungerdiktatur und des § 218. Weiteste Aenderung des barbarischen Strafvollzugs und Beseitigung der Zuchthausstraien. Kommunale Unterstützung und Versorgung aller Hinterbliebenen der von Polizei und f aschisten getöteten Arbeiter und Ge- ,vährung der Invalidenrente für Verletzte. Die Rote Hilfe appelliert an alle Werktätigen, dem Terror der Satten und Besitzenden eine geschlossene Kampffront entgegen zu ste11en. Die ermordeten und verurteilten Klassenkämpfer mahnen! Gebt den Gefangenengroschen zur Unterstützung der Opfer als moralischen Pflichtbeitrag, als Ausdruck brüderlicher Solidarität im Befreiungskampf aHer Unterdrückten und Verfolgten.
Verlag: ,.Tribunal". Wllh, Plcck, Berlin NW 7. Dorothcnsll'. 77-78 Vcrantwortllch für den Inhalt: Tom Walbel, NW 7, Dorothcnstr. 77~78 Druck: .M . KHsslngcr, Berlin NO 55 16
Aufbruch l(ampfblatt im Sinne des Leutnant a. D. Scheringer. Aus dem bisherigen Inhalt: Leutnant .a. D.: Der Bruch mit dem Gestern. W. V. Korn: Die Deklassierten. Rudolf Relun: Nationalsozialistische Stresemiinner. W. V..Korn: Graf Reventlow· iiber Stalin. Graf Stenbock-Fermor: U1nbruch. Rudolf Re1nn: An die Ge,\Tehre. W ofiir? Heinrich Knrella: Komnn1nisn1us und Nation.
Erscheint 1nonatlich. Einzelpreis 25 Pfennig. Viert~l- jähr1ich durch die Post bezogen 60 Pfg. Streifband- bezug durch den Verlag 75 Pfg. Bestellungen von Probenunune1~n bein1 Verlag „Aufbruch" Rudolf Rehm, Bin.-Wilmersdorf, Bergheimer Straße 5.
Di•e Swojefunion (Von I-Ier1nann Re1nn1ele).
* - Das·erste ·grundlegende deutsche "\Verk über dns Land ·des sozialisÜschen Aufbaus soeben erschienen.
* Verlag für Literatur und Politik \Vien-Berlin. 2 Bände. Jeder Band ehv-a 300 Seiten, in Ganzleinen 2.85 1fark.
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Was will die Rote Hilfe . 10 Pf. Amnestie-Kampf . . . 10 Pf. Wie verhältst Du Dich bei Haussuchung . . 10 Pf. Bauernnot u . Rote Hilfe 10 Pf. 10000 Gekettete kämpfen, ein Notschrei aus den Kerkern Polens . . . 10 Pf. Jugend befreit sich 10 Pf. Wie verteidigt sich der Proletarier vor Gericht, von Felix Ha lle (Neu auflage) . . 50 Pf. Prolet und Bonze . . . 20 Pf. Tatsachen aus dem „ humanen" Strafvollzug . 20 Pf. Das Tribunal, das lllustr. Kampforgan ..cter „ Roten H ilfe Deutschlands '', erscheint 14tägig und kostet pro Exemplar . 15 Pf.
Sämtliche Schriften sind zu beziehen von den Funkti onären der Roten Hilfe oder vom
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